Originell wie ein Cervelat

Es ist die Zeit der gemütlichen Stunden am See, dem Baden in der Aare, dem Mitfeiern mit der Nati und für viele für uns die Zeit des sommerlichen Rhythmus – vielleicht mit Ferien oder wie bei mir mit einem anderen Arbeitsmodus (weniger Tagesgeschäft, mehr Planungs- und Entwicklungsaufgaben).

Und selbst die, die auch in diesen Tagen «normal» arbeiten, erzählen davon, dass der Sommer und die Hitze eine lockerere Atmosphäre in den Büroalltag bringen.

Während das regelmässige Programm ruht, bieten wir bei Happy Kids und im gms seeland spezielle Aktivitäten wie die FeriäChischte und die offenen Kapellengärten an.

Da entschied sich das Vorbereitungsteam für das Motto «Cervelat». Das stellte mich vor zwei Herausforderungen: Einerseits lebe ich seit gefühlt 40 Jahren im Glauben, dass ich die Schweizer-Traditionswurst nicht mag.

Und zweites war da die Frage nach dem Thema meines Kurzimpuls. Auf entsprechende Nachfrage bei einer Verantwortlichen aus dem Team wurden, mit einem Augenzwinkern, Gedanken zum Thema «Individualität von Cervelats» gewünscht.

Diese sommerliche Herausforderung nahm ich mit Freude an – trotz meiner geglaubten Abneigung von Cervelats.

Ja, wie magst du denn deinen Cervelat? Etwa genau so, wie sie in der Auslage der Metzgerei zu finden sind?

Eher nicht. Wenn er kalt verzehrt werden soll, werden die meisten mindestens die Haut ablösen und vielleicht den Cervelat in Rädchen schneiden. Wie muss also der Perfekte-Cervelat sein?

Die Geschmäcker sind so unterschiedlich wie wir unterschiedlich sind. «Die Individualität von Cervelats» äbä …

Zu meinem Sommer-Rhythmus gehört seit einigen Jahren, dass ich als Armeeseelsorger eine Rekrutenschule begleite. In der ersten RS-Woche darf ich jeweils eine Lektion gestalten. Da zeige ich am Ende jeweils gerne eine Auflistung der 16 Glückaktivitäten, wie ich sie in meinem Buch «Glück finden, hier und jetzt» vorstelle.

Ein Rekrut fragte nach, was ich denn mit «Originalität leben» meine. Spontan konnte ich es nicht besser erklären als mit diesem Kalenderspruch: «Jede:r kommt als Original zur Welt, viele sterben leider als billige Kopie.»

Es ist gerade umgekehrt als beim Cervelat: Da kommen alle gleich «zur Welt» und werden dann zum einzigartigen Original gestaltet.

Als Menschen sind wir per Geburt ein individuelles Original: Leider gibt es immer wieder eine Art Gruppendruck, der uns dazu verleitet, diese Originalität und Individualität mit der Zeit zu verlieren und uns einer bestimmten Norm anzupassen.

Statt originell und individuell sind wir dann einfach normal – wie der Cervelat im Laden.

Es braucht manchmal schon etwas Mut zur eigenen Individualität zu stehen – doch es macht erwiesenermassen glücklicher, als einfach mit der Masse zu gehen und sich der Norm anzupassen.

Auch Glaube ist individuell

Einen zweiten Gedanken teilte ich mit den Besuchenden des offenen Kapellengartens: Auch Glaube und Bibelverständnis sind individuell wie die Cervelats.

Es gibt nicht diese eine biblische Stimme. Die Bibel ist ein mehrstimmiges Buch aus verschiedensten Zeitepochen, voller Gotteserfahrungen in unterschiedlichsten Kontexten und geprägt von verschiedensten kulturellen Einflüssen.

Doch eines entdecke ich von Genesis bis Offenbarung: Da ist ein Gott, der die Menschen – in all ihrer Individualität – liebt.

Und da ist ein Gott, der immer wieder aufs Neue das Wagnis eingeht, mit den Menschen unterwegs zu sein.

Glücksaufgabe

Cervelats sind individuell. Genauso dürfen und sollen auch wir Menschen individuell sein. Und genauso ist auch unser Glaube individuell – keine:r von uns hat «DIE EINE Wahrheit» gepachtet.

Wichtig ist die Frage: So individuell der Cervelat sein mag: Ist Cervelat drin? Schmeckt es nach Cervelat?

So individuell wir unser Leben und Glauben gestalten – die Frage ist: Ist Liebe drin? Schmeckt es nach Himmel?

Übrigens habe ich inzwischen festgestellt: Doch, auch ich mag Cervelats.

Mit diesem Artikel geht der GlücksBlog in die Sommerpause. Ich freue mich, wenn wir uns in einigen Wochen wieder lesen werden.

Versöhnte Depression?

Wann ist eine Rede gut? Als Gradmesser bieten sich mir diese drei Punkte an:

Wenn sie mich zum Weiterdenken anregt, vielleicht zum Umdenken bewegt oder sogar zur Umkehr motiviert.

Wenn sie mich ermutigt, mit neuer Hoffnung und Vertrauen (in meinem Kontext gerne auch Gottvertrauen) vorwärtszugehen und meinen Alltag zu gestalten.

Wenn ich gerne zuhöre ohne (andauernd) abzuschweifen, weil die Rede mindestens unterhaltsam – und manchmal gar mitreissend – ist.

Ein weiteres Kriterium einer guten Rede könnte in unserer Zeit auch sein, dass sie fleissig auf Social Media geteilt wird. Dies ist offensichtlich dem Harvard-Absolventen Noah Eckstein gelungen: Hunderttausende klicken sich in seine Rede an der Abschlussfeier der Harvard University ein. Hierzulande berichtet gar die NZZ am Sonntag vom leidenschaftlichen Plädoyer des 22jährigen Studenten mit multireligiösem Familienhintergrund. Mit Bezug zu seiner eigenen Geschichte, mit christlichen und muslimischen Grosseltern und jüdischen Eltern, zeigt er auf, wie wichtig gegenseitiges Interesse und echtes Zuhören statt Polarisierung sind: «Die Antwort auf Spaltung ist nicht Einigkeit, sondern der Versuch, zu verstehen.»

Depressive Grundstimmung in meiner Kirche?

