Originell wie ein Cervelat

Es ist die Zeit der gemütlichen Stunden am See, dem Baden in der Aare, dem Mitfeiern mit der Nati und für viele für uns die Zeit des sommerlichen Rhythmus – vielleicht mit Ferien oder wie bei mir mit einem anderen Arbeitsmodus (weniger Tagesgeschäft, mehr Planungs- und Entwicklungsaufgaben).

Und selbst die, die auch in diesen Tagen «normal» arbeiten, erzählen davon, dass der Sommer und die Hitze eine lockerere Atmosphäre in den Büroalltag bringen.

Während das regelmässige Programm ruht, bieten wir bei Happy Kids und im gms seeland spezielle Aktivitäten wie die FeriäChischte und die offenen Kapellengärten an.

Da entschied sich das Vorbereitungsteam für das Motto «Cervelat». Das stellte mich vor zwei Herausforderungen: Einerseits lebe ich seit gefühlt 40 Jahren im Glauben, dass ich die Schweizer-Traditionswurst nicht mag.

Und zweites war da die Frage nach dem Thema meines Kurzimpuls. Auf entsprechende Nachfrage bei einer Verantwortlichen aus dem Team wurden, mit einem Augenzwinkern, Gedanken zum Thema «Individualität von Cervelats» gewünscht.

Diese sommerliche Herausforderung nahm ich mit Freude an – trotz meiner geglaubten Abneigung von Cervelats.

Ja, wie magst du denn deinen Cervelat? Etwa genau so, wie sie in der Auslage der Metzgerei zu finden sind?

Eher nicht. Wenn er kalt verzehrt werden soll, werden die meisten mindestens die Haut ablösen und vielleicht den Cervelat in Rädchen schneiden. Wie muss also der Perfekte-Cervelat sein?

Die Geschmäcker sind so unterschiedlich wie wir unterschiedlich sind. «Die Individualität von Cervelats» äbä …

Zu meinem Sommer-Rhythmus gehört seit einigen Jahren, dass ich als Armeeseelsorger eine Rekrutenschule begleite. In der ersten RS-Woche darf ich jeweils eine Lektion gestalten. Da zeige ich am Ende jeweils gerne eine Auflistung der 16 Glückaktivitäten, wie ich sie in meinem Buch «Glück finden, hier und jetzt» vorstelle.

Ein Rekrut fragte nach, was ich denn mit «Originalität leben» meine. Spontan konnte ich es nicht besser erklären als mit diesem Kalenderspruch: «Jede:r kommt als Original zur Welt, viele sterben leider als billige Kopie.»

Es ist gerade umgekehrt als beim Cervelat: Da kommen alle gleich «zur Welt» und werden dann zum einzigartigen Original gestaltet.

Als Menschen sind wir per Geburt ein individuelles Original: Leider gibt es immer wieder eine Art Gruppendruck, der uns dazu verleitet, diese Originalität und Individualität mit der Zeit zu verlieren und uns einer bestimmten Norm anzupassen.

Statt originell und individuell sind wir dann einfach normal – wie der Cervelat im Laden.

Es braucht manchmal schon etwas Mut zur eigenen Individualität zu stehen – doch es macht erwiesenermassen glücklicher, als einfach mit der Masse zu gehen und sich der Norm anzupassen.

Auch Glaube ist individuell

Einen zweiten Gedanken teilte ich mit den Besuchenden des offenen Kapellengartens: Auch Glaube und Bibelverständnis sind individuell wie die Cervelats.

Es gibt nicht diese eine biblische Stimme. Die Bibel ist ein mehrstimmiges Buch aus verschiedensten Zeitepochen, voller Gotteserfahrungen in unterschiedlichsten Kontexten und geprägt von verschiedensten kulturellen Einflüssen.

Doch eines entdecke ich von Genesis bis Offenbarung: Da ist ein Gott, der die Menschen – in all ihrer Individualität – liebt.

Und da ist ein Gott, der immer wieder aufs Neue das Wagnis eingeht, mit den Menschen unterwegs zu sein.

Glücksaufgabe

Cervelats sind individuell. Genauso dürfen und sollen auch wir Menschen individuell sein. Und genauso ist auch unser Glaube individuell – keine:r von uns hat «DIE EINE Wahrheit» gepachtet.

Wichtig ist die Frage: So individuell der Cervelat sein mag: Ist Cervelat drin? Schmeckt es nach Cervelat?

So individuell wir unser Leben und Glauben gestalten – die Frage ist: Ist Liebe drin? Schmeckt es nach Himmel?

Übrigens habe ich inzwischen festgestellt: Doch, auch ich mag Cervelats.

Mit diesem Artikel geht der GlücksBlog in die Sommerpause. Ich freue mich, wenn wir uns in einigen Wochen wieder lesen werden.

Versöhnte Depression?

Wann ist eine Rede gut? Als Gradmesser bieten sich mir diese drei Punkte an:

Wenn sie mich zum Weiterdenken anregt, vielleicht zum Umdenken bewegt oder sogar zur Umkehr motiviert.

Wenn sie mich ermutigt, mit neuer Hoffnung und Vertrauen (in meinem Kontext gerne auch Gottvertrauen) vorwärtszugehen und meinen Alltag zu gestalten.

Wenn ich gerne zuhöre ohne (andauernd) abzuschweifen, weil die Rede mindestens unterhaltsam – und manchmal gar mitreissend – ist.

Ein weiteres Kriterium einer guten Rede könnte in unserer Zeit auch sein, dass sie fleissig auf Social Media geteilt wird. Dies ist offensichtlich dem Harvard-Absolventen Noah Eckstein gelungen: Hunderttausende klicken sich in seine Rede an der Abschlussfeier der Harvard University ein. Hierzulande berichtet gar die NZZ am Sonntag vom leidenschaftlichen Plädoyer des 22jährigen Studenten mit multireligiösem Familienhintergrund. Mit Bezug zu seiner eigenen Geschichte, mit christlichen und muslimischen Grosseltern und jüdischen Eltern, zeigt er auf, wie wichtig gegenseitiges Interesse und echtes Zuhören statt Polarisierung sind: «Die Antwort auf Spaltung ist nicht Einigkeit, sondern der Versuch, zu verstehen.»

Depressive Grundstimmung in meiner Kirche?

Szenenwechsel: Selten gab eine Predigt eines Eröffnungs-Gottesdienstes der Jährlichen Konferenz der EMK Schweiz, Frankreich, Nordafrika und Belgien so viel zu reden. Die Worte meines Kollegen Michael Kämpf regten zum Weiterdenken – und an der einen oder anderen Stelle zum Widerspruch – an.

