Originell wie ein Cervelat

Es ist die Zeit der gemütlichen Stunden am See, dem Baden in der Aare, dem Mitfeiern mit der Nati und für viele für uns die Zeit des sommerlichen Rhythmus – vielleicht mit Ferien oder wie bei mir mit einem anderen Arbeitsmodus (weniger Tagesgeschäft, mehr Planungs- und Entwicklungsaufgaben).

Und selbst die, die auch in diesen Tagen «normal» arbeiten, erzählen davon, dass der Sommer und die Hitze eine lockerere Atmosphäre in den Büroalltag bringen.

Während das regelmässige Programm ruht, bieten wir bei Happy Kids und im gms seeland spezielle Aktivitäten wie die FeriäChischte und die offenen Kapellengärten an.

Da entschied sich das Vorbereitungsteam für das Motto «Cervelat». Das stellte mich vor zwei Herausforderungen: Einerseits lebe ich seit gefühlt 40 Jahren im Glauben, dass ich die Schweizer-Traditionswurst nicht mag.

Und zweites war da die Frage nach dem Thema meines Kurzimpuls. Auf entsprechende Nachfrage bei einer Verantwortlichen aus dem Team wurden, mit einem Augenzwinkern, Gedanken zum Thema «Individualität von Cervelats» gewünscht.

Diese sommerliche Herausforderung nahm ich mit Freude an – trotz meiner geglaubten Abneigung von Cervelats.

Ja, wie magst du denn deinen Cervelat? Etwa genau so, wie sie in der Auslage der Metzgerei zu finden sind?

Eher nicht. Wenn er kalt verzehrt werden soll, werden die meisten mindestens die Haut ablösen und vielleicht den Cervelat in Rädchen schneiden. Wie muss also der Perfekte-Cervelat sein?

Die Geschmäcker sind so unterschiedlich wie wir unterschiedlich sind. «Die Individualität von Cervelats» äbä …

Zu meinem Sommer-Rhythmus gehört seit einigen Jahren, dass ich als Armeeseelsorger eine Rekrutenschule begleite. In der ersten RS-Woche darf ich jeweils eine Lektion gestalten. Da zeige ich am Ende jeweils gerne eine Auflistung der 16 Glückaktivitäten, wie ich sie in meinem Buch «Glück finden, hier und jetzt» vorstelle.

Ein Rekrut fragte nach, was ich denn mit «Originalität leben» meine. Spontan konnte ich es nicht besser erklären als mit diesem Kalenderspruch: «Jede:r kommt als Original zur Welt, viele sterben leider als billige Kopie.»

Es ist gerade umgekehrt als beim Cervelat: Da kommen alle gleich «zur Welt» und werden dann zum einzigartigen Original gestaltet.

Als Menschen sind wir per Geburt ein individuelles Original: Leider gibt es immer wieder eine Art Gruppendruck, der uns dazu verleitet, diese Originalität und Individualität mit der Zeit zu verlieren und uns einer bestimmten Norm anzupassen.

Statt originell und individuell sind wir dann einfach normal – wie der Cervelat im Laden.

Es braucht manchmal schon etwas Mut zur eigenen Individualität zu stehen – doch es macht erwiesenermassen glücklicher, als einfach mit der Masse zu gehen und sich der Norm anzupassen.

Auch Glaube ist individuell

Einen zweiten Gedanken teilte ich mit den Besuchenden des offenen Kapellengartens: Auch Glaube und Bibelverständnis sind individuell wie die Cervelats.

Es gibt nicht diese eine biblische Stimme. Die Bibel ist ein mehrstimmiges Buch aus verschiedensten Zeitepochen, voller Gotteserfahrungen in unterschiedlichsten Kontexten und geprägt von verschiedensten kulturellen Einflüssen.

Doch eines entdecke ich von Genesis bis Offenbarung: Da ist ein Gott, der die Menschen – in all ihrer Individualität – liebt.

Und da ist ein Gott, der immer wieder aufs Neue das Wagnis eingeht, mit den Menschen unterwegs zu sein.

Glücksaufgabe

Cervelats sind individuell. Genauso dürfen und sollen auch wir Menschen individuell sein. Und genauso ist auch unser Glaube individuell – keine:r von uns hat «DIE EINE Wahrheit» gepachtet.

Wichtig ist die Frage: So individuell der Cervelat sein mag: Ist Cervelat drin? Schmeckt es nach Cervelat?

So individuell wir unser Leben und Glauben gestalten – die Frage ist: Ist Liebe drin? Schmeckt es nach Himmel?

Übrigens habe ich inzwischen festgestellt: Doch, auch ich mag Cervelats.

Mit diesem Artikel geht der GlücksBlog in die Sommerpause. Ich freue mich, wenn wir uns in einigen Wochen wieder lesen werden.

Wo ist das Leiden?

Wie viel Spass darf das Leben eigentlich machen? Wie sieht es mit dem Job aus: Ist es in Ordnung, wenn mensch sich an der Arbeit erfreut, sie gar lustvoll erlebt?

Und wie ist es mit der Kirche? Spass und Kirche – passt das zusammen?

Da kommt mir eine Begebenheit aus meinem Theologiestudium in den Sinn, es muss in einem Kurs im Bereich Praktische Theologie gewesen sein. Wenn ich mich richtig erinnere, mussten wir in Gruppenarbeiten unsere (Wunsch)Vorstellungen von Gemeindearbeit skizzieren.

Eine Gruppe präsentierte darauf die «Spass-Gemeinde». Worauf der Dozent meinte: «Da fehlt mir das Leiden!»

Schliessen sich Spass und Kirche also aus? Heisst Kirche vor allem Leiden?

Szenenwechsel: Schier 30 Jahre nach dieser Begebenheit im Studium, sitze ich als Pfarrer bei einem Glas Weisswein mit einem Gemeindeglied in einem Strassenbistro und spreche mit ihm über sein Engagement in der Kirche – und über Gott und die Welt.

«Dieses Setting ist für mich ungewohnt», meinte mein Gegenüber, das es im Privaten sehr wohl versteht, das Leben zu geniessen. Doch im Gemeindesetting? «Wenn ich an Gespräche mit dem Pfarrer denke, dann sehe ich vor meinem inneren Auge eher roter Tee und dunkle Kirchenräume – und nicht Weisswein an der Sonne.»