Szenenwechsel: Selten gab eine Predigt eines Eröffnungs-Gottesdienstes der Jährlichen Konferenz der EMK Schweiz, Frankreich, Nordafrika und Belgien so viel zu reden. Die Worte meines Kollegen Michael Kämpf regten zum Weiterdenken – und an der einen oder anderen Stelle zum Widerspruch – an.

Da die Predigt durch das Teilen von persönlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen von Michael auch unterhaltsam war, sind also schon mal zwei Kriterien einer guten Rede erfüllt.

Grund dafür, warum so viel über die Predigt geredet wurde, war der unschöne Befund von Michael: «In der EMK kommt mir eine depressive Grundstimmung entgegen. Alle, mit denen ich rede, bestätigen diesen Eindruck.»

Nun, mit mir hat er leider nicht darüber gesprochen. Wie sich herausstellte auch mit einigen anderen nicht. Ich teile die Wahrnehmung nicht. Natürlich sehe ich genug Schwerfälliges, an Herausforderungen fehlt es uns auch nicht. Ich leide an meiner Kirche und wünsche ihr mehr Leichtigkeit, eine heilige Fantasie sowie eine mutige Positivität.

Und genau das erlebe ich ansatzweise Gott sei Dank immer wieder in meinen Arbeitsfeldern: Wie neulich, als wir als Gemeinde am Bielersee ein Fest genossen und uns nach Monaten der Herausforderungen an so vielem erfreuten.

Oder wenn wir an Teamsitzungen dankbar Feedbacks wie dieses austauschen: «Genau so stelle ich mir Kirche vor: Wertvolle Impulse, gemeinsames Essen, gute Gemeinschaft, attraktives Kids-Programm …»

Lustvoll war auch der Austausch diese Woche mit einigen jungen Erwachsenen über eine neue Gottesdienst-Idee, die wir UNPLUGGED nennen.

Nein, eine depressive Grundstimmung ist nicht das, was in der Kirche dominiert. Doch nach der Predigt von Michael machte sich schier eine kleine Depression in mir breit – statt mich hoffnungsvoll zurückzulassen …

Ist versöhnte Vielfalt möglich?

Was mich rund um die Jährliche Konferenz, unser Kirchenparlament, viel mehr beschäftigte, ist die Frage, ob wir als Kirche das Ziel der versöhnten Vielfalt wirklich erreichen können. Aktuell erlebe ich eher gelebte Vielfalt, an machen Stellen gar «sich bekämpfende» Vielfalt.

Da sind wir noch stark gefordert – (zu?) unterschiedlich sind an manchen Stellen die Meinungen, wie wir lieben, dienen und vorangehen sollen.

Zusammen mit meiner Gemeinde und anderen Verbündeten will ich weiterhin mit frischen Formen und weiter Theologie offen sein für Menschen, die genau das suchen und brauchen. Gleichzeitig anerkennen wir, dass es in Gesellschaft und Kirche Menschen gibt, die etwas anderes suchen und brauchen. Darum wollen wir Hand zur versöhnten Vielfalt bieten, solange wir einander «den Glauben glauben» und gemeinsam auf je unsere Weise eine Willkommenskirche, die ohne «Ja, aber …» auskommt, gestalten.

Und damit sind wir wieder bei der Harvard-Abschlussfeier: Es geht nicht um einen Einheitsbrei, es geht um die Frage, ob wir bereit sind, einander zuzuhören und zu versuchen, die anderen zu verstehen – ohne sie bekehren zu wollen. Das wäre ein Anfang auf dem Weg zur versöhnten Vielfalt.

Glücksaufgabe

Was zeichnet für dich eine gute Rede aus? Wo erlebst du solche?

Und wie gut gelingt es dir, dich für andere Menschen und ihre Überzeugungen zu interessieren?

Hier die angesprochene Rede von Noah Eckstein:

Wo ist das Leiden?

Wie viel Spass darf das Leben eigentlich machen? Wie sieht es mit dem Job aus: Ist es in Ordnung, wenn mensch sich an der Arbeit erfreut, sie gar lustvoll erlebt?

Und wie ist es mit der Kirche? Spass und Kirche – passt das zusammen?

Da kommt mir eine Begebenheit aus meinem Theologiestudium in den Sinn, es muss in einem Kurs im Bereich Praktische Theologie gewesen sein. Wenn ich mich richtig erinnere, mussten wir in Gruppenarbeiten unsere (Wunsch)Vorstellungen von Gemeindearbeit skizzieren.

Eine Gruppe präsentierte darauf die «Spass-Gemeinde». Worauf der Dozent meinte: «Da fehlt mir das Leiden!»

Schliessen sich Spass und Kirche also aus? Heisst Kirche vor allem Leiden?

Szenenwechsel: Schier 30 Jahre nach dieser Begebenheit im Studium, sitze ich als Pfarrer bei einem Glas Weisswein mit einem Gemeindeglied in einem Strassenbistro und spreche mit ihm über sein Engagement in der Kirche – und über Gott und die Welt.

«Dieses Setting ist für mich ungewohnt», meinte mein Gegenüber, das es im Privaten sehr wohl versteht, das Leben zu geniessen. Doch im Gemeindesetting? «Wenn ich an Gespräche mit dem Pfarrer denke, dann sehe ich vor meinem inneren Auge eher roter Tee und dunkle Kirchenräume – und nicht Weisswein an der Sonne.»

Es darf Spass machen!

Noch frischer sind meine Erinnerungen an unser Gemeindefest vor zwei Wochen: Wunderbare Location direkt am Bielersee, traumhaftes Frühsommerwetter, gute Stimmung, leckeres Essen, gute Musik, lockere Begegnungen …

Ich hatte sehr viel Spass an diesem Tag, der für mich mit der Zwischenraum-Tagung (an welcher ich als Referent dabei war) auf dem Bienenberg startete und der sich mit einem Bad im See mit meiner Tochter bei aufkommendem Vollmond nach dem Gemeindefest dem Ende zu neigte. Ein Tag voller Begegnungen – berührende und fröhliche, tiefgründige und traurige.

Bei allem lustvollen Unterwegssein hat der «Fun» für mich keinen Selbstzweck. Eine positive, lockere Atmosphäre schafft einen natürlichen Zugang zu tieferen Emotionen. Wir sollen das Leben feiern: Das beinhaltet für mich, sich mit den Fröhlichen mitfreuen und mit den Trauernden mitleiden. Beides gehört zum Leben – und manchmal sogar gleichzeitig: Leichtigkeit und Schweres. Mit einem, vielleicht seufzenden, Lachen ist das Schwere leichter zu ertragen. Und mit Tiefgründigkeit wird das Leichte nicht belanglos.

