Die Situation war irgendwie skurril: Da wollte uns ein österreichischer Pfarrer weis machen, dass wir die Idee, als Kirchen eines Tages mit den richtigen Mitteln wieder einen Grossteil der Gesellschaft ansprechen zu können, als Utopie entlarven und loslassen sollten.
Dabei trug er gleichzeitig die Problemanalyse auf seinem T-Shirt. Da stand in grosser Schrift: «WE SELL KODAK FILM.»
Ich fand das T-Shirt fantastisch: Einerseits hat es eine Art Kult-Status, anderseits steht es für die tragische Kodak-Story.
Diese Begebenheit ereignete sich letzte Woche in einem D.A.CH.-Kurs. Knapp 30 Pfarrpersonen schauten gemeinsam über den eigenen Tellerrand, teilten Erfahrungen und experimentierten mit unterschiedlichen Formen von Spiritualität.
Wie in solchen Runden üblich, gehörte ich im Plenum eher zu den zurückhaltenden Teilnehmenden. Doch als mein österreichischer Kollege sein resignierendes Statement abgab und ich dabei sein T-Shirt betrachtete, gab es kein Halten mehr: «Lasst uns von der Kodak-Story lernen und damit aufhören, Kodak-Filme zu verkaufen! Ja, vielleicht – wahrscheinlich – werden wir immer nur einen kleinen Teil der Gesellschaft erreichen, doch wenn wir die Sehnsüchte der Menschen berühren, haben wir als Kirchen etwas zu bieten.»
Die Nachfragen in der Pause zeigten mir, dass sich nicht alle etwas unter der «Kodak-Story» vorstellen konnten. Der Kollege mit dem T-Shirt übrigens schon: Er selbst ist mit dieser starken Marke aufgewachsen, da seine Eltern ein Fotogeschäft führten.
So erzählte er mir, mit welchem Stolz die Kodak-Vertreter damals ihr Geschäft besuchten. Kodak, das war das Mass der Dinge in der Fotografie.
Und das macht den Absturz in die Vergessenheit umso tragischer: Kodak war einmal ein Gigant. Die Firma konnte etwas, was viele wollten: Erinnerungen festhalten. Sie prägte über Jahrzehnte eine ganze Kultur des Fotografierens, bis die digitale Fotografie die Spielregeln veränderte. Kodak hatte die neue Technik sogar mitentwickelt, aber sie passte nicht ins alte Erfolgsmodell.
Das ist die eigentliche Pointe: Nicht Unfähigkeit, sondern Angst vor dem Verlust des Bewährten kann zum Problem werden. Kodak fürchtete, das lukrative Filmgeschäft zu kannibalisieren, und hielt deshalb zu lange am Alten fest. So wurde aus einer Erfindung, die Zukunft hätte werden können, ein Mahnmal verpasster Zeit.

Zurück zu meiner Weiterbildung. Sie trug den Titel «Spiritualität:en. Erkundungen zwischen Tradition und Experiment». Passt irgendwie zur Kodak-Story, oder?
Wo stehen wir – als Kirche oder andere Institution und vielleicht auch ganz persönlich – in Gefahr, nichts Neues (z.B. experimentelle Formen) zu wagen, weil wir damit das Bewährte untergraben könnten?
Während sich neue Trends entwickeln, sind sie noch nicht Mainstream. Die Massen werden damit nicht angesprochen. Noch nicht! Wenn wir uns nämlich, ob aus Angst, Bequemlichkeit oder gar Faulheit, gegen Veränderung und Weiterentwicklung wehren, erreichen wir wahrscheinlich irgendwann nur noch einige Nostalgiker:innen.
Oder wie es KI auf den Punkt bringt: Manchmal scheitern wir nicht am Neuen, sondern an der Angst, dass Gottes Zukunft anders aussieht als unsere Vergangenheit.
Glücksaufgabe
Was lernst du von der Kodak-Story für dich persönlich? Und wenn du an Gemeinschaften und Organisationen denkst, die du kennst oder zu denen du dich sogar zählst: Wo wäre Mut zum Experimentieren nötig?
Und was würdest du den 30 Pfarrpersonen aus dem Spiritualität:en-Kurs mit auf den Weg geben, welche Sehnsüchte der Menschen sie aufnehmen sollten, um die Kirche gesellschaftsrelevanter zu machen?










