Heiligt der Zweck wirklich die Mittel?

Mal angenommen, eine Oberstufen-Lehrperson plant eine mehrtägige Schulreise für ihre Klasse und ist bereit, den Wunsch ihrer Schüler:innen aufzunehmen und abzuklären, ob die Reise ausnahmsweise ins nahe Ausland gehen kann.

Dafür bräuchte sie die Zustimmung der Bildungskommission des fiktiven Ortes im Berner Oberland.

Nun mal weiter angenommen, dass es neben der Zustimmung der Bildungskommission auch eine EU-Bewilligung braucht für eine solche Gruppenreise mit Minderjährigen. Da besagte Lehrperson jedoch sehr EU-kritisch eingestellt ist und ihre persönlichen Daten zum Selbstschutz nicht einer EU-Behörde anvertrauen will, findet sie einen illegalen Weg, um an die nötigen Dokumente zu kommen.

Der Bildungskommission versichert sie, alle notwendigen Bewilligungen eingeholt zu haben und legt ihnen möglicherweise gar die gefälschten Dokumente vor.

Wie gesagt, das ist alles frei erfunden und solche Sonderbewilligungen der EU braucht es meines Wissens nicht (anders sieht es je nach Bestimmungen mit dem Einverständnis der Schulbehörde aus).

Nun freue ich mich als Vater für mein Kind, dass die Lehrperson diesen Mehraufwand auf sich genommen hat und mit dieser speziellen Auslandschulreise ein besonderes Erlebnis für die Teenager ermöglicht.

Es ist alles gut gegangen, die Klasse kommt mit vielen Eindrücken und Erinnerungen zurück, die möglicherweise ein ganzes Leben lang nachhallen werden. Die Lehrperson erfährt am Elternabend grosse Wertschätzung für ihr Engagement.

Drei Schuljahre später ist mein zweites Kind bei derselben charismatischen Lehrperson. Schüler:innen wie Eltern freuen sich auf erlebnisreiche Schuljahre.

Plötzlich macht zur Überraschung aller ein Gerücht die Runde: Die Lehrperson hätte die Sonderbewilligung auf illegalem Weg beschafft und sich somit wegen Urkundenfälschung strafbar gemacht.

Der Eltern-Chat explodiert: Ist eine solche Lehrperson noch tragbar? Wie man hört, hätte sie eine Busse für ihr Fehlverhalten bezahlt. Dann ist doch alles gut, oder nicht? Was sagt eigentlich die Bildungskommission dazu? Und die EU-Skeptiker:innen sehen sich bestätigt und finden das Verhalten der Lehrperson gar vorbildlich. Und überhaupt sei es Privatsache, wie sie an die Dokumente gekommen sei.

Ich zögere: Will ich mein Kind einer Person anvertrauen, die «sehr kreativ» mit geltendem Recht umgeht? Und was, wenn eine solche Täuschung bei der nächsten Reise am Zoll auffliegt und die vorfreudigen Schutzbefohlenen unverrichteter Dinge wieder heimreisen müssen – oder Schlimmeres? Nein, Privatsache ist ein solches Handeln nicht.

Nun erinnere ich mich, wie mich die Lehrperson vor drei Jahren am Elternabend mit ihren Inputs zu Ehrlichkeit, Authentizität und Integrität begeisterte. Da war wirklich ein Mensch voller Leidenschaft mit einem starken Wertekatalog unterwegs. Ich freute mich auf ein auf Vertrauen basierendes Zusammenspiel von Lehrperson, Klasse und Eltern.

Und jetzt? Dieselbe Person hat uns alle getäuscht. Wenn ich sie an ihren eigenen Massstäben aus diesem Elternabend messe, fällt sie durch.

Für mich ist klar: Diese Lehrperson ist nicht mehr tragbar, das Vertrauensverhältnis ist zerstört, Regeln können nicht einfach so aus persönlichen Empfindlichkeiten mit einer Straftat umgangen werden. Und es hätte andere Wege gegeben, den Schüler:innen ein einmaliges Erlebnis zu ermöglichen.

Und gleichzeitig? Sie hat es doch so gut gemacht. Die Kinder haben so sehr profitiert, wir alle hatten Freude an dieser Auslandschulreise. Sie hat doch strafrechtlich bereits gebüsst. Bin ich einfach zu kleinlich?

Epilog und Glücksaufgabe

Weil Vergleiche einer Situation nie wirklich gerecht werden, hinkt natürlich auch diese Geschichte als Parallele zu einem aktuell heftig diskutierten Fall an manchen Stellen.

Doch es ist mein Versuch, zu verarbeiten, was ich mit meinem letzten Blogartikel aufgerissen habe (siehe Kommentare direkt im Blog oder auf Facebook). Leider wird die Causa Fischer mancherorts von der unsäglichen Corona-Diskussion überlagert.

Ich wollte mit dem Artikel grundsätzlichere Fragen aufwerfen und nicht die Covid-Diskussion befeuern. Aber offensichtlich gibt es da noch immer sehr harte Fronten …

Spannend finde ich, dass immer öfters Regeln nur so lange gelten, wie ich sie nachvollziehen kann. Wie ich im Artikel schrieb, verändert eine persönliche Betroffenheit oft auch unsere Moralvorstellung. So bleibt es spannend zu beobachten, wer wann und wo eine rigide Moral hochhält – um dann bei Bedarf eigene Werte aufzugeben.

Ich kann in diesem Fall, wie im Fall Trump fast nicht damit umgehen, dass Menschen, die sonst sehr wertkonservativ sind, plötzlich Unehrlichkeit und Vertrauensmissbrauch als Kavaliersdelikt betrachten.

Fischer hat (siehe z.B. Artikel «Der mysteriöse Weg des Schamanen», NZZ am Sonntag vom 19. April 2026) Verband und Medien belogen und gleichzeitig Ehrlichkeit als einen der höchsten Werte gepredigt.

Es prüfe sich jede:r selbst, wo er:sie Wasser predigt und Wein trinkt. Ich möchte mich nie als unfehlbar darstellen – weil ich es schlichtweg nicht bin. Doch im vollen Bewusstsein das eine predigen und das andere tun, nein, das will ich nicht.

Ein Kommentarschreiber hat unter meinen Artikel geschrieben: «In diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Gottvertrauen, Toleranz mit Mitmenschen und Verantwortungsbewusstsein vor Gott und gegenüber uns selber.»

Das könnte tatsächlich eine sinnvolle Glücksaufgabe für uns sein.

Ebenso die Frage, wann es für dich legitim ist, Regeln und Gesetze zu brechen.

ScheinHeilig

Jede Rede scheint eitel und nichtig, sobald die Tat ihr nicht den nötigen Nachdruck verleiht.
Demosthenes

Kürzlich war ich wieder mit meiner Predigt Mein Montagsgesicht – Zumutung oder Ermutigung? unterwegs. Es ist eine der schönen Seiten meines Jobs beim SCM Bundes-Verlag (Schweiz), dass ich auf dem Weg zu solchen Einsätzen in Kirchgemeinden sonntagmorgens die A1 oftmals fast für mich alleine habe.

Und so war ich also vor paar Wochen wieder unterwegs, um die Menschen in einem Gottesdienst herauszufordern, in ihrem Alltag glaubwürdig zu leben und nicht mit einem aufgesetzten Glanz des Sonntagsgesichts etwas vorzutäuschen, was von Montag bis Samstag gar nicht vorhanden ist. Gedankenversunken querte ich den Aargau: Ja, diese Doppelmoral ist einfach hässlich.

Ob in der Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft allgemein – solange wir mit dem Finger auf jemand anderes zeigen können, geben wir uns gerne moralisch korrekt. Anders gesagt: Solange unser öffentliches Ich glänzt, stochern wir ganz gerne im Dreck von anderen. Ob das jetzt ein Geri Müller, die Nachbarin, ein Nationalbank-Chef, ein deutscher Bundespräsident oder das „Schätzli der Nation“ ist, spielt keine grosse Rolle. Hauptsache wir haben eine Projektionsfläche und können uns statt mit dem eigenen Dreck mit der Fehlbarkeit anderer Menschen beschäftigen.

Wie sagte doch damals dieser Nazarener (Johannes 8,7): »Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein auf sie werfen.« Steine werfen sie zwar anderswo noch heute, aber wir doch nicht!

Den anderen klein machen

Nein, Steine werfen wir nicht. Aber einander Schmutz anwerfen, das tun wir ganz gerne. Mit dem Finger auf den zeigen, der sein Leben scheinbar nicht im Griff hat. Und schon sind wir Teil dieses verlogenen Spiels: Wir meinen, wenn wir den anderen klein machen, werden wir selber gross.

Doch eigentlich ist es gerade umgekehrt. Wer es nötig hat, andere klein zu machen, zeigt im Grunde nur, wie klein er selber ist.

Und dann singen wir sonntags diese Lieder in unseren Kirchen. Schöne Lieder, fromme Lieder, Lieder, die manchmal biblischer sind als die Bibel. Aber belügen wir uns da nicht oftmals auch mit diesen Liedern: Stimmt es, am Montagmorgen zum Beispiel, dass uns Jesus genug ist, er alles für uns ist? Sorry, vielleicht ist das kezerisch, aber mir reicht das nicht. Ich brauche auch andere Menschen um mich. Und überhaupt: Nicht einmal im Garten Eden war Gott alleine genug für den Menschen (Das hat sogar Gott selbst gesagt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist….“).

Vielleicht komme ich etwas vom Thema ab. Aber für mich hängt das alles zusammen: Wir singen gerne sehr fromme Lieder, halten unsere moralischen Ideale hoch, zeigen auf andere, wenn sie fehlbar werden und hoffen insgeheim, dass nur ja keiner unser eigene Dreck entdeckt. Ist unsere Gesellschaft, die diese Schlammschlacht in den Medien und an den Stammtischen landauf, landab so liebt, nicht etwas gar verlogen?

Und leider ist da auch die christliche Gesellschaft nicht besser. Wie verlogen ist es denn beispielsweise, wenn wir Homosexuelle ausgrenzen und gleichzeitig geldgierige Menschen ehrenvoll in Leitungspositionen wählen?

 

WEITERFÜHRENDE ANGEBOTE

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Spiritualität“.