Da die Predigt durch das Teilen von persönlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen von Michael auch unterhaltsam war, sind also schon mal zwei Kriterien einer guten Rede erfüllt.

Grund dafür, warum so viel über die Predigt geredet wurde, war der unschöne Befund von Michael: «In der EMK kommt mir eine depressive Grundstimmung entgegen. Alle, mit denen ich rede, bestätigen diesen Eindruck.»

Nun, mit mir hat er leider nicht darüber gesprochen. Wie sich herausstellte auch mit einigen anderen nicht. Ich teile die Wahrnehmung nicht. Natürlich sehe ich genug Schwerfälliges, an Herausforderungen fehlt es uns auch nicht. Ich leide an meiner Kirche und wünsche ihr mehr Leichtigkeit, eine heilige Fantasie sowie eine mutige Positivität.

Und genau das erlebe ich ansatzweise Gott sei Dank immer wieder in meinen Arbeitsfeldern: Wie neulich, als wir als Gemeinde am Bielersee ein Fest genossen und uns nach Monaten der Herausforderungen an so vielem erfreuten.

Oder wenn wir an Teamsitzungen dankbar Feedbacks wie dieses austauschen: «Genau so stelle ich mir Kirche vor: Wertvolle Impulse, gemeinsames Essen, gute Gemeinschaft, attraktives Kids-Programm …»

Lustvoll war auch der Austausch diese Woche mit einigen jungen Erwachsenen über eine neue Gottesdienst-Idee, die wir UNPLUGGED nennen.

Nein, eine depressive Grundstimmung ist nicht das, was in der Kirche dominiert. Doch nach der Predigt von Michael machte sich schier eine kleine Depression in mir breit – statt mich hoffnungsvoll zurückzulassen …

Ist versöhnte Vielfalt möglich?

Was mich rund um die Jährliche Konferenz, unser Kirchenparlament, viel mehr beschäftigte, ist die Frage, ob wir als Kirche das Ziel der versöhnten Vielfalt wirklich erreichen können. Aktuell erlebe ich eher gelebte Vielfalt, an machen Stellen gar «sich bekämpfende» Vielfalt.

Da sind wir noch stark gefordert – (zu?) unterschiedlich sind an manchen Stellen die Meinungen, wie wir lieben, dienen und vorangehen sollen.

Zusammen mit meiner Gemeinde und anderen Verbündeten will ich weiterhin mit frischen Formen und weiter Theologie offen sein für Menschen, die genau das suchen und brauchen. Gleichzeitig anerkennen wir, dass es in Gesellschaft und Kirche Menschen gibt, die etwas anderes suchen und brauchen. Darum wollen wir Hand zur versöhnten Vielfalt bieten, solange wir einander «den Glauben glauben» und gemeinsam auf je unsere Weise eine Willkommenskirche, die ohne «Ja, aber …» auskommt, gestalten.

Und damit sind wir wieder bei der Harvard-Abschlussfeier: Es geht nicht um einen Einheitsbrei, es geht um die Frage, ob wir bereit sind, einander zuzuhören und zu versuchen, die anderen zu verstehen – ohne sie bekehren zu wollen. Das wäre ein Anfang auf dem Weg zur versöhnten Vielfalt.

Glücksaufgabe

Was zeichnet für dich eine gute Rede aus? Wo erlebst du solche?

Und wie gut gelingt es dir, dich für andere Menschen und ihre Überzeugungen zu interessieren?

Hier die angesprochene Rede von Noah Eckstein:

Wo ist das Leiden?

Wie viel Spass darf das Leben eigentlich machen? Wie sieht es mit dem Job aus: Ist es in Ordnung, wenn mensch sich an der Arbeit erfreut, sie gar lustvoll erlebt?

Und wie ist es mit der Kirche? Spass und Kirche – passt das zusammen?

Da kommt mir eine Begebenheit aus meinem Theologiestudium in den Sinn, es muss in einem Kurs im Bereich Praktische Theologie gewesen sein. Wenn ich mich richtig erinnere, mussten wir in Gruppenarbeiten unsere (Wunsch)Vorstellungen von Gemeindearbeit skizzieren.

Eine Gruppe präsentierte darauf die «Spass-Gemeinde». Worauf der Dozent meinte: «Da fehlt mir das Leiden!»

Schliessen sich Spass und Kirche also aus? Heisst Kirche vor allem Leiden?

Szenenwechsel: Schier 30 Jahre nach dieser Begebenheit im Studium, sitze ich als Pfarrer bei einem Glas Weisswein mit einem Gemeindeglied in einem Strassenbistro und spreche mit ihm über sein Engagement in der Kirche – und über Gott und die Welt.

«Dieses Setting ist für mich ungewohnt», meinte mein Gegenüber, das es im Privaten sehr wohl versteht, das Leben zu geniessen. Doch im Gemeindesetting? «Wenn ich an Gespräche mit dem Pfarrer denke, dann sehe ich vor meinem inneren Auge eher roter Tee und dunkle Kirchenräume – und nicht Weisswein an der Sonne.»

Es darf Spass machen!

Noch frischer sind meine Erinnerungen an unser Gemeindefest vor zwei Wochen: Wunderbare Location direkt am Bielersee, traumhaftes Frühsommerwetter, gute Stimmung, leckeres Essen, gute Musik, lockere Begegnungen …

Ich hatte sehr viel Spass an diesem Tag, der für mich mit der Zwischenraum-Tagung (an welcher ich als Referent dabei war) auf dem Bienenberg startete und der sich mit einem Bad im See mit meiner Tochter bei aufkommendem Vollmond nach dem Gemeindefest dem Ende zu neigte. Ein Tag voller Begegnungen – berührende und fröhliche, tiefgründige und traurige.

Bei allem lustvollen Unterwegssein hat der «Fun» für mich keinen Selbstzweck. Eine positive, lockere Atmosphäre schafft einen natürlichen Zugang zu tieferen Emotionen. Wir sollen das Leben feiern: Das beinhaltet für mich, sich mit den Fröhlichen mitfreuen und mit den Trauernden mitleiden. Beides gehört zum Leben – und manchmal sogar gleichzeitig: Leichtigkeit und Schweres. Mit einem, vielleicht seufzenden, Lachen ist das Schwere leichter zu ertragen. Und mit Tiefgründigkeit wird das Leichte nicht belanglos.

Und wenn wir den Spass-Faktor in allem integrieren wollen, geht das nie auf Kosten der Ernsthaftigkeit, mit der wir unsere Arbeit tun. Im Gegenteil: Stimmt der Spass-Faktor, bekommt Disziplin eine neue Bedeutung. Diese Lektion lernte ich damals im Gespräch mit dem Hockey-Profi J.J. Moser, mit dem ich bei «Chäs, Brot, Wy – und mini Gschicht mit Gott» vor seinem Sprung in die NHL talken durfte und den ich neulich nach dem WM-Viertelfinal kurz wiedersah.

