Warum ich meinen Glauben aufgegeben habe

Ich gebe zu: Die entscheidende Weggabelung auf meiner geistlichen Reise hin zu einem weiten Glauben und einer progressiven Theologie hatte, wie bei vielen anderen, auch bei mir mit der «Schwulenfrage» zu tun.

Irgendwann entdeckte ich die Lieblosigkeit in meinem evangelikal geprägten «Ja, aber …»-Denken: Du darfst sein wie du bist, aber lebe es einfach nicht aus.

Erst viel später entdeckte ich, wie zynisch ein solches Denken ist: Gott hat dich wunderbar geschaffen so wie du bist. Finde deine Identität (in Gott) – doch liebe nicht so, wie es deiner Identität entspricht …

Ja, die Sexualmoral ist ein Lieblingsstreitthema zwischen evangelikalen und postevangelikalen Christ:innen.

Doch seit ich meinen evangelikalen Glauben aufgegeben habe, entdecke ich noch so viel mehr – und theologisch viel bedeutendere – Gebiete, in denen die neue Weite mich zu einem befreiten, fröhlichen Glauben führt.

Apropos «fröhlich Glauben»: Das kam mir schon in meiner evangelikalen Zeit komisch vor. Da wird von Freude und Fröhlichkeit gepredigt, gesungen und geredet. Im Alltag beobachtete ich dann eher eine verknorzte Zwanghaftigkeit.

Überhaupt kommt mir so vieles abstrakt und lebensfremd vor, was ich früher glaubte: Das Konzept von Sünde, Blut und Opferlamm blieb trotz emotionalen Worshipsongs – und Theologiestudium! – irgendwie fremd für mich. Natürlich hätte ich das nie zugegeben, glaubte ja selbst daran, dass das Kreuzesgeschehen der ultimative Liebesbeweise Gottes ist, da er wegen mir und meinen Fehltritten seinen Sohn für uns Menschen opferte …

Doch was ist das für eine Begnadigung, wenn diese Gnade von einem «Gegengeschäft» abhängig ist? «Vergeben bedarf keiner Gegenleistung, man muss nur spüren, dass es von Herzen kommt», lese ich im inspirierenden Roman Die Passion von Amélie Nothomb.

Der Entmenschlichung entgegenwirken

Nein, den Glauben an eine liebende Gottheit habe ich nie aufgegeben und ich habe auch keine Dekonstruktion mit Paukenschlag hinter mir. Meine Glaubensentwicklung ist ein lebenslanger Prozess. So wurde das Evangelium für mich ganzheitlicher, die Theologie weiter und der Glaube befreiender – und so löste ich mich aus dem engen Korsett.

Enge – und tötende Regeln – wirken nieder-schlagend und nehmen uns den Schnauf. Weite – und lebensfördernde Haltungen – wirken auf-bauend und bringen uns zum Blühen.

Neben diversen Podcasts wie Hossa-Talk und Jetzt wird’s persönlich von Klaus-André Eickhoff sind in besonderem Masse die Bücher von Martin Benz wertvolle Reisebegleiter in meinem geistlichen Unterwegssein.

So erstaunt es nicht, dass die Impulse von Martin an der 3×3 Konferenz «Weit glauben – und trotzdem Gemeinde?!» nachhallen.

Menschen aus der Entmenschlichung führen, dieser Gedanke von Martin hat mich sehr angesprochen: «Es geht nicht einfach darum aus Menschen Christen zu machen, sondern aus Menschen wieder Menschen zu machen.»

Etwas geistlich Abstraktes wird für mich greifbar und ist mehr konkrete Lebenshilfe als dogmatisches Gedankengebilde: «Sünde ist nicht einfach die Übertretung eines einzelnen Gebotes, sondern die Entmenschlichung des Menschen.»

Passend dazu lese ich am Tag nach der Konferenz in der Badewanne liegend meine Sonntagslektüre (NZZ am Sonntag):

Saskia Niño de Rivera … hat rekonstruiert, wie dort in den Bergen Jugendliche gezielt traumatisiert und entmenschlicht werden: «Am Anfang bekommen sie einen Hundewelpen geschenkt, den sie aufziehen und nach 30 Tagen eigenhändig umbringen müssen», erzählt Niño de Rivera im Interview. «Das zerstört ihre Persönlichkeitsstruktur. Sie sind später kaum in der Lage, Ereignisse chronologisch zu ordnen oder Empathie für jemand zu empfinden.»

Entmenschlichung – wir kennen sie, im Kleinen wie im Grossen.

Da träume ich gerne mit Martin Benz und anderen von Gemeinden, in denen nicht die Bekehrung zu irgendwelchen abstrakten Glaubenssätzen im Zentrum steht, sondern das Angebot Jesu, uns wieder zu Menschen zu machen.

Glücksaufgabe

Wie du bestimmt bemerkt hast, habe ich nicht wirklich meinen Glauben aufgegeben, sondern meine evangelikale Prägung überwunden.

Vieles hat sich über die Jahre in meinem Leben und Glauben verändert und ich mag für meine früheren Freund:innen inzwischen zu wenig fromm (oder schlimmeres) sein. Doch eines kann ich mit Überzeugung sagen: Ich bin begeistert wie selten zuvor von meinem Glauben. Er ist keine Mogelpackung mehr. Ich muss nicht Menschen etwas «verkaufen», was sie gar nicht wollen.

Ich suche nach Glück im Sinn von Lebenszufriedenheit und Shalom. Und weisst du was? Genau das wünscht sich die bedingungslose göttliche Liebe für uns. Nein, nicht irgendwelchen Wohlstand, sondern blühendes Leben für alle.

Wo macht dich dein Glaube glücklich?
Und wo vielleicht das Gegenteil davon?

Bilanz zum halben Jahrhundert

Bald werde ich fünfzig. Bin ich deshalb aktuell besonders sentimental?

Jedenfalls sass ich letzten Samstag in Marburg in einer Konferenz und heulte während der ersten Session vor mich hin. Naja, vielleicht ist das etwas übertrieben. Doch die Augen waren immer mal wieder feucht und Tränen kullerten über meine Wangen.

Ich sass im Lokschuppen Marburg, einer Location, die mich durch die Posts und Videos vom UND Marburg bereits in Vergangenheit sehr angesprochen hatte. Das Live-Erlebnis konnte für einmal durchaus mit dem virtuellen Eindruck mithalten.

Das Zusammenspiel einer für mich sehr ansprechenden Location, dem guten Sound und der Tatsache, dass ich hier Teil einer Veranstaltung sein durfte, in der es um Inklusion statt um Verdammung ging, hat mein Herz tief berührt.

Und ja, auch wenn ich kurz davor in meiner Reisegruppe noch bluffte, mein 50. Geburtstag bringe mich nicht sonderlich ausser Balance, war es nun doch um mich geschehen. Der Realitätscheck war knallhart: Was ich hier in Marburg erleben durfte, war Kirche, wie ich sie vor meinem inneren Auge und in meiner Traumvorstellung schon längst sehe und ersehne.

Tatsächlich habe ich mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens diesem Traum verschrieben. Und was ist daraus geworden? Je nach Blickwinkel ganz viel.

Schönes. Gutes. Kraftvolles. Befreiendes. Lebensförderndes. Hoffnungsvolles.

Und doch bleibt es an manchen Stellen ein «Murks». Es ist anspruchsvolle Arbeit, die sich mal um Marketing, mal um Raumgestaltung, dann um knappe Finanzen und Liegenschaftsfragen dreht. Begleitung von Menschen und inhaltliches Wirken kommt da manchmal einfach zu kurz.

Natürlich ist in den hippen Projekten oder gar in Megachurchs nicht alles einfach easy und mega. Im Gegenteil: während bei uns Zehntausende Franken fehlen, sind es dort möglicherweise Millionen.

Und ja, es ist auch ganz vieles gegangen in den letzten Jahren: Wir waren anfangs Jahr mit BUNT GLAUBEN Veranstalter einer fantastischen Konferenz, mehr Menschen tragen Verantwortung, Teams gestalten mit, die Resonanz scheint grösser geworden zu sein …

Trotzdem tauchen sie auf, die Fragen, die wohl ganz automatisch zu dieser Wegmarke mit der 50 drauf gehören: Was ist aus meinen Träumen geworden? Was habe ich erreicht? Wo will ich noch hin? Wie will ich meine nächste Wegstrecke gestalten?

Da gab es letztes Wochenende auch ganz viel Bestätigendes: Ich will an diesem Mix von frischen Formen, weiter Theologie und gemütlichem Ambiente unbedingt dranbleiben. Dabei will ich mich nicht im Kleinklein verlieren, sondern zusammen mit positiven Menschen «etwas Grosses rocken» – selbst dann, wenn es ein kleines, verletzliches Pflänzchen bleibt.

Dazu nehme ich wertvolle Impulse aus der Coming-In Konferenz (veranstaltet vom Verein Zwischenraum) mit. Wie diese Perlen aus meinen Tagungsnotizen:

Wenn wir «Gemeinsam Gemeinde» (Tagungsmotto) sein wollen, sollten wir auf unserer Reise nicht wie die vorne im Van sein, die herablassend über die Mitreisenden hinten im Van reden. Möglicherweise schlafen sie nicht und werden tief verletzt von der Art, wie wir über sie sprechen.

Dieses Bild hat was. Und dazu passt ein weiterer Gedanke von Tabea Wagner: «Stellt Fragen, aber stellt niemanden in Frage!».

Denn (so Lol): «In einer Gemeinde, in der nicht alle sicher sind, ist niemand sicher!»

Vom Workshop mit Damaris vom genialen lev-Gemeindegründungsprojekt bleibt mir besonders dieser Gedanke hängen: «Die Haltung von anderen kann ich nicht machen, ich kann nur immer wieder meine Haltung einbringen.» 

Und Mira Ungewitter habe ich wunderbare Zitate zu verdanken: «Die gerade Linie ist gottlos», habe der Künstler Hundertwasser gesagt. Umgemünzt für unser Wirken gab Mira zu bedenken: «Der Jesus-Weg ist viel verschlungener als so manche Gemeinde-Einbahn!»

Mit einem Zitat der österreichische Feministin Johanna Dohnal ermutigte uns Mira zu beherztem Engagement: «Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen.»

Vielleicht nehme ich das als Motto für meinen nächsten Wegabschnitt.

Glücksaufgabe

Was ist aus deinen Träumen geworden?

Welche gilt es loszulassen und für welche willst du umso beherzter einstehen?