Ja sagen und nein meinen …

Wer hat es nicht schon erlebt, im Urlaub in einem fremden Land beispielsweise, dass mensch sich zur Not ganz gut mit Händen und Füssen verständigen kann.

Wo ein Wille ist, gibt es auch Wege.

Ich habe neulich eine solche Erfahrung gemacht, die sich gar nicht weit weg in einem fremden Land abgespielt hat: Da gab mir eine Person, neben ihr standen mehrere Koffer, zu verstehen, dass sie nicht weiss, wie sie an ihr Ziel kommt.

So unterbrach ich meine Velofahrt und konnte ihr auf ihrem Handy zeigen, dass sie nur wenige Meter von ihrem Ziel entfernt stand – jedoch auf der falschen Seite des Kanals. Trotz Sprachbarriere führte der kurze Dialog dazu, dass sie verstand, wo die nächste Brücke ist, die sie zu ihrem Ziel führt.

Manchmal ist Sprache komplizierter. Oder mindestens die gegenseitige Verständigung.

So sehr viele von uns das Anliegen «Kein Krieg» teilen, kann ich mich trotzdem mit dieser lautstarken, flächendeckenden Kampagne, die Krieg verhindern soll, nicht identifizieren.

Und das aus mehreren Gründen:

Kein Krieg ist mir zu wenig. Ich will Frieden. Und zwar im ganzheitlichen Sinn von Wohlbefinden für alle, wie es im hebräischen Shalom anklingt.

Genau da liegt der Haken: Obwohl die Friedenstaube auf den Plakaten etwas anders suggerieren will, sind genau die Kräfte (und Milliardäre), die hinter dieser Kampagne stecken, wenig bekannt für eine aktive Friedensförderung.

Wer wirklich «Kein Krieg» will, investiert in Friedensförderung – und streicht nicht die Entwicklungshilfe, um mehr Waffen beschaffen zu können.

Und da sind wir eigentlich schon beim zweiten Punkt, warum ich mich nicht mit dieser Kampagne und Initiative identifizieren kann: Ich glaube den Initiatoren ihr «kein Krieg» nicht.

Die Initiative kommt mir vor, wie das Kleinkind, das beim Versteckspiel einfach die Hände vors Gesicht hält: Wenn wir den Krieg hinter der Neutralität verstecken, dann gibt es ihn auch nicht.

Mein Verdacht: Wer Ja zur Neutralitätsinitiative sagt, sagt im Grunde Ja zur Gleichgültigkeit. Durch Annahme dieser Initiative wird kein einziger Krieg beendet und kein Machthaber dieser Welt wird dadurch davon abgehalten, andere Völker auszubeuten, zu unterdrücken, anzugreifen.

Nur weil wir uns aus den kriegerischen Konflikten unserer Zeit heraushalten, wird die Welt nicht zu einem friedlicheren Ort. Ein edles, menschenfreundliches Anliegen wir uns hier mit dem Weg der Bequemlichkeit vorgaukelt: Wegschauen, zurücklehnen – und die Kriege verschwinden.

So einfach ist es leider nicht. Das Engagement für wirklichen Frieden fordert möglicherweise alles von uns und steht in krassem Kontrast zu einer bequemen Gleichgültigkeit.

Natürlich hilft uns auch keine (kopflose) Hyperaktivität. Doch ich wünsche mir so etwas wie eine zupackende Gelassenheit: Ich kann und muss die Welt nicht retten. Doch wenn es darum geht, die Welt zu einem menschenfreundlicheren Ort zu machen, stehen wir alle in der Verantwortung und sollten nicht Neutralität mit Gleichgültigkeit verwechseln.

Glücksaufgabe

Auch wenn es heute grad etwas anders verstanden werden kann, das ist kein Polit-Blog. Meine Absicht sind nicht bestimmte Parolen zu verbreiten, sondern zur reflektierten Lebensgestaltung einzuladen. Damit mehr Glück, im Sinn von Shalom und Lebenszufriedenheit, für dich und mich erfahrbar wird.

Darum ist heute die Frage: Wo lässt du dich durch Sprache manipulieren? Und wo nutzt du Sprache, um andere (und vielleicht sogar dich selbst) zu blenden: Da wird etwas als Demut verkauft, was eigentlich bloss eigene Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit «veredelt» kaschiert.

Wo komme ich zur Ruhe?

Mein Onkel war Prediger in einer Mennoniten Gemeinde, in der wir als Familie Teil davon waren.

Gleichzeitig wohnten meine Grosseltern sowie mein Grossonkel im Gemeindegebäude. So kam es, dass wir nach dem Gottesdienst «salzstängelimampfend» im Wohnzimmer des Grossonkels Dani Skirennen im Fernseher verfolgten.

Und wenn der EHC Biel am Vorabend ein Spiel hatte, war dies ein beliebtes Gesprächsthema vor dem Gottesdienst.

Das fand mein Onkel, der Prediger, weniger lässig und forderte uns heraus: Geht es euch eigentlich um Gott oder sind die Sportresultate wichtiger?

Das ist sehr lange zurück.
Die Welt hat sich verändert.

Und wir schauen nicht mal mehr gemeinschaftlich Skirennen – wie früher im Wohnzimmer von «Onkel Dani» oder in der Berghütte mit dem viel zu kleinen Fernsehgerät während den Skiferien …

Aber die Frage ist wohl dieselbe geblieben: Wo kommen wir zur Ruhe? Wo finden wir Stille («Einkehr»), wenn sogar der Gottesdienst vom «Lärm vo dr Stadt» überlagert wird?

Jesus hat gesagt:
«Kommt zu mir,
ihr alle,
die ihr euch abmüht und belastet seid!
Ich will euch Ruhe schenken.»

(Die Bibel, Matthäus 11,28)

Ruhe meint da auch Frieden,
inneren Frieden.

Bei mir sein,
bei Gott sein.

Bei allem «Lärm vo dr Stadt», bei allem, was uns umtreibt, wo wir gefragt sind, bei all den vielen Terminen und News sind diese Momente der Stille, der Ruhe, des Friedens, der Begegnung mit Gott bei vielen stark umkämpft.

Ziemlich sicher wüssten wir, was uns gut täte.
Doch wie oft tun wir genau das?

