Kann man Gemeinschaft organisieren?

Gross zu sein, hat uns allerdings auch nicht immer gutgetan,
tut eigentlich keiner Kirche besonders gut.
Gottfried Locher (im Interview Protestanten sind Meister im Entzaubern)

Wir Menschen sind für die Gemeinschaft gemacht. Anders gesagt: Wir brauchen andere Menschen um uns positiv (weiter)entwickeln zu können.

Nun beschäftigt mich aber als Leiter einer unkonventionellen Kirche seit 15 Jahren die Frage, ob man Gemeinschaft organisieren kann. In vielen Kirchen wird der Wert der Gemeinschaft grossgeschrieben. Und darum beginnt man, Gruppen zu organisieren: Interessensgruppen, Hauskreise, Freiwilligenteams, Kleingruppen…

Meine Erfahrung dabei ist eher frustrierend als motivierend. Denn: Die beste Gemeinschaft erlebe ich immer wieder bei natürlichen Treffen mit Freunden – und nicht in organisierten Gruppen.

Ohne Organisation geht es nicht

Die Lösung scheint auf den ersten Blick naheliegend: Organisieren wir einfach nichts mehr. So verlockend das sein mag, so sehr gibt es auch da Gefahren: Einerseits sollen Kirchen und ähnliche „Gemeinschaften“ ein Ort sein, an dem auch Menschen getragen werden, die sonst durch die sozialen Netze fallen würden. Und zum Anderen braucht selbst eine lebendige Freundschaft ein Mindestmass an Organisation.

Wenn ich die Gemeinschaft mit meinen Freunden in Süddeutschland so sehr schätze, aber nie Zeit und Raum schaffe, um diese Freundschaft zu pflegen, bleibt es eine imaginäre Gemeinschaft. Freundschaften leben von gelebter Gemeinschaft – und nicht nur von der Idee, sich bei Gelegenheit einmal zum Essen zu verabreden. Und wenn es schon bei natürlichen Freundschaften nicht ganz ohne Organisation geht, wie viel mehr braucht es da organisatorisches Geschick, wenn Gemeinschaft in einer Kirche lebendig gehalten werden soll.

Institutionalisierung tötet Gemeinschaft

Nun ist aber genau das die grosse Kunst und Herausforderung: Sobald wir eine anfänglich vielleicht sehr lebendige Gemeinschaft, möglicherweise sogar entstanden aus einem spontanen Treffen, institutionalisieren, ist das Scheitern praktisch vorprogrammiert. Was einmal gut und inspirierend war, bleibt nicht automatisch durch unzähliges Wiederholen immer noch gut und inspirierend. Institutionalisierte Gemeinschaft nützt sich mit der Zeit ab.

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich das obige Zitat von Gottfried Locher studierte. Institutionelle Grösse tut einer Kirche nicht wirklich gut. Oder stellt mindestens eine grosse Herausforderung dar. Denn: Je grösser eine Organisation ist, desto schwerfälliger wird sie als Institution. Und solche träge Institutionen werden es schwer haben, gelebte Gemeinschaft zu ermöglichen.

Gemeinschaft offen organisieren

Diese Woche bin ich über folgende Zeilen gestolpert. Aus meiner Sicht könnte das von Tony Jones vorgestellte Konzept ein guter Lösungsansatz sein, wie Gemeinschaft offen organisiert werden könnte:

Jones regt eine „Wikichurch“ an, also eine nicht hierarchisch strukturierte Glaubensgemeinschaft, zu der jede/r etwas beitragen kann. Konkret empfiehlt er die Organisationsstruktur des „open-source network“. Dabei tritt die gegenseitige Kommunikation ins Zentrum der Aufmerksamkeit. …

Freimütig räumt Jones ein, dass es bei einer solchen Organisationsstruktur zu Fehlern kommen kann (wie bei Wikipedia). Doch erscheint ihm die Gefahr der Erstarrung wie in den bisherigen Kirchen bedrohlicher.
(Quelle: Praktische Theologie, Christian Grethlein)

WEITERFÜHRENDE ANGEBOTE

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Gesellschaft“.

Was ist Kirche?

Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich.
Man wird ja auch kein Auto, wenn man in einer Garage steht.
Albert Schweitzer (deutscher Arzt und evang. Theologe, 1875 – 1965)

Es ist eine berechtigte Frage, die Albert Schweitzer hier aufwirft: Was macht eigentlich einen Christen zu einem Christen? Was würden Sie antworten? Genauso interessiert mich als Theologe und Pfarrer die Frage: Was macht eigentlich die Kirche zur Kirche?