Die weltweite Methodist:innen-Kirche hat als eines von drei Kennwerten im neuen Vision-Statement festgehalten: «Serve Joyfully», was im deutschsprachigen Raum mit «Bereitwillig dienen» übersetzt wird.

Da haben wir’s: Darf unser Dienen jetzt Spass machen, gar lustvoll sein (Joyfully, freudig)? Oder geht es doch eher ums «Leiden für den Herrn» (bereitwillig)?

Ähnlich wie damals im Studium wurde mir auch kürzlich die Aufgabe gestellt, mein Verständnis von Wesen und Mission der Kirche darzustellen.

«Persönlich gehören für mich zum Wesen der Kirche immer wieder frische Formen dazu. Unterschiedliche Menschen brauchen unterschiedliche Formen, damit sie sich wohl fühlen und gerne Teil der Kirche sind. Inhaltlich ist mir eine weite Theologie wichtig, die zu einem befreiten, lustvollen und lebensfördernden Glauben einlädt.»

Glaube, Kirche, Dienen – es darf Spass machen. Es soll Spass machen!

Und zwar nicht des Spasses wegen, sondern weil wir länger und besser breitwillig dienen, wenn wir dabei Spass haben. (In dem Sinn ist Spass sogar besseres Dopping als Ovo 😉.)

Glücksaufgabe

Übrigens: Das Leiden kommt von selbst. Vielleicht drehen wir das Ganze um und fragen im Sinn einer Glücksaufgabe: Was macht dir so viel Freude, dass du selbst dann daran festhältst, wenn es Leiden mit sich bringt?

By the way: Auch Heilige Momente können lustvoll sein. Und gibt es manchmal an überraschenden Orten zu erleben, wie z.B. an einem Michael Patrick Kelly Konzert im Hallenstadion.

We sell Kodak Film

Die Situation war irgendwie skurril: Da wollte uns ein österreichischer Pfarrer weis machen, dass wir die Idee, als Kirchen eines Tages mit den richtigen Mitteln wieder einen Grossteil der Gesellschaft ansprechen zu können, als Utopie entlarven und loslassen sollten.

Dabei trug er gleichzeitig die Problemanalyse auf seinem T-Shirt. Da stand in grosser Schrift: «WE SELL KODAK FILM.»

Ich fand das T-Shirt fantastisch: Einerseits hat es eine Art Kult-Status, anderseits steht es für die tragische Kodak-Story.

Diese Begebenheit ereignete sich letzte Woche in einem D.A.CH.-Kurs. Knapp 30 Pfarrpersonen schauten gemeinsam über den eigenen Tellerrand, teilten Erfahrungen und experimentierten mit unterschiedlichen Formen von Spiritualität.

Wie in solchen Runden üblich, gehörte ich im Plenum eher zu den zurückhaltenden Teilnehmenden. Doch als mein österreichischer Kollege sein resignierendes Statement abgab und ich dabei sein T-Shirt betrachtete, gab es kein Halten mehr: «Lasst uns von der Kodak-Story lernen und damit aufhören, Kodak-Filme zu verkaufen! Ja, vielleicht – wahrscheinlich – werden wir immer nur einen kleinen Teil der Gesellschaft erreichen, doch wenn wir die Sehnsüchte der Menschen berühren, haben wir als Kirchen etwas zu bieten.»

Die Nachfragen in der Pause zeigten mir, dass sich nicht alle etwas unter der «Kodak-Story» vorstellen konnten. Der Kollege mit dem T-Shirt übrigens schon: Er selbst ist mit dieser starken Marke aufgewachsen, da seine Eltern ein Fotogeschäft führten.

So erzählte er mir, mit welchem Stolz die Kodak-Vertreter damals ihr Geschäft besuchten. Kodak, das war das Mass der Dinge in der Fotografie.

Und das macht den Absturz in die Vergessenheit umso tragischer: Kodak war einmal ein Gigant. Die Firma konnte etwas, was viele wollten: Erinnerungen festhalten. Sie prägte über Jahrzehnte eine ganze Kultur des Fotografierens, bis die digitale Fotografie die Spielregeln veränderte. Kodak hatte die neue Technik sogar mitentwickelt, aber sie passte nicht ins alte Erfolgsmodell.

Das ist die eigentliche Pointe: Nicht Unfähigkeit, sondern Angst vor dem Verlust des Bewährten kann zum Problem werden. Kodak fürchtete, das lukrative Filmgeschäft zu kannibalisieren, und hielt deshalb zu lange am Alten fest. So wurde aus einer Erfindung, die Zukunft hätte werden können, ein Mahnmal verpasster Zeit.

Zurück zu meiner Weiterbildung. Sie trug den Titel «Spiritualität:en. Erkundungen zwischen Tradition und Experiment». Passt irgendwie zur Kodak-Story, oder?

Wo stehen wir – als Kirche oder andere Institution und vielleicht auch ganz persönlich – in Gefahr, nichts Neues (z.B. experimentelle Formen) zu wagen, weil wir damit das Bewährte untergraben könnten?

Während sich neue Trends entwickeln, sind sie noch nicht Mainstream. Die Massen werden damit nicht angesprochen. Noch nicht! Wenn wir uns nämlich, ob aus Angst, Bequemlichkeit oder gar Faulheit, gegen Veränderung und Weiterentwicklung wehren, erreichen wir wahrscheinlich irgendwann nur noch einige Nostalgiker:innen.

Oder wie es KI auf den Punkt bringt: Manchmal scheitern wir nicht am Neuen, sondern an der Angst, dass Gottes Zukunft anders aussieht als unsere Vergangenheit.

Glücksaufgabe

Was lernst du von der Kodak-Story für dich persönlich? Und wenn du an Gemeinschaften und Organisationen denkst, die du kennst oder zu denen du dich sogar zählst: Wo wäre Mut zum Experimentieren nötig?

Und was würdest du den 30 Pfarrpersonen aus dem Spiritualität:en-Kurs mit auf den Weg geben, welche Sehnsüchte der Menschen sie aufnehmen sollten, um die Kirche gesellschaftsrelevanter zu machen?

Heiligt der Zweck wirklich die Mittel?

Mal angenommen, eine Oberstufen-Lehrperson plant eine mehrtägige Schulreise für ihre Klasse und ist bereit, den Wunsch ihrer Schüler:innen aufzunehmen und abzuklären, ob die Reise ausnahmsweise ins nahe Ausland gehen kann.

