Alles perfekt ist auch nicht alles

Einen Teil meiner Herbstferien verbrachte ich in einem Wellnesshotel im Montafon. Als Stammgäste eines anderen Hotels am selben Ort begleitete meine Frau und mich ein spezieller Mix von Neugierde und Skepsis (und ja, unser Stammhotel ist etwas teurer, weshalb wir diesmal eine Alternative suchten …).

Um es vorwegzunehmen: Wir waren grösstenteils sehr zufrieden mit dem Angebot und dem Service. Gut möglich, dass das neuentdeckte Hotel auch künftig eine Option sein wird.

Wartest du bereits auf das Aber? Es gibt da tatsächlich etwas, das mich noch über den Urlaub hinaus begleitet hat und mich zur Widerrede provoziert:

Tag für Tag stand abends auf der Konsumationsrechnung dieser unsägliche Spruch: «Kleine Sachen machen die Perfektion aus, aber Perfektion ist keine kleine Sache.»

Dieser Ansatz der Perfektion irritierte mich doppelt: Einerseits teile ich das Streben nach Perfektion nicht – weil es das nicht gibt und auch etwas mechanisch wirkt. Exzellenz ist das, was ich suche. Oder Leidenschaft. Aber nicht Perfektion.

Doch noch mehr irritierte mich dann, als ich immer wieder auf kleine, dumme Fehler stiess: Beispielsweise wurde in der Morgenpost der Text eines Zitates mitten im Satz abgeschnitten. (Eigentlich klang es sogar spannend: «Von Zeit zu Zeit erinnert uns das Leben daran, dass unsere …», doch die Pointe werde ich wohl niemals erfahren.)

Oder es gab mehrmals Schreibfehler im Menü, was wiederum zu ungewollter Situationskomik führte: Aus Montafoner Strohschwein wurde Montafoner Strohwein (tatsächlich gibt es Strohwein, jedoch nicht im Montafon – und eher weniger als Speise).

Für mich ist diese Ferienerfahrung der beste Beweis dafür, dass die Perfektions-Philosophie vorneweg zum Scheitern verurteilt ist: Wer Fehlerlosigkeit anstrebt, macht sich das Leben selbst schwer und wirkt dabei wahrscheinlich erst noch mechanisch/technisch.

Als junger Visionär und Pfarrer, der kleine Schweizer Kirchen mit überschaubarer Attraktion gewohnt war, erlebte ich bei meinem ersten Besuch in der Willow Creek Gemeinde in Chicago im Jahr 2000 eine gewaltige Offenbarung: So kann Kirche also auch sein?! Diese Qualität, Leidenschaft, Professionalität, Liebe zu Menschen und Details sprachen mich sehr an.

Gleichzeitig habe ich genau dort etwas gelernt, das mich bis in meinen diesjährigen Montafon-Urlaub begleitete: Wir streben besser nach Exzellenz als nach Perfektion.

Perfektion als Nullfehlertoleranz tötet Leidenschaft, Menschlichkeit, Freude. Demgegenüber steht, so wurde es mir bei Willow vermittelt, die Exzellenz, die uns motiviert, das Beste aus den vorhandenen Ressourcen, aus unseren Möglichkeiten zu machen.

Alles perfekt ist eben auch nicht alles. Weil es gar nicht geht. Und, falls es gehen würde, dann so künstlich und blutleer wirkt, wie KI generierte Produkte.

Oder wer fühlt sich von perfekt gemachten Lippen und perfekt gelifteten Gesichtern wirklich angezogen? Und wer fühlt sich von der perfekten Moderation eines KI-Avatars wirklich abgeholt?

Zum Leben gehören Falten.
Zum Arbeiten gehören Fehler.

Wer auf begeisterte Menschen setzt, kann mit Exzellenz und Leidenschaft die Welt bewegen.

Wer auf emotionslose Maschinen setzt, kann mit Perfektion beeindrucken (oder abschrecken), aber nicht so richtig Emotionen wecken.     

(Und kleine Fehler bewirken mit etwas Charme viel Nähe – das wurde bei Willow spätestens dann klar, wenn Bill zum Flip Chart-Stift griff.)

Dem Hotel hab ich übrigens ein Feedback zu ihrem Perfektions-Ansatz geschickt. Was zu einem positiven Mailwechsel führte.

Glücksaufgabe

Was heisst für dich Perfektion?
Und was verstehst du unter Exzellenz?

In welchem siehst du mehr Glücks-Potenzial?
Und was heisst es für dich, das Beste aus deinen Möglichkeiten zu machen?

Positive Handabdrücke hinterlassen

Was der ökologische Fussabdruck ist, wissen inzwischen viele. Und dass dieser oft zu gross ist auch.

Doch hast du schon mal vom ökologischen Handabdruck gehört?

Im Gegensatz zum ökologischen Fussabdruck, der den eigenen Schaden an der Natur misst, zeigt der Handabdruck, was wir positiv für eine nachhaltige Zukunft bewirken können. Dabei geht es um klimafreundliches Handeln und die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen zur Förderung von mehr Klimagerechtigkeit.

Mir gefällt das Konzept vom Handabdruck, weil der Fokus nicht auf dem Minus, auf unseren negativen Spuren, liegt. Vielmehr erhalten wir einen «Gestaltungshebel»: Der ökologische Handabdruck schaut nach vorne und zielt auf das Plus eines nachhaltigen Lebens.

Nun frag ich mich, ob wir dieses Konzept nicht auch vom Umgang mit dem Klima zum zwischenmenschlichen Miteinander übertragen können.

Konkret gefragt: Welche negativen Fussabdrücke hinterlassen wir bei unseren Mitmenschen? Und wo gibt es die positiven Handabdrücke, die nachhaltig Gutes in unseren Mitmenschen bewirken?

Ob bewusst oder unbewusst, ob gewollt oder «dumm gelaufen» – als Eltern, Nachbar:in, Führungsperson oder Freund:in hinterlassen wir immer «Abdrücke» bei unseren Mitmenschen.

Wir haben einen grossen «Gestaltungshebel» in unserem zwischenmenschlichen (Inter)Agieren: Wer sich an die «Goldene Regel» (Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest) hält, wird viel Gutes bewirken, mehr Hand- als Fussabdrücke hinterlassen.

Und gleichzeitig kennen wir es wohl alle: Gut gemeint, trotzdem schief gekommen.