Wo kann ich echt sein?  

Letzten Sonntag wagten wir im gms mal wieder ein Experiment: Wir sind mit dem Gottesdienstformat «UNPLUGGED» gestartet. Damit wollen wir genau einen solchen Ort der Ruhe, einen Moment der Stille schaffen.

Und mehr noch: Wir haben den Anspruch, dass wir wie in der Unplugged-Musik (wo wir den Begriff geliehen haben und Akustische-Konzerte gemeint sind) mit diesem neuen Format zu weniger Schein, dafür mehr Sein inspirieren.

Raum für Echtsein und Raum für echte Begegnungen.

Klingt gut – doch wo erleben wir das wirklich?

Von Safe Places, offenen und echten Begegnungsräumen zu träumen, ist das eine. Diese bunte, versöhnte Tischgemeinschaft auch wirklich zu finden, ist das andere.

Diesen Traum teilen wir mit Jesus, der uns diese Tischgemeinschaft vorgelebt und gelehrt hat. Beispielsweise in der Gleichnisgeschichte vom Festmahl: Im Gleichnis soll der Diener Verkrüppelte, Arme, Blinde von überall her an den Festtisch bringen.

Wer sind die Verkrüppelten unserer Zeit?

Vielleicht wir alle:
Menschen, die kaum zur Ruhe finden.
Menschen, die psychisch angeschlagen sind.
Menschen, die leiden, Schmerzen in sich tragen.
Menschen, die verängstigt durch die Welt gehen.
Menschen, bei denen nicht alles «am Schnüerli louft».
Menschen auf der Suche nach Liebe, Hoffnung und Glauben.

Und diese bunte, versöhnte Tischgemeinschaft stelle ich mir als Echte Gemeinschaft ohne Masken vor: «nicht perfekt, nicht geschniegelt, sondern wahrhaftig. Das eröffnet einen Raum, in dem Glauben nicht performt, sondern geteilt wird.»

Glücksaufgabe

Stell dich dem Realitycheck:

Wo komme ich zur Ruhe?

Habe ich eine solche «versöhnte Tischgemeinschaft»?

Wo kann ich echt sein?

Wo fühl ich mich «safe»?

Um den Traum einer Kirche als «Safe Place» und Leuchtturmprojekt dreht sich die Matinée-Themenserie I HAVE A DREAM. In der ersten Predigt, die du hier nachhören kannst, ging es um die bunte Tischgemeinschaft:

Originell wie ein Cervelat

Es ist die Zeit der gemütlichen Stunden am See, dem Baden in der Aare, dem Mitfeiern mit der Nati und für viele für uns die Zeit des sommerlichen Rhythmus – vielleicht mit Ferien oder wie bei mir mit einem anderen Arbeitsmodus (weniger Tagesgeschäft, mehr Planungs- und Entwicklungsaufgaben).

Und selbst die, die auch in diesen Tagen «normal» arbeiten, erzählen davon, dass der Sommer und die Hitze eine lockerere Atmosphäre in den Büroalltag bringen.

Während das regelmässige Programm ruht, bieten wir bei Happy Kids und im gms seeland spezielle Aktivitäten wie die FeriäChischte und die offenen Kapellengärten an.

Da entschied sich das Vorbereitungsteam für das Motto «Cervelat». Das stellte mich vor zwei Herausforderungen: Einerseits lebe ich seit gefühlt 40 Jahren im Glauben, dass ich die Schweizer-Traditionswurst nicht mag.

Und zweites war da die Frage nach dem Thema meines Kurzimpuls. Auf entsprechende Nachfrage bei einer Verantwortlichen aus dem Team wurden, mit einem Augenzwinkern, Gedanken zum Thema «Individualität von Cervelats» gewünscht.

Diese sommerliche Herausforderung nahm ich mit Freude an – trotz meiner geglaubten Abneigung von Cervelats.

Ja, wie magst du denn deinen Cervelat? Etwa genau so, wie sie in der Auslage der Metzgerei zu finden sind?

Eher nicht. Wenn er kalt verzehrt werden soll, werden die meisten mindestens die Haut ablösen und vielleicht den Cervelat in Rädchen schneiden. Wie muss also der Perfekte-Cervelat sein?

Die Geschmäcker sind so unterschiedlich wie wir unterschiedlich sind. «Die Individualität von Cervelats» äbä …

Zu meinem Sommer-Rhythmus gehört seit einigen Jahren, dass ich als Armeeseelsorger eine Rekrutenschule begleite. In der ersten RS-Woche darf ich jeweils eine Lektion gestalten. Da zeige ich am Ende jeweils gerne eine Auflistung der 16 Glückaktivitäten, wie ich sie in meinem Buch «Glück finden, hier und jetzt» vorstelle.

Ein Rekrut fragte nach, was ich denn mit «Originalität leben» meine. Spontan konnte ich es nicht besser erklären als mit diesem Kalenderspruch: «Jede:r kommt als Original zur Welt, viele sterben leider als billige Kopie.»

Es ist gerade umgekehrt als beim Cervelat: Da kommen alle gleich «zur Welt» und werden dann zum einzigartigen Original gestaltet.

Als Menschen sind wir per Geburt ein individuelles Original: Leider gibt es immer wieder eine Art Gruppendruck, der uns dazu verleitet, diese Originalität und Individualität mit der Zeit zu verlieren und uns einer bestimmten Norm anzupassen.

Statt originell und individuell sind wir dann einfach normal – wie der Cervelat im Laden.

Es braucht manchmal schon etwas Mut zur eigenen Individualität zu stehen – doch es macht erwiesenermassen glücklicher, als einfach mit der Masse zu gehen und sich der Norm anzupassen.

Auch Glaube ist individuell

Einen zweiten Gedanken teilte ich mit den Besuchenden des offenen Kapellengartens: Auch Glaube und Bibelverständnis sind individuell wie die Cervelats.

Es gibt nicht diese eine biblische Stimme. Die Bibel ist ein mehrstimmiges Buch aus verschiedensten Zeitepochen, voller Gotteserfahrungen in unterschiedlichsten Kontexten und geprägt von verschiedensten kulturellen Einflüssen.