Dafür bräuchte sie die Zustimmung der Bildungskommission des fiktiven Ortes im Berner Oberland.

Nun mal weiter angenommen, dass es neben der Zustimmung der Bildungskommission auch eine EU-Bewilligung braucht für eine solche Gruppenreise mit Minderjährigen. Da besagte Lehrperson jedoch sehr EU-kritisch eingestellt ist und ihre persönlichen Daten zum Selbstschutz nicht einer EU-Behörde anvertrauen will, findet sie einen illegalen Weg, um an die nötigen Dokumente zu kommen.

Der Bildungskommission versichert sie, alle notwendigen Bewilligungen eingeholt zu haben und legt ihnen möglicherweise gar die gefälschten Dokumente vor.

Wie gesagt, das ist alles frei erfunden und solche Sonderbewilligungen der EU braucht es meines Wissens nicht (anders sieht es je nach Bestimmungen mit dem Einverständnis der Schulbehörde aus).

Nun freue ich mich als Vater für mein Kind, dass die Lehrperson diesen Mehraufwand auf sich genommen hat und mit dieser speziellen Auslandschulreise ein besonderes Erlebnis für die Teenager ermöglicht.

Es ist alles gut gegangen, die Klasse kommt mit vielen Eindrücken und Erinnerungen zurück, die möglicherweise ein ganzes Leben lang nachhallen werden. Die Lehrperson erfährt am Elternabend grosse Wertschätzung für ihr Engagement.

Drei Schuljahre später ist mein zweites Kind bei derselben charismatischen Lehrperson. Schüler:innen wie Eltern freuen sich auf erlebnisreiche Schuljahre.

Plötzlich macht zur Überraschung aller ein Gerücht die Runde: Die Lehrperson hätte die Sonderbewilligung auf illegalem Weg beschafft und sich somit wegen Urkundenfälschung strafbar gemacht.

Der Eltern-Chat explodiert: Ist eine solche Lehrperson noch tragbar? Wie man hört, hätte sie eine Busse für ihr Fehlverhalten bezahlt. Dann ist doch alles gut, oder nicht? Was sagt eigentlich die Bildungskommission dazu? Und die EU-Skeptiker:innen sehen sich bestätigt und finden das Verhalten der Lehrperson gar vorbildlich. Und überhaupt sei es Privatsache, wie sie an die Dokumente gekommen sei.

Ich zögere: Will ich mein Kind einer Person anvertrauen, die «sehr kreativ» mit geltendem Recht umgeht? Und was, wenn eine solche Täuschung bei der nächsten Reise am Zoll auffliegt und die vorfreudigen Schutzbefohlenen unverrichteter Dinge wieder heimreisen müssen – oder Schlimmeres? Nein, Privatsache ist ein solches Handeln nicht.

Nun erinnere ich mich, wie mich die Lehrperson vor drei Jahren am Elternabend mit ihren Inputs zu Ehrlichkeit, Authentizität und Integrität begeisterte. Da war wirklich ein Mensch voller Leidenschaft mit einem starken Wertekatalog unterwegs. Ich freute mich auf ein auf Vertrauen basierendes Zusammenspiel von Lehrperson, Klasse und Eltern.

Und jetzt? Dieselbe Person hat uns alle getäuscht. Wenn ich sie an ihren eigenen Massstäben aus diesem Elternabend messe, fällt sie durch.

Für mich ist klar: Diese Lehrperson ist nicht mehr tragbar, das Vertrauensverhältnis ist zerstört, Regeln können nicht einfach so aus persönlichen Empfindlichkeiten mit einer Straftat umgangen werden. Und es hätte andere Wege gegeben, den Schüler:innen ein einmaliges Erlebnis zu ermöglichen.

Und gleichzeitig? Sie hat es doch so gut gemacht. Die Kinder haben so sehr profitiert, wir alle hatten Freude an dieser Auslandschulreise. Sie hat doch strafrechtlich bereits gebüsst. Bin ich einfach zu kleinlich?

Epilog und Glücksaufgabe

Weil Vergleiche einer Situation nie wirklich gerecht werden, hinkt natürlich auch diese Geschichte als Parallele zu einem aktuell heftig diskutierten Fall an manchen Stellen.

Doch es ist mein Versuch, zu verarbeiten, was ich mit meinem letzten Blogartikel aufgerissen habe (siehe Kommentare direkt im Blog oder auf Facebook). Leider wird die Causa Fischer mancherorts von der unsäglichen Corona-Diskussion überlagert.

Ich wollte mit dem Artikel grundsätzlichere Fragen aufwerfen und nicht die Covid-Diskussion befeuern. Aber offensichtlich gibt es da noch immer sehr harte Fronten …

Spannend finde ich, dass immer öfters Regeln nur so lange gelten, wie ich sie nachvollziehen kann. Wie ich im Artikel schrieb, verändert eine persönliche Betroffenheit oft auch unsere Moralvorstellung. So bleibt es spannend zu beobachten, wer wann und wo eine rigide Moral hochhält – um dann bei Bedarf eigene Werte aufzugeben.

Ich kann in diesem Fall, wie im Fall Trump fast nicht damit umgehen, dass Menschen, die sonst sehr wertkonservativ sind, plötzlich Unehrlichkeit und Vertrauensmissbrauch als Kavaliersdelikt betrachten.

Fischer hat (siehe z.B. Artikel «Der mysteriöse Weg des Schamanen», NZZ am Sonntag vom 19. April 2026) Verband und Medien belogen und gleichzeitig Ehrlichkeit als einen der höchsten Werte gepredigt.

Es prüfe sich jede:r selbst, wo er:sie Wasser predigt und Wein trinkt. Ich möchte mich nie als unfehlbar darstellen – weil ich es schlichtweg nicht bin. Doch im vollen Bewusstsein das eine predigen und das andere tun, nein, das will ich nicht.

Ein Kommentarschreiber hat unter meinen Artikel geschrieben: «In diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Gottvertrauen, Toleranz mit Mitmenschen und Verantwortungsbewusstsein vor Gott und gegenüber uns selber.»

Das könnte tatsächlich eine sinnvolle Glücksaufgabe für uns sein.

Ebenso die Frage, wann es für dich legitim ist, Regeln und Gesetze zu brechen.

Vertrauen verspielt

Für mich war sofort klar: Patrick Fischer ist als Nationaltrainer nicht mehr tragbar. Wer in einer solchen Vorbildfunktion steht und immer wieder «Soft Skills» betont, wird mit einer solchen Betrügerei seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht.

