Vertrauen verspielt

Für mich war sofort klar: Patrick Fischer ist als Nationaltrainer nicht mehr tragbar. Wer in einer solchen Vorbildfunktion steht und immer wieder «Soft Skills» betont, wird mit einer solchen Betrügerei seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht.

Natürlich ist der Fall Wasser auf die Mühlen der Corona-Skeptiker: «Wenn die Regeln keinen Sinn ergeben [gemeint ist: wenn man mit ihnen nicht einverstanden ist], muss man sich auch nicht an sie halten.» Kommentare in die Richtung sind nun unter der Berichterstattung zur Absetzung von Patrick Fischer als Nationaltrainer der Eishockeymannschaft zu finden.

Einmal mehr erleben wir: Die Meinungen sind schnell gemacht.

Und da muss ich mich miteinschliessen: Wie gesagt, intuitiv war für mich sofort klar, dass Fischer gehen muss.

Aber warum eigentlich? Was wenn ich auch ein Impfgegner wäre, würde ich dann Verständnis für die Trickserei (für die Straftat durch gefälschte Covid-Zertifikate) zeigen und mich ebenfalls empören, dass nun der beste Natitrainer aller Zeiten gespickt wurde?

Noch vor einigen Wochen habe ich löblich über Patrick Fischer und sein Leadership der Wertschätzung geschrieben: «Gemäss den Ausführungen von Patrick Fischer wird ganz bewusst an diesem Spirit gearbeitet, ein Umfeld kreiert, indem ein solcher Zusammenhalt entstehen kann.»

Wird dieser Zusammenhalt nicht fahrlässig aufs Spiel gesetzt, wenn der Cheftrainer nur dank einer Straftat mit an Olympia reisen kann? Werden da nicht Vertrauen und Glaubwürdigkeit verspielt?

Legen wir die Causa Fischer mal zur Seite und werden allgemeiner – und gleichzeitig persönlicher.

Wann ist eine Führungsperson nicht mehr tragbar? Welches Fehlverhalten führt dazu, dass ich meinen Job riskiere? Und ist es das Fehlverhalten selbst oder der Umgang damit? Und was, wenn ein Verhalten in den Augen anderer ein Fehlverhalten ist – für mich selbst jedoch nicht?

Fragen über Fragen. Und irgendwie hat alles mit unserem Verständnis von Integrität und vielleicht auch Authentizität zu tun.

«Integrität bedeutet, dass jemand nach seinen Werten, Prinzipien und der Wahrheit handelt – also dass Worte und Taten zusammenpassen. 
Authentizität bedeutet, echt und unverstellt zu sein, also sich so zu zeigen und zu verhalten, wie man innerlich tatsächlich ist.»
(Perplexity AI)

Schon Jesus sagte, wir werden an unseren eigenen Werten und Prinzipien gemessen. Doch reicht uns das wirklich? Vielleicht würde Fischer ja sagen, er habe nach seinen Werten und Prinzipien, also integer gehandelt.

Was ist mit der übergeordneten Gesetzgebung? Was mit Regeln einer Gemeinschaft oder mit biblischen Werten und Prinzipien?

Da kommt mir das Gespräch von letzthin mit unserem Bischof in den Sinn. Wir diskutierten über die sogenannten «historischen Fragen» in unserer Kirchenordnung und ich musste zugeben: Wenn ich das alles wörtlich nehmen muss, bin ich raus.

Zu meinem Glück wurde diese wörtliche Umsetzung von Fragestellungen aus einer anderen Zeit auch gar nicht von mir verlangt.

Doch wer entscheidet denn nun, was geht und was zählt – und was eben nicht?

Manchmal sind Regeln auch einfach so lange klar, bis sie einen selbst betreffen. Gerade diese Woche hatte ich hierzu eine interessante Diskussion: Eine rigide Moralvorstellung wird oft dann über Bord geworfen, wenn man selbst oder liebgewonnene Menschen aus dem enggesteckten Rahmen fallen. Ob in kirchlichen Kreisen oder in Politik: Durch persönliche Betroffenheit verschieben sich plötzlich Standpunkte.