Und wenn wir den Spass-Faktor in allem integrieren wollen, geht das nie auf Kosten der Ernsthaftigkeit, mit der wir unsere Arbeit tun. Im Gegenteil: Stimmt der Spass-Faktor, bekommt Disziplin eine neue Bedeutung. Diese Lektion lernte ich damals im Gespräch mit dem Hockey-Profi J.J. Moser, mit dem ich bei «Chäs, Brot, Wy – und mini Gschicht mit Gott» vor seinem Sprung in die NHL talken durfte und den ich neulich nach dem WM-Viertelfinal kurz wiedersah.

Die weltweite Methodist:innen-Kirche hat als eines von drei Kennwerten im neuen Vision-Statement festgehalten: «Serve Joyfully», was im deutschsprachigen Raum mit «Bereitwillig dienen» übersetzt wird.

Da haben wir’s: Darf unser Dienen jetzt Spass machen, gar lustvoll sein (Joyfully, freudig)? Oder geht es doch eher ums «Leiden für den Herrn» (bereitwillig)?

Ähnlich wie damals im Studium wurde mir auch kürzlich die Aufgabe gestellt, mein Verständnis von Wesen und Mission der Kirche darzustellen.

«Persönlich gehören für mich zum Wesen der Kirche immer wieder frische Formen dazu. Unterschiedliche Menschen brauchen unterschiedliche Formen, damit sie sich wohl fühlen und gerne Teil der Kirche sind. Inhaltlich ist mir eine weite Theologie wichtig, die zu einem befreiten, lustvollen und lebensfördernden Glauben einlädt.»

Glaube, Kirche, Dienen – es darf Spass machen. Es soll Spass machen!

Und zwar nicht des Spasses wegen, sondern weil wir länger und besser breitwillig dienen, wenn wir dabei Spass haben. (In dem Sinn ist Spass sogar besseres Dopping als Ovo 😉.)

Glücksaufgabe

Übrigens: Das Leiden kommt von selbst. Vielleicht drehen wir das Ganze um und fragen im Sinn einer Glücksaufgabe: Was macht dir so viel Freude, dass du selbst dann daran festhältst, wenn es Leiden mit sich bringt?

By the way: Auch Heilige Momente können lustvoll sein. Und gibt es manchmal an überraschenden Orten zu erleben, wie z.B. an einem Michael Patrick Kelly Konzert im Hallenstadion.

We sell Kodak Film

Die Situation war irgendwie skurril: Da wollte uns ein österreichischer Pfarrer weis machen, dass wir die Idee, als Kirchen eines Tages mit den richtigen Mitteln wieder einen Grossteil der Gesellschaft ansprechen zu können, als Utopie entlarven und loslassen sollten.

Dabei trug er gleichzeitig die Problemanalyse auf seinem T-Shirt. Da stand in grosser Schrift: «WE SELL KODAK FILM.»

Ich fand das T-Shirt fantastisch: Einerseits hat es eine Art Kult-Status, anderseits steht es für die tragische Kodak-Story.

Diese Begebenheit ereignete sich letzte Woche in einem D.A.CH.-Kurs. Knapp 30 Pfarrpersonen schauten gemeinsam über den eigenen Tellerrand, teilten Erfahrungen und experimentierten mit unterschiedlichen Formen von Spiritualität.

Wie in solchen Runden üblich, gehörte ich im Plenum eher zu den zurückhaltenden Teilnehmenden. Doch als mein österreichischer Kollege sein resignierendes Statement abgab und ich dabei sein T-Shirt betrachtete, gab es kein Halten mehr: «Lasst uns von der Kodak-Story lernen und damit aufhören, Kodak-Filme zu verkaufen! Ja, vielleicht – wahrscheinlich – werden wir immer nur einen kleinen Teil der Gesellschaft erreichen, doch wenn wir die Sehnsüchte der Menschen berühren, haben wir als Kirchen etwas zu bieten.»

Die Nachfragen in der Pause zeigten mir, dass sich nicht alle etwas unter der «Kodak-Story» vorstellen konnten. Der Kollege mit dem T-Shirt übrigens schon: Er selbst ist mit dieser starken Marke aufgewachsen, da seine Eltern ein Fotogeschäft führten.

So erzählte er mir, mit welchem Stolz die Kodak-Vertreter damals ihr Geschäft besuchten. Kodak, das war das Mass der Dinge in der Fotografie.

Und das macht den Absturz in die Vergessenheit umso tragischer: Kodak war einmal ein Gigant. Die Firma konnte etwas, was viele wollten: Erinnerungen festhalten. Sie prägte über Jahrzehnte eine ganze Kultur des Fotografierens, bis die digitale Fotografie die Spielregeln veränderte. Kodak hatte die neue Technik sogar mitentwickelt, aber sie passte nicht ins alte Erfolgsmodell.

Das ist die eigentliche Pointe: Nicht Unfähigkeit, sondern Angst vor dem Verlust des Bewährten kann zum Problem werden. Kodak fürchtete, das lukrative Filmgeschäft zu kannibalisieren, und hielt deshalb zu lange am Alten fest. So wurde aus einer Erfindung, die Zukunft hätte werden können, ein Mahnmal verpasster Zeit.

Zurück zu meiner Weiterbildung. Sie trug den Titel «Spiritualität:en. Erkundungen zwischen Tradition und Experiment». Passt irgendwie zur Kodak-Story, oder?

Wo stehen wir – als Kirche oder andere Institution und vielleicht auch ganz persönlich – in Gefahr, nichts Neues (z.B. experimentelle Formen) zu wagen, weil wir damit das Bewährte untergraben könnten?

Während sich neue Trends entwickeln, sind sie noch nicht Mainstream. Die Massen werden damit nicht angesprochen. Noch nicht! Wenn wir uns nämlich, ob aus Angst, Bequemlichkeit oder gar Faulheit, gegen Veränderung und Weiterentwicklung wehren, erreichen wir wahrscheinlich irgendwann nur noch einige Nostalgiker:innen.

Oder wie es KI auf den Punkt bringt: Manchmal scheitern wir nicht am Neuen, sondern an der Angst, dass Gottes Zukunft anders aussieht als unsere Vergangenheit.