Natürlich ist der Fall Wasser auf die Mühlen der Corona-Skeptiker: «Wenn die Regeln keinen Sinn ergeben [gemeint ist: wenn man mit ihnen nicht einverstanden ist], muss man sich auch nicht an sie halten.» Kommentare in die Richtung sind nun unter der Berichterstattung zur Absetzung von Patrick Fischer als Nationaltrainer der Eishockeymannschaft zu finden.

Einmal mehr erleben wir: Die Meinungen sind schnell gemacht.

Und da muss ich mich miteinschliessen: Wie gesagt, intuitiv war für mich sofort klar, dass Fischer gehen muss.

Aber warum eigentlich? Was wenn ich auch ein Impfgegner wäre, würde ich dann Verständnis für die Trickserei (für die Straftat durch gefälschte Covid-Zertifikate) zeigen und mich ebenfalls empören, dass nun der beste Natitrainer aller Zeiten gespickt wurde?

Noch vor einigen Wochen habe ich löblich über Patrick Fischer und sein Leadership der Wertschätzung geschrieben: «Gemäss den Ausführungen von Patrick Fischer wird ganz bewusst an diesem Spirit gearbeitet, ein Umfeld kreiert, indem ein solcher Zusammenhalt entstehen kann.»

Wird dieser Zusammenhalt nicht fahrlässig aufs Spiel gesetzt, wenn der Cheftrainer nur dank einer Straftat mit an Olympia reisen kann? Werden da nicht Vertrauen und Glaubwürdigkeit verspielt?

Legen wir die Causa Fischer mal zur Seite und werden allgemeiner – und gleichzeitig persönlicher.

Wann ist eine Führungsperson nicht mehr tragbar? Welches Fehlverhalten führt dazu, dass ich meinen Job riskiere? Und ist es das Fehlverhalten selbst oder der Umgang damit? Und was, wenn ein Verhalten in den Augen anderer ein Fehlverhalten ist – für mich selbst jedoch nicht?

Fragen über Fragen. Und irgendwie hat alles mit unserem Verständnis von Integrität und vielleicht auch Authentizität zu tun.

«Integrität bedeutet, dass jemand nach seinen Werten, Prinzipien und der Wahrheit handelt – also dass Worte und Taten zusammenpassen. 
Authentizität bedeutet, echt und unverstellt zu sein, also sich so zu zeigen und zu verhalten, wie man innerlich tatsächlich ist.»
(Perplexity AI)

Schon Jesus sagte, wir werden an unseren eigenen Werten und Prinzipien gemessen. Doch reicht uns das wirklich? Vielleicht würde Fischer ja sagen, er habe nach seinen Werten und Prinzipien, also integer gehandelt.

Was ist mit der übergeordneten Gesetzgebung? Was mit Regeln einer Gemeinschaft oder mit biblischen Werten und Prinzipien?

Da kommt mir das Gespräch von letzthin mit unserem Bischof in den Sinn. Wir diskutierten über die sogenannten «historischen Fragen» in unserer Kirchenordnung und ich musste zugeben: Wenn ich das alles wörtlich nehmen muss, bin ich raus.

Zu meinem Glück wurde diese wörtliche Umsetzung von Fragestellungen aus einer anderen Zeit auch gar nicht von mir verlangt.

Doch wer entscheidet denn nun, was geht und was zählt – und was eben nicht?

Manchmal sind Regeln auch einfach so lange klar, bis sie einen selbst betreffen. Gerade diese Woche hatte ich hierzu eine interessante Diskussion: Eine rigide Moralvorstellung wird oft dann über Bord geworfen, wenn man selbst oder liebgewonnene Menschen aus dem enggesteckten Rahmen fallen. Ob in kirchlichen Kreisen oder in Politik: Durch persönliche Betroffenheit verschieben sich plötzlich Standpunkte.

Und das ist wohl auch gut so! Geht es nicht mehr um den Menschen als um Gesetze?

Also hat Patrick Fischer doch alles richtig gemacht?

Phu, ich befürchte gerade, dass ich mir mit diesem Artikel nur die Finger verbrennen kann …

Für mich sind vier Dinge wichtig:

Prüfe dich selbst: Was sagt dein Gewissen? (Dein Gewissen, deine Intuition, – und nicht das, was dir indoktriniert wurde.)

Verlange von andern nicht etwas, was du nicht bereit bist, selbst zu tun. (Goldene Regel)

Sei dir deiner Vorbildfunktion bewusst (als Elternteil, Trainer:in, Führungsperson …).

Bleib authentisch (aufrichtig): Lügen und Ausreden haben eine unschöne Eigendynamik.

Glücksaufgabe

Wann hat eine Person in deinen Augen ihr Vertrauen verspielt?

Wo legst du strengere Massstäbe an andere an als an dich selbst?

Was verstehst du unter Integrität und Authentizität? Und inwiefern macht ein integrer, authentischer Lebensstil aus deiner Sicht glücklich?

Kama was?

Hast du schon mal von Kama Muta gehört? Wenn ja, hast du eventuell einer der letzten beiden Gottesdienste vom gms seeland besucht.

In unserer Serie «Nice to meet you – schön, dich zu sehen!» stand das Thema «Wer ist deine Familie?» auf dem Programm. Als Einstieg machte uns die Moderatorin mit dem psychologischen Konzept von Kama Muta bekannt.

Kama Muta ist ein Begriff aus dem Sanskrit, einer altindischen Hochsprache, und meint «von Liebe bewegt» oder «tief berührt sein». Inzwischen wird der Begriff in der Psychologie genutzt, um eine spezifische Emotion zu benennen.

Für mich war der Begriff neu – und ich vergass die genaue Bezeichnung auch vorzu. Doch mein Interesse war geweckt. Einerseits, weil die Ausführungen von Annika, unserer Moderatorin, sehr gut zum Gottesdienstthema passten. Und anderseits, weil ich überrascht war, im meiner Auseinandersetzung mit der Positiven Psychologie und Glücksforschung noch nicht darauf gestossen zu sein.

Klar war schon nach der Einstiegsmoderation von Annika: Es geht hier um eine soziale Funktion, um ein Gefühl tiefer Verbundenheit in unserem zwischenmenschlichen Unterwegssein.

Doch um in kurzer Zeit noch etwas mehr zu erfahren, musste ich KI bemühen:

«Dieses Gefühl stärkt das Empfinden von Gemeinschaft und Nähe und kann Menschen motivieren, Beziehungen zu pflegen und sich füreinander einzusetzen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Kama Muta in vielen Kulturen vorkommt und damit eine weitgehend universelle menschliche Emotion ist.»

Wie in meiner Predigt «Wer ist deine Familie?» geht es also um das Aufgehobensein in der Gemeinschaft. Und wie in einer guten Familie hat diese Erfahrung nicht nur positive Auswirkungen auf die Gemeinschaft selbst, sondern auch auf das individuelle Wohlbefinden:

«Kurzfristig geht Kama Muta mit einem gesteigerten Gefühl von Verbundenheit, Autonomie und Kompetenz einher, was das subjektive Wohlbefinden in Beziehungen erhöht. Wiederholte Erfahrungen solcher verbindenden Momente können langfristig stabilere, erfüllendere soziale Bindungen begünstigen.»

Leider zeigen Studien auch, dass diese Art von tiefer Freundschaft und Verbundenheit im Alltag häufig keine Selbstverständlichkeit ist. Zwar haben gemäss einer NZZ am Sonntag-Kolumne mit dem vielsagenden Titel «Die ungelebte Freundschaft» die meisten Menschen mindestens eine vertraute Bezugsperson ausserhalb der Familie. Doch oft, besonders bei Männern, liegen diese brach, sind inaktiv:

Was bleibt, ist eine stille Einsamkeit unter Menschen, die eigentlich verbunden sein könnten. Und die Erkenntnis, dass «Freunde haben» und «Freundschaft leben» zweierlei sind.

Zusätzlich erschwert wird dieser Umstand dadurch, dass es ab einem gewissen Alter gar nicht mehr so einfach ist, solche tiefen Freundschaften aufzubauen, wie mir in einem Beziehungskosmos-Podcast bestätigt wird.

Was können wir also tun?

Am einfachsten und naheliegendsten ist es, vorhandene Freundschaften zu schätzen, pflegen und vertiefen.

Wenn wir neue Freundschaften aufbauen wollen oder mit dem Gedanken spielen, uns einer Gemeinschaft anzuschliessen, begeben wir uns erstmal aus der Komfortzone und gehen ein Risiko ein: Was, wenn das Gegenüber nicht an einer solchen Verbundenheit interessiert ist? Was, wenn es in der Gemeinschaft gar keinen Platz für mich gibt?

Trotzdem ist es den mutigen Schritt auf unbekanntes Terrain wert, wenn wir am Ende dieses Kama Muta Glücksgefühl erleben dürfen.

Weitere hilfreiche Inputs liefert meine Lieblings-Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky im Tagesanzeiger. Dort wird ihre Forschungsarbeit wie folgt zusammengefasst:

Glücklich sei, wer gute Beziehungen habe und sich geliebt fühle – um das zu erreichen, sei aktives Zuhören ein wichtiger Faktor.

Ich beschliesse diesen Artikel mit demselben Wunsch, den ich ans Ende meiner Predigt (die du übrigens hier nachhören kannst) stellte:

Ich wünsche dir Orte, wo du lebensfördernde Beziehungen erleben darfst.
Orte, wo du willkommen bist, wie du bist.
Orte, wo du sein darfst, wie du bist.
Orte, wo du geliebt wirst, wie du bist.

Glücksaufgabe

Familie ist, wo Menschen sich lieben – in all ihrer Vielfalt. Da wird auch etwas vom Göttlichen spürbar.

Wo blühst du auf?
Und wo lässt du andere blühen?

Wo wirst du geliebt, gefördert und wertgeschätzt?
Und wo liebst, förderst und wertschätzt du andere?

Verbundenheit, Kama Muta, entsteht auch dort, wo wir einander kennen lernen und in aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit annehmen. Ein schönes Beispiel findet sich im Clip Mitfühlen statt wegsehen:

Und hier kannst du meine Predigt nachhören:

Wert-geschätzt oder nieder-geschlagen?

Das klingt irgendwie kitschig-romantisch bis esoterisch, wenn ein Hockey-Crack wie Kevin Fiala über das Natiteam sagt: «Wir lieben uns alle!». Und der Nati-Coach Patrick Fischer doppelt nach: «Wir nennen uns ‘wolf pack’, ein Wolfsrudel, in dem wir zueinander schauen.»

So geschehen und gesehen neulich in einer Vorschau auf die Olympischen Spiele. In den Ohren der Moderatorin Daniela Milanese kam schier etwas Sektenhaftes an. Bemerkenswert sei, merkte sie an, dass der NHL-Star Kevin Fiala nicht über Medaillen sprach, sondern über den Zusammenhalt im Team.

Das ist kein Zufall – und auch kein Produkt der bemerkenswerten Erfolge der letzten Jahre. Ganz im Gegenteil: Gemäss den Ausführungen von Patrick Fischer wird ganz bewusst an diesem Spirit gearbeitet, ein Umfeld kreiert, indem ein solcher Zusammenhalt entstehen kann.

Studien sagen es im Grunde schon lange: Die sogenannten «Soft Facts» sind nicht einfach etwas für «Softies». Der Unterschied zwischen der Performance eines guten zu einem herausragenden Team liegt im Umgang miteinander.

Sprich: Der Zusammenhalt, die Wertschätzung, ja, die Liebe, machen den Unterschied! – selbst in einer so harten Sportart wie dem Eishockey, wo auch mal Zähne fliegen.

Wundermittel für so vieles

Was in der Sportwelt angekommen ist, dürfte gerne noch mehr Kreise ziehen in der Arbeitswelt – oder auch in unseren Kirchen und überhaupt in der Gesellschaft.

Im Wirtschaftsteil der «NZZ am Sonntag» (Ausgabe: 7.12.25) fragt die Arbeitspsychologin Nicole Kopp: «Wertschätzung ist ein Wundermittel. Warum sind wir so knausrig damit?»

Was für eine gute und gleichzeitig traurige Frage!

Wir wissen es aus eigener Erfahrung: Lob und Anerkennung tut einfach gut. Laut Gary Chapman ist dies sogar die Liebessprache, für welche wir über alle Altersgruppen am empfänglichsten sind.

Ob intellektuell oder vor allem emotional, uns ist eigentlich bewusst, dass Wertschätzung ein menschliches Grundbedürfnis ist.

Und trotzdem gehen wir oft so sparsam damit um. Während sich Mitarbeitende darüber beklagen, von ihren Vorgesetzten zu wenig Wertschätzung zu erhalten, kommen dieselben Mitarbeitenden in seltensten Fällen auf die Idee, ihren Chefs gegenüber Wertschätzung auszudrücken.

Doch: Auch Chefs sind Menschen! Natürlich ist es eine Führungsaufgabe (siehe Natitrainer Patrick Fischer), ein Umfeld der Wertschätzung zu schaffen.

Gleichzeitig ist es zu einfach, sich über mangelnde Wertschätzung anderer zu beklagen und selber den Mitmenschen nicht wertschätzend zu begegnen.