Doch eines entdecke ich von Genesis bis Offenbarung: Da ist ein Gott, der die Menschen – in all ihrer Individualität – liebt.

Und da ist ein Gott, der immer wieder aufs Neue das Wagnis eingeht, mit den Menschen unterwegs zu sein.

Glücksaufgabe

Cervelats sind individuell. Genauso dürfen und sollen auch wir Menschen individuell sein. Und genauso ist auch unser Glaube individuell – keine:r von uns hat «DIE EINE Wahrheit» gepachtet.

Wichtig ist die Frage: So individuell der Cervelat sein mag: Ist Cervelat drin? Schmeckt es nach Cervelat?

So individuell wir unser Leben und Glauben gestalten – die Frage ist: Ist Liebe drin? Schmeckt es nach Himmel?

Übrigens habe ich inzwischen festgestellt: Doch, auch ich mag Cervelats.

Mit diesem Artikel geht der GlücksBlog in die Sommerpause. Ich freue mich, wenn wir uns in einigen Wochen wieder lesen werden.

Wo ist das Leiden?

Wie viel Spass darf das Leben eigentlich machen? Wie sieht es mit dem Job aus: Ist es in Ordnung, wenn mensch sich an der Arbeit erfreut, sie gar lustvoll erlebt?

Und wie ist es mit der Kirche? Spass und Kirche – passt das zusammen?

Da kommt mir eine Begebenheit aus meinem Theologiestudium in den Sinn, es muss in einem Kurs im Bereich Praktische Theologie gewesen sein. Wenn ich mich richtig erinnere, mussten wir in Gruppenarbeiten unsere (Wunsch)Vorstellungen von Gemeindearbeit skizzieren.

Eine Gruppe präsentierte darauf die «Spass-Gemeinde». Worauf der Dozent meinte: «Da fehlt mir das Leiden!»

Schliessen sich Spass und Kirche also aus? Heisst Kirche vor allem Leiden?

Szenenwechsel: Schier 30 Jahre nach dieser Begebenheit im Studium, sitze ich als Pfarrer bei einem Glas Weisswein mit einem Gemeindeglied in einem Strassenbistro und spreche mit ihm über sein Engagement in der Kirche – und über Gott und die Welt.

«Dieses Setting ist für mich ungewohnt», meinte mein Gegenüber, das es im Privaten sehr wohl versteht, das Leben zu geniessen. Doch im Gemeindesetting? «Wenn ich an Gespräche mit dem Pfarrer denke, dann sehe ich vor meinem inneren Auge eher roter Tee und dunkle Kirchenräume – und nicht Weisswein an der Sonne.»

Es darf Spass machen!

Noch frischer sind meine Erinnerungen an unser Gemeindefest vor zwei Wochen: Wunderbare Location direkt am Bielersee, traumhaftes Frühsommerwetter, gute Stimmung, leckeres Essen, gute Musik, lockere Begegnungen …

Ich hatte sehr viel Spass an diesem Tag, der für mich mit der Zwischenraum-Tagung (an welcher ich als Referent dabei war) auf dem Bienenberg startete und der sich mit einem Bad im See mit meiner Tochter bei aufkommendem Vollmond nach dem Gemeindefest dem Ende zu neigte. Ein Tag voller Begegnungen – berührende und fröhliche, tiefgründige und traurige.

Bei allem lustvollen Unterwegssein hat der «Fun» für mich keinen Selbstzweck. Eine positive, lockere Atmosphäre schafft einen natürlichen Zugang zu tieferen Emotionen. Wir sollen das Leben feiern: Das beinhaltet für mich, sich mit den Fröhlichen mitfreuen und mit den Trauernden mitleiden. Beides gehört zum Leben – und manchmal sogar gleichzeitig: Leichtigkeit und Schweres. Mit einem, vielleicht seufzenden, Lachen ist das Schwere leichter zu ertragen. Und mit Tiefgründigkeit wird das Leichte nicht belanglos.

Und wenn wir den Spass-Faktor in allem integrieren wollen, geht das nie auf Kosten der Ernsthaftigkeit, mit der wir unsere Arbeit tun. Im Gegenteil: Stimmt der Spass-Faktor, bekommt Disziplin eine neue Bedeutung. Diese Lektion lernte ich damals im Gespräch mit dem Hockey-Profi J.J. Moser, mit dem ich bei «Chäs, Brot, Wy – und mini Gschicht mit Gott» vor seinem Sprung in die NHL talken durfte und den ich neulich nach dem WM-Viertelfinal kurz wiedersah.

Die weltweite Methodist:innen-Kirche hat als eines von drei Kennwerten im neuen Vision-Statement festgehalten: «Serve Joyfully», was im deutschsprachigen Raum mit «Bereitwillig dienen» übersetzt wird.

Da haben wir’s: Darf unser Dienen jetzt Spass machen, gar lustvoll sein (Joyfully, freudig)? Oder geht es doch eher ums «Leiden für den Herrn» (bereitwillig)?

Ähnlich wie damals im Studium wurde mir auch kürzlich die Aufgabe gestellt, mein Verständnis von Wesen und Mission der Kirche darzustellen.

«Persönlich gehören für mich zum Wesen der Kirche immer wieder frische Formen dazu. Unterschiedliche Menschen brauchen unterschiedliche Formen, damit sie sich wohl fühlen und gerne Teil der Kirche sind. Inhaltlich ist mir eine weite Theologie wichtig, die zu einem befreiten, lustvollen und lebensfördernden Glauben einlädt.»

Glaube, Kirche, Dienen – es darf Spass machen. Es soll Spass machen!

Und zwar nicht des Spasses wegen, sondern weil wir länger und besser breitwillig dienen, wenn wir dabei Spass haben. (In dem Sinn ist Spass sogar besseres Dopping als Ovo 😉.)

Glücksaufgabe

Übrigens: Das Leiden kommt von selbst. Vielleicht drehen wir das Ganze um und fragen im Sinn einer Glücksaufgabe: Was macht dir so viel Freude, dass du selbst dann daran festhältst, wenn es Leiden mit sich bringt?

By the way: Auch Heilige Momente können lustvoll sein. Und gibt es manchmal an überraschenden Orten zu erleben, wie z.B. an einem Michael Patrick Kelly Konzert im Hallenstadion.

