Alles perfekt ist auch nicht alles

Einen Teil meiner Herbstferien verbrachte ich in einem Wellnesshotel im Montafon. Als Stammgäste eines anderen Hotels am selben Ort begleitete meine Frau und mich ein spezieller Mix von Neugierde und Skepsis (und ja, unser Stammhotel ist etwas teurer, weshalb wir diesmal eine Alternative suchten …).

Um es vorwegzunehmen: Wir waren grösstenteils sehr zufrieden mit dem Angebot und dem Service. Gut möglich, dass das neuentdeckte Hotel auch künftig eine Option sein wird.

Wartest du bereits auf das Aber? Es gibt da tatsächlich etwas, das mich noch über den Urlaub hinaus begleitet hat und mich zur Widerrede provoziert:

Tag für Tag stand abends auf der Konsumationsrechnung dieser unsägliche Spruch: «Kleine Sachen machen die Perfektion aus, aber Perfektion ist keine kleine Sache.»

Dieser Ansatz der Perfektion irritierte mich doppelt: Einerseits teile ich das Streben nach Perfektion nicht – weil es das nicht gibt und auch etwas mechanisch wirkt. Exzellenz ist das, was ich suche. Oder Leidenschaft. Aber nicht Perfektion.

Doch noch mehr irritierte mich dann, als ich immer wieder auf kleine, dumme Fehler stiess: Beispielsweise wurde in der Morgenpost der Text eines Zitates mitten im Satz abgeschnitten. (Eigentlich klang es sogar spannend: «Von Zeit zu Zeit erinnert uns das Leben daran, dass unsere …», doch die Pointe werde ich wohl niemals erfahren.)

Oder es gab mehrmals Schreibfehler im Menü, was wiederum zu ungewollter Situationskomik führte: Aus Montafoner Strohschwein wurde Montafoner Strohwein (tatsächlich gibt es Strohwein, jedoch nicht im Montafon – und eher weniger als Speise).

Für mich ist diese Ferienerfahrung der beste Beweis dafür, dass die Perfektions-Philosophie vorneweg zum Scheitern verurteilt ist: Wer Fehlerlosigkeit anstrebt, macht sich das Leben selbst schwer und wirkt dabei wahrscheinlich erst noch mechanisch/technisch.

Als junger Visionär und Pfarrer, der kleine Schweizer Kirchen mit überschaubarer Attraktion gewohnt war, erlebte ich bei meinem ersten Besuch in der Willow Creek Gemeinde in Chicago im Jahr 2000 eine gewaltige Offenbarung: So kann Kirche also auch sein?! Diese Qualität, Leidenschaft, Professionalität, Liebe zu Menschen und Details sprachen mich sehr an.

Gleichzeitig habe ich genau dort etwas gelernt, das mich bis in meinen diesjährigen Montafon-Urlaub begleitete: Wir streben besser nach Exzellenz als nach Perfektion.

Perfektion als Nullfehlertoleranz tötet Leidenschaft, Menschlichkeit, Freude. Demgegenüber steht, so wurde es mir bei Willow vermittelt, die Exzellenz, die uns motiviert, das Beste aus den vorhandenen Ressourcen, aus unseren Möglichkeiten zu machen.

Alles perfekt ist eben auch nicht alles. Weil es gar nicht geht. Und, falls es gehen würde, dann so künstlich und blutleer wirkt, wie KI generierte Produkte.

Oder wer fühlt sich von perfekt gemachten Lippen und perfekt gelifteten Gesichtern wirklich angezogen? Und wer fühlt sich von der perfekten Moderation eines KI-Avatars wirklich abgeholt?

Zum Leben gehören Falten.
Zum Arbeiten gehören Fehler.

Wer auf begeisterte Menschen setzt, kann mit Exzellenz und Leidenschaft die Welt bewegen.

Wer auf emotionslose Maschinen setzt, kann mit Perfektion beeindrucken (oder abschrecken), aber nicht so richtig Emotionen wecken.     

(Und kleine Fehler bewirken mit etwas Charme viel Nähe – das wurde bei Willow spätestens dann klar, wenn Bill zum Flip Chart-Stift griff.)

Dem Hotel hab ich übrigens ein Feedback zu ihrem Perfektions-Ansatz geschickt. Was zu einem positiven Mailwechsel führte.

Glücksaufgabe

Was heisst für dich Perfektion?
Und was verstehst du unter Exzellenz?

In welchem siehst du mehr Glücks-Potenzial?
Und was heisst es für dich, das Beste aus deinen Möglichkeiten zu machen?

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