Gerade als Eltern ist der Realitätscheck knallhart in Form von direktem, ungeschöntem Feedback: Gut gemeint, kommt nicht immer gut an beim Nachwuchs. Da braucht es starke Nerven und viel Gelassenheit …

Was im Kleinen zum ganz normalen Familienalltag gehört, stellt uns auf lange Sicht jedoch in eine ganz reelle Spannung: Wir meinen es gut, wollen mehr Hand- und weniger Fussabdrücke bei den Kids hinterlassen. Doch unser Bemühen ist am Ende doch bloss Stückwerk. Weil es viele weitere Einflüsse gibt – und weil wir selbst ja auch nicht immer unser «Bestes» abrufen können und im Nachhinein vielleicht einiges anders gemacht hätten.

Wie gehen Eltern beispielsweise damit um, wenn ihre Kinder sich nicht nach ihren Vorstellungen entwickeln? Wenn der Nachwuchs aus der Normvorstellung der Familie ausbricht?

Diesbezüglich hat mich das Porträt der Familie Imfeld im Format SRF Impact sehr berührt.

Wie musste es für Timon und seinen Bruder sein, in einem Umfeld aufzuwachsen, das bewusst oder unbewusst sagt: «So wie du bist, ist nicht gut, ist nicht normal, ist nicht richtig.»?

Und wie muss es für die Eltern sein, die merken: Gut gemeint reicht nicht?

Ich hoffe fest, dass du dir dieses 30minütige Porträt anschaust! Und darum will ich hier nicht zu viel davon erzählen. Nur dies: Das Ringen darum, was eigentlich normal ist und wie mensch sich darin seiner Identität entsprechend entwickeln kann, wird eindrücklich und sehr feinfühlig gezeigt.

Und ein zweites: So gerne wir als Christen- und Kirchenmenschen darauf verweisen, im Gebet alles bei Gott ablegen zu können, kann genau diese Äusserung als wenig hilfreich erlebt werden.

«Gut gemeint, trotzdem schief gekommen», gibt es leider in kirchlichen Gemeinschaften viel häufiger, als uns lieb ist. Und als uns bewusst ist.

Darum stellt sich auch da die Frage: Wie gelingt es uns, mehr Hand- statt Fussabdrücke zu hinterlassen?

Glücksaufgabe

Was berührt dich am Porträt der Familie Imfeld? Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen!

Und wie sorgst du dafür, dass du mit deinem Tun und Sein mehr Hand- als Fussabdrücke hinterlässt?

Versöhnte Depression?

Wann ist eine Rede gut? Als Gradmesser bieten sich mir diese drei Punkte an:

Wenn sie mich zum Weiterdenken anregt, vielleicht zum Umdenken bewegt oder sogar zur Umkehr motiviert.

Wenn sie mich ermutigt, mit neuer Hoffnung und Vertrauen (in meinem Kontext gerne auch Gottvertrauen) vorwärtszugehen und meinen Alltag zu gestalten.

Wenn ich gerne zuhöre ohne (andauernd) abzuschweifen, weil die Rede mindestens unterhaltsam – und manchmal gar mitreissend – ist.

Ein weiteres Kriterium einer guten Rede könnte in unserer Zeit auch sein, dass sie fleissig auf Social Media geteilt wird. Dies ist offensichtlich dem Harvard-Absolventen Noah Eckstein gelungen: Hunderttausende klicken sich in seine Rede an der Abschlussfeier der Harvard University ein. Hierzulande berichtet gar die NZZ am Sonntag vom leidenschaftlichen Plädoyer des 22jährigen Studenten mit multireligiösem Familienhintergrund. Mit Bezug zu seiner eigenen Geschichte, mit christlichen und muslimischen Grosseltern und jüdischen Eltern, zeigt er auf, wie wichtig gegenseitiges Interesse und echtes Zuhören statt Polarisierung sind: «Die Antwort auf Spaltung ist nicht Einigkeit, sondern der Versuch, zu verstehen.»

Depressive Grundstimmung in meiner Kirche?

Szenenwechsel: Selten gab eine Predigt eines Eröffnungs-Gottesdienstes der Jährlichen Konferenz der EMK Schweiz, Frankreich, Nordafrika und Belgien so viel zu reden. Die Worte meines Kollegen Michael Kämpf regten zum Weiterdenken – und an der einen oder anderen Stelle zum Widerspruch – an.

Da die Predigt durch das Teilen von persönlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen von Michael auch unterhaltsam war, sind also schon mal zwei Kriterien einer guten Rede erfüllt.

Grund dafür, warum so viel über die Predigt geredet wurde, war der unschöne Befund von Michael: «In der EMK kommt mir eine depressive Grundstimmung entgegen. Alle, mit denen ich rede, bestätigen diesen Eindruck.»

Nun, mit mir hat er leider nicht darüber gesprochen. Wie sich herausstellte auch mit einigen anderen nicht. Ich teile die Wahrnehmung nicht. Natürlich sehe ich genug Schwerfälliges, an Herausforderungen fehlt es uns auch nicht. Ich leide an meiner Kirche und wünsche ihr mehr Leichtigkeit, eine heilige Fantasie sowie eine mutige Positivität.

Und genau das erlebe ich ansatzweise Gott sei Dank immer wieder in meinen Arbeitsfeldern: Wie neulich, als wir als Gemeinde am Bielersee ein Fest genossen und uns nach Monaten der Herausforderungen an so vielem erfreuten.

Oder wenn wir an Teamsitzungen dankbar Feedbacks wie dieses austauschen: «Genau so stelle ich mir Kirche vor: Wertvolle Impulse, gemeinsames Essen, gute Gemeinschaft, attraktives Kids-Programm …»

Lustvoll war auch der Austausch diese Woche mit einigen jungen Erwachsenen über eine neue Gottesdienst-Idee, die wir UNPLUGGED nennen.

Nein, eine depressive Grundstimmung ist nicht das, was in der Kirche dominiert. Doch nach der Predigt von Michael machte sich schier eine kleine Depression in mir breit – statt mich hoffnungsvoll zurückzulassen …

Ist versöhnte Vielfalt möglich?

Was mich rund um die Jährliche Konferenz, unser Kirchenparlament, viel mehr beschäftigte, ist die Frage, ob wir als Kirche das Ziel der versöhnten Vielfalt wirklich erreichen können. Aktuell erlebe ich eher gelebte Vielfalt, an machen Stellen gar «sich bekämpfende» Vielfalt.