Es darf Spass machen!

Noch frischer sind meine Erinnerungen an unser Gemeindefest vor zwei Wochen: Wunderbare Location direkt am Bielersee, traumhaftes Frühsommerwetter, gute Stimmung, leckeres Essen, gute Musik, lockere Begegnungen …

Ich hatte sehr viel Spass an diesem Tag, der für mich mit der Zwischenraum-Tagung (an welcher ich als Referent dabei war) auf dem Bienenberg startete und der sich mit einem Bad im See mit meiner Tochter bei aufkommendem Vollmond nach dem Gemeindefest dem Ende zu neigte. Ein Tag voller Begegnungen – berührende und fröhliche, tiefgründige und traurige.

Bei allem lustvollen Unterwegssein hat der «Fun» für mich keinen Selbstzweck. Eine positive, lockere Atmosphäre schafft einen natürlichen Zugang zu tieferen Emotionen. Wir sollen das Leben feiern: Das beinhaltet für mich, sich mit den Fröhlichen mitfreuen und mit den Trauernden mitleiden. Beides gehört zum Leben – und manchmal sogar gleichzeitig: Leichtigkeit und Schweres. Mit einem, vielleicht seufzenden, Lachen ist das Schwere leichter zu ertragen. Und mit Tiefgründigkeit wird das Leichte nicht belanglos.

Und wenn wir den Spass-Faktor in allem integrieren wollen, geht das nie auf Kosten der Ernsthaftigkeit, mit der wir unsere Arbeit tun. Im Gegenteil: Stimmt der Spass-Faktor, bekommt Disziplin eine neue Bedeutung. Diese Lektion lernte ich damals im Gespräch mit dem Hockey-Profi J.J. Moser, mit dem ich bei «Chäs, Brot, Wy – und mini Gschicht mit Gott» vor seinem Sprung in die NHL talken durfte und den ich neulich nach dem WM-Viertelfinal kurz wiedersah.

Die weltweite Methodist:innen-Kirche hat als eines von drei Kennwerten im neuen Vision-Statement festgehalten: «Serve Joyfully», was im deutschsprachigen Raum mit «Bereitwillig dienen» übersetzt wird.

Da haben wir’s: Darf unser Dienen jetzt Spass machen, gar lustvoll sein (Joyfully, freudig)? Oder geht es doch eher ums «Leiden für den Herrn» (bereitwillig)?

Ähnlich wie damals im Studium wurde mir auch kürzlich die Aufgabe gestellt, mein Verständnis von Wesen und Mission der Kirche darzustellen.

«Persönlich gehören für mich zum Wesen der Kirche immer wieder frische Formen dazu. Unterschiedliche Menschen brauchen unterschiedliche Formen, damit sie sich wohl fühlen und gerne Teil der Kirche sind. Inhaltlich ist mir eine weite Theologie wichtig, die zu einem befreiten, lustvollen und lebensfördernden Glauben einlädt.»

Glaube, Kirche, Dienen – es darf Spass machen. Es soll Spass machen!

Und zwar nicht des Spasses wegen, sondern weil wir länger und besser breitwillig dienen, wenn wir dabei Spass haben. (In dem Sinn ist Spass sogar besseres Dopping als Ovo 😉.)

Glücksaufgabe

Übrigens: Das Leiden kommt von selbst. Vielleicht drehen wir das Ganze um und fragen im Sinn einer Glücksaufgabe: Was macht dir so viel Freude, dass du selbst dann daran festhältst, wenn es Leiden mit sich bringt?

By the way: Auch Heilige Momente können lustvoll sein. Und gibt es manchmal an überraschenden Orten zu erleben, wie z.B. an einem Michael Patrick Kelly Konzert im Hallenstadion.

Schon wieder ein Trend, der nicht glücklich macht

Ob du grad glücklich bist oder nicht – heute ist internationaler Tag des Glücks!

Das Glück fragt nicht, ob es grad passt. Oder mindestens der Weltglückstag fragt nicht nach unserem aktuellen Glücksempfinden, der Tag kommt in zuverlässiger Regelmässigkeit ohne Nachfrage an jedem 20. März.

Zugegeben: Bei mir passt’s grad nicht. Ich habe eine volle Woche mit super intensiven Sitzungen, an denen wir uns mit sehr anspruchsvollen Themen auseinandersetzen (müssen).

«Tja, lieber Herr Glücksautor, jetzt können Sie mal zeigen, ob Ihre Theorien mehr sind als blosses Schönwettergeschwätz!» hör ich da schon die ersten liebevollen Sticheleien.

Glück ist kein Zustand und mehr als ein Gefühl, Glück ist mehr Lebenseinstellung und hat viel mit unserer Lebensgestaltung zu tun – unabhängig unserer Lebensumstände.

Genau davon bin ich überzeugt. Und trotzdem wäre es unehrlich, zu verleugnen, dass all das an einem schönen Sommertag beim gemeinsamen Grillieren im Garten mit Herzensmenschen leichter fällt, als wenn sich körperliche oder finanzielle Herausforderungen oder Beziehungsprobleme breitmachen.

Ich bin überzeugt, dass es Glück in Form von Lebenszufriedenheit gibt, die mehr ist als ein wohliges Gefühl. Vielleicht eher die Frage danach, ob ich mich und mein Leben als lebenswert beurteile. Finde ich Sinnhaftigkeit in meinem Sein?

Damit meine ich nicht das Herbeireden eines Sinnes in so manch Sinnlosem wie den Kriegen auf der Welt, dem Unrecht, das uns angetan wird, oder dem plötzlichen Tod eines Familienmitgliedes.

Nein, was ich mit Sinnhaftigkeit meine, ist im grösseren Bogen zu denken: Gibt es etwas in meinem Leben, wofür es sich zu leben lohnt? In meinem Buch Glück finden – hier und jetzt nenne ich dies den Wind im Windrad. Ein Windrad ohne Wind anzutreiben, ist anstrengender Energieverschleiss. Unsere Lebensbereiche wie Arbeit, Familie und Sozialleben selber antreiben zu müssen, ist kräfteraubend, laugt aus. Der Wind hat hier oft mit dem grossen WHY zu tun. Und wenn es uns Energie gibt, statt bloss Energie zu rauben.