Glücksaufgabe

Was lernst du von der Kodak-Story für dich persönlich? Und wenn du an Gemeinschaften und Organisationen denkst, die du kennst oder zu denen du dich sogar zählst: Wo wäre Mut zum Experimentieren nötig?

Und was würdest du den 30 Pfarrpersonen aus dem Spiritualität:en-Kurs mit auf den Weg geben, welche Sehnsüchte der Menschen sie aufnehmen sollten, um die Kirche gesellschaftsrelevanter zu machen?

Heilige Momente?

Spätestens seit Rob Bells «U2-Moment» wissen wir, dass prägende Gotteserfahrungen auch an Rock-/Popkonzerten geschehen. Der amerikanische Autor erzählt in seinem Buch Jesus unplugged von genau einem solchen heiligen Moment während eines Konzertes von Bono und seiner Band U2.

Rob Bell, dessen Predigten vor 20 Jahren für mich zu heiligen Momenten wurden, will mit diesem Beispiel seine Überzeugung unterstreichen: Glaube ist mehr als eine Theorie. Es geht um eine konkrete, existentielle Erfahrung.

Und genau diese Transzendenz, Weite oder spiritueller Intensität ist eben nicht nur in einem «frommen» oder kirchlichen Setting erlebbar.

Als junger Pfarrer war ich fasziniert von Rob Bell, seiner intellektuellen und doch so anschaulichen Art. Gleichzeitig hat er meinen Denkrahmen gesprengt, hat mich ins Grübeln gebracht und mir befreiende Weite und kunstvolle Schönheit des Evangeliums aufgezeigt.

Bis heute beschäftigt mich die Frage, wann, wo und wie wir Menschen transzendente Erfahrungen machen. Wie entstehen heilige Momente, wo passieren prägende Gotteserfahrungen.

Während ich mit Rob Bell schon als junger Erwachsener übereinstimmte, dass es dafür keine Kirche (im Sinne von einem sakralen Gebäude, jedoch auch im Sinne von einer religiösen Gemeinschaft) braucht, frage ich mich heute zunehmend kritisch, wie denn auch in der Kirche solche heiligen Momente entstehen.

Religiöse Erfahrungen sind subjektiv

Leider geschieht hier viel Ungutes. An einem Netzwerktreffen, an dem wir kürzlich auf dem Bienenberg über christliche Musik (Worship) nachdachten, notierte ich mir folgende Leitfrage: Ermöglichen wir mit Elementen wie Worship, Musik, Deko. und überhaupt mit der gesamten (Programm)Gestaltung etwas (ermöglichen einen Zugang) – oder produzieren wir etwas (Manipulation)?

Es ist ein schmaler Grat. Dies zeigte sich auch an einem Experiment an besagtem Treffen, als wir einen Worshipsong sezierten und darüber austauschten, welche Gefühle in dieser «Performance» bewusst aufgebaut wurden.

«Dass religiöses Erleben sehr ambivalent ist, zeigt auch die Tatsache, dass sich erhabene Gefühle durchaus provozieren lassen. Entgrenzende Raumerfahrungen in einer gotischen Kathedrale, der Duft von Weihrauch, brausende Orgeltöne und mitreissender Chorgesang, bunte Gewänder und sorgsam choreografierte Aufmärsche oder gefühlvolle Anbetungslieder, eine grosse Zahl von Menschen, die mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen stehen und hingebungsvoll singen – all das kann ekstatische Emotionen hervorrufen.»

So schreibt es Tilmann Haberer in Kirche am Ende und zeigt damit: Religiöse Manipulation ist keine Stilfrage, es kann überall geschehen. Und dies zeigt uns, welche Verantwortung Menschen tragen, die für die Gestaltung religiöser Veranstaltungen zuständig sind – egal ob modern oder traditionell.

Raum schaffen für Gotteserfahrungen und heilige Momente, diese jedoch nie erzwingen. Weil das gar nicht geht: Weder lässt sich Gott per Dekret vor den eigenen Karren spannen, noch lässt sich den Menschen befehlen, was sie jetzt zu fühlen hätten. Diese religiösen Erfahrungen seien, «sehr subjektiv und nicht jedem Menschen in jeder Situation in gleicher Weise zugänglich» schreibt Haberer.

Zurück zu Rob Bells «U2-Moment»: Für mich war es ein «Michael P. Kelly-Moment». Kürzlich durfte ich Teil seines Konzerts im Hallenstadion sein. Es war schlichtweg fantastisch, ein ganz grosser Künstler, der gleichzeitig keinen Moment abgehoben wirkt.

Was musikalisch geboten wurde – top.

Und dann diese Dramaturgie: Da versuchte ein ganzes Stadion mit einem rockigen Song (America) die Vereinigten Staaten an ihre Träume zu erinnern («Wach auf für all deine Hoffnungen und Träume! Amerika, Amerika, steh auf, für das, woran du glaubst!»), mit der PeaceBell, einem Kunstprojekt, bei dem Kriegsschrott (Granathülsen, Panzerteile) in eine Friedensglocke umgeschmiedet wurde, läutete Michael Kelly eine Gedenkminute ein, dann gab’s wieder fröhliche Party, sehr persönlich erzählte er von der Wichtigkeit der Vergebung, berührend der a-cappella vorgetragene Hoffnungssong und am Ende sang das ganze Stadion «holy» und trug so den Friedensklang eines lustvoll-tiefgründig-fröhlich-besinnlichen Abend mit dem letzten Ton (mit «Jesus» als Versschluss) weiter.

Wäre da nicht zwischendurch der Glace Verkäufer seine Ware feilbietend durch die Ränge gelaufen, hätte ich mich schier in einem Gottesdienst gefühlt.

Nein, nicht nur «schier». Es war wirklich eine gottesdienstliche Erfahrung, wie ich sie liebe und gerne öfters hätte: einladend, ohne aufdringlich zu wirken, qualitativ hochstehend, ohne abgehoben zu sein, voll göttlicher Liebe, Frieden, Freude und Hoffnung, ohne plump zu wirken.

Ja, das war ein besonders heiliger Moment für mich.

Glücksaufgabe

Wo erlebst du Transzendenz? Was zeichnet für dich einen heiligen Moment aus? Wann bist du für Gotteserfahrungen besonders empfänglich?

Wir können Raum dafür schaffen, dass sich heilige Momente mitten im Alltag ereignen. Produzieren auf Knopfdruck können wir sie nicht – zum Glück.