Da sind wir noch stark gefordert – (zu?) unterschiedlich sind an manchen Stellen die Meinungen, wie wir lieben, dienen und vorangehen sollen.

Zusammen mit meiner Gemeinde und anderen Verbündeten will ich weiterhin mit frischen Formen und weiter Theologie offen sein für Menschen, die genau das suchen und brauchen. Gleichzeitig anerkennen wir, dass es in Gesellschaft und Kirche Menschen gibt, die etwas anderes suchen und brauchen. Darum wollen wir Hand zur versöhnten Vielfalt bieten, solange wir einander «den Glauben glauben» und gemeinsam auf je unsere Weise eine Willkommenskirche, die ohne «Ja, aber …» auskommt, gestalten.

Und damit sind wir wieder bei der Harvard-Abschlussfeier: Es geht nicht um einen Einheitsbrei, es geht um die Frage, ob wir bereit sind, einander zuzuhören und zu versuchen, die anderen zu verstehen – ohne sie bekehren zu wollen. Das wäre ein Anfang auf dem Weg zur versöhnten Vielfalt.

Glücksaufgabe

Was zeichnet für dich eine gute Rede aus? Wo erlebst du solche?

Und wie gut gelingt es dir, dich für andere Menschen und ihre Überzeugungen zu interessieren?

Hier die angesprochene Rede von Noah Eckstein:

Wo ist das Leiden?

Wie viel Spass darf das Leben eigentlich machen? Wie sieht es mit dem Job aus: Ist es in Ordnung, wenn mensch sich an der Arbeit erfreut, sie gar lustvoll erlebt?

Und wie ist es mit der Kirche? Spass und Kirche – passt das zusammen?

Da kommt mir eine Begebenheit aus meinem Theologiestudium in den Sinn, es muss in einem Kurs im Bereich Praktische Theologie gewesen sein. Wenn ich mich richtig erinnere, mussten wir in Gruppenarbeiten unsere (Wunsch)Vorstellungen von Gemeindearbeit skizzieren.

Eine Gruppe präsentierte darauf die «Spass-Gemeinde». Worauf der Dozent meinte: «Da fehlt mir das Leiden!»

Schliessen sich Spass und Kirche also aus? Heisst Kirche vor allem Leiden?

Szenenwechsel: Schier 30 Jahre nach dieser Begebenheit im Studium, sitze ich als Pfarrer bei einem Glas Weisswein mit einem Gemeindeglied in einem Strassenbistro und spreche mit ihm über sein Engagement in der Kirche – und über Gott und die Welt.

«Dieses Setting ist für mich ungewohnt», meinte mein Gegenüber, das es im Privaten sehr wohl versteht, das Leben zu geniessen. Doch im Gemeindesetting? «Wenn ich an Gespräche mit dem Pfarrer denke, dann sehe ich vor meinem inneren Auge eher roter Tee und dunkle Kirchenräume – und nicht Weisswein an der Sonne.»

Es darf Spass machen!

Noch frischer sind meine Erinnerungen an unser Gemeindefest vor zwei Wochen: Wunderbare Location direkt am Bielersee, traumhaftes Frühsommerwetter, gute Stimmung, leckeres Essen, gute Musik, lockere Begegnungen …

Ich hatte sehr viel Spass an diesem Tag, der für mich mit der Zwischenraum-Tagung (an welcher ich als Referent dabei war) auf dem Bienenberg startete und der sich mit einem Bad im See mit meiner Tochter bei aufkommendem Vollmond nach dem Gemeindefest dem Ende zu neigte. Ein Tag voller Begegnungen – berührende und fröhliche, tiefgründige und traurige.

Bei allem lustvollen Unterwegssein hat der «Fun» für mich keinen Selbstzweck. Eine positive, lockere Atmosphäre schafft einen natürlichen Zugang zu tieferen Emotionen. Wir sollen das Leben feiern: Das beinhaltet für mich, sich mit den Fröhlichen mitfreuen und mit den Trauernden mitleiden. Beides gehört zum Leben – und manchmal sogar gleichzeitig: Leichtigkeit und Schweres. Mit einem, vielleicht seufzenden, Lachen ist das Schwere leichter zu ertragen. Und mit Tiefgründigkeit wird das Leichte nicht belanglos.

Und wenn wir den Spass-Faktor in allem integrieren wollen, geht das nie auf Kosten der Ernsthaftigkeit, mit der wir unsere Arbeit tun. Im Gegenteil: Stimmt der Spass-Faktor, bekommt Disziplin eine neue Bedeutung. Diese Lektion lernte ich damals im Gespräch mit dem Hockey-Profi J.J. Moser, mit dem ich bei «Chäs, Brot, Wy – und mini Gschicht mit Gott» vor seinem Sprung in die NHL talken durfte und den ich neulich nach dem WM-Viertelfinal kurz wiedersah.

Die weltweite Methodist:innen-Kirche hat als eines von drei Kennwerten im neuen Vision-Statement festgehalten: «Serve Joyfully», was im deutschsprachigen Raum mit «Bereitwillig dienen» übersetzt wird.

Da haben wir’s: Darf unser Dienen jetzt Spass machen, gar lustvoll sein (Joyfully, freudig)? Oder geht es doch eher ums «Leiden für den Herrn» (bereitwillig)?

Ähnlich wie damals im Studium wurde mir auch kürzlich die Aufgabe gestellt, mein Verständnis von Wesen und Mission der Kirche darzustellen.

«Persönlich gehören für mich zum Wesen der Kirche immer wieder frische Formen dazu. Unterschiedliche Menschen brauchen unterschiedliche Formen, damit sie sich wohl fühlen und gerne Teil der Kirche sind. Inhaltlich ist mir eine weite Theologie wichtig, die zu einem befreiten, lustvollen und lebensfördernden Glauben einlädt.»

Glaube, Kirche, Dienen – es darf Spass machen. Es soll Spass machen!

Und zwar nicht des Spasses wegen, sondern weil wir länger und besser breitwillig dienen, wenn wir dabei Spass haben. (In dem Sinn ist Spass sogar besseres Dopping als Ovo 😉.)