Zwischen Longevity-Boom und Exit

Letzten Sonntag predigte ich zum Thema «Wann ist ein Leben lebenswert?». Dabei ging es einerseits darum, dass jeder Mensch eine unantastbare Würde und einen bedingungslosen Wert in sich trägt – «Du bist eine Perle!». Anderseits stellten wir uns auch der überaus herausfordernden Frage, was denn Würde und wertvolles Leben am Lebensende bedeuten. Kann Exit zur Variante werden, wenn mensch lebenssatt geworden ist?

Während meinen Predigtvorbereitungen poppten in den Medien grad mehrere Berichte über den Longevity-Boom auf: Geht es darum, möglichst lange zu leben? Ist ein langes Leben wertvoller? Ist das der Sinn des Lebens?

Für mich nicht. So gerne ich dieses Leben auch habe.

Doch dieser Trend zum gesunden Lebensstil, der schnell exzessive oder gar wahnhafte Züge annimmt, ist nichts für mich. Überhaupt glaube ich, dass alles, was exzessiv betrieben wird, irgendwann nicht mehr gesund ist – es ist nicht der Weg ins Glück, sondern der Weg ins Suchtverhalten.

SRF zitiert in Beiträgen über den Longevity-Trend den Philosoph Robert Pfaller:

Wer immer nur vernünftig ist,
der ist unvernünftig.

Und weiter gab Robert Pfaller zu bedenken, dass wir das Leben nicht auf morgen verschieben sollen, sondern besser so leben, «dass man die Veranstaltung hier auf Erden jederzeit verlassen kann, ohne etwas zu bereuen».

Dieser Ansatz gefällt mir: Schon im Kohelet wird gemahnt, es im Leben nicht zu übertreiben, auch nicht mit dem Frommsein.

In dem Sinn: Happy Weltglückstag. Lebe dein Leben – ob’s sich grad wundervoll oder anspruchsvoll anfühlt. Es ist dein Leben, deine Lebenszeit!

Glücksaufgabe

Was macht dein Leben wertvoll, kostbar, lebenswert?

Und was sind die Perlen in deinem Leben?

Du bist eine Perle! – Was macht dieser Satz mit dir?

Warum ich meinen Glauben aufgegeben habe

Ich gebe zu: Die entscheidende Weggabelung auf meiner geistlichen Reise hin zu einem weiten Glauben und einer progressiven Theologie hatte, wie bei vielen anderen, auch bei mir mit der «Schwulenfrage» zu tun.

Irgendwann entdeckte ich die Lieblosigkeit in meinem evangelikal geprägten «Ja, aber …»-Denken: Du darfst sein wie du bist, aber lebe es einfach nicht aus.

Erst viel später entdeckte ich, wie zynisch ein solches Denken ist: Gott hat dich wunderbar geschaffen so wie du bist. Finde deine Identität (in Gott) – doch liebe nicht so, wie es deiner Identität entspricht …

Ja, die Sexualmoral ist ein Lieblingsstreitthema zwischen evangelikalen und postevangelikalen Christ:innen.

Doch seit ich meinen evangelikalen Glauben aufgegeben habe, entdecke ich noch so viel mehr – und theologisch viel bedeutendere – Gebiete, in denen die neue Weite mich zu einem befreiten, fröhlichen Glauben führt.

Apropos «fröhlich Glauben»: Das kam mir schon in meiner evangelikalen Zeit komisch vor. Da wird von Freude und Fröhlichkeit gepredigt, gesungen und geredet. Im Alltag beobachtete ich dann eher eine verknorzte Zwanghaftigkeit.

Überhaupt kommt mir so vieles abstrakt und lebensfremd vor, was ich früher glaubte: Das Konzept von Sünde, Blut und Opferlamm blieb trotz emotionalen Worshipsongs – und Theologiestudium! – irgendwie fremd für mich. Natürlich hätte ich das nie zugegeben, glaubte ja selbst daran, dass das Kreuzesgeschehen der ultimative Liebesbeweise Gottes ist, da er wegen mir und meinen Fehltritten seinen Sohn für uns Menschen opferte …

Doch was ist das für eine Begnadigung, wenn diese Gnade von einem «Gegengeschäft» abhängig ist? «Vergeben bedarf keiner Gegenleistung, man muss nur spüren, dass es von Herzen kommt», lese ich im inspirierenden Roman Die Passion von Amélie Nothomb.

Der Entmenschlichung entgegenwirken

Nein, den Glauben an eine liebende Gottheit habe ich nie aufgegeben und ich habe auch keine Dekonstruktion mit Paukenschlag hinter mir. Meine Glaubensentwicklung ist ein lebenslanger Prozess. So wurde das Evangelium für mich ganzheitlicher, die Theologie weiter und der Glaube befreiender – und so löste ich mich aus dem engen Korsett.

Enge – und tötende Regeln – wirken nieder-schlagend und nehmen uns den Schnauf. Weite – und lebensfördernde Haltungen – wirken auf-bauend und bringen uns zum Blühen.

Neben diversen Podcasts wie Hossa-Talk und Jetzt wird’s persönlich von Klaus-André Eickhoff sind in besonderem Masse die Bücher von Martin Benz wertvolle Reisebegleiter in meinem geistlichen Unterwegssein.

So erstaunt es nicht, dass die Impulse von Martin an der 3×3 Konferenz «Weit glauben – und trotzdem Gemeinde?!» nachhallen.

Menschen aus der Entmenschlichung führen, dieser Gedanke von Martin hat mich sehr angesprochen: «Es geht nicht einfach darum aus Menschen Christen zu machen, sondern aus Menschen wieder Menschen zu machen.»

Etwas geistlich Abstraktes wird für mich greifbar und ist mehr konkrete Lebenshilfe als dogmatisches Gedankengebilde: «Sünde ist nicht einfach die Übertretung eines einzelnen Gebotes, sondern die Entmenschlichung des Menschen.»