Vertrauen verspielt

Für mich war sofort klar: Patrick Fischer ist als Nationaltrainer nicht mehr tragbar. Wer in einer solchen Vorbildfunktion steht und immer wieder «Soft Skills» betont, wird mit einer solchen Betrügerei seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht.

Natürlich ist der Fall Wasser auf die Mühlen der Corona-Skeptiker: «Wenn die Regeln keinen Sinn ergeben [gemeint ist: wenn man mit ihnen nicht einverstanden ist], muss man sich auch nicht an sie halten.» Kommentare in die Richtung sind nun unter der Berichterstattung zur Absetzung von Patrick Fischer als Nationaltrainer der Eishockeymannschaft zu finden.

Einmal mehr erleben wir: Die Meinungen sind schnell gemacht.

Und da muss ich mich miteinschliessen: Wie gesagt, intuitiv war für mich sofort klar, dass Fischer gehen muss.

Aber warum eigentlich? Was wenn ich auch ein Impfgegner wäre, würde ich dann Verständnis für die Trickserei (für die Straftat durch gefälschte Covid-Zertifikate) zeigen und mich ebenfalls empören, dass nun der beste Natitrainer aller Zeiten gespickt wurde?

Noch vor einigen Wochen habe ich löblich über Patrick Fischer und sein Leadership der Wertschätzung geschrieben: «Gemäss den Ausführungen von Patrick Fischer wird ganz bewusst an diesem Spirit gearbeitet, ein Umfeld kreiert, indem ein solcher Zusammenhalt entstehen kann.»

Wird dieser Zusammenhalt nicht fahrlässig aufs Spiel gesetzt, wenn der Cheftrainer nur dank einer Straftat mit an Olympia reisen kann? Werden da nicht Vertrauen und Glaubwürdigkeit verspielt?

Legen wir die Causa Fischer mal zur Seite und werden allgemeiner – und gleichzeitig persönlicher.

Wann ist eine Führungsperson nicht mehr tragbar? Welches Fehlverhalten führt dazu, dass ich meinen Job riskiere? Und ist es das Fehlverhalten selbst oder der Umgang damit? Und was, wenn ein Verhalten in den Augen anderer ein Fehlverhalten ist – für mich selbst jedoch nicht?

Fragen über Fragen. Und irgendwie hat alles mit unserem Verständnis von Integrität und vielleicht auch Authentizität zu tun.

«Integrität bedeutet, dass jemand nach seinen Werten, Prinzipien und der Wahrheit handelt – also dass Worte und Taten zusammenpassen. 
Authentizität bedeutet, echt und unverstellt zu sein, also sich so zu zeigen und zu verhalten, wie man innerlich tatsächlich ist.»
(Perplexity AI)

Schon Jesus sagte, wir werden an unseren eigenen Werten und Prinzipien gemessen. Doch reicht uns das wirklich? Vielleicht würde Fischer ja sagen, er habe nach seinen Werten und Prinzipien, also integer gehandelt.

Was ist mit der übergeordneten Gesetzgebung? Was mit Regeln einer Gemeinschaft oder mit biblischen Werten und Prinzipien?

Da kommt mir das Gespräch von letzthin mit unserem Bischof in den Sinn. Wir diskutierten über die sogenannten «historischen Fragen» in unserer Kirchenordnung und ich musste zugeben: Wenn ich das alles wörtlich nehmen muss, bin ich raus.

Zu meinem Glück wurde diese wörtliche Umsetzung von Fragestellungen aus einer anderen Zeit auch gar nicht von mir verlangt.

Doch wer entscheidet denn nun, was geht und was zählt – und was eben nicht?

Manchmal sind Regeln auch einfach so lange klar, bis sie einen selbst betreffen. Gerade diese Woche hatte ich hierzu eine interessante Diskussion: Eine rigide Moralvorstellung wird oft dann über Bord geworfen, wenn man selbst oder liebgewonnene Menschen aus dem enggesteckten Rahmen fallen. Ob in kirchlichen Kreisen oder in Politik: Durch persönliche Betroffenheit verschieben sich plötzlich Standpunkte.

Und das ist wohl auch gut so! Geht es nicht mehr um den Menschen als um Gesetze?

Also hat Patrick Fischer doch alles richtig gemacht?

Phu, ich befürchte gerade, dass ich mir mit diesem Artikel nur die Finger verbrennen kann …

Für mich sind vier Dinge wichtig:

Prüfe dich selbst: Was sagt dein Gewissen? (Dein Gewissen, deine Intuition, – und nicht das, was dir indoktriniert wurde.)

Verlange von andern nicht etwas, was du nicht bereit bist, selbst zu tun. (Goldene Regel)

Sei dir deiner Vorbildfunktion bewusst (als Elternteil, Trainer:in, Führungsperson …).

Bleib authentisch (aufrichtig): Lügen und Ausreden haben eine unschöne Eigendynamik.

Glücksaufgabe

Wann hat eine Person in deinen Augen ihr Vertrauen verspielt?

Wo legst du strengere Massstäbe an andere an als an dich selbst?

Was verstehst du unter Integrität und Authentizität? Und inwiefern macht ein integrer, authentischer Lebensstil aus deiner Sicht glücklich?

Kama was?

Hast du schon mal von Kama Muta gehört? Wenn ja, hast du eventuell einer der letzten beiden Gottesdienste vom gms seeland besucht.

In unserer Serie «Nice to meet you – schön, dich zu sehen!» stand das Thema «Wer ist deine Familie?» auf dem Programm. Als Einstieg machte uns die Moderatorin mit dem psychologischen Konzept von Kama Muta bekannt.

Kama Muta ist ein Begriff aus dem Sanskrit, einer altindischen Hochsprache, und meint «von Liebe bewegt» oder «tief berührt sein». Inzwischen wird der Begriff in der Psychologie genutzt, um eine spezifische Emotion zu benennen.

Für mich war der Begriff neu – und ich vergass die genaue Bezeichnung auch vorzu. Doch mein Interesse war geweckt. Einerseits, weil die Ausführungen von Annika, unserer Moderatorin, sehr gut zum Gottesdienstthema passten. Und anderseits, weil ich überrascht war, im meiner Auseinandersetzung mit der Positiven Psychologie und Glücksforschung noch nicht darauf gestossen zu sein.