Glücksaufgabe

Übrigens: Das Leiden kommt von selbst. Vielleicht drehen wir das Ganze um und fragen im Sinn einer Glücksaufgabe: Was macht dir so viel Freude, dass du selbst dann daran festhältst, wenn es Leiden mit sich bringt?

By the way: Auch Heilige Momente können lustvoll sein. Und gibt es manchmal an überraschenden Orten zu erleben, wie z.B. an einem Michael Patrick Kelly Konzert im Hallenstadion.

We sell Kodak Film

Die Situation war irgendwie skurril: Da wollte uns ein österreichischer Pfarrer weis machen, dass wir die Idee, als Kirchen eines Tages mit den richtigen Mitteln wieder einen Grossteil der Gesellschaft ansprechen zu können, als Utopie entlarven und loslassen sollten.

Dabei trug er gleichzeitig die Problemanalyse auf seinem T-Shirt. Da stand in grosser Schrift: «WE SELL KODAK FILM.»

Ich fand das T-Shirt fantastisch: Einerseits hat es eine Art Kult-Status, anderseits steht es für die tragische Kodak-Story.

Diese Begebenheit ereignete sich letzte Woche in einem D.A.CH.-Kurs. Knapp 30 Pfarrpersonen schauten gemeinsam über den eigenen Tellerrand, teilten Erfahrungen und experimentierten mit unterschiedlichen Formen von Spiritualität.

Wie in solchen Runden üblich, gehörte ich im Plenum eher zu den zurückhaltenden Teilnehmenden. Doch als mein österreichischer Kollege sein resignierendes Statement abgab und ich dabei sein T-Shirt betrachtete, gab es kein Halten mehr: «Lasst uns von der Kodak-Story lernen und damit aufhören, Kodak-Filme zu verkaufen! Ja, vielleicht – wahrscheinlich – werden wir immer nur einen kleinen Teil der Gesellschaft erreichen, doch wenn wir die Sehnsüchte der Menschen berühren, haben wir als Kirchen etwas zu bieten.»

Die Nachfragen in der Pause zeigten mir, dass sich nicht alle etwas unter der «Kodak-Story» vorstellen konnten. Der Kollege mit dem T-Shirt übrigens schon: Er selbst ist mit dieser starken Marke aufgewachsen, da seine Eltern ein Fotogeschäft führten.

So erzählte er mir, mit welchem Stolz die Kodak-Vertreter damals ihr Geschäft besuchten. Kodak, das war das Mass der Dinge in der Fotografie.

Und das macht den Absturz in die Vergessenheit umso tragischer: Kodak war einmal ein Gigant. Die Firma konnte etwas, was viele wollten: Erinnerungen festhalten. Sie prägte über Jahrzehnte eine ganze Kultur des Fotografierens, bis die digitale Fotografie die Spielregeln veränderte. Kodak hatte die neue Technik sogar mitentwickelt, aber sie passte nicht ins alte Erfolgsmodell.

Das ist die eigentliche Pointe: Nicht Unfähigkeit, sondern Angst vor dem Verlust des Bewährten kann zum Problem werden. Kodak fürchtete, das lukrative Filmgeschäft zu kannibalisieren, und hielt deshalb zu lange am Alten fest. So wurde aus einer Erfindung, die Zukunft hätte werden können, ein Mahnmal verpasster Zeit.

Zurück zu meiner Weiterbildung. Sie trug den Titel «Spiritualität:en. Erkundungen zwischen Tradition und Experiment». Passt irgendwie zur Kodak-Story, oder?

Wo stehen wir – als Kirche oder andere Institution und vielleicht auch ganz persönlich – in Gefahr, nichts Neues (z.B. experimentelle Formen) zu wagen, weil wir damit das Bewährte untergraben könnten?

Während sich neue Trends entwickeln, sind sie noch nicht Mainstream. Die Massen werden damit nicht angesprochen. Noch nicht! Wenn wir uns nämlich, ob aus Angst, Bequemlichkeit oder gar Faulheit, gegen Veränderung und Weiterentwicklung wehren, erreichen wir wahrscheinlich irgendwann nur noch einige Nostalgiker:innen.

Oder wie es KI auf den Punkt bringt: Manchmal scheitern wir nicht am Neuen, sondern an der Angst, dass Gottes Zukunft anders aussieht als unsere Vergangenheit.

Glücksaufgabe

Was lernst du von der Kodak-Story für dich persönlich? Und wenn du an Gemeinschaften und Organisationen denkst, die du kennst oder zu denen du dich sogar zählst: Wo wäre Mut zum Experimentieren nötig?

Und was würdest du den 30 Pfarrpersonen aus dem Spiritualität:en-Kurs mit auf den Weg geben, welche Sehnsüchte der Menschen sie aufnehmen sollten, um die Kirche gesellschaftsrelevanter zu machen?

Heiligt der Zweck wirklich die Mittel?

Mal angenommen, eine Oberstufen-Lehrperson plant eine mehrtägige Schulreise für ihre Klasse und ist bereit, den Wunsch ihrer Schüler:innen aufzunehmen und abzuklären, ob die Reise ausnahmsweise ins nahe Ausland gehen kann.

Dafür bräuchte sie die Zustimmung der Bildungskommission des fiktiven Ortes im Berner Oberland.

Nun mal weiter angenommen, dass es neben der Zustimmung der Bildungskommission auch eine EU-Bewilligung braucht für eine solche Gruppenreise mit Minderjährigen. Da besagte Lehrperson jedoch sehr EU-kritisch eingestellt ist und ihre persönlichen Daten zum Selbstschutz nicht einer EU-Behörde anvertrauen will, findet sie einen illegalen Weg, um an die nötigen Dokumente zu kommen.

Der Bildungskommission versichert sie, alle notwendigen Bewilligungen eingeholt zu haben und legt ihnen möglicherweise gar die gefälschten Dokumente vor.

Wie gesagt, das ist alles frei erfunden und solche Sonderbewilligungen der EU braucht es meines Wissens nicht (anders sieht es je nach Bestimmungen mit dem Einverständnis der Schulbehörde aus).

Nun freue ich mich als Vater für mein Kind, dass die Lehrperson diesen Mehraufwand auf sich genommen hat und mit dieser speziellen Auslandschulreise ein besonderes Erlebnis für die Teenager ermöglicht.

Es ist alles gut gegangen, die Klasse kommt mit vielen Eindrücken und Erinnerungen zurück, die möglicherweise ein ganzes Leben lang nachhallen werden. Die Lehrperson erfährt am Elternabend grosse Wertschätzung für ihr Engagement.