Seit über 13 Jahren leite ich nun das gms-Projekt, das sich mal mehr, mal weniger explizit als Kirche versteht. Da dieses Projekt aber nicht den klassischen Vorstellungen von Kirche entspricht, wird unser Kirchesein regelmässig in Frage gestellt. Wir haben weder Kirchenturm noch regelmässige Sonntagspredigt. Können wir trotzdem Kirche sein?

Unter Berufskollegen erlebe ich immer wieder, dass ich in Erklärungsnotstand komme, wenn die Frage nach meiner (Kirch)Gemeinde kommt. Nicht selten passiert es, dass ich von unserer Arbeit erzähle und dann gefragt wird: „Und in einer Kirche seid ihr auch noch dabei?“ – „Ähm, davon habe ich dir jetzt doch gerade erzählt…“

Darum: Was macht eine Kirche zur Kirche? Bereits der erste Abend meiner Studienreise nach Sheffield, wo wir uns mit Fresh Expressions of Church in der anglikanischen Kirche beschäftigten, war sehr befreiend für mich: „Wir sind Kirche!“, war meine Erkenntnis.

Kirche – mehr als die Sonntagspredigt

Mich hat fasziniert, mit welcher Innovation und mit welchem Mut die Fresh Expressions Bewegung Kirche „frisch“ definiert: Ein FX-Projekt wird, wenn die entsprechenden Kennzeichen vorhanden sind, als selbständige Kirche angesehen. Konkret werden kleine, kreative, zielgruppenorientierte Gruppen als Kirche angesehen, die andernorts höchstens als eigenständiger Arbeitszweig betrachtet würden.

Für eine FX-Kirche sind weder der Sonntagsgottesdienst noch ein Gebäude von zentraler Bedeutung. Hingegen wird ein Projekt daran gemessen, ob die vier Dimensionen von Kirche vorhanden sind: up – Beziehung zu Gott; in – Gemeinschaft untereinander; out – Verantwortung in der Gesellschaft; of – Teil der weltweiten Gemeinde.

Wann und wo sich eine Gruppe trifft, entscheidet noch nicht über ihr Kirchensein. Fresh Expressions Kirchen treffen sich mindestens einmal pro Monat, manchmal an ganz unerwarteten Orten wie in einem Starbucks, erleben Gemeinschaft, engagieren sich für die Gesellschaft, helfen einander, die eigene Gottesbeziehung zu stärken und verstehen sich als Teil von der weltweiten Familie Gottes. Von der Form her können die FX-Kirchen sehr unterschiedlich sein – genauso wie wir Menschen auch sehr unterschiedlich sind. Von der Skater-Kirche über die Überraschungskirche für Familien (Messy Church) bis zur kontemplativen Gemeinschaft (Contemplativ Fier) ist alles vorhanden.

Zurück zu der Fragen: Was ist Kirche? Und: Was macht einen Christen zum Christen? Für mich hat es viel mit dem zu tun, was wir zu unserem Projektmotto „gms – z’friede läbe“ niedergeschrieben haben: Gemeinsam wollen wir danach fragen, wie wir zufrieden und in Frieden leben können. Wir wollen das Leben entdecken, entfalten und aktiv gestalten. Dabei wollen wir dem begegnen, der das Leben erfunden hat.
Dies tun wir ganzheitlich, was wir mit unseren fünf prägenden Werten ausdrücken:

  • Spiritualität: göttliche Liebe erfahren
  • Persönlichkeitsentfaltung: guter Umgang mit sich selbst
  • Gemeinschaft: Getragen im Miteinander
  • Grosszügigkeit: Als Beschenkte andere beschenken
  • Stärken: persönliche Fähigkeiten einsetzen

Das mag für manche eine ungewohnte Definition von Kirche sein. Christ und Kirche – beide sind herausgerufen, der Spur ihrer zentralen Figur, Jesus Christus, zu folgen. Das wird ganz unterschiedlich ausschauen und hat nicht mit einem Gebäude oder einem wöchentlichen Kirchenbesuch zu tun.

WEITERFÜHRENDE ANGEBOTE ZUM THEMA

 

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Spiritualität“.