Klar war schon nach der Einstiegsmoderation von Annika: Es geht hier um eine soziale Funktion, um ein Gefühl tiefer Verbundenheit in unserem zwischenmenschlichen Unterwegssein.

Doch um in kurzer Zeit noch etwas mehr zu erfahren, musste ich KI bemühen:

«Dieses Gefühl stärkt das Empfinden von Gemeinschaft und Nähe und kann Menschen motivieren, Beziehungen zu pflegen und sich füreinander einzusetzen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Kama Muta in vielen Kulturen vorkommt und damit eine weitgehend universelle menschliche Emotion ist.»

Wie in meiner Predigt «Wer ist deine Familie?» geht es also um das Aufgehobensein in der Gemeinschaft. Und wie in einer guten Familie hat diese Erfahrung nicht nur positive Auswirkungen auf die Gemeinschaft selbst, sondern auch auf das individuelle Wohlbefinden:

«Kurzfristig geht Kama Muta mit einem gesteigerten Gefühl von Verbundenheit, Autonomie und Kompetenz einher, was das subjektive Wohlbefinden in Beziehungen erhöht. Wiederholte Erfahrungen solcher verbindenden Momente können langfristig stabilere, erfüllendere soziale Bindungen begünstigen.»

Leider zeigen Studien auch, dass diese Art von tiefer Freundschaft und Verbundenheit im Alltag häufig keine Selbstverständlichkeit ist. Zwar haben gemäss einer NZZ am Sonntag-Kolumne mit dem vielsagenden Titel «Die ungelebte Freundschaft» die meisten Menschen mindestens eine vertraute Bezugsperson ausserhalb der Familie. Doch oft, besonders bei Männern, liegen diese brach, sind inaktiv:

Was bleibt, ist eine stille Einsamkeit unter Menschen, die eigentlich verbunden sein könnten. Und die Erkenntnis, dass «Freunde haben» und «Freundschaft leben» zweierlei sind.

Zusätzlich erschwert wird dieser Umstand dadurch, dass es ab einem gewissen Alter gar nicht mehr so einfach ist, solche tiefen Freundschaften aufzubauen, wie mir in einem Beziehungskosmos-Podcast bestätigt wird.

Was können wir also tun?

Am einfachsten und naheliegendsten ist es, vorhandene Freundschaften zu schätzen, pflegen und vertiefen.

Wenn wir neue Freundschaften aufbauen wollen oder mit dem Gedanken spielen, uns einer Gemeinschaft anzuschliessen, begeben wir uns erstmal aus der Komfortzone und gehen ein Risiko ein: Was, wenn das Gegenüber nicht an einer solchen Verbundenheit interessiert ist? Was, wenn es in der Gemeinschaft gar keinen Platz für mich gibt?

Trotzdem ist es den mutigen Schritt auf unbekanntes Terrain wert, wenn wir am Ende dieses Kama Muta Glücksgefühl erleben dürfen.

Weitere hilfreiche Inputs liefert meine Lieblings-Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky im Tagesanzeiger. Dort wird ihre Forschungsarbeit wie folgt zusammengefasst:

Glücklich sei, wer gute Beziehungen habe und sich geliebt fühle – um das zu erreichen, sei aktives Zuhören ein wichtiger Faktor.

Ich beschliesse diesen Artikel mit demselben Wunsch, den ich ans Ende meiner Predigt (die du übrigens hier nachhören kannst) stellte:

Ich wünsche dir Orte, wo du lebensfördernde Beziehungen erleben darfst.
Orte, wo du willkommen bist, wie du bist.
Orte, wo du sein darfst, wie du bist.
Orte, wo du geliebt wirst, wie du bist.

Glücksaufgabe

Familie ist, wo Menschen sich lieben – in all ihrer Vielfalt. Da wird auch etwas vom Göttlichen spürbar.

Wo blühst du auf?
Und wo lässt du andere blühen?

Wo wirst du geliebt, gefördert und wertgeschätzt?
Und wo liebst, förderst und wertschätzt du andere?

Verbundenheit, Kama Muta, entsteht auch dort, wo wir einander kennen lernen und in aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit annehmen. Ein schönes Beispiel findet sich im Clip Mitfühlen statt wegsehen:

Und hier kannst du meine Predigt nachhören:

Wert-geschätzt oder nieder-geschlagen?

Das klingt irgendwie kitschig-romantisch bis esoterisch, wenn ein Hockey-Crack wie Kevin Fiala über das Natiteam sagt: «Wir lieben uns alle!». Und der Nati-Coach Patrick Fischer doppelt nach: «Wir nennen uns ‘wolf pack’, ein Wolfsrudel, in dem wir zueinander schauen.»

So geschehen und gesehen neulich in einer Vorschau auf die Olympischen Spiele. In den Ohren der Moderatorin Daniela Milanese kam schier etwas Sektenhaftes an. Bemerkenswert sei, merkte sie an, dass der NHL-Star Kevin Fiala nicht über Medaillen sprach, sondern über den Zusammenhalt im Team.

Das ist kein Zufall – und auch kein Produkt der bemerkenswerten Erfolge der letzten Jahre. Ganz im Gegenteil: Gemäss den Ausführungen von Patrick Fischer wird ganz bewusst an diesem Spirit gearbeitet, ein Umfeld kreiert, indem ein solcher Zusammenhalt entstehen kann.

Studien sagen es im Grunde schon lange: Die sogenannten «Soft Facts» sind nicht einfach etwas für «Softies». Der Unterschied zwischen der Performance eines guten zu einem herausragenden Team liegt im Umgang miteinander.

Sprich: Der Zusammenhalt, die Wertschätzung, ja, die Liebe, machen den Unterschied! – selbst in einer so harten Sportart wie dem Eishockey, wo auch mal Zähne fliegen.

Wundermittel für so vieles

Was in der Sportwelt angekommen ist, dürfte gerne noch mehr Kreise ziehen in der Arbeitswelt – oder auch in unseren Kirchen und überhaupt in der Gesellschaft.

Im Wirtschaftsteil der «NZZ am Sonntag» (Ausgabe: 7.12.25) fragt die Arbeitspsychologin Nicole Kopp: «Wertschätzung ist ein Wundermittel. Warum sind wir so knausrig damit?»

Was für eine gute und gleichzeitig traurige Frage!