Drei Schuljahre später ist mein zweites Kind bei derselben charismatischen Lehrperson. Schüler:innen wie Eltern freuen sich auf erlebnisreiche Schuljahre.

Plötzlich macht zur Überraschung aller ein Gerücht die Runde: Die Lehrperson hätte die Sonderbewilligung auf illegalem Weg beschafft und sich somit wegen Urkundenfälschung strafbar gemacht.

Der Eltern-Chat explodiert: Ist eine solche Lehrperson noch tragbar? Wie man hört, hätte sie eine Busse für ihr Fehlverhalten bezahlt. Dann ist doch alles gut, oder nicht? Was sagt eigentlich die Bildungskommission dazu? Und die EU-Skeptiker:innen sehen sich bestätigt und finden das Verhalten der Lehrperson gar vorbildlich. Und überhaupt sei es Privatsache, wie sie an die Dokumente gekommen sei.

Ich zögere: Will ich mein Kind einer Person anvertrauen, die «sehr kreativ» mit geltendem Recht umgeht? Und was, wenn eine solche Täuschung bei der nächsten Reise am Zoll auffliegt und die vorfreudigen Schutzbefohlenen unverrichteter Dinge wieder heimreisen müssen – oder Schlimmeres? Nein, Privatsache ist ein solches Handeln nicht.

Nun erinnere ich mich, wie mich die Lehrperson vor drei Jahren am Elternabend mit ihren Inputs zu Ehrlichkeit, Authentizität und Integrität begeisterte. Da war wirklich ein Mensch voller Leidenschaft mit einem starken Wertekatalog unterwegs. Ich freute mich auf ein auf Vertrauen basierendes Zusammenspiel von Lehrperson, Klasse und Eltern.

Und jetzt? Dieselbe Person hat uns alle getäuscht. Wenn ich sie an ihren eigenen Massstäben aus diesem Elternabend messe, fällt sie durch.

Für mich ist klar: Diese Lehrperson ist nicht mehr tragbar, das Vertrauensverhältnis ist zerstört, Regeln können nicht einfach so aus persönlichen Empfindlichkeiten mit einer Straftat umgangen werden. Und es hätte andere Wege gegeben, den Schüler:innen ein einmaliges Erlebnis zu ermöglichen.

Und gleichzeitig? Sie hat es doch so gut gemacht. Die Kinder haben so sehr profitiert, wir alle hatten Freude an dieser Auslandschulreise. Sie hat doch strafrechtlich bereits gebüsst. Bin ich einfach zu kleinlich?

Epilog und Glücksaufgabe

Weil Vergleiche einer Situation nie wirklich gerecht werden, hinkt natürlich auch diese Geschichte als Parallele zu einem aktuell heftig diskutierten Fall an manchen Stellen.

Doch es ist mein Versuch, zu verarbeiten, was ich mit meinem letzten Blogartikel aufgerissen habe (siehe Kommentare direkt im Blog oder auf Facebook). Leider wird die Causa Fischer mancherorts von der unsäglichen Corona-Diskussion überlagert.

Ich wollte mit dem Artikel grundsätzlichere Fragen aufwerfen und nicht die Covid-Diskussion befeuern. Aber offensichtlich gibt es da noch immer sehr harte Fronten …

Spannend finde ich, dass immer öfters Regeln nur so lange gelten, wie ich sie nachvollziehen kann. Wie ich im Artikel schrieb, verändert eine persönliche Betroffenheit oft auch unsere Moralvorstellung. So bleibt es spannend zu beobachten, wer wann und wo eine rigide Moral hochhält – um dann bei Bedarf eigene Werte aufzugeben.

Ich kann in diesem Fall, wie im Fall Trump fast nicht damit umgehen, dass Menschen, die sonst sehr wertkonservativ sind, plötzlich Unehrlichkeit und Vertrauensmissbrauch als Kavaliersdelikt betrachten.

Fischer hat (siehe z.B. Artikel «Der mysteriöse Weg des Schamanen», NZZ am Sonntag vom 19. April 2026) Verband und Medien belogen und gleichzeitig Ehrlichkeit als einen der höchsten Werte gepredigt.

Es prüfe sich jede:r selbst, wo er:sie Wasser predigt und Wein trinkt. Ich möchte mich nie als unfehlbar darstellen – weil ich es schlichtweg nicht bin. Doch im vollen Bewusstsein das eine predigen und das andere tun, nein, das will ich nicht.

Ein Kommentarschreiber hat unter meinen Artikel geschrieben: «In diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Gottvertrauen, Toleranz mit Mitmenschen und Verantwortungsbewusstsein vor Gott und gegenüber uns selber.»

Das könnte tatsächlich eine sinnvolle Glücksaufgabe für uns sein.

Ebenso die Frage, wann es für dich legitim ist, Regeln und Gesetze zu brechen.

100fach dankbar

Gestern durften wir im preisgekrönten Format Chäs, Brot, Wy – und mini Gschicht mit Gott den 100. Talk-Gast in Studen begrüssen. Das sind 100 spannende Lebensgeschichten, 100 individuelle Lebensentwürfe, 100 Gründe für Dankbarkeit.

Bis auf zwei Talks (einmal war ich krank und einmal waren Brigä & ich selbst die Talk-Gäste und wurden von Ladina Spiess ausgefragt) durfte ich all diese spannenden Gespräche moderieren.

Zeit also, zu fragen, was von all diesen Talks bleibt.

Für mich persönlich ganz einfach die schöne Erfahrung von dem, was ich Flow nenne oder wie ich es gerade diese Woche bei Marcus Buckingham in einem Podcast hörte: Erfolgreiche Menschen tun das, was sie lieben.

Dabei war meine Aufgabe nicht immer einfach: Die «härteste Nuss» war (mit Abstand) der pensionierte und wortkarge Notar. Auf die Frage nach schönen Kindheitserinnerungen meinte er, da gäbe es eigentlich nichts. Selbst der professionelle Moderator im Publikum sagte nach dem Abend, er hätte nicht mit mir tauschen wollen. (Fun Fact am Rande: Aus diesem harzigen Start entwickelte sich eine schöne Bekanntschaft mit besagtem Notar.)