Und das ist wohl auch gut so! Geht es nicht mehr um den Menschen als um Gesetze?

Also hat Patrick Fischer doch alles richtig gemacht?

Phu, ich befürchte gerade, dass ich mir mit diesem Artikel nur die Finger verbrennen kann …

Für mich sind vier Dinge wichtig:

Prüfe dich selbst: Was sagt dein Gewissen? (Dein Gewissen, deine Intuition, – und nicht das, was dir indoktriniert wurde.)

Verlange von andern nicht etwas, was du nicht bereit bist, selbst zu tun. (Goldene Regel)

Sei dir deiner Vorbildfunktion bewusst (als Elternteil, Trainer:in, Führungsperson …).

Bleib authentisch (aufrichtig): Lügen und Ausreden haben eine unschöne Eigendynamik.

Glücksaufgabe

Wann hat eine Person in deinen Augen ihr Vertrauen verspielt?

Wo legst du strengere Massstäbe an andere an als an dich selbst?

Was verstehst du unter Integrität und Authentizität? Und inwiefern macht ein integrer, authentischer Lebensstil aus deiner Sicht glücklich?

3 Antworten auf „Vertrauen verspielt“

  1. Danke für den Artikel und die Fragen zur Selbstreflexion!

    Vermutlich hat der Nationalcoach sein Gewissen geprüft und sich für den kleineren Schaden entschieden.
    Er hat der staatlichen Covid-Politik misstraut, sich in den Dienst der Mannschaft gestellt, ist mit „gefälschtem Papier“ an die Olympiade gereist und mE erfolgreich zurückgereist.
    Zurzeit werden die Impfstoffverträge zwischen Bund und Pharmakonzernen geprüft, da die Bevölkerung scheinbar unbeabsichtigt falsch informiert oder absichtlich belogen wurde, was Sinn Zweck der Covid-Impfung anbelangt.
    Dass solche Trainerjobs nicht ewig besetzt werden und Verbandschefs auch nur Handlanger von Systemen sind, sollte uns bewusst sein.
    Weil Verantwortung letztendlich nur für das eigene Verhalten übernommen werden kann, hat mich der Coach in dieser Hinsicht beeindruckt, weil er nicht blind einer politischen Mehrheit, gesellschaftlichem Druck oder einem olympischen Bischof nachgefolgt ist und sich scheinbar von einer höheren Macht oder seiner Intuition leiten lies.
    Wie authentisch und integer würde das Hockeyteam (und Patrick sich selbst) wohl betrachten?
    Ich möchte es mir nicht jedenfalls nicht anmassen, diesen erfolgreichen Coach mit einem Schuldspruch und einer Busse von 40‘000.- zu verurteilen.

    In diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Gottvertrauen, Toleranz mit Mitmenschen und Verantwortungsbewusstsein vor Gott und gegenüber uns selber.

    1. Merci für deine Gedanken, Dänu!
      Ich wollte zum Weiterdenken anregen, das ist offensichtlich gelungen, schön.
      Spannend finde ich, dass immer öfters „Regeln“ nur so lange gelten wie ich sie nachvollziehen kann. Wie ich im Artikel ja schrieb, verändert eine persönliche Betroffenheit oft auch unsere Moralvorstellung. So bleibt es spannend zu beobachten, wer wann und wo eine rigide Moral hochhält – um dann bei Bedarf eigene Werte aufzugeben.
      Und darin braucht es das, was du sagst: Verwantwortungsbewusstsein.

      1. Danke Stef.
        Ja, Regeln entstehen jeweils aus einem Grund und dürfen oder sollten meines Erachtens auch im neuen Kontext verworfen werden.
        Falls PF dem Doppelgebot der Liebe gefolgt ist, sich und seinen Nächsten zu lieben, dann hat er möglicherweise moralisch besser gehandelt als viele, die der Masse, resp. Covidpolitik gefolgt sind, nicht?
        Zudem könnte man in etlichen Fällen biblisch argumentieren, dass man Gott mehr gehorchen soll als den Menschen.
        Vergl. Moralische Entwicklungsstufen nach Kohlberg;)
        Lg Dänu

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