Schon wieder ein Trend, der nicht glücklich macht

Ob du grad glücklich bist oder nicht – heute ist internationaler Tag des Glücks!

Das Glück fragt nicht, ob es grad passt. Oder mindestens der Weltglückstag fragt nicht nach unserem aktuellen Glücksempfinden, der Tag kommt in zuverlässiger Regelmässigkeit ohne Nachfrage an jedem 20. März.

Zugegeben: Bei mir passt’s grad nicht. Ich habe eine volle Woche mit super intensiven Sitzungen, an denen wir uns mit sehr anspruchsvollen Themen auseinandersetzen (müssen).

«Tja, lieber Herr Glücksautor, jetzt können Sie mal zeigen, ob Ihre Theorien mehr sind als blosses Schönwettergeschwätz!» hör ich da schon die ersten liebevollen Sticheleien.

Glück ist kein Zustand und mehr als ein Gefühl, Glück ist mehr Lebenseinstellung und hat viel mit unserer Lebensgestaltung zu tun – unabhängig unserer Lebensumstände.

Genau davon bin ich überzeugt. Und trotzdem wäre es unehrlich, zu verleugnen, dass all das an einem schönen Sommertag beim gemeinsamen Grillieren im Garten mit Herzensmenschen leichter fällt, als wenn sich körperliche oder finanzielle Herausforderungen oder Beziehungsprobleme breitmachen.

Ich bin überzeugt, dass es Glück in Form von Lebenszufriedenheit gibt, die mehr ist als ein wohliges Gefühl. Vielleicht eher die Frage danach, ob ich mich und mein Leben als lebenswert beurteile. Finde ich Sinnhaftigkeit in meinem Sein?

Damit meine ich nicht das Herbeireden eines Sinnes in so manch Sinnlosem wie den Kriegen auf der Welt, dem Unrecht, das uns angetan wird, oder dem plötzlichen Tod eines Familienmitgliedes.

Nein, was ich mit Sinnhaftigkeit meine, ist im grösseren Bogen zu denken: Gibt es etwas in meinem Leben, wofür es sich zu leben lohnt? In meinem Buch Glück finden – hier und jetzt nenne ich dies den Wind im Windrad. Ein Windrad ohne Wind anzutreiben, ist anstrengender Energieverschleiss. Unsere Lebensbereiche wie Arbeit, Familie und Sozialleben selber antreiben zu müssen, ist kräfteraubend, laugt aus. Der Wind hat hier oft mit dem grossen WHY zu tun. Und wenn es uns Energie gibt, statt bloss Energie zu rauben.

Zwischen Longevity-Boom und Exit

Letzten Sonntag predigte ich zum Thema «Wann ist ein Leben lebenswert?». Dabei ging es einerseits darum, dass jeder Mensch eine unantastbare Würde und einen bedingungslosen Wert in sich trägt – «Du bist eine Perle!». Anderseits stellten wir uns auch der überaus herausfordernden Frage, was denn Würde und wertvolles Leben am Lebensende bedeuten. Kann Exit zur Variante werden, wenn mensch lebenssatt geworden ist?

Während meinen Predigtvorbereitungen poppten in den Medien grad mehrere Berichte über den Longevity-Boom auf: Geht es darum, möglichst lange zu leben? Ist ein langes Leben wertvoller? Ist das der Sinn des Lebens?

Für mich nicht. So gerne ich dieses Leben auch habe.

Doch dieser Trend zum gesunden Lebensstil, der schnell exzessive oder gar wahnhafte Züge annimmt, ist nichts für mich. Überhaupt glaube ich, dass alles, was exzessiv betrieben wird, irgendwann nicht mehr gesund ist – es ist nicht der Weg ins Glück, sondern der Weg ins Suchtverhalten.

SRF zitiert in Beiträgen über den Longevity-Trend den Philosoph Robert Pfaller:

Wer immer nur vernünftig ist,
der ist unvernünftig.

Und weiter gab Robert Pfaller zu bedenken, dass wir das Leben nicht auf morgen verschieben sollen, sondern besser so leben, «dass man die Veranstaltung hier auf Erden jederzeit verlassen kann, ohne etwas zu bereuen».

Dieser Ansatz gefällt mir: Schon im Kohelet wird gemahnt, es im Leben nicht zu übertreiben, auch nicht mit dem Frommsein.

In dem Sinn: Happy Weltglückstag. Lebe dein Leben – ob’s sich grad wundervoll oder anspruchsvoll anfühlt. Es ist dein Leben, deine Lebenszeit!

Glücksaufgabe

Was macht dein Leben wertvoll, kostbar, lebenswert?

Und was sind die Perlen in deinem Leben?

Du bist eine Perle! – Was macht dieser Satz mit dir?

Warum ich meinen Glauben aufgegeben habe

Ich gebe zu: Die entscheidende Weggabelung auf meiner geistlichen Reise hin zu einem weiten Glauben und einer progressiven Theologie hatte, wie bei vielen anderen, auch bei mir mit der «Schwulenfrage» zu tun.

Irgendwann entdeckte ich die Lieblosigkeit in meinem evangelikal geprägten «Ja, aber …»-Denken: Du darfst sein wie du bist, aber lebe es einfach nicht aus.

Erst viel später entdeckte ich, wie zynisch ein solches Denken ist: Gott hat dich wunderbar geschaffen so wie du bist. Finde deine Identität (in Gott) – doch liebe nicht so, wie es deiner Identität entspricht …

Ja, die Sexualmoral ist ein Lieblingsstreitthema zwischen evangelikalen und postevangelikalen Christ:innen.

Doch seit ich meinen evangelikalen Glauben aufgegeben habe, entdecke ich noch so viel mehr – und theologisch viel bedeutendere – Gebiete, in denen die neue Weite mich zu einem befreiten, fröhlichen Glauben führt.

Apropos «fröhlich Glauben»: Das kam mir schon in meiner evangelikalen Zeit komisch vor. Da wird von Freude und Fröhlichkeit gepredigt, gesungen und geredet. Im Alltag beobachtete ich dann eher eine verknorzte Zwanghaftigkeit.