Passend dazu lese ich am Tag nach der Konferenz in der Badewanne liegend meine Sonntagslektüre (NZZ am Sonntag):

Saskia Niño de Rivera … hat rekonstruiert, wie dort in den Bergen Jugendliche gezielt traumatisiert und entmenschlicht werden: «Am Anfang bekommen sie einen Hundewelpen geschenkt, den sie aufziehen und nach 30 Tagen eigenhändig umbringen müssen», erzählt Niño de Rivera im Interview. «Das zerstört ihre Persönlichkeitsstruktur. Sie sind später kaum in der Lage, Ereignisse chronologisch zu ordnen oder Empathie für jemand zu empfinden.»

Entmenschlichung – wir kennen sie, im Kleinen wie im Grossen.

Da träume ich gerne mit Martin Benz und anderen von Gemeinden, in denen nicht die Bekehrung zu irgendwelchen abstrakten Glaubenssätzen im Zentrum steht, sondern das Angebot Jesu, uns wieder zu Menschen zu machen.

Glücksaufgabe

Wie du bestimmt bemerkt hast, habe ich nicht wirklich meinen Glauben aufgegeben, sondern meine evangelikale Prägung überwunden.

Vieles hat sich über die Jahre in meinem Leben und Glauben verändert und ich mag für meine früheren Freund:innen inzwischen zu wenig fromm (oder schlimmeres) sein. Doch eines kann ich mit Überzeugung sagen: Ich bin begeistert wie selten zuvor von meinem Glauben. Er ist keine Mogelpackung mehr. Ich muss nicht Menschen etwas «verkaufen», was sie gar nicht wollen.

Ich suche nach Glück im Sinn von Lebenszufriedenheit und Shalom. Und weisst du was? Genau das wünscht sich die bedingungslose göttliche Liebe für uns. Nein, nicht irgendwelchen Wohlstand, sondern blühendes Leben für alle.

Wo macht dich dein Glaube glücklich?
Und wo vielleicht das Gegenteil davon?

Wert-geschätzt oder nieder-geschlagen?

Das klingt irgendwie kitschig-romantisch bis esoterisch, wenn ein Hockey-Crack wie Kevin Fiala über das Natiteam sagt: «Wir lieben uns alle!». Und der Nati-Coach Patrick Fischer doppelt nach: «Wir nennen uns ‘wolf pack’, ein Wolfsrudel, in dem wir zueinander schauen.»

So geschehen und gesehen neulich in einer Vorschau auf die Olympischen Spiele. In den Ohren der Moderatorin Daniela Milanese kam schier etwas Sektenhaftes an. Bemerkenswert sei, merkte sie an, dass der NHL-Star Kevin Fiala nicht über Medaillen sprach, sondern über den Zusammenhalt im Team.

Das ist kein Zufall – und auch kein Produkt der bemerkenswerten Erfolge der letzten Jahre. Ganz im Gegenteil: Gemäss den Ausführungen von Patrick Fischer wird ganz bewusst an diesem Spirit gearbeitet, ein Umfeld kreiert, indem ein solcher Zusammenhalt entstehen kann.

Studien sagen es im Grunde schon lange: Die sogenannten «Soft Facts» sind nicht einfach etwas für «Softies». Der Unterschied zwischen der Performance eines guten zu einem herausragenden Team liegt im Umgang miteinander.

Sprich: Der Zusammenhalt, die Wertschätzung, ja, die Liebe, machen den Unterschied! – selbst in einer so harten Sportart wie dem Eishockey, wo auch mal Zähne fliegen.

Wundermittel für so vieles

Was in der Sportwelt angekommen ist, dürfte gerne noch mehr Kreise ziehen in der Arbeitswelt – oder auch in unseren Kirchen und überhaupt in der Gesellschaft.

Im Wirtschaftsteil der «NZZ am Sonntag» (Ausgabe: 7.12.25) fragt die Arbeitspsychologin Nicole Kopp: «Wertschätzung ist ein Wundermittel. Warum sind wir so knausrig damit?»

Was für eine gute und gleichzeitig traurige Frage!

Wir wissen es aus eigener Erfahrung: Lob und Anerkennung tut einfach gut. Laut Gary Chapman ist dies sogar die Liebessprache, für welche wir über alle Altersgruppen am empfänglichsten sind.

Ob intellektuell oder vor allem emotional, uns ist eigentlich bewusst, dass Wertschätzung ein menschliches Grundbedürfnis ist.

Und trotzdem gehen wir oft so sparsam damit um. Während sich Mitarbeitende darüber beklagen, von ihren Vorgesetzten zu wenig Wertschätzung zu erhalten, kommen dieselben Mitarbeitenden in seltensten Fällen auf die Idee, ihren Chefs gegenüber Wertschätzung auszudrücken.

Doch: Auch Chefs sind Menschen! Natürlich ist es eine Führungsaufgabe (siehe Natitrainer Patrick Fischer), ein Umfeld der Wertschätzung zu schaffen.

Gleichzeitig ist es zu einfach, sich über mangelnde Wertschätzung anderer zu beklagen und selber den Mitmenschen nicht wertschätzend zu begegnen.

Während im Weissen Haus gerade einer sitzt, der solche «Soft Facts» mit Füssen «trumpt» und Menschen in aller Öffentlichkeit verunglimpft, schreit unsere Welt nach mehr Mitmenschlichkeit und Wertschätzung.

Die Forschung zeigt, dass Wertschätzung all das bewirkt, was Arbeitgeber fördern möchten: Sie steigert die Arbeitszufriedenheit, die Motivation, die Produktivität und die Leistungsfähigkeit. Und auch Angestellte profitieren enorm von den Wirkungen von Wertschätzung: Sie verbessert das Wohlbefinden, die Erholung und die Schlafqualität. Gleichzeitig werden Stress, Belastung, das Burnout-Risiko und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gesenkt. Wertschätzung ist sozusagen ein Wundergeschenk.

Was Nicole Kopp hier auf die Arbeitswelt bezieht, zählt genauso für all andere Bereiche des Lebens. Als soziale Wesen gehen wir Menschen entweder ermutigt und wert-geschätzt oder entmutigt und nieder-geschlagen aus Begegnungen heraus.