Herausfordernd erlebte ich auch die Talks mit Menschen, die (noch) keine grösseren Brüche in ihrem Leben hatten. Da waren beispielsweise die die junge, immer fröhliche Radiomoderatorin oder auch Stefan Zürcher, Bischof in der Methodistenkirche (EMK), der natürlich grosse Herausforderungen kennt, aber auch sagen konnte, dass er keine grossen Brüche in seinem Leben erfahren hatte.

In eine andere Richtung gefragt, war ich als Moderator dann, wenn mein Talk-Gast emotional wurde und sich gar Tränen ihren Weg bahnten. Das sind immer wieder sehr intime und intensive Momente, die es gilt, nicht zu zerreden, sondern einfach zuzulassen, was ist. Oft sind es gerade solche Gesprächsmomente, welche die Besucher:innen besonders berühren. Zum Beispiel als Christine & Gody Grogg erstmals öffentlich von ihrer Ehekrise berichteten.

Für mich als Talkmaster sind besonders schöne Momente, wenn ich meine Talk-Gäste dazu bringe, dass sie gerade selbst etwas entdecken («Das habe ich mir noch gar nie überlegt.») oder Promis sagen, dass wären sie noch nie gefragt geworden.

Während Corona stellten wir für einige Zeit auf ein online «Mini-Chäs»-Format um. Und in besonders schöner Erinnerung bleibt, als wir im zweiten Corona-Sommer drei Openair-Ausgaben durchführten. Unter anderem mit dem Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg, welcher uns direkt Auskunft zur Pandemie und vor allem zu seinen Herausforderungen damit geben konnte.

Ein weiterer Promi war der NHL-Eishockeyprofi JJ Moser – der Talk mit Janis gehört nach wie vor zu den meistgehörten in unserem Podcast. Weitere mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Wirtschaft erzählten im «Chäs» offen aus ihrem Leben.

Doch die Idee des Konzepts ist eben gerade, dass jede Lebensgeschichte es wert ist, erzählt und gehört zu werden – Promi hin oder her. Jede Geschichte ist spannend, oft auch überraschend. Darum holen wir auch immer wieder gerne Menschen aus unseren Dörfern auf die Bühne wie Margrit, Theres, Rémy, Monique oder Karin.

Bei der Auswahl der Gäste muss ich etwas aufpassen, nicht zuviele Pfarrkolleg:innen und Theolog:innen einzuladen. Doch gerade auch die Talks mit Christine Schliesser, Martin Benz, Sabine Herold und natürlich unvergessen Torsten Hebel (der mit Abstand meistgehörte Talk im Podcast) haben viele Menschen sehr inspirieret.

Und von wegen Folgenrangliste: Der Februar-Talk von diesem Jahr folgt bereits jetzt auf dem zweiten Platz nach Torsten Hebel. Die (Liebes)Geschichte von Eva Kaderli & Sara Folloni berührte live viele Menschen und berührt nun online weiter.

«Wer soll der 100. Talk-Gast sein?» haben wir uns lange gefragt. Die Wahl ist auf Zsolt Balkanyi, Rektor Jüdische Schule Zürich und mein «jüdischer Freund» aus der Armeeseelsorge, gefallen. Erstmals wurde eine Lebensgeschichte nicht aus christlicher Perspektive erzählt – eine Horizonterweiterung für die Besucher:innen war garantiert.

Zsolt sagte: «Es gibt eine dramatische und eine hoffnungsvolle Perspektive meiner (Lebens)Geschichte.» Damit deute er an, dass es darauf ankommt, wie wir das, was uns widerfährt, deuten.

Und was habe ich persönlich aus all diesen Geschichten gelernt?

Vor allem, dass mensch mit Dankbarkeit, Gelassenheit, Freude und Liebe – gerade auch trotz krassen Schicksalsschlägen wie zB die Geschichte von John Decker – besser durchs Leben kommt, als mit Kontrolle, Dramatisierung oder fixen Vorstellungen.

Anfangs hat mich überrascht, dass das Leben meiner Talk-Gäste viel weniger einem Masterplan folgte, als es vielleicht gerade bei erfolgreichen CEOs wie Markus oder Werksleitern wie René zu erwarten wäre. Oft taten die Menschen einfach das, was ihnen «vor die Füsse» geworfen wurde und so entwickelte sich eine spannende Lebensgeschichte.

Glücksaufgabe

Falls du dich auch gerne von Lebensgeschichten inspirieren lässt: Höre gerne in unseren Podcast rein oder besuche das Chäs, Brot, Wy – und mini Gschicht mit Gott live in Studen.

Und was lernst du aus deiner und anderen Lebensgeschichten?

Übrigens: Ein Glücksmoment für mich war natürlich, als das Format mit dem Verkündigungspreis ausgezeichnet wurde. Wie schön, wenn das, was mensch liebt und mit Leidenschaft tut, noch solche Anerkennung erhält.

Hör auf dein Herz

Neulich hörte ich mich in einer Moderation sagen: «Ich schaue gerne Menschen bei der Arbeit zu!» Stimmt wirklich. Ich beobachte gerne andere Menschen, wenn sie am Arbeiten sind.

Nicht, dass es mir an Motivation fehlen würde, um selbst tatkräftig anzupacken – darum geht es mir nicht. Doch es fasziniert mich, zu beobachten, mit welcher Leidenschaft Menschen ihrer Tätigkeit nachgehen – oder eben auch nicht.

Gerade letzte Woche wieder: Als Feriengast spürte ich sofort, wer vom Servicepersonal mit Engagement und sogar Freude bei der Arbeit ist und wer eher wie eine «herzlose Maschine» funktioniert.

Erhalte ich als Gast ein Lächeln? Oder wird mindestens mein Lächeln erwidert? Oder werde ich gar nicht als Gegenüber registriert?

Wenn unsere Bedienung am zweiten Abend beispielsweise proaktiv fragt, ob wir wieder Cola, Wasser und Wein möchten, fühle ich mich als Gast gesehen. Da bin ich bestimmt völlig einfach gestrickt: Ich fühle mich einfach gut, wenn ich wiedererkannt werde.

Mit Leidenschaft an der Arbeit

Es ist doch ein riesiger Unterschied, ob du das Glück hast, auf Mitarbeitende zu treffen, die ihre Arbeit mit Leidenschaft (Herz) ausführen oder solche, die nur mit Kopf und Hand ihre Aufgaben erfüllen. Mitarbeitende, die nur mit Herz aber ohne Kopf oder ohne Fähigkeiten (Hand) dabei sind, sind natürlich auch keine Idealbesetzung.