Überhaupt kommt mir so vieles abstrakt und lebensfremd vor, was ich früher glaubte: Das Konzept von Sünde, Blut und Opferlamm blieb trotz emotionalen Worshipsongs – und Theologiestudium! – irgendwie fremd für mich. Natürlich hätte ich das nie zugegeben, glaubte ja selbst daran, dass das Kreuzesgeschehen der ultimative Liebesbeweise Gottes ist, da er wegen mir und meinen Fehltritten seinen Sohn für uns Menschen opferte …

Doch was ist das für eine Begnadigung, wenn diese Gnade von einem «Gegengeschäft» abhängig ist? «Vergeben bedarf keiner Gegenleistung, man muss nur spüren, dass es von Herzen kommt», lese ich im inspirierenden Roman Die Passion von Amélie Nothomb.

Der Entmenschlichung entgegenwirken

Nein, den Glauben an eine liebende Gottheit habe ich nie aufgegeben und ich habe auch keine Dekonstruktion mit Paukenschlag hinter mir. Meine Glaubensentwicklung ist ein lebenslanger Prozess. So wurde das Evangelium für mich ganzheitlicher, die Theologie weiter und der Glaube befreiender – und so löste ich mich aus dem engen Korsett.

Enge – und tötende Regeln – wirken nieder-schlagend und nehmen uns den Schnauf. Weite – und lebensfördernde Haltungen – wirken auf-bauend und bringen uns zum Blühen.

Neben diversen Podcasts wie Hossa-Talk und Jetzt wird’s persönlich von Klaus-André Eickhoff sind in besonderem Masse die Bücher von Martin Benz wertvolle Reisebegleiter in meinem geistlichen Unterwegssein.

So erstaunt es nicht, dass die Impulse von Martin an der 3×3 Konferenz «Weit glauben – und trotzdem Gemeinde?!» nachhallen.

Menschen aus der Entmenschlichung führen, dieser Gedanke von Martin hat mich sehr angesprochen: «Es geht nicht einfach darum aus Menschen Christen zu machen, sondern aus Menschen wieder Menschen zu machen.»

Etwas geistlich Abstraktes wird für mich greifbar und ist mehr konkrete Lebenshilfe als dogmatisches Gedankengebilde: «Sünde ist nicht einfach die Übertretung eines einzelnen Gebotes, sondern die Entmenschlichung des Menschen.»

Passend dazu lese ich am Tag nach der Konferenz in der Badewanne liegend meine Sonntagslektüre (NZZ am Sonntag):

Saskia Niño de Rivera … hat rekonstruiert, wie dort in den Bergen Jugendliche gezielt traumatisiert und entmenschlicht werden: «Am Anfang bekommen sie einen Hundewelpen geschenkt, den sie aufziehen und nach 30 Tagen eigenhändig umbringen müssen», erzählt Niño de Rivera im Interview. «Das zerstört ihre Persönlichkeitsstruktur. Sie sind später kaum in der Lage, Ereignisse chronologisch zu ordnen oder Empathie für jemand zu empfinden.»

Entmenschlichung – wir kennen sie, im Kleinen wie im Grossen.

Da träume ich gerne mit Martin Benz und anderen von Gemeinden, in denen nicht die Bekehrung zu irgendwelchen abstrakten Glaubenssätzen im Zentrum steht, sondern das Angebot Jesu, uns wieder zu Menschen zu machen.

Glücksaufgabe

Wie du bestimmt bemerkt hast, habe ich nicht wirklich meinen Glauben aufgegeben, sondern meine evangelikale Prägung überwunden.

Vieles hat sich über die Jahre in meinem Leben und Glauben verändert und ich mag für meine früheren Freund:innen inzwischen zu wenig fromm (oder schlimmeres) sein. Doch eines kann ich mit Überzeugung sagen: Ich bin begeistert wie selten zuvor von meinem Glauben. Er ist keine Mogelpackung mehr. Ich muss nicht Menschen etwas «verkaufen», was sie gar nicht wollen.

Ich suche nach Glück im Sinn von Lebenszufriedenheit und Shalom. Und weisst du was? Genau das wünscht sich die bedingungslose göttliche Liebe für uns. Nein, nicht irgendwelchen Wohlstand, sondern blühendes Leben für alle.

Wo macht dich dein Glaube glücklich?
Und wo vielleicht das Gegenteil davon?

Kama was?

Hast du schon mal von Kama Muta gehört? Wenn ja, hast du eventuell einer der letzten beiden Gottesdienste vom gms seeland besucht.

In unserer Serie «Nice to meet you – schön, dich zu sehen!» stand das Thema «Wer ist deine Familie?» auf dem Programm. Als Einstieg machte uns die Moderatorin mit dem psychologischen Konzept von Kama Muta bekannt.

Kama Muta ist ein Begriff aus dem Sanskrit, einer altindischen Hochsprache, und meint «von Liebe bewegt» oder «tief berührt sein». Inzwischen wird der Begriff in der Psychologie genutzt, um eine spezifische Emotion zu benennen.

Für mich war der Begriff neu – und ich vergass die genaue Bezeichnung auch vorzu. Doch mein Interesse war geweckt. Einerseits, weil die Ausführungen von Annika, unserer Moderatorin, sehr gut zum Gottesdienstthema passten. Und anderseits, weil ich überrascht war, im meiner Auseinandersetzung mit der Positiven Psychologie und Glücksforschung noch nicht darauf gestossen zu sein.

Klar war schon nach der Einstiegsmoderation von Annika: Es geht hier um eine soziale Funktion, um ein Gefühl tiefer Verbundenheit in unserem zwischenmenschlichen Unterwegssein.

Doch um in kurzer Zeit noch etwas mehr zu erfahren, musste ich KI bemühen:

«Dieses Gefühl stärkt das Empfinden von Gemeinschaft und Nähe und kann Menschen motivieren, Beziehungen zu pflegen und sich füreinander einzusetzen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Kama Muta in vielen Kulturen vorkommt und damit eine weitgehend universelle menschliche Emotion ist.»