Die Arbeitspsychologin schliesst ihren Artikel mit einer Aufforderung, der ich mich gerne anschliesse: «Wertschätzung ist das wertvollste und nachhaltigste Geschenk. Verteilen Sie es grosszügig!»

Glücksaufgabe

Unter dem Begriff «Gemeinschaft: Liebe geben und empfangen» hat es die glücksfördernde Wirkung von Wertschätzung auch auf die Liste der 16 Glücksaktivitäten in meinem Buch Glück finden, hier und jetzt geschafft.

Und am Ende des Kapitels über Freundschaft findet sich folgende Einladung:

Mitmenschen loben

Haben Sie auch schon festgestellt, dass manche Mitmenschen peinlich berührt sind, wenn man sie lobt? Lassen Sie sich davon nicht irritieren! Wir alle brauchen Ermutigung und wir alle können dazu beitragen, dass an die Stelle der ständigen Nörgelei eine Kultur der Wertschätzung und Ermutigung tritt. Beginnen Sie gleich jetzt damit! Greifen Sie zum Telefon oder Stift und sorgen Sie mit einer kurzen Ermutigung für Glücksgefühle bei einem Mitmenschen – und bei Ihnen!

Hoffnung ist ein Arschloch

Letzten Sonntag hörte ich sie wieder in der Kirche. Die süsse Lobeshymne auf die Hoffnung. Sie trage uns durch, sie belebe uns, ja, sie sei die Stärke in unserer Schwachheit. Und ich las von ihr in unserem Kirchenmagazin und sogar in der NZZ am Sonntag.

Da hab ich nichts dagegen. Im Gegenteil: Hoffnung ist gar Teil von meinem Lebensmotto und oft genug habe ich hier im GlücksBlog schon von ihr geschrieben.

Und gleichzeitig muss es heute einfach auch mal gesagt werden – und sorry, dass ich dafür eine so unanständige Wortwahl wähle (es muss sein, weil es erstens mir gerade guttut und ich zweitens «hoffe» 😉, dass es neugierig macht): Hoffnung ist auch bloss ein Arschloch!

By the way: Der letzte Abschnitt lässt bereits vermuten, dass es zwischen dem Verb Hoffen und dem Substantiv Hoffnung zu unterscheiden gilt. Doch dazu später mehr.

Meine Frau sagte mir neulich: «Du kannst alles schönreden. Du kannst sogar in einem hässlichen Kaffeerahmdeckel etwas Schönes sehen.»

Genau das ist mein Problem: Als Visionär sehe ich Chancen, wo andere Hindernisse sehen.

Klingt für dich nach einer Stärke? Das war es in meinem Leben auch schon sehr oft: Vieles, was in meinem Leben und durch mein Wirken werden durfte, entstand, weil ich Visionen, Träume und damit Hoffnung hatte. Ich sah Möglichkeiten, packte mutig und zielstrebig an.

Gleichzeitig hat diese Eigenschaft auch zu ganz viel Schmerz in meinem Leben geführt. Ganz ehrlich: Bei allem, was ich erreicht habe – die Visionen waren (fast) immer grösser als die Realität. Was ich hoffte, war immer noch etwas mehr als das, was wurde.

Und so ist meine Stärke eben auch eine meiner grössten Schwächen: Mein Hoffen und mein Visionieren kann zu einem Realitätsverlust führen. Ich mische so lange Träume, Visionen und Hoffnung ins graue Allerlei der Realität, bis ich sehnsüchtig eine farbenfrohe Zukunft vor mir sehe.

Hoffen als Realitätsbeschönigung

«Da hilft nur noch beten und hoffen!» – Zum Gebet will ich mich an dieser Stelle nicht äussern. Doch dieses Hoffen auf bessere Zeiten, ist es nicht ein hilfloses Klammern an einen Strohhalm? «Ich hoffe mit dir!», sagen wir dem todkranken Mitmenschen. Was meinen wir denn damit? Dass wir auf irgendeine wundersame Wendung hoffen und am Ende alles schon gut kommen mag? Oder hoffen wir mit der Person, dass sie noch möglichst viele gute Tage hat, bevor die Krankheit ihr das Leben endgültig raubt? Oder gilt unsere und die gewünschte Hoffnung auf etwas, das über das irdische Dasein hinausragt?

Als leidenschaftlicher Visionär weiss ich natürlich, dass im menschlichen Hoffen eine unglaubliche Gestaltungskraft innewohnt.

Als gereifter Visionär weiss ich jedoch auch, dass menschliches Hoffen auch dazu verführen kann, die Realität schönzureden oder ihr überhaupt gar nicht in die Augen zu schauen.

Der meistgesagte Satz von manchen (auch kirchlichen) Führungspersonen ist «Es kommt schon gut», dicht gefolgt von «Es wird sich schon ein Weg zeigen».

Das ist Hoffen statt Handeln!

Und so lähmt uns unser Hoffen dort, wo es eigentlich zu mutigem Vorwärtsstolpern inspirieren möchte.

Stehen wir dazu: Die Realität ist einfach manchmal wirklich schlecht. Und (um nochmals unanständig zu werden): Das Leben ist ab und zu einfach scheisse.

Was sagen wir den Opfern und ihren Angehörigen der Silvesterkatastrophe in Crans Montana? Was den todkranken Freunden? Was in unseren eigenen ausweglosen Situationen?

Ich brauche mehr als ein Hoffen auf bessere Zeiten. Ich wünsche den Menschen, dass sie nicht naiv die Augen vor der harten Realität verschliessen – und gleichzeitig darin Ruhe finden und damit Frieden schliessen können.

Für mich wird das nur möglich, weil es da eben eine jenseitige Hoffnung gibt, die mehr ist als unser Hoffen. Und in dieser Hoffnung will ich mein Leben in all seinen Herausforderungen gestalten – statt einfach auf bessere Zeiten zu hoffen.

Glücksaufgabe

Hoffst du noch (auf bessere Umstände)?
Oder lebst du schon (mit göttlicher Hoffnung)?

Wenn ein Platz plötzlich leer bleibt

Sie haben es wieder geschafft: Auch dieses Jahr berührt mich ein Weihnachts-Werbeclip von einem Grossverteiler zutiefst in meinem Herzen.