Wir wissen es aus eigener Erfahrung: Lob und Anerkennung tut einfach gut. Laut Gary Chapman ist dies sogar die Liebessprache, für welche wir über alle Altersgruppen am empfänglichsten sind.

Ob intellektuell oder vor allem emotional, uns ist eigentlich bewusst, dass Wertschätzung ein menschliches Grundbedürfnis ist.

Und trotzdem gehen wir oft so sparsam damit um. Während sich Mitarbeitende darüber beklagen, von ihren Vorgesetzten zu wenig Wertschätzung zu erhalten, kommen dieselben Mitarbeitenden in seltensten Fällen auf die Idee, ihren Chefs gegenüber Wertschätzung auszudrücken.

Doch: Auch Chefs sind Menschen! Natürlich ist es eine Führungsaufgabe (siehe Natitrainer Patrick Fischer), ein Umfeld der Wertschätzung zu schaffen.

Gleichzeitig ist es zu einfach, sich über mangelnde Wertschätzung anderer zu beklagen und selber den Mitmenschen nicht wertschätzend zu begegnen.

Während im Weissen Haus gerade einer sitzt, der solche «Soft Facts» mit Füssen «trumpt» und Menschen in aller Öffentlichkeit verunglimpft, schreit unsere Welt nach mehr Mitmenschlichkeit und Wertschätzung.

Die Forschung zeigt, dass Wertschätzung all das bewirkt, was Arbeitgeber fördern möchten: Sie steigert die Arbeitszufriedenheit, die Motivation, die Produktivität und die Leistungsfähigkeit. Und auch Angestellte profitieren enorm von den Wirkungen von Wertschätzung: Sie verbessert das Wohlbefinden, die Erholung und die Schlafqualität. Gleichzeitig werden Stress, Belastung, das Burnout-Risiko und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gesenkt. Wertschätzung ist sozusagen ein Wundergeschenk.

Was Nicole Kopp hier auf die Arbeitswelt bezieht, zählt genauso für all andere Bereiche des Lebens. Als soziale Wesen gehen wir Menschen entweder ermutigt und wert-geschätzt oder entmutigt und nieder-geschlagen aus Begegnungen heraus.

Die Arbeitspsychologin schliesst ihren Artikel mit einer Aufforderung, der ich mich gerne anschliesse: «Wertschätzung ist das wertvollste und nachhaltigste Geschenk. Verteilen Sie es grosszügig!»

Glücksaufgabe

Unter dem Begriff «Gemeinschaft: Liebe geben und empfangen» hat es die glücksfördernde Wirkung von Wertschätzung auch auf die Liste der 16 Glücksaktivitäten in meinem Buch Glück finden, hier und jetzt geschafft.

Und am Ende des Kapitels über Freundschaft findet sich folgende Einladung:

Mitmenschen loben

Haben Sie auch schon festgestellt, dass manche Mitmenschen peinlich berührt sind, wenn man sie lobt? Lassen Sie sich davon nicht irritieren! Wir alle brauchen Ermutigung und wir alle können dazu beitragen, dass an die Stelle der ständigen Nörgelei eine Kultur der Wertschätzung und Ermutigung tritt. Beginnen Sie gleich jetzt damit! Greifen Sie zum Telefon oder Stift und sorgen Sie mit einer kurzen Ermutigung für Glücksgefühle bei einem Mitmenschen – und bei Ihnen!

Wenn ein Platz plötzlich leer bleibt

Sie haben es wieder geschafft: Auch dieses Jahr berührt mich ein Weihnachts-Werbeclip von einem Grossverteiler zutiefst in meinem Herzen.

«Finn und sein Papa» – ist es nicht brillant, wie hier in 90 Sekunden das ganze Leben erzählt wird:

Spiel & Freude.
Leben entdecken & von Vorbildern lernen.
Verlieben & eigene Familie gründen.
Herzensmenschen loslassen.

Und dann, völlig unaufdringlich der «Call to action» – nein, nicht der Aufruf bei diesem Grossverteiler einzukaufen (ist natürlich subtil auch Teil vom Clip). Doch was ist der «Call to action», zu was werden wir eingeladen?

«Weihnachten ist, was wir weitergeben.»

Der Clip zeigt, dass es nicht einfach darum geht, Geschenke weiterzugeben. Es geht tiefer: Wir geben Wärme, Liebe, Werte und Traditionen weiter – von einer Generation zur nächsten.

So werden diese 90 Sekunden zu viel mehr als einem süssen Weihnachts-Werbeclip:

Leben ist, was wir weitergeben.
Familie ist, was wir weitergeben.
Freundschaft ist, was wir weitergeben.
Und ja: Glaube ist, was wir weitergeben.

Und zwar geben wir nicht weiter, weil wir beim richtigen Grossverteiler eingekauft haben – wir geben weiter, weil uns das Leben, der Himmel, weil uns Gott selbst, zuerst beschenkt hat. In dieser Krippe im Stall begegnet und beschenkt uns Gott. Das ist Weihnachten.

Eine Stelle im Clip hat mich besonders berührt: Als der Platz vom Papi plötzlich leer geblieben ist.

Viele von uns kennen das: Der Platz von Herzensmensch­en an unserem Tisch bleibt leer. Weil sie von uns gegangen sind, weil sie sich entschieden haben, nicht mit uns zu feiern oder weil sie gesundheitlich oder beruflich verhindert sind.

«Siehe, ich mache alles neu!»

Wenn Plätze am Tisch leer bleiben, ist es gar nicht so einfach, in Feier- und Festtagslaune zu kommen. Wenn unser Leben und die Welt voller Trauer, Klage und Schmerz sind, was gibt es da zu feiern?

Hier hinein spricht Gott durch die Jahreslosung 2026: «Siehe, ich mache alles neu!» (Die Bibel, Offenbarung 21,5).

«Siehe»: Das ist die Einladung, unseren Blick weg vom leeren Platz, weg von Trauer, Not und Schmerz auf ihn zu richten, auf den, der uns aufrichten wird.

Es ist der Blick, der über unser gegenwärtiges Leben und Feiern in die zukünftige Welt ragt. Es wird nicht ver­sprochen, dass jetzt schon alle Tränen getrocknet werden, doch dann wird alles neu – der Schmerz ist vorbei.

Darum ermutige ich trotz den leeren Plätzen an unseren Tischen zu feiern:

Feiert! Feiert freudig und ausgelassen – auch wenn nicht alles gut ist in eurem Leben, wenn Plätze am Tisch leer bleiben, wenn Schmerzen plagen.