Wie in meiner Predigt «Wer ist deine Familie?» geht es also um das Aufgehobensein in der Gemeinschaft. Und wie in einer guten Familie hat diese Erfahrung nicht nur positive Auswirkungen auf die Gemeinschaft selbst, sondern auch auf das individuelle Wohlbefinden:

«Kurzfristig geht Kama Muta mit einem gesteigerten Gefühl von Verbundenheit, Autonomie und Kompetenz einher, was das subjektive Wohlbefinden in Beziehungen erhöht. Wiederholte Erfahrungen solcher verbindenden Momente können langfristig stabilere, erfüllendere soziale Bindungen begünstigen.»

Leider zeigen Studien auch, dass diese Art von tiefer Freundschaft und Verbundenheit im Alltag häufig keine Selbstverständlichkeit ist. Zwar haben gemäss einer NZZ am Sonntag-Kolumne mit dem vielsagenden Titel «Die ungelebte Freundschaft» die meisten Menschen mindestens eine vertraute Bezugsperson ausserhalb der Familie. Doch oft, besonders bei Männern, liegen diese brach, sind inaktiv:

Was bleibt, ist eine stille Einsamkeit unter Menschen, die eigentlich verbunden sein könnten. Und die Erkenntnis, dass «Freunde haben» und «Freundschaft leben» zweierlei sind.

Zusätzlich erschwert wird dieser Umstand dadurch, dass es ab einem gewissen Alter gar nicht mehr so einfach ist, solche tiefen Freundschaften aufzubauen, wie mir in einem Beziehungskosmos-Podcast bestätigt wird.

Was können wir also tun?

Am einfachsten und naheliegendsten ist es, vorhandene Freundschaften zu schätzen, pflegen und vertiefen.

Wenn wir neue Freundschaften aufbauen wollen oder mit dem Gedanken spielen, uns einer Gemeinschaft anzuschliessen, begeben wir uns erstmal aus der Komfortzone und gehen ein Risiko ein: Was, wenn das Gegenüber nicht an einer solchen Verbundenheit interessiert ist? Was, wenn es in der Gemeinschaft gar keinen Platz für mich gibt?

Trotzdem ist es den mutigen Schritt auf unbekanntes Terrain wert, wenn wir am Ende dieses Kama Muta Glücksgefühl erleben dürfen.

Weitere hilfreiche Inputs liefert meine Lieblings-Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky im Tagesanzeiger. Dort wird ihre Forschungsarbeit wie folgt zusammengefasst:

Glücklich sei, wer gute Beziehungen habe und sich geliebt fühle – um das zu erreichen, sei aktives Zuhören ein wichtiger Faktor.

Ich beschliesse diesen Artikel mit demselben Wunsch, den ich ans Ende meiner Predigt (die du übrigens hier nachhören kannst) stellte:

Ich wünsche dir Orte, wo du lebensfördernde Beziehungen erleben darfst.
Orte, wo du willkommen bist, wie du bist.
Orte, wo du sein darfst, wie du bist.
Orte, wo du geliebt wirst, wie du bist.

Glücksaufgabe

Familie ist, wo Menschen sich lieben – in all ihrer Vielfalt. Da wird auch etwas vom Göttlichen spürbar.

Wo blühst du auf?
Und wo lässt du andere blühen?

Wo wirst du geliebt, gefördert und wertgeschätzt?
Und wo liebst, förderst und wertschätzt du andere?

Verbundenheit, Kama Muta, entsteht auch dort, wo wir einander kennen lernen und in aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit annehmen. Ein schönes Beispiel findet sich im Clip Mitfühlen statt wegsehen:

Und hier kannst du meine Predigt nachhören:

Wert-geschätzt oder nieder-geschlagen?

Das klingt irgendwie kitschig-romantisch bis esoterisch, wenn ein Hockey-Crack wie Kevin Fiala über das Natiteam sagt: «Wir lieben uns alle!». Und der Nati-Coach Patrick Fischer doppelt nach: «Wir nennen uns ‘wolf pack’, ein Wolfsrudel, in dem wir zueinander schauen.»

So geschehen und gesehen neulich in einer Vorschau auf die Olympischen Spiele. In den Ohren der Moderatorin Daniela Milanese kam schier etwas Sektenhaftes an. Bemerkenswert sei, merkte sie an, dass der NHL-Star Kevin Fiala nicht über Medaillen sprach, sondern über den Zusammenhalt im Team.

Das ist kein Zufall – und auch kein Produkt der bemerkenswerten Erfolge der letzten Jahre. Ganz im Gegenteil: Gemäss den Ausführungen von Patrick Fischer wird ganz bewusst an diesem Spirit gearbeitet, ein Umfeld kreiert, indem ein solcher Zusammenhalt entstehen kann.

Studien sagen es im Grunde schon lange: Die sogenannten «Soft Facts» sind nicht einfach etwas für «Softies». Der Unterschied zwischen der Performance eines guten zu einem herausragenden Team liegt im Umgang miteinander.

Sprich: Der Zusammenhalt, die Wertschätzung, ja, die Liebe, machen den Unterschied! – selbst in einer so harten Sportart wie dem Eishockey, wo auch mal Zähne fliegen.

Wundermittel für so vieles

Was in der Sportwelt angekommen ist, dürfte gerne noch mehr Kreise ziehen in der Arbeitswelt – oder auch in unseren Kirchen und überhaupt in der Gesellschaft.

Im Wirtschaftsteil der «NZZ am Sonntag» (Ausgabe: 7.12.25) fragt die Arbeitspsychologin Nicole Kopp: «Wertschätzung ist ein Wundermittel. Warum sind wir so knausrig damit?»

Was für eine gute und gleichzeitig traurige Frage!

Wir wissen es aus eigener Erfahrung: Lob und Anerkennung tut einfach gut. Laut Gary Chapman ist dies sogar die Liebessprache, für welche wir über alle Altersgruppen am empfänglichsten sind.

Ob intellektuell oder vor allem emotional, uns ist eigentlich bewusst, dass Wertschätzung ein menschliches Grundbedürfnis ist.

Und trotzdem gehen wir oft so sparsam damit um. Während sich Mitarbeitende darüber beklagen, von ihren Vorgesetzten zu wenig Wertschätzung zu erhalten, kommen dieselben Mitarbeitenden in seltensten Fällen auf die Idee, ihren Chefs gegenüber Wertschätzung auszudrücken.