«Finn und sein Papa» – ist es nicht brillant, wie hier in 90 Sekunden das ganze Leben erzählt wird:

Spiel & Freude.
Leben entdecken & von Vorbildern lernen.
Verlieben & eigene Familie gründen.
Herzensmenschen loslassen.

Und dann, völlig unaufdringlich der «Call to action» – nein, nicht der Aufruf bei diesem Grossverteiler einzukaufen (ist natürlich subtil auch Teil vom Clip). Doch was ist der «Call to action», zu was werden wir eingeladen?

«Weihnachten ist, was wir weitergeben.»

Der Clip zeigt, dass es nicht einfach darum geht, Geschenke weiterzugeben. Es geht tiefer: Wir geben Wärme, Liebe, Werte und Traditionen weiter – von einer Generation zur nächsten.

So werden diese 90 Sekunden zu viel mehr als einem süssen Weihnachts-Werbeclip:

Leben ist, was wir weitergeben.
Familie ist, was wir weitergeben.
Freundschaft ist, was wir weitergeben.
Und ja: Glaube ist, was wir weitergeben.

Und zwar geben wir nicht weiter, weil wir beim richtigen Grossverteiler eingekauft haben – wir geben weiter, weil uns das Leben, der Himmel, weil uns Gott selbst, zuerst beschenkt hat. In dieser Krippe im Stall begegnet und beschenkt uns Gott. Das ist Weihnachten.

Eine Stelle im Clip hat mich besonders berührt: Als der Platz vom Papi plötzlich leer geblieben ist.

Viele von uns kennen das: Der Platz von Herzensmensch­en an unserem Tisch bleibt leer. Weil sie von uns gegangen sind, weil sie sich entschieden haben, nicht mit uns zu feiern oder weil sie gesundheitlich oder beruflich verhindert sind.

«Siehe, ich mache alles neu!»

Wenn Plätze am Tisch leer bleiben, ist es gar nicht so einfach, in Feier- und Festtagslaune zu kommen. Wenn unser Leben und die Welt voller Trauer, Klage und Schmerz sind, was gibt es da zu feiern?

Hier hinein spricht Gott durch die Jahreslosung 2026: «Siehe, ich mache alles neu!» (Die Bibel, Offenbarung 21,5).

«Siehe»: Das ist die Einladung, unseren Blick weg vom leeren Platz, weg von Trauer, Not und Schmerz auf ihn zu richten, auf den, der uns aufrichten wird.

Es ist der Blick, der über unser gegenwärtiges Leben und Feiern in die zukünftige Welt ragt. Es wird nicht ver­sprochen, dass jetzt schon alle Tränen getrocknet werden, doch dann wird alles neu – der Schmerz ist vorbei.

Darum ermutige ich trotz den leeren Plätzen an unseren Tischen zu feiern:

Feiert! Feiert freudig und ausgelassen – auch wenn nicht alles gut ist in eurem Leben, wenn Plätze am Tisch leer bleiben, wenn Schmerzen plagen.

Doch: Verdrängt beim Feiern den Schmerz nicht! Integriert den leeren Platz ins Feiern – er gehört zu euch dazu.

So wird unser unperfektes Familien-Weihnachtsfest sowie unser «Leben feiern» nicht nur eine Erinnerung an die erste Weihnacht, als der Himmel diese chaotische und unperfekte Welt besuchte und uns Frieden statt Furcht gebracht hat.

Unser Feiern ist nicht nur ein Erinnern zurück zur Krippe im Stall, zum Gott Mitten in Schwachheit.

Unser Feiern, wenn wir die leeren Plätze und den Schmerz nicht ignorieren, werden auch zu Erinnerungsmomenten an das, was kommen wird, was uns versprochen ist:

«Siehe, ich mache alles neu!»

Die leeren Plätze – Schmerz, Not und Trauer – werden nicht das letzte Wort haben!

Glücksaufgabe

Manchmal bleiben Plätze an unserem Tisch leer.
Und manchmal gibt es Tische, an die sind wir nicht eingeladen.

Weihnachten ist auch die Erinnerung, dass es bei Gott anders ist: An seinem Tisch sind wir alle erwünscht und willkommen!

Wie schon Peter Reber singt (Fröi di), gibt es bei diesem Fest keine exklusive Gästeliste – weil alle eingeladen sind.

Ich wünsche dir gesegnete Weihnachten und schon jetzt alles gute fürs kommende Jahr! Welchen Gedanken aus diesem Artikel willst du mitnehmen für die kommenden Festtage und das neue Jahr?

Basis von diesem Artikel ist meine Predigt vom vierten Advent, welche du hier nachhören kannst:

Der Duft der Glückseligkeit

Entspannung hat für mich einen ganz bestimmten Duft: Nein, nicht Lavendel (obwohl ich den auch ganz gut riechen kann).

Meinen Duft der Entspannung gibt’s für mich an einem einzigen (mindestes bisher, mehr dazu gleich weiter unten) Ort. Nämlich in meinem Lieblings-Wellnesshotel im Montafon.

Wir fahren in die Tiefgarage, entladen vorfreudig unser Gepäck aus dem Auto, rollen (wenn nicht gerade zuvorkommendes Hotelpersonal schneller ist) den Gepäckwagen zum Lift – und da steigt er schon in meine Nase, der Duft, der für mich reine Entspannung bedeutet.

Glückshormone werden ausgeschüttet.
Geist und Körper sind bereit für eine Auszeit.
Gerade noch im Alltagstrubel, jetzt blühe ich auf.

Hotelgänge haben ihre eigenen Düfte – meistens möchte ich mich da nur noch verduften. Nicht so in meinem Lieblingshotel: Da ist der Gang im Hotelgang eine Wohltat.

Ich bleibe stehen:
Einatmen, ausatmen.
Entspannung geht durch die Nase.

Und dann kommt mir das Pauluswort in den Sinn, dass Menschen, die aus der Liebe Gottes leben und diese Liebe weitertragen, für andere zum Wohlgeruch werden. Es ist der Duft, «der aus dem Leben kommt und zum Leben führt.» (Paulus im 2. Korintherbrief 2,16, nach der Basisbibel)

Ist es mit Gottes Bodenpersonal, mit uns Menschen, nicht auch wie mit diesen Hotelgängen? Es gibt diese und diese …

Ein Wohlgeruch, der zum Leben führt.
Hier bin ich gerne, hier blühe ich auf.

Ein Mief, der Leben tötet.
Hier ist mir unwohl, hier geh ich ein.

Leider klappt das mit dem Wohlgeruch zu oft nicht. Bei Menschen, in Kirchen. Dies wurde auch neulich im «Chäs, Brot, Wy – und mini Gschicht mit Gott» deutlich, als mein Talk-Gast, Bjørn Marti, von seinen Erfahrungen erzählte. Es wurde ganz ruhig im H2, als das Gespräch nach einer Stunde nochmals richtig tief wurde: Kirchen können ganz schön unmenschlich, ja gar unchristlich sein. Nichts von Wohlgeruch und Aufblühen.

Doch schauen wir auf das Gute! Es gibt sie, die Orte, die für uns zum Wohlgeruch werden. Menschen fühlen sich plötzlich gesehen, Jugendliche entdecken ihren «Safe Place», Mamis danken dafür, wie liebevoll da alles gestaltet ist …

Leben erwacht!
Der Wohlgeruch zieht Kreise!

Nach dem Ausflug in die Kirchenwelt zurück in mein Lieblingshotel: Da war ich also wiedereinmal an diesem Ort, wo schon der Duft Entspannungsgefühle in mir weckt, und war traurig darüber, dass ich mit meinem Smartphone, das sonst ja alles kann, nicht diesen Duft einfangen konnte … Und statt mit mir in dieses Wehklagen über die unvollkommene «Moderne Technik» einzustimmen, lachte meine Frau still auf den Stockzähnen in sich hinein (so stelle ich es mir jedenfalls inzwischen vor).

Denn: Was für eine grossartige Überraschung, als mir Brigä neulich an meinem Geburtstag einen Raumspray – das tönt irgendwie zu billig für dieses wertvolle Geschenk – also eher eine Dose voll Wohlgeruch aus meinem geliebten Hotel schenkte.

Neben weiteren tollen und originellen Geschenken meiner Herzensmenschen war dies mit Abstand das wohlriechendste.

Und so versprühe ich seither immer mal wieder etwas «Parfum d’Interieur» aus dem Löwen Hotel Montafon in unseren vier Wänden – und heute zum Schreiben dieses Textes sogar im Büro.

Glücksaufgabe

Welche Düfte wecken Glücksgefühle in dir?

In welchem Umfeld blühst du auf?

Und: Wo bist du ein Wohlgeruch, der andere zum Blühen bringt?

Neues mutig umarmen

Corona hat alles verändert …

Vor Corona hatten wir zwei Kinder –
nach Corona lebten zwei Erwachsene mit uns zusammen.

Vor Corona gingen wir regelmässig in Familien-Skiferien –
nach Corona gab es nur noch ad hoc Skitage mit Teilen der Familie.

Vor Corona führten wir ein Familien-Jahrbuch und sammelten Dankbarkeits-Zettel in einem grossen Glas. Nach Corona blieb das Glas leer (dankbar waren wir hoffentlich trotzdem).

Traditionen verändern sich, Liebgewonnenes bricht weg, alte Gewohnheiten fehlen uns.

Zurück bleiben Wehmut, Trauer, Schmerz.

Unsicherheit macht sich breit, weil wir uns nicht mehr orient­ieren können.

Und Ohnmacht, weil ein Vakuum entsteht.

Gleichzeitig bleibt da hoffentlich ganz viel Dankbar­keit im Herzen – für all das, was uns geschenkt wurde.

Wenn ich das so anschaue, war Corona für mich – wie für viele andere auch – eine biografische Bruchstelle: Was vorher war, kam nicht mehr zurück. Als Familie gingen wir in die Pandemie rein – tatsächlich waren wir zu viert auf einem Kongress engagiert, als Corona hier ausbrach. Als WG kamen wir aus der Pandemie heraus.

Ich vermisse einiges von vorher: Familien-Skiferien in Schruns ganz besonders. Gedanken an früher stimmt mich melancholisch und wehmütig. Doch ich will dankbar im Herzen bewahren, was wir als Family zusammen erleben durften – es gab so viele Highlights!

Und ganz ehrlich: Ich stehe auch in Gefahr, die Familien­phase zu idealisieren. Neben dem Schönen gab es auch Schwieriges – das blenden wir so gerne aus. Selbst die schönen Familienrituale wie Jahresbuch und Dankbarkeits-Glas waren genug oft mehr Knorz als Freude.

Das Vergangene würdigen und loslassen

Diese Corona-Zeilen brauchte ich letzten Sonntag als Predigteinstieg beim ersten Bezirks-Begegnungstag vom «gms seeland».

Dieser Tag startete mit dem letzten Gottesdienst in der EMK Kapelle Lyss – für viele ebenfalls eine Bruchstelle: Aus dem Zusammenschluss mehrerer Gemeinden ist eine Netzwerkkirche mit verschiedenen Standorten entstanden. Um das Neue umarmen zu können, heisst es jetzt auch, Liebegewonnenes loszulassen.

Vor dem Loslassen gilt es, das Vergangene zu würdigen:

Was war da Freudiges, das ich im Herz bewahren will?
Und welcher Schmerz bleibt zurück?
Menschen, die fehlen.
Gefühle, die ich mit Vergangenem verbinde.
Vorstellungen und Bilder davon, wie es sein sollte.

Wenn unsere Arme – und Kopf & Herz – noch voll sind, können wir das Neue nicht umarmen: Wir sind noch besetzt.

In diesem Bild steckt auch eine Gefahr, wir wollen schliesslich nicht im Dualismus landen: Neu gegen Alt. Loslassen und Umarmen. Entweder-oder.

Denn egal ob Gemeinde-/Kirchenfusion, andere Zusammenschlüsse oder sonst sich ändernde Lebensumstände: Zum Neuen bringen wir mit, was uns anvertraut ist, was uns ausmacht. Wir müssen nicht alles los­lassen. Und gleichzeitig ist das Loslassen sehr wichtig, weil wir in unseren Armen, in Kopf und Herz Platz brauchen, um Neues zu umarmen, damit neues Leben entstehen kann.

In Veränderungsprozessen überhöhen wir oft die Vergangenheit – früher war alles besser. Doch wollen wir «die guten alten Zeiten» wirklich zurück? Die Welt hat sich verändert, wir haben uns verändert. Was wir vermissen, sind möglicherweise die Gefühle von damals. Unsere Jugend, die Leidenschaft, Geborgen­heit, das Miteinander…

Würdige den Schmerz – und lerne gleichzeitig loszulassen.

Es gibt Situationen und Veränderungen, die schaffen wir nicht allein. Wir sollten mit unserem Schmerz nicht allein bleiben!  Oft hilft ein Gespräch mit einem:einer Freund:in und manchmal würde uns seelsorgerische/psychologische Unterstützung dazu befreien, Neues in unserem Leben zu umarmen.

Aus dem guten Samen der Vergangenheit kann etwas Neues entstehen.

Glücksaufgabe

Steckst du gerade in einem Veränderungsprozess? Was willst du dankbar im Herzen bewahren? Und welchen Schmerz möchtest du bewusst loslassen? Was oder wer kann dir dabei helfen?

Ich bin grün – äh, oder gelb?

Was für ein schönes und irreführendes Bild: Da fährt ein unverkennbar traditionell eingefärbtes Postauto (sprich: ein gelber Bus) durch die schönsten Schweizer Landschaften und behauptet per Aufdruck tatsächlich: «Dieses Postauto ist grün».

Unsere Gesellschaft produziert gerade reihenweise Menschen auf der Suche nach ihrer Identität – in einer Multioptions-Welt, in welcher glücklicherweise viele soziale Normative kritisch hinterfragt werden, sind Menschen eingeladen (oder gar gezwungen?), sich selbst zu (er)finden, statt einer bestimmten Norm zu entsprechen.

Doch dass dieser Trend nun auch auf die Postautos überschwappt, kann zu denken geben: Bin ich jetzt gelb? Oder doch grün?

In meiner Predigt «Was ist es dir wert?» der neuen Themenserie «Nice to meet you! – Schön, dich zu sehen!» habe ich über das gute Leben und Werte, die lebenswert sind, nachgedacht.

Einer meiner persönlichen Werte, die ich in der Predigt kurz vorgestellt habe, ist «Transparenz» im Sinn von: Ich bin echt, wahrhaftig, mein Reden und Handeln ist authentisch.  

Doch Transparenz ist für mich deutlich mehr als ein Imperativ. Es ist eben grad nicht mit der Aufforderung zur Authentizität gemacht: «Sei transparent!».

Viele Menschen wären gerne transparent, merken aber, dass ihre Mitmenschen mit der nackten Wahrheit schlicht überfordert – oder mindestens irritiert – wären. Grad wie wenn wir ein gelbes Postauto sehen, das von sich behauptet, grün zu sein.

Darum ist für mich der Wert Transparenz nicht bloss Anspruch an meine Aufrichtigkeit, sondern auch meine Anfrage an mein Gegenüber: Darf ich transparent sein? Darf ich so sein, wie ich wirklich bin? Kannst du damit umgehen, dass ich vielleicht grün statt gelb bin?

Solche «Safe Places», in denen sich alle Menschen sicher fühlen können und unabhängig von Her­kunft, Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung oder anderen Merkmalen in ihrem unkaputtbaren Wert geachtet werden, sind leider selten.

«Die Würde des Menschen ist unantastbar» ist so schnell gesagt, erfährt viel Zustimmung und ist mehrheitsfähig, um in ein Grundgesetz geschrieben zu werden.  Doch im täglichen Miteinander ist es dann doch nicht mehr so einfach: Wir alle haben (normative) Bilder im Kopf, die unser Denken, Fühlen und Handeln prägen.

Ein Postauto ist gelb.
Punkt!

Ein:e Schweizer:in fährt Ski –
und ist neutral.
Punkt!

Ein Mensch ist männlich oder weiblich.
Punkt!

Tatsächlich ist das wirkliche Leben dann doch um einiges komplizierter. Eigentlich spüren wir das auch und können es in unserem Leben oder in unserem Umfeld beobachten.

Ja, die Komplexität bringt einige neue Herausforderungen mit sich und das Leben wird dadurch selbstredend nicht einfacher sondern komplizierter. Trotzdem erlebe ich es als befreienden Fortschritt, dass immer mehr Menschen nicht mehr gewillt sind, sich unkritischen den vorgegebenen Normen zu beugen. Nicht selten sind nämlich genau diese Normen Resultat einer (patriarchalen) Machtstruktur, die gewisse Gruppen oder den einzelnen Menschen kleinhalten wollen.

Darum: Geben wir einander Raum.
Lassen wir doch das Postauto grün sein.

Vielleicht muss ich mich von liebgewonnen Bildern verabschieden. Oft überhöhen und idealisieren wir solche Bilder. Einfach weil sie doch ein so wohlig-warmes Erinnerungsgefühl in uns auslösen: Ach, dieses gelbe Poschi auf der Passstrasse mit dem tü-ta-ta-Klang.

Normen schaffen Identitäten – für die, die dem normativen Mainstream entsprechen.

Aber Normen schaffen auch Identitätskrisen – für alle, die ihnen nicht entsprechen.

Transparenz und Authentizität werden heute (zu Recht) von vielen erwartet. Doch sind wir auch bereit Menschen den sicheren Rahmen zu geben, ihre Identität wahrhaftig zu leben – auch wenn sie von der gängigen Norm abweicht?

Denn: Vielleicht ist das gelbe Postauto in Wahrheit grün.

Glücksaufgabe

Wann hast du dich zuletzt so sicher gefühlt, dass du deinem Gegenüber etwas ganz Persönliches, das vielleicht noch niemand von dir wusste, anvertraut hast?

Wie gut gelingt es dir, normative Bilder loszulassen und Menschen einfach zu nehmen, wie sie sind?  

(Foto-Credits: Peter Hofer)