Doch: Verdrängt beim Feiern den Schmerz nicht! Integriert den leeren Platz ins Feiern – er gehört zu euch dazu.

So wird unser unperfektes Familien-Weihnachtsfest sowie unser «Leben feiern» nicht nur eine Erinnerung an die erste Weihnacht, als der Himmel diese chaotische und unperfekte Welt besuchte und uns Frieden statt Furcht gebracht hat.

Unser Feiern ist nicht nur ein Erinnern zurück zur Krippe im Stall, zum Gott Mitten in Schwachheit.

Unser Feiern, wenn wir die leeren Plätze und den Schmerz nicht ignorieren, werden auch zu Erinnerungsmomenten an das, was kommen wird, was uns versprochen ist:

«Siehe, ich mache alles neu!»

Die leeren Plätze – Schmerz, Not und Trauer – werden nicht das letzte Wort haben!

Glücksaufgabe

Manchmal bleiben Plätze an unserem Tisch leer.
Und manchmal gibt es Tische, an die sind wir nicht eingeladen.

Weihnachten ist auch die Erinnerung, dass es bei Gott anders ist: An seinem Tisch sind wir alle erwünscht und willkommen!

Wie schon Peter Reber singt (Fröi di), gibt es bei diesem Fest keine exklusive Gästeliste – weil alle eingeladen sind.

Ich wünsche dir gesegnete Weihnachten und schon jetzt alles gute fürs kommende Jahr! Welchen Gedanken aus diesem Artikel willst du mitnehmen für die kommenden Festtage und das neue Jahr?

Basis von diesem Artikel ist meine Predigt vom vierten Advent, welche du hier nachhören kannst:

Seid nützlich!

Bisher bin ich ganz gut ohne KI zurechtgekommen. Naja, vielleicht nahm ich dieser künstlichen Intelligenz auch einfach übel, dass sie mich und mein Glücksbuch vor längerer Zeit einmal nicht wirklich kennen wollte.

Inzwischen habe KI dazugelernt, wird gesagt. Also fragte ich sie, was ich glaube. Mit dem Resultat kann ich grösstenteils leben, jedenfalls wird da keine mir fremde Person beschrieben – auch wenn gewisse Reizthemen etwas gar überhandnehmen, inkl. Vorwürfe meiner Kritiker.

Doch dieser Abschnitt gefällt mir: «Sein Lebensmotto lautet ‘Liebe schenken – Hoffnung verbreiten – Glaube leben’. Gerber entdeckte den christlichen Glauben früh durch seine Eltern und setzt sich für Projekte ein, die Dankbarkeit, Gelassenheit und Freude fördern, auch inmitten von Zweifeln.»

Und auch diesen Satz nehme ich gerne und freue mich, wenn mein Engagement so erlebt wird (ob das eine künstliche Intelligenz beurteilen kann, ist wiederum eine andere Frage): «Seine Arbeit zielt auf zeitgemässe, feierliche Glaubenskommunikation ab, fern von Kontrolle oder Angst.»             

Seit ich predige, war mir ein solcher einladender Stil wichtig. Doch einfach nur «schön & nett» sollte es auch nicht sein. Mit dem, was ich tue und sage, will ich etwas bewegen. Darum darf es gerne auch herausfordern, ja ab und zu vielleicht sogar etwas piksen.

So war es die letzten beiden Wochen spannend zu erleben, was der Titel meiner aktuellen Predigt auslöste: «Wie politisch darfs denn sein?» Teils wurde mir zu verstehen gegeben, dass das kein gutes Thema für eine Predigt sei.

Natürlich steckte auch eine leichte Provokation im Titel, was die Neugier wecken sollte. Und in der Predigt habe ich auch sehr deutlich gemacht, dass ich die Vermengung von Glaube und Politik, wie wir sie derzeit gerade in den USA erleben, höchstbedenklich finde.

Darum geht es mir auch nicht um Parteipolitik und schon gar nicht um einen Gottesstaat. Doch der Mensch ist ein politisches Wesen, der Christenmensch sogar sehr.

Mindestens wenn er dem Vorbild Jesu folgt. Dieser war nämlich höchstpolitisch und leitete seine Zuhörer:innen in der Bergpredigt dazu an, sich als Salz der Erde und Licht der Welt nützlich zu machen.

In diesem Abschnitt in der Bergpredigt benutzt Jesus auch das Bild einer Stadt auf dem Berg. Ich verstehe seine Botschaft darin so: Bei euch gilt eine andere Sozialordnung, hier geht es um eine lebensfördernde Gemeinschaft.

Ja, da sind Menschen auf dem Jesus-Weg unterwegs und suchen nachdem, was das Leben aufblühen lässt. Wir sind aufgefordert, uns für eine bessere, liebevollere und gerechtere Welt zu engagieren – das hat immer auch eine politische Dimension.

Als ich neulich über den «Salz & Licht»-Bibeltext nachdachte, schrieb ich in meine Bibel «Seid nützlich!» und «Kein Schneckenhaus!».

Und da landen wir wieder beim Zitat von Johanna Dohnal, mit dem ich den letzten Blogartikel beendete: «Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen.»  

Und wir landen auch wieder bei der KI-Suche zu meinem Glauben: Wer diesem Jesus nachfolgt, verkriecht sich nicht im Schneckenhaus. Er:sie exponiert sich. Und wer die Würde aller Menschen hochhält, tut im Grunde nur, wozu uns die Bibel und manch Grundgesetze schön längst einladen – und riskiert damit leider noch heute Gegenwind zu ernten.

Glücksaufgabe

Ich bin kein Fan grosser Imperative. Das hat sogar KI gecheckt, wenn sie meine Glaubenskommunikation als «fern von Kontrolle oder Angst» einstuft. Befehle gehören für mich genauso in diese Kategorie.

Trotzdem habe ich heute einen Imperativ als Blogtitel gewählt: «Seid nützlich!» Ich weiss, es kann ein schmaler Grad zwischen «liebevoll-anstupsender Einladung» und einer «druckerzeugenden (Auf)Forderung» sein.

Darum setz ich hier am Ende des Blogs jeweils auch lieber ein ?-Zeichen als ein !-Zeichen.

Doch heute bleibe ich dabei: «Sei nützlich!»

Die erwähnte Predigt kann übrigens in unserem Matinée-Podcast nachgehört werden.