Doch: Auch Chefs sind Menschen! Natürlich ist es eine Führungsaufgabe (siehe Natitrainer Patrick Fischer), ein Umfeld der Wertschätzung zu schaffen.

Gleichzeitig ist es zu einfach, sich über mangelnde Wertschätzung anderer zu beklagen und selber den Mitmenschen nicht wertschätzend zu begegnen.

Während im Weissen Haus gerade einer sitzt, der solche «Soft Facts» mit Füssen «trumpt» und Menschen in aller Öffentlichkeit verunglimpft, schreit unsere Welt nach mehr Mitmenschlichkeit und Wertschätzung.

Die Forschung zeigt, dass Wertschätzung all das bewirkt, was Arbeitgeber fördern möchten: Sie steigert die Arbeitszufriedenheit, die Motivation, die Produktivität und die Leistungsfähigkeit. Und auch Angestellte profitieren enorm von den Wirkungen von Wertschätzung: Sie verbessert das Wohlbefinden, die Erholung und die Schlafqualität. Gleichzeitig werden Stress, Belastung, das Burnout-Risiko und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gesenkt. Wertschätzung ist sozusagen ein Wundergeschenk.

Was Nicole Kopp hier auf die Arbeitswelt bezieht, zählt genauso für all andere Bereiche des Lebens. Als soziale Wesen gehen wir Menschen entweder ermutigt und wert-geschätzt oder entmutigt und nieder-geschlagen aus Begegnungen heraus.

Die Arbeitspsychologin schliesst ihren Artikel mit einer Aufforderung, der ich mich gerne anschliesse: «Wertschätzung ist das wertvollste und nachhaltigste Geschenk. Verteilen Sie es grosszügig!»

Glücksaufgabe

Unter dem Begriff «Gemeinschaft: Liebe geben und empfangen» hat es die glücksfördernde Wirkung von Wertschätzung auch auf die Liste der 16 Glücksaktivitäten in meinem Buch Glück finden, hier und jetzt geschafft.

Und am Ende des Kapitels über Freundschaft findet sich folgende Einladung:

Mitmenschen loben

Haben Sie auch schon festgestellt, dass manche Mitmenschen peinlich berührt sind, wenn man sie lobt? Lassen Sie sich davon nicht irritieren! Wir alle brauchen Ermutigung und wir alle können dazu beitragen, dass an die Stelle der ständigen Nörgelei eine Kultur der Wertschätzung und Ermutigung tritt. Beginnen Sie gleich jetzt damit! Greifen Sie zum Telefon oder Stift und sorgen Sie mit einer kurzen Ermutigung für Glücksgefühle bei einem Mitmenschen – und bei Ihnen!

Hoffnung ist ein Arschloch

Letzten Sonntag hörte ich sie wieder in der Kirche. Die süsse Lobeshymne auf die Hoffnung. Sie trage uns durch, sie belebe uns, ja, sie sei die Stärke in unserer Schwachheit. Und ich las von ihr in unserem Kirchenmagazin und sogar in der NZZ am Sonntag.

Da hab ich nichts dagegen. Im Gegenteil: Hoffnung ist gar Teil von meinem Lebensmotto und oft genug habe ich hier im GlücksBlog schon von ihr geschrieben.

Und gleichzeitig muss es heute einfach auch mal gesagt werden – und sorry, dass ich dafür eine so unanständige Wortwahl wähle (es muss sein, weil es erstens mir gerade guttut und ich zweitens «hoffe» 😉, dass es neugierig macht): Hoffnung ist auch bloss ein Arschloch!

By the way: Der letzte Abschnitt lässt bereits vermuten, dass es zwischen dem Verb Hoffen und dem Substantiv Hoffnung zu unterscheiden gilt. Doch dazu später mehr.

Meine Frau sagte mir neulich: «Du kannst alles schönreden. Du kannst sogar in einem hässlichen Kaffeerahmdeckel etwas Schönes sehen.»

Genau das ist mein Problem: Als Visionär sehe ich Chancen, wo andere Hindernisse sehen.

Klingt für dich nach einer Stärke? Das war es in meinem Leben auch schon sehr oft: Vieles, was in meinem Leben und durch mein Wirken werden durfte, entstand, weil ich Visionen, Träume und damit Hoffnung hatte. Ich sah Möglichkeiten, packte mutig und zielstrebig an.

Gleichzeitig hat diese Eigenschaft auch zu ganz viel Schmerz in meinem Leben geführt. Ganz ehrlich: Bei allem, was ich erreicht habe – die Visionen waren (fast) immer grösser als die Realität. Was ich hoffte, war immer noch etwas mehr als das, was wurde.

Und so ist meine Stärke eben auch eine meiner grössten Schwächen: Mein Hoffen und mein Visionieren kann zu einem Realitätsverlust führen. Ich mische so lange Träume, Visionen und Hoffnung ins graue Allerlei der Realität, bis ich sehnsüchtig eine farbenfrohe Zukunft vor mir sehe.

Hoffen als Realitätsbeschönigung

«Da hilft nur noch beten und hoffen!» – Zum Gebet will ich mich an dieser Stelle nicht äussern. Doch dieses Hoffen auf bessere Zeiten, ist es nicht ein hilfloses Klammern an einen Strohhalm? «Ich hoffe mit dir!», sagen wir dem todkranken Mitmenschen. Was meinen wir denn damit? Dass wir auf irgendeine wundersame Wendung hoffen und am Ende alles schon gut kommen mag? Oder hoffen wir mit der Person, dass sie noch möglichst viele gute Tage hat, bevor die Krankheit ihr das Leben endgültig raubt? Oder gilt unsere und die gewünschte Hoffnung auf etwas, das über das irdische Dasein hinausragt?

Als leidenschaftlicher Visionär weiss ich natürlich, dass im menschlichen Hoffen eine unglaubliche Gestaltungskraft innewohnt.

Als gereifter Visionär weiss ich jedoch auch, dass menschliches Hoffen auch dazu verführen kann, die Realität schönzureden oder ihr überhaupt gar nicht in die Augen zu schauen.