Doch können wir uns darauf einigen? Wenn das Herz fehlt, geht so viel Menschliches, Schönes, Guttuendes verloren.

Hast du schon erlebt, dass dir eine Bahndurchsage ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat? Es gibt die Ansagen, die verstehst du kaum, weil es quietscht und rauscht. Bei anderen fragst du dich, ob du gerade Teil einer Geiselnahme bist. Andere klingen, als wäre das Personal lieber ohne Zugreisende unterwegs. Schliesslich aber gibt es solche Durchsagen, da spürst du förmlich die Leidenschaft der Person am Mikrofon: Mit etwas so Banalem wie einer Durchsage von Ankunftszeiten und Umsteigemöglichkeiten wird ansteckende Positivität verbreitet.

Und so können wir alle Bereiche des täglichen Lebens durchgehen: Schon mal Menschen auf einer Bühne zugeschaut, die lustlos ihr Programm abspulten? Oder hast du auch schon festgestellt, dass du nach dem Anruf auf einer Hotline positiv gestimmt warst – und das nicht nur, weil dein Problem gelöst wurde?

Wir sind Menschen mit Herz und diesem Herz tut es gut, wenn es von anderen Menschen mit Herz berührt wird. Ja, ich glaube, das ist es, was mich fasziniert, wenn ich anderen beim Arbeiten zuschaue: Wenn sie es schaffen, mit ihrem Tun Menschen zu berühren.

Richtig toll kommt dies im Film «Kiss the Cook» zum Ausdruck:

Am Ende dieses Trailers sagt der Vater zum Sohn: «Mit dem, was ich tue, berühre ich die Herzen der Leute – ich liebe es. Und das will ich mit dir teilen.»

Leider haben viele Menschen im Laufe eines Berufslebens ihre Leidenschaft verloren. Manchmal ist das vor allem traurig für sie selbst, weil ihnen etwas entgeht. In vielen Berufsfeldern (vom Gesundheitswesen über die Betreuung bis zu den Kirchen) finde ich es jedoch tragisch für die Menschen, die solche Berufsleute ohne Leidenschaft erleiden müssen.

Glücksaufgabe

Mit diesen Fragen kannst du deiner eigenen Leidenschaft auf die Spur kommen:

Wo hast du neulich Flow erlebt?

Hast du eine besondere Leidenschaft, ein spezielles Interesse?

Was ist dein Herzensthema? Welche Menschen(gruppen) liegen dir besonders am Herzen?

Der Blanko-Check: Stell dir vor, es gibt keine Hindernisse, weder Zeit noch Geld oder Umstände – was würdest du anpacken?

Zum Thema Leidenschaft ist kürzlich meine Predigt «Hör auf dein Herz» als Podcast veröffentlicht worden. Hier kannst du sie nachhören. Die Predigt ist aus der Serie «Spuren hinterlassen – leave a legacy». Vielleicht magst du ja auch mal an einer gms Matinée dabei sein. Ich würd mich freuen!

Was willst du bewegen?

Aktuell dreht sich in meinem Leben viel um Wirkung: Einerseits durfte ich Teil der Werkstatt Wirkung (Workshop von Con·Sense Philanthropy Consulting) sein, anderseits haben wir im gms gerade mit der Serie «Spuren hinterlassen – leave a legacy» gestartet. Zudem spüre ich auch ganz persönlich, wie ich mit meinem Sein und Wirken bei anderen Menschen etwas auslöse.

Meine erste Lektion in all dem Nachdenken über Wirkung: Abgeleitet vom bekannten Bonmot von Paul Watzlawick «Man kann nicht nicht kommunizieren» wurde mir im Workshop sofort klar: Man kann nicht nicht Wirkung haben.

Dabei gibt es unterschiedliche Arten von Wirkung. Wir beschäftigten uns den ganzen Tag mit den gewünschten Wirkungen. Ausgehend vom «Problembaum» fragten wir uns bei einer konkreten Problemstellung aus unserer Praxis, was die Ursachen und was die Folgen des Problems sind.

Mit dem Problem vor Augen lernten wir anhand des Lösungsbaums, wie wir durch gezielte Interventionen Teil der Lösung werden und schliesslich Verbesserungen bewirken können.

Klingt technisch und theoretisch? Ist es auch. Und wir haben noch mehr Tools durchgespielt, wie das Modell I-O-O-I (Input – Output – Outcome – Impact) und uns so der Wirkungstreppe angenähert.

Kurz: Bis sich durch Interventionen einer Organisation nachhaltig Wirkung ereignet, kann es ein langer Weg sein. Beispielsweise spricht man bei durchgeführten Aktivitäten, selbst wenn sie ausserordentlich gut besucht werden, noch nicht von Wirkung. Die stellt sich erst ein, wenn bei den Menschen Veränderung (im Denken und Handeln) geschieht.

Manchmal gibt es aber auch ungeplante, positive Wirkungen: Durch unser Engagement werden andere möglicherweise dazu inspiriert, ein eigenes Teilprojekt zu realisieren, das wir so gar nicht auf dem Radar hatten.

Unangenehm sind die ungeplanten, negativen Wirkungen: Wenn unser Handeln dazu führt, dass Menschen resigniert, frustriert und vielleicht gar verletzt das Weite suchen und sich aus unserer Organisation verabschieden.

Bilder sprechen für sich

Tatsächlich hab ich in besagtem Workshop eine aktuelle Herausforderung aus meinem Berufsalltag bearbeitet: «Viele Menschen im mittleren Alter fühlen sich mit der/ihrer Kirche nicht mehr verbunden.» Das hat viele Ursachen und Auswirkungen, gleichzeitig sehe ich auch viele spannende Ansätze, wie dem entgegengewirkt werden kann. Einiges davon hab ich schon ausprobiert, anderes steht jetzt in meinem Modell der Wirkungstreppe.

Die Theorie soll der Praxis dienen – und nicht umgekehrt.

Darum freu ich mich darüber, dass ich intuitiv oft schon in die richtige Richtung «gewirkt» habe und erleben darf, wie sich eine neue Aufbruchstimmung breitmacht.

Und wie misst man Wirkung? Das wäre nochmals ein ganz anders Thema.

