Wann wird es endlich …

… wieder so, wie es nie war?

Darüber habe ich letzten Sonntag gepredigt.

Kennen wir das nicht alle auf die eine oder andere Weise: Wir schauen mit verklärtem Blick auf die Vergangenheit und wünschen uns in Zeiten zurück, die es so gar nie gab?

Warum passiert uns Menschen das? Weil wir – ich weiss nicht ob alle, aber sicher viele – dazu neigen, die Vergangenheit zu glorifizieren: Plötzlich leuchtet alles etwas heller und schöner und wir denken: Wenn es wieder so wäre, wäre es perfekt.

Stimmt das wirklich?

Es ist gut, wenn wir dankbar auf unsere Geschichte, auf unsere Vergangenheit zurückblicken. Gleichzeitig kann die Glorifizierung der Vergangenheit auch zum Stolperstein werden: Wir beschönigen was war und blenden die Herausforderungen von damals aus.

Und wir blenden aus, dass wir uns alle weiterentwickelt und verändert haben: Wir sehnen uns möglicherweise nach diesem Gefühl von damals, aber die Umstände von damals würden heute wahrscheinlich nicht mehr zu uns passen.

Und so blockieren wir die Entwicklung im Moment.

Gegenwart schlecht reden 

Ein zweiter Stolperstein beim Versuch im Moment zu leben: Die Gegenwart schlechter machen, als sie ist.

Warum ist das so? Ich habe eine Vermutung. Das Leid und die Herausforderungen der Gegenwart sind immer 100 %. Das habe ich diesen Frühling an der 3×3 Konferenz im Workshop mit Arne Kopfermann gelernt. Es ging um Schmerz und Leiderfahrungen.

Sachlich können wir festhalten: Die Krankheit des Haustieres ist weniger tragisch als der tödliche Unfall eines Kindes.

Doch persönlich erfahrener Schmerz und Verlust sind nie sachlich!

Wenn dein Haustier krank ist: 100 % Schmerz.
Wenn du Migräne hast: 100 % Schmerz.
Wenn deine Eltern dir zur Last fallen: 100 % Schmerz.
Wenn deine Ehe in Brüche geht: 100 % Schmerz.
Wenn dein Grosskind gemobbt wird: 100 % Schmerz.

Die aktuellen Herausforderungen und Verlustängste nehmen uns voll und ganz in Beschlag. Im Rückblick werden wir es möglicherweise anders bewerten und werden mit der Zeit weniger emotional beim Gedanken an den Verlust, an die Veränderung.

Doch im Moment dominieren die aktuellen Heraus­forder­ungen unseren Alltag. Und so neigen wir dazu, die Gegenwart schwärzer zu malen, als sie ist.

Zukunft idealisieren

Es gibt noch ein dritter Stolperstein. Bei mir ist dieser der grösste. Meine Frage ist weniger, wann wird es wieder wie früher. Sondern: Wann wird es endlich, wie ich es mir in meinen Visionen ausmale?

Wer mit diesem visionären Blick durchs Leben geht, steht vielleicht weniger in Gefahr, die Vergangenheit zu glorifizieren. Doch das Gegenteil davon, nämlich die Zukunft zu idealisieren, ist auch nicht wirklich hilfreich.

Im Grunde haben die Nostalgikerin und der Visionär dasselbe Problem: Sie verpassen den Moment!

Genauso wichtig wie der dankbare Blick in die Vergangen­heit, ist auch der hoffnungsvolle Blick in die Zukunft.

Doch genauso wenig, wie wir die Vergangenheit glorifizieren sollten, sollten wir die Zukunft idealisieren.

Die Vergangenheit war nicht perfekt!

Die Zukunft – auf dieser Seite des Himmels – wird es auch nicht!

Doch gemeinsam können wir einander helfen, die Vergangenheit als wertvolle Ressource zu nutzen, um mit Visionen in die Zukunft zu gehen.

So können wir die Kraft der Erinnerung und die Kraft von Visionen nutzen, um die Gegenwart zu gestalten.

Glücksaufgabe

Lebst du eher im Gestern?
Oder lebst du schon im Morgen?

Gestern war gestern, morgen kommt morgen.

Doch jetzt ist jetzt, hier ist hier.

Vergiss nicht, im Moment zu leben!

We sell Kodak Film

Die Situation war irgendwie skurril: Da wollte uns ein österreichischer Pfarrer weis machen, dass wir die Idee, als Kirchen eines Tages mit den richtigen Mitteln wieder einen Grossteil der Gesellschaft ansprechen zu können, als Utopie entlarven und loslassen sollten.

Dabei trug er gleichzeitig die Problemanalyse auf seinem T-Shirt. Da stand in grosser Schrift: «WE SELL KODAK FILM.»

Ich fand das T-Shirt fantastisch: Einerseits hat es eine Art Kult-Status, anderseits steht es für die tragische Kodak-Story.

Diese Begebenheit ereignete sich letzte Woche in einem D.A.CH.-Kurs. Knapp 30 Pfarrpersonen schauten gemeinsam über den eigenen Tellerrand, teilten Erfahrungen und experimentierten mit unterschiedlichen Formen von Spiritualität.

Wie in solchen Runden üblich, gehörte ich im Plenum eher zu den zurückhaltenden Teilnehmenden. Doch als mein österreichischer Kollege sein resignierendes Statement abgab und ich dabei sein T-Shirt betrachtete, gab es kein Halten mehr: «Lasst uns von der Kodak-Story lernen und damit aufhören, Kodak-Filme zu verkaufen! Ja, vielleicht – wahrscheinlich – werden wir immer nur einen kleinen Teil der Gesellschaft erreichen, doch wenn wir die Sehnsüchte der Menschen berühren, haben wir als Kirchen etwas zu bieten.»

Die Nachfragen in der Pause zeigten mir, dass sich nicht alle etwas unter der «Kodak-Story» vorstellen konnten. Der Kollege mit dem T-Shirt übrigens schon: Er selbst ist mit dieser starken Marke aufgewachsen, da seine Eltern ein Fotogeschäft führten.

So erzählte er mir, mit welchem Stolz die Kodak-Vertreter damals ihr Geschäft besuchten. Kodak, das war das Mass der Dinge in der Fotografie.

Und das macht den Absturz in die Vergessenheit umso tragischer: Kodak war einmal ein Gigant. Die Firma konnte etwas, was viele wollten: Erinnerungen festhalten. Sie prägte über Jahrzehnte eine ganze Kultur des Fotografierens, bis die digitale Fotografie die Spielregeln veränderte. Kodak hatte die neue Technik sogar mitentwickelt, aber sie passte nicht ins alte Erfolgsmodell.

Das ist die eigentliche Pointe: Nicht Unfähigkeit, sondern Angst vor dem Verlust des Bewährten kann zum Problem werden. Kodak fürchtete, das lukrative Filmgeschäft zu kannibalisieren, und hielt deshalb zu lange am Alten fest. So wurde aus einer Erfindung, die Zukunft hätte werden können, ein Mahnmal verpasster Zeit.

Zurück zu meiner Weiterbildung. Sie trug den Titel «Spiritualität:en. Erkundungen zwischen Tradition und Experiment». Passt irgendwie zur Kodak-Story, oder?

Wo stehen wir – als Kirche oder andere Institution und vielleicht auch ganz persönlich – in Gefahr, nichts Neues (z.B. experimentelle Formen) zu wagen, weil wir damit das Bewährte untergraben könnten?

Während sich neue Trends entwickeln, sind sie noch nicht Mainstream. Die Massen werden damit nicht angesprochen. Noch nicht! Wenn wir uns nämlich, ob aus Angst, Bequemlichkeit oder gar Faulheit, gegen Veränderung und Weiterentwicklung wehren, erreichen wir wahrscheinlich irgendwann nur noch einige Nostalgiker:innen.

Oder wie es KI auf den Punkt bringt: Manchmal scheitern wir nicht am Neuen, sondern an der Angst, dass Gottes Zukunft anders aussieht als unsere Vergangenheit.

Glücksaufgabe

Was lernst du von der Kodak-Story für dich persönlich? Und wenn du an Gemeinschaften und Organisationen denkst, die du kennst oder zu denen du dich sogar zählst: Wo wäre Mut zum Experimentieren nötig?

Und was würdest du den 30 Pfarrpersonen aus dem Spiritualität:en-Kurs mit auf den Weg geben, welche Sehnsüchte der Menschen sie aufnehmen sollten, um die Kirche gesellschaftsrelevanter zu machen?