Der meistgesagte Satz von manchen (auch kirchlichen) Führungspersonen ist «Es kommt schon gut», dicht gefolgt von «Es wird sich schon ein Weg zeigen».

Das ist Hoffen statt Handeln!

Und so lähmt uns unser Hoffen dort, wo es eigentlich zu mutigem Vorwärtsstolpern inspirieren möchte.

Stehen wir dazu: Die Realität ist einfach manchmal wirklich schlecht. Und (um nochmals unanständig zu werden): Das Leben ist ab und zu einfach scheisse.

Was sagen wir den Opfern und ihren Angehörigen der Silvesterkatastrophe in Crans Montana? Was den todkranken Freunden? Was in unseren eigenen ausweglosen Situationen?

Ich brauche mehr als ein Hoffen auf bessere Zeiten. Ich wünsche den Menschen, dass sie nicht naiv die Augen vor der harten Realität verschliessen – und gleichzeitig darin Ruhe finden und damit Frieden schliessen können.

Für mich wird das nur möglich, weil es da eben eine jenseitige Hoffnung gibt, die mehr ist als unser Hoffen. Und in dieser Hoffnung will ich mein Leben in all seinen Herausforderungen gestalten – statt einfach auf bessere Zeiten zu hoffen.

Glücksaufgabe

Hoffst du noch (auf bessere Umstände)?
Oder lebst du schon (mit göttlicher Hoffnung)?

Wenn ein Platz plötzlich leer bleibt

Sie haben es wieder geschafft: Auch dieses Jahr berührt mich ein Weihnachts-Werbeclip von einem Grossverteiler zutiefst in meinem Herzen.

«Finn und sein Papa» – ist es nicht brillant, wie hier in 90 Sekunden das ganze Leben erzählt wird:

Spiel & Freude.
Leben entdecken & von Vorbildern lernen.
Verlieben & eigene Familie gründen.
Herzensmenschen loslassen.

Und dann, völlig unaufdringlich der «Call to action» – nein, nicht der Aufruf bei diesem Grossverteiler einzukaufen (ist natürlich subtil auch Teil vom Clip). Doch was ist der «Call to action», zu was werden wir eingeladen?

«Weihnachten ist, was wir weitergeben.»

Der Clip zeigt, dass es nicht einfach darum geht, Geschenke weiterzugeben. Es geht tiefer: Wir geben Wärme, Liebe, Werte und Traditionen weiter – von einer Generation zur nächsten.

So werden diese 90 Sekunden zu viel mehr als einem süssen Weihnachts-Werbeclip:

Leben ist, was wir weitergeben.
Familie ist, was wir weitergeben.
Freundschaft ist, was wir weitergeben.
Und ja: Glaube ist, was wir weitergeben.

Und zwar geben wir nicht weiter, weil wir beim richtigen Grossverteiler eingekauft haben – wir geben weiter, weil uns das Leben, der Himmel, weil uns Gott selbst, zuerst beschenkt hat. In dieser Krippe im Stall begegnet und beschenkt uns Gott. Das ist Weihnachten.

Eine Stelle im Clip hat mich besonders berührt: Als der Platz vom Papi plötzlich leer geblieben ist.

Viele von uns kennen das: Der Platz von Herzensmensch­en an unserem Tisch bleibt leer. Weil sie von uns gegangen sind, weil sie sich entschieden haben, nicht mit uns zu feiern oder weil sie gesundheitlich oder beruflich verhindert sind.

«Siehe, ich mache alles neu!»

Wenn Plätze am Tisch leer bleiben, ist es gar nicht so einfach, in Feier- und Festtagslaune zu kommen. Wenn unser Leben und die Welt voller Trauer, Klage und Schmerz sind, was gibt es da zu feiern?

Hier hinein spricht Gott durch die Jahreslosung 2026: «Siehe, ich mache alles neu!» (Die Bibel, Offenbarung 21,5).

«Siehe»: Das ist die Einladung, unseren Blick weg vom leeren Platz, weg von Trauer, Not und Schmerz auf ihn zu richten, auf den, der uns aufrichten wird.

Es ist der Blick, der über unser gegenwärtiges Leben und Feiern in die zukünftige Welt ragt. Es wird nicht ver­sprochen, dass jetzt schon alle Tränen getrocknet werden, doch dann wird alles neu – der Schmerz ist vorbei.

Darum ermutige ich trotz den leeren Plätzen an unseren Tischen zu feiern:

Feiert! Feiert freudig und ausgelassen – auch wenn nicht alles gut ist in eurem Leben, wenn Plätze am Tisch leer bleiben, wenn Schmerzen plagen.

Doch: Verdrängt beim Feiern den Schmerz nicht! Integriert den leeren Platz ins Feiern – er gehört zu euch dazu.

So wird unser unperfektes Familien-Weihnachtsfest sowie unser «Leben feiern» nicht nur eine Erinnerung an die erste Weihnacht, als der Himmel diese chaotische und unperfekte Welt besuchte und uns Frieden statt Furcht gebracht hat.

Unser Feiern ist nicht nur ein Erinnern zurück zur Krippe im Stall, zum Gott Mitten in Schwachheit.

Unser Feiern, wenn wir die leeren Plätze und den Schmerz nicht ignorieren, werden auch zu Erinnerungsmomenten an das, was kommen wird, was uns versprochen ist:

«Siehe, ich mache alles neu!»

Die leeren Plätze – Schmerz, Not und Trauer – werden nicht das letzte Wort haben!

Glücksaufgabe

Manchmal bleiben Plätze an unserem Tisch leer.
Und manchmal gibt es Tische, an die sind wir nicht eingeladen.

Weihnachten ist auch die Erinnerung, dass es bei Gott anders ist: An seinem Tisch sind wir alle erwünscht und willkommen!

Wie schon Peter Reber singt (Fröi di), gibt es bei diesem Fest keine exklusive Gästeliste – weil alle eingeladen sind.

Ich wünsche dir gesegnete Weihnachten und schon jetzt alles gute fürs kommende Jahr! Welchen Gedanken aus diesem Artikel willst du mitnehmen für die kommenden Festtage und das neue Jahr?

Basis von diesem Artikel ist meine Predigt vom vierten Advent, welche du hier nachhören kannst: