Der Mensch im Zentrum

Wer hätte das gedacht? Nun bin ich also Hauptmann Armeeseelsorge. Da mein letzter Blogbeitrag zum historischen Lehrgang viele positive Echos bewirkte, nehme ich heute nochmals Bezug dazu.

Seit einer Woche bin ich wieder ganz im zivilen Leben unterwegs. Und natürlich wurde ich hier und da angesprochen, entweder wurde mir zur Ernennung zum Hauptmann gratuliert, interessiert nachgefragt, was denn die Armeeseelsorge genau mache oder einfach salopp rhetorisch gefragt: «Und? Froh hast du’s hinter dir?».

Tatsächlich konnte ich diese Frage nicht mit einem klaren Ja beantworten. Natürlich sind meine Füsse dankbar, müssen sie bei dieser Hitze nicht mehr den ganzen Tag in unbequemen Kampfstiefeln stehen … Aber auf der anderen Seite machte sich diese Woche schon ein wenig «Lagerkoller» breit – nach den intensiven drei Wochen bin ich zwar froh, wieder bei meiner Familie zu sein, doch meine neuen Freunde vermisse ich schon auch.

Da drückt der Schuh

Die Schnittstelle zwischen militärischem und zivilem Leben, die ich in den letzten Tagen erlebte, eignet sich gut, um herauszufinden, was ich im Militärdienst schätzen gelernt habe und was ich jetzt überhaupt nicht vermisse.

Wie gesagt: Dass die Schuhe nicht mehr drücken, haben meine Füsse dankend zur Kenntnis genommen. Der bildlich gesprochene drückende Schuh entdecke ich aktuell in zwei Dingen:

Als Milizpolitiker verbrachte ich diese Woche schon wieder Stunden in Beratungen und Sitzungen. Bei einigen – wie in den Bewerbungsgesprächen – ging es um den Menschen. Vorwiegend ging es aber um Schulraumplanung, Finanzen, Verträge, Parkplätze …

Es mag überraschen, dass einer der Werte in der Schweizer Armee «Menschen im Zentrum» heisst. Natürlich ist ein solcher Slogan sehr schnell niedergeschrieben, aber nur sehr langsam als gelebte Kultur gefestigt.

Wenn schon die Armee als Ganzes sich der Menschenwürde verpflichtet, gilt dies umso mehr bei der Armeeseelsorge. Und das war in unserem Lehrgang spürbar: Die Theorieblöcke waren von der Frage geprägt, wie wir es schaffen, den Menschen ins Zentrum unseres Wirkens, Begleitens und Unterstützens als Seelsorger zu stellen.

Dieser Ansatz zog sich auch durch unsere Pausen und (knapp bemessene) Freizeit: Ein persönlicher Austausch zu später Stunde mit dem Vorgesetzten, Anteil nehmen an einer brüchigen Lebensgeschichte, Mitfreuen, wenn Versöhnung geschieht, Menschen und ihre Prägungen kennen und schätzen lernen … – ich habe es genossen, stand der Mensch in diesem Kurs im Zentrum. Und das fehlt mir diese Woche.

Die zweite Erkenntnis kam für mich etwas überraschend: Der Militäralltag war durchgetaktet (05.45 Aufstehen, 06.15 Frühstück, 07.00 Besinnung, 07.45 Theorie …) und so blieb wenig Spielraum für freie Planung. Eigentlich hätte ich gedacht, dass ich dies auf keinen Fall vermissen würde. Und ich glaube, ich vermisse es auch nicht wirklich – zu sehr habe ich über all die Jahre die Freiheit des «eigenen Chefseins» schätzen gelernt.

Aber mir wurde neu bewusst, wie viel Energie und Disziplin es kostet, wenn man seinen Alltag selbständig planen kann (darf/muss). Da ist es schön, sich auch einmal von einem «Picasso» (Wochenplan) führen zu lassen, der einem sagt, was als Nächstes ansteht.

Der Traum der vorbehaltlosen Annahme

Richtig gefreut habe ich mich, dass ich wieder zurück in meinem Alltagsjob bin. Nein, ein Job ist es nicht, es ist meine Berufung, die ich zusammen mit meiner Frau seit 23 Jahren leben darf: Seit der Gründung vom gms (Gemeinde im Bezirk «Kirche anders» der EMK Schweiz) ist es uns ein Anliegen, Orte zu schaffen, wo sich Menschen wohl und angenommen fühlen, Gott kennen und lieben lernen.

Diesen Traum träumen wir zum Glück nicht alleine. Gerade gestern Abend haben wir mit Menschen, die sich zu unserer Gemeinde zugehörig fühlen, über Annahme, Begegnung und Entwicklung nachgedacht.

Eine Aussage hat mich dabei gleichermassen gefreut als auch erschüttert: Sowohl ein Schüler als auch ein Frau Mitten im Leben haben zu bedenken gegeben, dass sie neben dem gms kaum einen Ort haben, wo sie diese vorbehaltlose Annahme erleben.

Es braucht Mut auf beiden Seiten: Organisationen – ob kirchliche Gemeinschaften, Schulen, Firmen oder eben die Schweizer Armee – brauchen den Mut, den Menschen nicht nur im Leitbild ins Zentrum zu rücken.

Und es braucht den Mut, vielleicht auch gerade nach enttäuschenden Erfahrungen, sich als Mensch aufzumachen und Teil einer Gemeinschaft zu werden. Dabei macht man sich verletzlich, geht ein Risiko ein.

Doch wenn man diesen mutigen Schritt wagt, kann der Gewinn riesig sein.

Das habe ich in meinen drei Militärwochen erlebt. Und das möchte ich immer wieder erleben und darum will ich noch konsequenter den Menschen ins Zentrum stellen.

Glücksaufgabe

Neulich durfte ich zusammen mit meiner Frau ein Glücks-Referat für Lokführer und Zugbegleiterinnen halten. Im Gespräch am Mittagstisch fragte ich einen Güterzug-Lokführer, ob das nicht ein furchtbar einsamer Job sei. Er: «Ich liebe diese Ruhe und das Alleinsein!».

Ein Weg zu mehr Lebenszufriedenheit ist, zu wissen, woraus man Energie zieht. Kannst du dich mit dem Lokführer identifizieren? Oder eher mit mir, wenn ich feststelle, dass mir Lebensgeschichten (Menschen) mehr Freude machen als Sachgeschäfte?

«Der Mensch im Zentrum» heisst auch, dass du dich kennst und weisst, was dir gut tut – und was nicht.

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