Doch in meinem Herzen bewahre ich, wie zuletzt beim fantastischen Sommerfest überall Menschen ihre Handy zückten und filmten – und bei einem neuen Gottesdienst-Format gleich nochmals viele Besucher:innen Momente und Impulse festhalten wollten. Für mich ein Bild für eine neue Freude und wachsende Verbundenheit.

Diesen Weg will ich weitergehen und hoffe, nachhaltig positive Spuren hinterlassen zu können.

Glücksaufgabe

Du willst dich auf einer persönlicheren Ebene mit deiner Wirkung beschäftigen? Dann empfehle ich dir die aktuelle Serie «Spuren hinterlassen – leave a legacy» in Studen, Lyss oder online.

Und als 1-Minuten-Reflexion gebe ich dir folgende Frage mit: Für welche Spuren in deinem Leben bist du dankbar?

Fehlende Sicherheit – das ist grob fahrlässig

Zuletzt haben mich drei Texte bewegt, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Da war Jonny Fischers Biografie, die mich erschüttert hat, dann ein Artikel mit dem Titel Keine Angst vor dummen Fragen aus dem Wirtschaftsteil der NZZ am Sonntag und schliesslich das letzte Kapitel aus Martin Benz Buch Wenn der Glaube nicht mehr passt, das wir diese Woche im Format zäme wyter dänke besprochen haben.

Gebrochene Persönlichkeit

Via Medien habe ich wie viele andere längst mitbekommen, dass Jonny Fischer unter seiner freikirchlichen Prägung gelitten hatte.

Nun (endlich) seine Biografie zu lesen, machte mich tief traurig und auch wütend: Die familiäre, konservativ-evangelikale Prägung war nicht einfach der frühere Jonny – oder eben Jonathan. Seite für Seite wird klar, dass noch ganz viel Jonathan im erfolgreichen Jonny steckt (darum auch der Titel des Buches Ich bin auch Jonathan).

Als gefeierter, mehrfach preisgekrönter Bühnenstar hat es Jonny mit Divertimento längst geschafft. Doch all dieser Erfolg reichte nicht, um ihm den Selbstzweifel zu nehmen. Er konnte das von seinem Vater vermittelte Bild eines strafenden Gottes nicht einfach abstreifen. Im Gegenteil: Er litt immer wieder unter der Angst, nicht okay zu sein, nicht zu genügen und kämpfte darum, geliebt zu werden.

Doch so lange er selbst sich nicht lieben konnte, waren auch seine zwischenmenschlichen Beziehungen immer wieder von Enttäuschungen und Verletzungen durchzogen.

Es tut mir so leid für Jonny und viele Leidensgenossen, was einige Menschen aus dem liebenden Gott gemacht haben. Jonnys Biografie ist eine schonungslose Erinnerung daran, welche toxischen Züge der Glaube annehmen kann.

Falscher Fuss amputiert

Komisch-tragisch war die Lektüre des eingangs erwähnten NZZ Artikels:

In einem amerikanischen Krankenhaus wurde einem Patienten der falsche Fuss amputiert, obwohl mehrere Personen im Operationssaal den Fehler bemerkten.

Nicole Kopp, in Geld & Geist (NZZ am Sonntag, 4. Februar 2024)

Der Artikel ging der Frage nach, wann es in einem Team zu Bestleistungen kommt. Stimmt das naheliegende? Sind die besten Teams die, in denen die besten Leute sind? Sind Intelligenz, Fachkompetenz und strategisches Denken beispielsweise die entscheidenden Erfolgsfaktoren?

Vor vielen Jahren habe ich gelernt, dass der Unterschied zwischen einem guten zu einem Hochleistungs-, oder Dream-, Team der Umgang miteinander ist. Wo das Miteinander ein echtes Miteinander, geprägt von Respekt, Wertschätzung und sogar Liebe, ist, da sind auch die Resultate die besten.

Tatsache ist, dass es in Teams zu haarsträubenden Fehlleistungen kommen kann, wenn das Miteinander von Gleichgültigkeit oder gar Angst geprägt ist. Ob der falsche Fuss amputiert oder Flugzeugabstürze – es sind keine erfundenen Geschichten, sondern der tragische Beweis, dass fehlende psychologische Sicherheit und ausbleibende Kommunikation weitreichende Folgen haben.

Safe Places – ein sicheres Umfeld

Über Monate haben wir mit 20-30 Personen über das spannende Buch Wenn der Glaube nicht mehr passt von Martin Benz ausgetauscht. Diese Woche war nun das letzte Kapitel verbunden mit der Frage, wie wir vorwärtsglauben können, an der Reihe.

Eine gesunde Glaubensentwicklung, so unsere Erkenntnis des Abends, ist zwar individuell, braucht jedoch einen sicheren Ort mit anderen Menschen. Nur ein ehrlicher Austausch kann uns echt weiterbringen. Doch diese Ehrlichkeit, bei der man sich seinen Ängsten, Zweifel und Fragen stellt, kann nicht auf Knopfdruck hergestellt werden.

Es braucht Geduld, damit Vertrauen wachsen kann. Erst wenn ich mich sicher fühle und darauf vertrauen kann, dass ich von den anderen nicht «abgeschossen» werde, kann ich mich öffnen und mich verletzlich machen.

In Dreamteams fühlen sich Menschen sicher und getrauen sich beispielsweise auch den Chefarzt zu korrigieren (bevor er einen falschen Fuss amputiert) , in Glaubensgemeinschaften macht die psychologische Sicherheit den Unterschied, ob Menschen sich in ihrem persönlichen Glauben entfalten können (oder alle gleichgeschaltet werden).

Jonathan fehlte in der Kindheit diese psychologische Sicherheit. Dafür bezahlte der äusserlich äusserst erfolgreiche Jonny einen enorm hohen Preis.

Glücksaufgabe

Wie ist das bei dir? Was hat dich in deiner Kindheit geprägt, welches Gottesbild wurde dir vermittelt?

Und wo hast du in deinem Berufsleben bereits in einem Dreamteam mitwirken dürfen und wo hast du vielleicht erlebt, wie man mangels psychologischer Sicherheit den unangenehmen Gesprächen ausgewichen ist?

Welche Menschen können dir einen sicheren Rahmen bieten, damit du dich in deiner Persönlichkeit und in deinem Glauben positiv entwickeln kannst?