Gemeinsam sind wir stark

Man muss mit den richtigen Leuten zusammenarbeiten, sie achten und motivieren. Dauerhafter Erfolg ist nur im Team möglich.
Klaus Steilmann

Letzte Woche hatte ich im Rahmen meines Masterstudiengangs die Gelegenheit, an einer Studienreise nach Sheffield GB teilzunehmen. Es war eine schöne und lohnenswerte Reise; und dies nicht nur, weil das Wetter doch um einiges angenehmer war als hierzulande. Sheffield hat einige spannende Gebäude und schöne Plätze zu bieten, doch was die Studienreise vor allem auszeichnete, waren die inspirierende Lerngemeinschaft (gekoppelt an eine grosse Lernbereitschaft) unter uns Studenten und die innovativen Projekte, die wir als Gruppe besuchten.

Die Studienreise hatte zum Ziel, verschiedenste Ausdrucksformen von Kirche kennen zu lernen und diese „Fresh expressions of Church“ zu reflektieren sowie daraus Impulse für die Arbeit in unserem Land zu gewinnen.

Innerhalb der Anglikanischen Kirche gibt es seit rund zehn Jahren unter der Bezeichnung „Fresh expressions of Church“ eine wachsende Bewegung mit vielen kleinen, ermutigenden Initiativen, die zeigen, dass ein Turnaround von einer (aus)sterbenden Kirche zu einer erfrischenden, relevanten Erfahrung von Kirche nicht nur wünschenswert und denkbar, sondern auch möglich ist.

Biker im Talar

Trotz der immensen Unterschiedlichkeit der besuchten Projekte ist uns eine Gemeinsamkeit schnell aufgefallen: Der Teamgedanke. Dies zeigte sich schon nur darin, dass fast alle Projekte von einem Team und nicht von einer Einzelperson vorgestellt wurden.

Einzigartig war das Beispiel von Harry Steele. Er wurde als Pionier in eine sehr traditionelle, schrumpfende Anglikanische Kirche mit katholischer Ausprägung gestellt. Auf den ersten Blick war klar, dass er selbst jedoch alles andere als traditionell ist: Harley Davidson Gurt umgeschnallt, auffallender Schnurbart, lässiger Umgang – ohne „Beweisfotos“ wäre es kaum vorstellbar, dass Harry in einem Talar in einer Kirche steht.

Eindrücklich wird schon vor der Kirche kommuniziert: Hier ist etwas in Bewegung, hier geschieht Veränderung. Dabei geht Harry einerseits konsequent vor, anderseits aber auch behutsam. Man muss zielstrebig losmarschieren und die Leute für einen gemeinsamen Weg gewinnen, aber wenn man eigenmächtig alles umstellt, haben am Ende alle verloren.

Was Harry dabei geholfen hat, eine kleine Veränderung nach der anderen durchzuführen, war das grosse Team, dass ihn auf dieser Reise begleitet. Eine grosse Zahl von Menschen verpflichteten sich, mindestens ein Jahr diesen Weg mitzugehen, egal wie attraktiv oder schwierig es würde. Ganz nach dem Motto: „Was ich alleine nicht schaffe, können wir gemeinsam erreichen.“

Herausgefordert und ermutigt

Die Studienreise war für mich befreiend, ermutigend und herausfordernd gleichzeitig. Und dies hat mit den besuchten Projekten zu tun, zu einem sehr grossen Teil aber auch mit der Gemeinschaft der Mitreisenden. Auch hier wieder der Teamgedanke: Wäre ich alleine auf diese Reise gegangen, hätte ich nicht im selben Mass profitiert. Das Reflektieren, Austauschen und Fragen mit den zwölf andern – als Gesamtgruppe in unserem Seminarraum oder spätabends in kleinen Gruppen im englischen Pub – half, den Transfer in die eigene Situation zu gewährleisten. Schön war auch, dass es nicht einfach beim Theologisieren blieb. Es war eine echte persönliche Anteilnahme an der Situation des anderen spürbar, was sich auch im Gebet füreinander ausdrückte.

Und so nehme ich neben vielem anderem für mich mit: Veränderung geschieht im Team. Bleiben wir Einzelkämpfer, haben wir einen ganz schweren Stand. Doch wenn eine Gemeinschaft von Menschen entsteht, die gerne zusammen ist und sich für ein gemeinsames Ziel engagiert, kann etwas Grossartiges entstehen. – Dies gilt für die Kirche, aber nicht nur! Den Teamgedanken gilt es auch in jedem anderen Arbeitsumfeld und wohl auch in jeder Lebenslage hochzuhalten.

 

WEITERFÜHRENDE ANGEBOTE ZUM THEMA

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichGesellschaft“.