Während im Weissen Haus gerade einer sitzt, der solche «Soft Facts» mit Füssen «trumpt» und Menschen in aller Öffentlichkeit verunglimpft, schreit unsere Welt nach mehr Mitmenschlichkeit und Wertschätzung.

Die Forschung zeigt, dass Wertschätzung all das bewirkt, was Arbeitgeber fördern möchten: Sie steigert die Arbeitszufriedenheit, die Motivation, die Produktivität und die Leistungsfähigkeit. Und auch Angestellte profitieren enorm von den Wirkungen von Wertschätzung: Sie verbessert das Wohlbefinden, die Erholung und die Schlafqualität. Gleichzeitig werden Stress, Belastung, das Burnout-Risiko und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gesenkt. Wertschätzung ist sozusagen ein Wundergeschenk.

Was Nicole Kopp hier auf die Arbeitswelt bezieht, zählt genauso für all andere Bereiche des Lebens. Als soziale Wesen gehen wir Menschen entweder ermutigt und wert-geschätzt oder entmutigt und nieder-geschlagen aus Begegnungen heraus.

Die Arbeitspsychologin schliesst ihren Artikel mit einer Aufforderung, der ich mich gerne anschliesse: «Wertschätzung ist das wertvollste und nachhaltigste Geschenk. Verteilen Sie es grosszügig!»

Glücksaufgabe

Unter dem Begriff «Gemeinschaft: Liebe geben und empfangen» hat es die glücksfördernde Wirkung von Wertschätzung auch auf die Liste der 16 Glücksaktivitäten in meinem Buch Glück finden, hier und jetzt geschafft.

Und am Ende des Kapitels über Freundschaft findet sich folgende Einladung:

Mitmenschen loben

Haben Sie auch schon festgestellt, dass manche Mitmenschen peinlich berührt sind, wenn man sie lobt? Lassen Sie sich davon nicht irritieren! Wir alle brauchen Ermutigung und wir alle können dazu beitragen, dass an die Stelle der ständigen Nörgelei eine Kultur der Wertschätzung und Ermutigung tritt. Beginnen Sie gleich jetzt damit! Greifen Sie zum Telefon oder Stift und sorgen Sie mit einer kurzen Ermutigung für Glücksgefühle bei einem Mitmenschen – und bei Ihnen!

Mehr bunt – oder bloss mehr vom gleichen?

Sie haben es mal wieder geschafft, meine lieben Freunde aus der frommen Bubble: Sie haben mich gleich mehrfach getriggert in den letzten Tagen – und das ist die ganze lächerliche Trumperei noch gar nicht mitgerechnet.

Da war die eine Facebook-Freundin aus den USA, die mit folgendem Bildchen ihre Freude an der ach so tollen Bibelstelle aus Epheser 3,20 kundtat:

Ein Bild, das Zeichnung, Blütenblatt, Entwurf, Vase enthält.

KI-generierte Inhalte können fehlerhaft sein.

Ich klinge zynisch, ich weiss. Tatsächlich ist es so, dass mich die lieben Amis in jungen Jahren voll erwischt haben – auch mit dieser Bibelstelle: Träume gross – und Gott schafft noch viel Grösseres!

In diesem Team wollte ich mitspielen.

Visionieren und träumen konnte ich schon immer gut, da kam dieses magisch wirkende Versprechen gerade recht: «Gott tut Grosses, noch viel Grösseres, als du erbitten oder du dir vorstellen kannst. Go for it!»

Irgendwann hab ich begriffen, dass viele meiner evangelikalen Freunde da wohl Paulus ein bisschen missverstanden hatten. Und ich ging ihnen gehörig auf den Leim: Grosses und noch Grösseres war Synonym für die Roger Federer «Mehr ist Mehr»-Philosophie.

Es ging um Äusserlichkeiten: Mehr hochstehende Programme, mehr gigantische Gebäude, mehr Gottesdienstbesuchende, mehr Spenden, mehr, mehr, mehr …

Wie das hübsche Bildchen: Du träumst von einer rosa Blume? Gott will dir nicht eine, nicht zwei, nicht drei solcher Blumen schenken. Auch nicht einen kleinen Bund voll. Nein, einen Riesenstrauss nur für dich.

Voll gleicher rosa Blumen.

Ist das wirklich mein Gott? Nur Äusserlichkeiten? Und nur einfarbig?

Heute ist mein Gott bunt.

Und auch in den leisen Zwischentönen zu hören.

Nicht noch mehr von eindrücklichen Äusserlichkeiten.

In meiner Predigt letzten Sonntag sagte ich: «Beim Glauben geht es um unsere innere Haltung. Alles andere kann zu Scheinheiligkeit, Heuchelei führen.»

Da ging es nicht um Epheser 3,20. Doch es passt auch zu dieser Bibelstelle: Wenn wir sie nämlich nicht nur isoliert und mit unserer Leistungs-/Wachstumsbrille lesen, merken wir, dass Paulus hier nicht von Äusserlichkeiten spricht.

Der Text spricht davon, in der Liebe verwurzelt zu sein.

Also Liebe zu erfassen, die grösser und weiter ist als alles – grösser als alles Bitten und Erkennen, als unser Verstand.

Und plötzlich sehe ich einen anderen «Mehr ist Mehr»-Gott. Einer, dessen Segen mich nicht zwingend in grössere äusserliche Dimensionen führen will, sondern mir in erster Linie ein weiteres Herz schenken will.

Ich sehe heute in diesem Text mehr ein Bild von einem Gott, der Barrieren sprengt. Barrieren in unserem Denken und in unserem Glaubenskonstrukt:

Was, wenn seine Liebe noch viel grösser ist, als wir uns vorstellen, erbitten und erdenken können?

Was, wenn Gottes bedingungsloses JA sogar für Menschen zählt, die wir schon längst abgeschrieben haben?

Zurück zu diesem Bild, das ich neulich bei einer Facebook-Freundin entdeckte: Ich glaube nicht (mehr), dass Gottes Plan ein eintöniger, enggeschnürter rosa Blumenstrauss ist.

Mein Gott mag es bunter.

Und freier.

Ich finds ja immer noch schön, wenn unsere Kirchen vollbesetzt sind. Aber bitte nicht so enggeschnürte Theologie, die voll auf äusseres fixiert ist.

Und nicht nur mehr vom gleichen.

Mehr bunt bitte!

So, und nun wäre der Boden gelegt, um zum zweiten Triggerpunkt der letzten Tage zu kommen. Doch meine avisierte Wortzahl ist bereits aufgebraucht.

Ich versuchs kurz zu machen – und sonst ists dann halt bloss ein Cliffhanger für einen nächsten Artikel …

Wie kann es sein, dass eine junge, sehr engagierte Frau Morddrohungen erhält, möglicherweise gar aus der eigenen Partei, weil sie sich zu ihrer Homosexualität bekennt?

Selbst wenn wir in der Beurteilung einer christlichen Ethik nicht zu den gleichen Schlussfolgerungen kommen, liebe evangelikale Bubble, können wir uns vielleicht darauf einigen, dass Verachtung und Verurteilung einer Person, Mobbing bis hin zu Morddrohungen keine geeignete Mittel sind, um Gottes Liebe in dieser Welt sichtbar zu machen?

Ich bedaure sehr, dass meine Partei offensichtlich nach wie vor kein sicherer Ort ist für Menschen, die bunt statt gleich sind. Immerhin gibt es eine Stellungnahme der EVP Schweiz, in der Hass und persönliche Anfeindungen verurteilt werden.

Gerne nehme ich die Verantwortlichen beim Wort und wünsche mir, dass es irgendwann keine solche menschenunwürdigen Fälle mehr geben wird.

Und nein, weder schöne Worte alleine noch reflexartig das Problem auszulagern und beispielsweise die «bösen Medien» zu beschuldigen, sind da dienlich: Menschen spüren sehr wohl, ob sie in unseren Gruppen, Parteien, Kirchen … wirklich willkommen sind oder bloss geduldet werden.

Ich kann mir leider nicht vorstellen, dass der Grundsatz «Die Würde des Menschen ist unantastbar» in unserer Welt (inkl. der Kirchenwelt!) jemals Realität wird.

Doch ich glaube ja an einen Gott, «der er die Macht hat, unendlich viel mehr zu tun – weit mehr als alles, was wir von ihm erbitten oder uns ausdenken können. So gross ist seine Macht, die in uns wirkt.»

Glücksaufgabe

Wie würde dein Leben (und Glauben) aussehen, wenn es tatsächlich mehr um Inneres als um Äusseres gehen würde?

Wenn ein Platz plötzlich leer bleibt

Sie haben es wieder geschafft: Auch dieses Jahr berührt mich ein Weihnachts-Werbeclip von einem Grossverteiler zutiefst in meinem Herzen.

«Finn und sein Papa» – ist es nicht brillant, wie hier in 90 Sekunden das ganze Leben erzählt wird:

Spiel & Freude.
Leben entdecken & von Vorbildern lernen.
Verlieben & eigene Familie gründen.
Herzensmenschen loslassen.

Und dann, völlig unaufdringlich der «Call to action» – nein, nicht der Aufruf bei diesem Grossverteiler einzukaufen (ist natürlich subtil auch Teil vom Clip). Doch was ist der «Call to action», zu was werden wir eingeladen?

«Weihnachten ist, was wir weitergeben.»

Der Clip zeigt, dass es nicht einfach darum geht, Geschenke weiterzugeben. Es geht tiefer: Wir geben Wärme, Liebe, Werte und Traditionen weiter – von einer Generation zur nächsten.

So werden diese 90 Sekunden zu viel mehr als einem süssen Weihnachts-Werbeclip:

Leben ist, was wir weitergeben.
Familie ist, was wir weitergeben.
Freundschaft ist, was wir weitergeben.
Und ja: Glaube ist, was wir weitergeben.

Und zwar geben wir nicht weiter, weil wir beim richtigen Grossverteiler eingekauft haben – wir geben weiter, weil uns das Leben, der Himmel, weil uns Gott selbst, zuerst beschenkt hat. In dieser Krippe im Stall begegnet und beschenkt uns Gott. Das ist Weihnachten.

Eine Stelle im Clip hat mich besonders berührt: Als der Platz vom Papi plötzlich leer geblieben ist.

Viele von uns kennen das: Der Platz von Herzensmensch­en an unserem Tisch bleibt leer. Weil sie von uns gegangen sind, weil sie sich entschieden haben, nicht mit uns zu feiern oder weil sie gesundheitlich oder beruflich verhindert sind.

«Siehe, ich mache alles neu!»

Wenn Plätze am Tisch leer bleiben, ist es gar nicht so einfach, in Feier- und Festtagslaune zu kommen. Wenn unser Leben und die Welt voller Trauer, Klage und Schmerz sind, was gibt es da zu feiern?

Hier hinein spricht Gott durch die Jahreslosung 2026: «Siehe, ich mache alles neu!» (Die Bibel, Offenbarung 21,5).

«Siehe»: Das ist die Einladung, unseren Blick weg vom leeren Platz, weg von Trauer, Not und Schmerz auf ihn zu richten, auf den, der uns aufrichten wird.

Es ist der Blick, der über unser gegenwärtiges Leben und Feiern in die zukünftige Welt ragt. Es wird nicht ver­sprochen, dass jetzt schon alle Tränen getrocknet werden, doch dann wird alles neu – der Schmerz ist vorbei.

Darum ermutige ich trotz den leeren Plätzen an unseren Tischen zu feiern:

Feiert! Feiert freudig und ausgelassen – auch wenn nicht alles gut ist in eurem Leben, wenn Plätze am Tisch leer bleiben, wenn Schmerzen plagen.

Doch: Verdrängt beim Feiern den Schmerz nicht! Integriert den leeren Platz ins Feiern – er gehört zu euch dazu.

So wird unser unperfektes Familien-Weihnachtsfest sowie unser «Leben feiern» nicht nur eine Erinnerung an die erste Weihnacht, als der Himmel diese chaotische und unperfekte Welt besuchte und uns Frieden statt Furcht gebracht hat.

Unser Feiern ist nicht nur ein Erinnern zurück zur Krippe im Stall, zum Gott Mitten in Schwachheit.

Unser Feiern, wenn wir die leeren Plätze und den Schmerz nicht ignorieren, werden auch zu Erinnerungsmomenten an das, was kommen wird, was uns versprochen ist:

«Siehe, ich mache alles neu!»

Die leeren Plätze – Schmerz, Not und Trauer – werden nicht das letzte Wort haben!

Glücksaufgabe

Manchmal bleiben Plätze an unserem Tisch leer.
Und manchmal gibt es Tische, an die sind wir nicht eingeladen.

Weihnachten ist auch die Erinnerung, dass es bei Gott anders ist: An seinem Tisch sind wir alle erwünscht und willkommen!

Wie schon Peter Reber singt (Fröi di), gibt es bei diesem Fest keine exklusive Gästeliste – weil alle eingeladen sind.

Ich wünsche dir gesegnete Weihnachten und schon jetzt alles gute fürs kommende Jahr! Welchen Gedanken aus diesem Artikel willst du mitnehmen für die kommenden Festtage und das neue Jahr?

Basis von diesem Artikel ist meine Predigt vom vierten Advent, welche du hier nachhören kannst: