Der Imam und der Jude – meine neuen Freunde

Derzeit habe ich das grosse Privileg, Teil eines historischen Kurses zu sein: Im dreiwöchigen Technischen Lehrgang (TLG) werde ich zusammen mit rund 30 anderen Männern und einer Frau zum Armeeseelsorger ausgebildet.

Diesen TLG zu einem historischen Kurs macht die Tatsache, dass neben der riesigen Vielfalt von Theologen aus den christlichen Kirchen auch ein Imam und zwei Vertreter aus der jüdischen Glaubenstradition dabei sind.

Während ich mir durch die Auftritte meiner Frau und durch meine Tätigkeit bei Willow Creek das Miteinander mit nahezu allen Frei- sowie den Landeskirchen gewohnt bin, ist dieser enge Kontakt mit den Vertretern aus den anderen beiden grossen monotheistischen Religionen Neuland.

Und ich liebe dieses Neuland!

Militärdienst als Privileg – ehrlicherweise muss ich zugeben, dass dies noch vor einigen Jahren ein fremder Gedanke für mich gewesen wäre. Natürlich, ich habe meinen obligatorischen Militärdienst absolviert und dabei auch viele schöne Begegnungen erlebt und dank einem Sonderjob fühlte sich schon meine erste (und äusserst bescheidene) «Militärkarriere» sinnvoll an.

Doch die Freude war gross, als ich vor schon bald 20 Jahren meine Pflicht erfüllt hatte und all meinen militärischen Krimskrams abgeben durfte.

Beschenkt

Nun bin ich also freiwillig zurück. Vieles, was ich höre und lerne, zeugt von einer grossen Sinnhaftigkeit der Armeeseelsorge. Neben grosser Neugier und Vorfreude habe ich grossen Respekt vor der Aufgabe, die auf mich zukommen wird.   

Doch vorerst geniesse ich das dreiwöchige Miteinander mit all diesen spannenden Menschen. Was wir in den Theorien lernen, füllt unseren Werkzeugkasten für die kommenden Einsätze. Als noch wertvoller erlebe ich die Begegnungen beim Essen, im Ausgang oder beim Bier spät abends (doch, doch, auch das gibt es in einem Kurs lauter Pfarrer, Pastoren, Diakonen, Priester, einem jüdischen Vorbeter und dem Imam – gut, dieser verzichtet selbstverständlich aufs Bier, ist aber trotzdem dabei).

Ungezwungen und total sympathisch entsteht in unserem gemeinsamen Unterwegssein ein interreligiöser Dialog, der in seinem Wert kaum überschätzt werden kann. Dieser Dialog überwindet übrigens auch den Röstigraben.

Der jüdische Rektor einer Schule, bedient gerne die jüdischen Klischees – und lacht gerne mit uns darüber. Und wenn der Imam sich selbst und seine Religion aufs Korn nimmt, entstehen wunderbare Momente. Er hat uns von Anfang an versichert: Bei Witzen, die das «Weltliche» betreffen, lache er gerne mit, doch wenn es um Witze über das «Göttliche» gehe, gebe es für ihn nichts mehr zu lachen.

Meine neuen Freunde, der Imam und der Jude, bringen mit ihrem Humor eine angenehme Leichtigkeit in unsere Gruppe und in unseren Dialog. Es ist wirklich ein riesiges Privileg: Noch nie hatte ich die Gelegenheit, Vertreter dieser Religionen so persönlich kennen zu lernen und die Möglichkeit, einfach mal ne dumme Frage zu stellen. Bereitwillig geben wir einander Auskunft über unsere Herkunft und unsere Tradition.

Und als der Imam bei der gestrigen Besinnung mit uns betete, hat mich das unglaublich stark berührt. Oft werden vor allem die Unterschiede unserer Religionen sichtbar – und dann auch besonders betont.

Das Gebet vom Imam war mir fremd: Aber das lag an der Sprache und dem Gesang. Der Inhalt war mir überhaupt nicht fremd. Wie Gott in diesem Gebet beschrieben wurde – da war ich voll dabei. (Übrigens haben mir auch der Gesang und die Sprache gefallen.)

Drei Erkenntnisse nehme ich von den ersten beiden Wochen des TLGs mit:

1. Auch in meiner zweiten «Militärkarriere» werde ich wohl kein guter Schütze (aber zusammen mit meinem jüdischen Freund, der beim Pistolenschiessen etwa ähnlich talentfrei ist wie ich, kann ich sogar darüber lachen).

2. Die Besuche von mehreren Sterne-Generälen hat uns darin bestätigt, dass die Armeeseelsorge eine sehr wichtige und wertvolle Sache ist (gerade die Pandemie hat dies eindrücklich aufgezeigt).

3. Und vor allem nehme ich mit, dass das Fremde nicht länger fremd bleiben sollte! Das Miteinander von Muslimen, Juden, Frei- und Landeskirchlern ist ein wertvoller Schatz.

Lasst uns Brücken bauen. Mit den gemeinsamen Werten wie Respekt, Gerechtigkeit, Freiheit, Wertschätzung, Offenheit, Solidarität und Gleichbehandlung kann es uns gelingen, auch über Kirchen- und Religionsgrenzen hinaus Barrieren abzubauen und das Fremde schätzen zu lernen. Und so für mehr Liebe statt Hass auf unserer Welt zu sorgen.

Glücksaufgabe

Wo hattest du letztmals die Gelegenheit genutzt, das Fremde kennenzulernen?

Wo könntest du neugierig deinen Horizont erweitern und beginnen, im «Anderen» eine Ergänzung statt einer Bedrohung zu sehen?

Übrigens: Zu meinen neuen Freunden gehört jetzt auch ein katholischer Priester.
Und: Über den historischen Kurs berichten auch die Medien gerne wie beispielsweise das Echo der Zeit oder BlickTV.

Es beginnt im Herzen

Gestern war es wieder einmal so weit: Wir genossen tolle Live-Musik, ein Apéro, liessen uns von einer spannenden Lebensgeschichte inspirieren – und dies alles in gemütlicher Bistro-Atmosphäre ohne Zertifikat oder Maske …

Unser Format Chäs, Brot, Wy – und mini Gschicht mit Gott war in den letzten zwei Jahren wie alle kulturellen Events stark in Corona-Mitleidenschaft gezogen worden. Und so genoss ich es sehr, gestern «fast wie früher» in einem mit jungen und älteren Menschen gut gefüllten H2 den Abend zu verbringen.

Genossen habe ich auch den Talk mit unserem Gast des Abends: Sarah Bach, Pfarrerin und Klimaaktivisten, erzählte uns, was sie in ihrer Kindheit geprägt hatte und wofür ihr Herz heute ganz besonders schlägt.

Der Talk bietet ganz viel Stoff zum Weiterdenken. Zwei Dinge sind mir da ganz besonders hängen geblieben:

  1. Die Geschichte von Sarah ist ein wunderbares Beispiel dafür, was die Leidenschaft für ein Thema bewirken kann.
  2. Der Klimawandel ist nicht bloss eine Klimakrise, sondern vergrössert die Ungerechtigkeit in allen Bereichen.

Wandel durch persönliche Betroffenheit

Wie geschieht Veränderung? Einige sagen, alles beginne im Kopf. Oder zum Neujahr hin hören wir immer wieder, dass wir einfach den inneren Schweinehund überwinden müssten, dann klappe es schon mit den Neujahrsvorsätzen.

Und im Blick auf die aktuelle Weltlage wird derzeit oft auf den – inzwischen zum Scheitern verurteilten – Plan «Wandel durch Handel» verwiesen.

Sarah erzählte uns gestern, dass sie nicht zur Klimaaktivisten wurde, weil jemand moralisierend zu ihr gesagt hätte: «Da muss jemand etwas machen!». Vielmehr war es die persönliche Betroffenheit. Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema wurde ihr Herz auf eine ganz spezielle Art berührt.

Genau dieses Berührtsein – ich nenne es Passion oder Leidenschaft – setzt ungekannte Kräfte frei. Es ist dann, wenn sich ein Thema, eine Not oder eine besondere Menschengruppe so sehr in deinem Herzen und deinen Gedanken einnistet, dass du dich im besten Sinn des Wortes freiwillig dafür einsetzt.

Aus freien Stücken – nicht weil irgendjemand zu dir sagt, du sollst dies tun. Und willig, weil du dieser bestimmten Not etwas entgegensetzen willst.

Darum glaube ich, dass Veränderung im Herzen und nicht im Kopf passiert. Nicht, weil wir mehr und mehr wissen, verändert sich etwas. Sondern wenn uns etwas so sehr packt, dass eine Sehnsucht in unserem Herzen wächst, aktiv zu werden.

Vom bekannten und wichtigen Dreiklang von Herz, Kopf und Hand sprach Sarah. Etwas berührt unser Herz, bringt uns zum Nachdenken und Pläne schmieden und damit die Veränderung dann auch wirklich ins Rollen kommt, müssen den edlen Absichten und guten Gedanken Hände und Füsse wachsen: Die gute Tat.

Intersektionalität: Klimawandel verstärkt die Ungerechtigkeit

Der zweite Aspekt, der vom gestrigen Talk noch nachklingt, ist das Fremdwort, welches Sarah «mitgebracht» hatte: Intersektionalität.

Einfach ausgedrückt, besagt der Begriff: Wem es schon schlecht geht, steht in Gefahr, dass es noch schlimmer wird.

Und jetzt in den Worten von Sarah: «Der Begriff wird gebraucht um zu beschreiben, wie verschiedene Unterdrückungsmechanismen zusammenspielen können. Wer also bereits unter einer Unterdrückung leidet, sei es aufgrund der Rasse, des Geschlechts, der sozialen Klasse, ist anfälliger für andere Diskriminierungsformen.»

Weiter zeigte sie auf, dass unter dem Klimawandel besonders die Menschen zu leiden haben, die es schon sonst schwer haben. Die Ungerechtigkeit auf der Welt wird quasi durch den Klimawandel weiter verstärkt.

Es ist wie eine Negativspirale, die uns immer weiter herunterzieht. Auf der anderen Seite gibt es auch sowas wie die Positivspirale – werden in einem Bereich (z.B. Bildung) Besserungen erzielt, zieht es auch weitere Bereiche nach sich.

«Deshalb sollte ein Kampf gegen den Klimawandel auch ein Kampf gegen andere Ungerechtigkeiten beinhalten und antirassistisch, feministisch und antikapitalistisch gestaltet sein, um die Ungerechtigkeitsformen von mehreren Seiten angehen zu können.»

Glücksaufgabe

Und was hat Intersektionalität mit Glück zu tun? Was wir bei der globalen Ungerechtigkeit beobachten können, lässt sich auch aufs Individuum übertragen: Wenn ich in einem Lebensbereich gerade sehr herausgefordert bin (z.B. Arbeitslosigkeit), kann dieser Zustand alle anderen Lebensbereiche (Familie, guter Umgang mit mir selbst, Sozialleben) in Mitleidenschaft ziehen.

Gelingt mir jedoch in einem Lebensbereich eine zufriedenstellende Entwicklung, besteht die berechtigte Hoffnung, dass ich auch in anderen Bereichen mehr Glück im Sinn von Lebenszufriedenheit empfinden werde.

Du willst mehr Glück in deinem Leben? Dann setzt dich mit diesen beiden Fragen auseinander:

  1. Was berührt mein Herz? Finde deine Leidenschaft und werde aktiv darin!
  2. In welchem Lebensbereich kannst du mit einem kleinen nächsten Schritt eine positive Entwicklung einleiten und dich damit in eine Positivspirale manövrieren?

Das war schlichtweg «WOW»

Heute schreibe ich von einer Graswurzelbewegung, von welcher ich in den letzten zwei Wochen Teil sein durfte.

Gras was? Graswurzelbewegung. So nennt man Initiativen von Privatpersonen, die sich zusammen tun und unkompliziert einer Krise begegnen wollen. Oder wie es Wikipedia ausdrückt: «Graswurzelbewegung (englisch grassroots movement), auch Basisbewegung, ist eine politische oder gesellschaftliche Initiative (Bewegung), die aus der Basis der Bevölkerung entsteht (Basisdemokratie).»

Leider sind die Umstände, aus denen diese Initiative startete, mehr als tragisch: Der Krieg in der Ukraine und das Schicksal der vielen Menschen auf der Flucht hat in meiner Frau den Impuls ausgelöst, eine Sammelaktion zu starten.

Diese Idee war eine Antwort auf die gms Matinée unter dem Motto «Niemanden zurücklassen», unserem Gottesdienst Ende Februar. Wir wollten unseren guten Gedanken auch gute Taten folgen lassen.

So begann Brigä (meine Frau) also mit Abklärungen: Was wird benötigt? Mit welchem Hilfswerk können wir zusammenarbeiten? Wie machen wir auf die Aktion aufmerksam? Wer würde uns beim Sortieren und Verpacken helfen?

Ich wiederum war berührt, wie schnell und konkret der Verein Unihockey für Strassenkinder durch sein Netzwerk in der Ukraine durch Geldüberweisungen sofort Nothilfe leisten konnte.

Und so entschieden wir uns für eine zweiteilige Aktion: An zwei Sammeltagen nahmen wir Kleider- und Hygieneartikel-Spenden entgegen. Gleichzeitig sammeln wir Geldspenden für Unihockey für Strassenkinder.

Wir nutzten die Kanäle von unserem Verein Happy Kids für die Kommunikation, hatten hier auch Vorstand und Mitarbeitende mit an Bord geholt. Jedoch verzichteten wir durch die gegebene Dringlichkeit auf einen «Hochglanzflyer» – und stellten im Nachhinein fest, dass wir nicht mal unsere Kontaktdaten abdruckten. Nur: Was, wann, wo.

Via Newsletter und vor allem über Social Media begannen wir die Aktion zu teilen. Und dann fingen die Graswurzeln an zu spriessen – und wie!!

Der eigenen Ohnmacht begegnen

Im Sport würde man sagen, das Momentum war auf unserer Seite. Oder nach Victor Hugo: «Nichts auf der Welt ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.»

Viele Menschen waren in der ersten Kriegswoche tief betroffen und wollten irgendwie helfen, dadurch konnten sie ihrer eigenen Ohnmacht etwas entgegensetzen. Zusätzlich war das Hilfsgüter-Sammeln medial gerade ein grosses Thema.

Viele Leute in unserem Netzwerk haben den Flyer der Aktion in ihrem WhatsApp-Status geteilt – und so hat sich wie eine Graswurzel unsere Reichweite über Nacht um ein Vielfaches erweitert: Plötzlich haben Freunde von Freunden von Happy Kids Mitgliedern an ihrem Ort Hilfsgüter zu sammeln begonnen.

Nach nur drei Tagen Vorlauf war es soweit: Wir durften an zwei Tagen von sehr vielen Menschen aus nah und fern eine Unmenge an Kleider, Schuhen, Decken und extra eingekauften Hygieneartikeln entgegennehmen. Es kam zu teils sehr rührenden Begegnungen mit Familien, die Waren brachten, oder Menschen, die einen persönlichen Bezug zur Ukraine haben.

Wir hatten für die zwei Tage immer zwischen sechs und acht freiwillig Mitarbeitende fürs Sammeln, Sortieren und Verpacken eingeteilt. Aber das reichte bei weitem nicht. Zeitweise bedeckten die abgegebenen Säcke und Kisten den gesamten Vorplatz unserer Location.

Und so kam es, dass wir nicht mehr Kleiderspenden brauchten, sondern weitere Mitarbeitende.

Das war für mich das Eindrücklichste und wohl das besonders charakteristische einer Graswurzelbewegung: Menschen, die wir nicht kannten, boten spontan ihre Hilfe an. Eine Frau, beispielsweise, brachte am ersten Tag Kleider vorbei, gab uns ihre Handy-Nummer und bot sich als Helferin an. Am zweiten Tag war sie dann fünf Stunden im Einsatz.

So gibt es ganz viele Dinge, die ineinander hineinspielten. Als das Hilfswerk, mit dem wir zusammenarbeiten wollten, plötzlich keine Kapazität mehr hatte, mussten wir auf die Schnelle weitere Hilfswerke kontaktieren. Ein grosses Transportfahrzeug hatten wir im voraus organisiert – das reichte jedoch nicht. Auch dafür gab es Menschen, die selber aktiv wurden und eine Lösung fanden.

Oder die Marketingabteilung von Energie Seeland AG, Lyss, die uns unkompliziert und innert einer Stunde 100 Zügelkisten zur Verfügung stellte.

Es war sehr viel Arbeit und nach dem zweiten Sammeltag und den weitergegebenen 50 m3 Hilfsgüter war noch lange nicht Schluss: 30 Säcke zurückbehaltener Ware mussten nochmals sortiert und recycelt werden oder hunderte Taschen brauchten eine neue Zweckbestimmung.

Wahrscheinlich ist auch das charakteristisch für eine Graswurzelbewegung: Zeitweise war es sehr chaotisch und spontan musste umdisponiert werden – z.B. weil ein Hilfswerk die Ware in Säcken und nicht in Kisten wollte …

Aber immer war es sehr erfüllend und ein WOW-Erlebnis.

Eine Idee, die gezündet hat.

Menschen, die sich bewegen liessen.

Liebe statt Hass.

Die Hoffnung, der Not etwas entgegensetzen zu können.

Glücksaktivität

In meinem nun schon 23jährigen Dienst als Pfarrer mag ich mich an 2-3 weitere Aktionen erinnern, die eine solche Dynamik auslösten. Mit anderen Worten: Solche Graswurzelbewegungen sind leider nicht an der Tagesordnung.

Unglaublich, was in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt werden kann, wenn Menschen mit Leidenschaft ihre Zeit, Gaben und Möglichkeiten zur Verfügung stellen.

Und ich wünschte mir diese Erfahrung noch viel öfters. Sie macht glücklich! Wo bist du Teil einer solchen Gemeinschaftsbewegung?

Doch in Sachen Gras will ich mich auch an das afrikanische Sprichwort erinnern: «Das Gras wächst nicht schneller, wenn du daran ziehst.» Denn: Nicht jeden Idee zündet auf so gigantische Weise, dass eine Graswurzelbewegung daraus entsteht. Wenn ich mir das bewusst bin, kann ich dem Frust vorbeugen und mich daran freuen, wenn eine Idee wieder einmal richtig reif war.

Die Welt steht Kopf

Ich liebe starke und imposante Bühnenprogramme mit kreativen, professionellen und auch überraschenden Elementen. Sei dies beim Konzertbesuch, als Teilnehmer einer Tagung oder eines Kongresses und selbst im Gottesdienst lasse ich mich gerne von einer frischen, qualitativ hochstehenden Präsentation ansprechen. Das inspiriert mich.

Neulich war jedoch genau eine andere Form das, was mir in der Situation gut tat: Ein schlichter Taizé-Gottesdienst ohne Band – dafür mit beruhigenden Flötenklängen, ohne üppiger Deko. – dafür mit angenehmem Kerzenlicht, ohne Präsentation – dafür mit unaufdringlicher Leitung mit der Einladung, sich von den Liedern und Texten ansprechen zu lassen.

Es sind zwei komplett unterschiedliche Dinge, die ich beide sehr schätze und auf keinen Fall gegeneinander ausspielen will – genau die Ergänzung sind für mich wertvoll: Vielleicht passt hier wieder einmal das Bild von «Wurzeln und Flügeln» ganz gut.

Ein schlichter Taizé-Gottesdienst erinnert mich an meine Wurzeln. Es sind Texte und Lieder, die mich geborgen im Glauben an den liebenden Gott, in dem ich beheimatet bin, ruhen lassen.

Mehr als eine Dose Red Bull verleiht mir auf der anderen Seite ein starkes Programm Flügel: Es fordert mich heraus, den guten Wurzeln des Glaubens auch Taten folgen zu lassen. Ein gutes Programm – ob jetzt in einem christlichen Setting oder auf einer politischen Konferenz – ist für mich dann gut, wenn es mich kulturell abholt und mich inspiriert, selber aktiv zu werden und etwas zu bewegen.

Für mein Leben in dieser verrückten Welt – Corona war gestern, heute ist Krieg in Europa – brauche ich unbedingt Wurzeln und Flügel: Ich will mich in etwas Grösserem aufgehoben und getragen fühlen, gleichzeitig will ich in aller Ohnmacht und Komplexität des Lebens auch erfahren, wie ich mich an meinem Ort in kleinen Schritten für die gute Sache einbringen kann.

Anders ausgedrückt: Ich will nicht jeden Sonntag «bloss» daran erinnert werden, dass Gott es gut mit mir meint und mich auch in der grössten Not des Lebens trägt. Ich will auch mal herausgefordert werden mit der Frage, was es in meinem Leben heissen könnte, diesem Jesus nachzufolgen und diese Welt in seiner Kraft zu einem besseren Ort zu machen – mit mehr Liebe und weniger Hass.

Und natürlich will ich anderseits auch nicht andauernd hören, was ich tun könnte, sondern brauche die erfahrbare Gewissheit, dass ich in Gottes Händen gut aufgehoben bin.

Meine Welt steht Kopf

Wie ich schon im letzten Blogartikel (Das Leben auf der Achterbahn) durchblicken liess, steht derzeit nicht nur die grosse Welt um mich herum Kopf, sondern auch in unserer kleinen Familienwelt sind wir gerade arg herausgefordert. Nach einem längeren gesundheitsbedingten Ausfall wurde unserem Sohn der Ausbildungsplatz gekündigt, just in dem Moment, als er sich dank professioneller Hilfe auf sein Comeback vorbereitete und dem Arbeitgeber seinen Plan für den Wiedereinstieg präsentieren wollte. Wir teilen jetzt erst recht mit vielen anderen die Erfahrung: Arbeiten in einem sozialen Job kann alles andere als sozial sein …

Eine Kündigung kommt selten alleine. Jedenfalls musste ich auch gleich noch den Ausstieg eines sehr wertvollen Mitarbeiters zur Kenntnis nehmen.

Und da kam eben der eingangs geschilderte Taizé-Gottesdienst genau richtig: Eine schlichte Feier in einer kleinen Gemeinschaft. Die meisten Leute kannte ich nicht, aber der schönen Stimme meines Sitznachbarn zu lauschen und mich dadurch daran erinnern zu lassen, dass Gott genau jetzt oben, neben und unter mir ist – das brauchte ich.

«In deiner Hand steht meine Zeit» war so eine Liedzeile, die mich meine Wurzeln spüren liess. Und es war nachhaltig! In den Tagen und inzwischen Wochen nach dieser Feier erinnere ich mich fast Mantra mässig immer wieder daran: Meine Zeit steht in seinen Händen.

Wo ist Gott, wenn die Welt Kopf steht? Warum können einzelne Machthaber wie Putin so viel Leid anrichten und Leben zerstören? Warum lässt Gott das zu?

Glaub mir: Ob meine kleine oder unsere grosse Welt Kopf steht, die Frage «Gott, was soll das?» ist ein ständiger Begleiter.

Und trotzdem will ich an meinen Wurzeln festhalten: Da ist ein liebender Gott.

Glücksaufgabe

Was hilft dir in Situationen, in denen deine Welt Kopf steht? Und welche Wurzeln tragen dich, wenn das Chaos in der Welt überhand nimmt?

Schauendes Vertrauen

Es ist meine Hoffnung, dass ihr alle gut ins neue Jahr gestartet seid. Jedenfalls wünsche ich uns viel Hoffnung, Mut, Weitblick und Gelassenheit in dieser ungewissen Zeit.

Im Dezember habe ich an dieser Stelle über Vertrauen geschrieben (Frage des Vertrauens und Gnadenbringende Weihnachtszeit …), heute beschliesse ich diese kleine Serie.

Zu meinen schönen Aufgaben als Ressortvorsteher Bildung gehört es, dass ich anfangs Schuljahr das Kollegium bestehend als Lehr- und Betreuungspersonen sowie Schulleitung und -verwaltung mit einer kurzen Ansprache begrüssen darf.

Letzten Sommer, dem Abstand zwischen den rund 100 Mitarbeitenden unserer Schule war anzusehen, dass wir zum wiederholten Mal ein Schuljahr im Pandemie-Modus starten müssen, wollte ich nicht über Corona sprechen.

Darum wählte ich folgendes Zitat:

Nichts kann den Menschen mehr stärken als das Vertrauen,
das man ihm entgegenbringt.
Adolf von Harnack, protestantischer Theologe

Blind vertrauen?

Nein, in meiner Ansprache habe ich nicht für «blindes Vertrauen» im Schulalltag geworben. Dies wäre dort, wie an vielen anderen Stellen auch, fehl am Platz.

Aus gutem Grund gibt es Behörden (in diesem Fall beispielsweise die Bildungskommission), die eine Aufsichtspflicht haben. Und als Führungspersonen, Chefs, Trainer oder eben auch als Lehrpersonen sind wir gefordert, «häre z’luege» (hinzuschauen) was unsere Schützlinge bewegt, was sie tun oder auch nicht tun.

Darum wünschte ich uns zum Start ins Schuljahr «schauendes Vertrauen». Ich sagte zum versammelten «Team»:

«Unser Umgang an der Schule ist von Vertrauen geprägt, jedoch nie von Gleichgültigkeit. Wir vertrauen einander und wir sehen einander.»

Blindes oder schauendes Vertrauen – darüber hatte ich mir letzten Sommer erstmals Gedanken gemacht. Ich fand diesen Gedanke spannend und habe mich gefreut, dass er auch vom Kollegium gut aufgenommen wurde.

Ich sehe dich!

Diese Äusserung kann man so oder so hören. «Ich sehe dich!», vor allem wenn der Satz mit erhobenem Zeigefinger ausgesprochen wird, kann man als Bedrohung hören: «Pass nur auf, was du tust, ich habe dich unter Kontrolle!».

Wenn ich zusammen mit meiner Frau jeweils Paare auf ihre Hochzeit hin begleiten darf, lassen wir uns in den Traugesprächen von Bibeltexten inspirieren. Bei einem Treffen schauen wir uns gemeinsam Psalm 139 an. In poetischer Sprache wird hier beschrieben, wie einzigartig und wunderbar der Mensch geschaffen ist.

Es ist auch davon die Rede, dass wir vor Gott nicht weglaufen können – er sieht uns überall.

Da ist es wieder: «Ich sehe dich!».

Was hörst du, wenn Gott das sagt? Fühlst du dich getragen? Denn: Egal was passiert, egal wo du bist, egal was du tust – er sieht dich, er ist da, du bist in seiner Liebe aufgehoben.

Oder macht es eng? «Was? Gott sieht die ganze Zeit auf mich? Ich will mich doch nicht von Gott kontrollieren lassen!».

Schauendes Vertrauen soll keine Bedrohung sein. Es hat mit Wertschätzung zu tun und einem positiven «Ich sehe dich!». Wir wollen alle gesehen und geschätzt werden.

Wir wollen gesehen werden, wenn es uns nicht gut geht, weil wir dann Ermutigung brauchen.

Wir wollen gesehen werden, wenn uns etwas besonders gut gelingt, weil wir dann gefeiert werden möchten. (Das kann so gut tun, hat therapeutische Wirkung – und wird so selten gemacht!)

Etwas weniger gern wollen wir gesehen werden, wenn uns etwas misslingt. Da braucht es dann die hohe Schule des schauenden Vertrauens. Ich muss meinem Gegenüber nicht sagen, was es schon selber herausgefunden hat (was schief gelaufen ist). Doch wenn ich nicht als Kontrolleur sondern als Coach schauend vertraue, finden wir gemeinsam Entwicklungsschritte, die sogar das Scheitern zu einer wertvollen Erfahrung machen.

Blindes Vertrauen kann Gleichgültigkeit bedeuten: «Mach einfach, ich hab genug mit mir selbst zu tun».

Schauendes Vertrauen hingegen ist ein Akt der Wertschätzung, die uns allen gut tut.

«Ich sehe dich!»

«Ich vertraue dir!»

«Ich unterstütze dich!»

Glücksaufgabe

In welchem Umfeld (Beruf, Familie, Verein …) könntest du die Aspekte vom schauenden Vertrauen umsetzen?

Dieser wertschätzende Umgang miteinander wird uns glücklich und stark machen!

Frage des Vertrauens

Und, hast du das Frühstück heute morgen überlebt?

Eine doofe Frage, ich weiss. Aber in einer Zeit, in der man nicht mehr weiss, wem man sein Vertrauen schenken kann, darf, soll, beginne ich mich mit komischen Fragen zu beschäftigen:

Was, wenn ich den Bauern im Lande nicht mehr trauen kann, weil sie möglicherweise der Milch ein Gift beisteuern?

Oder wie ist es mit dem Buschauffeur? Wird er mich – allenfalls gar im Schneesturm – sicher ans Ziel bringen?

Und die Autoindustrie: Wer sagt mir, dass mein Neuwagen nicht nach 10’000 Kilometer explodieren wird?

Das Leben ist lebensgefährlich. Ohne Vertrauen überleben wir da nicht lange. Wir alle leben tagtäglich aus dem Vertrauen heraus. Wer nur aus Angst lebt, lebt irgendwann nur noch zurückgezogen in seiner kleinen Welt – oder irgendwann gar nicht mehr.

Ich entscheide schon am Morgen, ob ich mit Vertrauen oder mit Angst in den Tag starten will – vom Lebensgefühl her, aber auch ganz praktisch: Die Milch am Frühstückstisch, daneben liegt die Tageszeitung: Hm, kann ich darauf vertrauen, dass der Journalist über tatsächliche Ereignisse berichtet oder verdreht er Fiktion in Fakten?

Und schon bald geht’s wirklich ans «Läbige»: Wenn ich meine Kinder anderen Menschen anvertraue – vertraue ich da auch wirklich? Oder wenn ich mich selbst den Händen eines Therapeuten anvertraue – vertraue ich darauf, dass mir geholfen wird?

Wer aktiv ins Leben eintaucht, steht andauernd vor der Vertrauensfrage.

Langzeitfolgen des Misstrauens

Es wird derzeit viel über Langzeitfolgen gesprochen – wahlweise meint man damit die Folgen einer Corona-Erkrankung (Long Covid), die vermuteten Folgen einer Impfung oder die psychischen und gesellschaftlichen Folgen von Social Distancing.

Ich frage mich, wie sich die Langzeitfolgen des gegenwärtigen Misstrauens manifestieren werden.

Das Hinterfragen von Autoritätspersonen ist keine neue Erscheinung. Und ich begrüsse, dass man durch verschiedene Strömungen mindestens seit der 68er-Bewegung bis zu «Me too» die Autoritätsgläubigkeit abgelegt hat und man sich bewusst wurde, dass auch die eigenen Idole nicht vor Fehltritten und falschen Entscheidungen gefeit sind.

Doch ich befürchte, dass gerade, wie so oft, das Pendel ins andere Extrem ausschlägt: Während die Verschwörungstheoretiker, für die alle Amtsträger ferngesteuert werden, eine kleine Randerscheinung sind, gibt es mehr und mehr Leute, die nur noch sich selbst trauen.

Und diese Entwicklung scheint mir für ein gesundes Miteinander als Gesellschaft nicht gerade förderlich.

Ich will meiner Nachbarin genauso wie meinen Gemeinderatskollegen, meinen Kindern genauso wie dem Journalisten meiner Lokalzeitung, meinen Freunden genauso wie meinen Ärzten, meinen Mitarbeitenden genauso wie meinem Bundesrat unterstellen, dass sie es grundsätzlich gut mit mir meinen.

In diesem Sinn habe ich diese Woche nach einer Tagung mein Fazit gezogen: Haltung vor Meinung.

Wir können uns in manchem uneinig sein. Und das ist auch völlig okay so. Aber wir sollten dabei Haltung bewahren: Eine Haltung des Vertrauens, des Respekts und des guten Willens.

Man kann das als naiv betrachten. Und tatsächlich wurde mein Vertrauen auch schon hier und da missbraucht.

Doch ich weigere mich in aller Deutlichkeit, all meinen Mitmenschen – ob Nachbarn oder Autoritätspersonen – in einer Haltung des Misstrauens zu begegnen.

Glücksaufgabe

Während der Pandemie ging vieles verloren, was uns als Gemeinschaft zusammenhält. Ich hab das selber in verschiedenen Gremien erlebt. Geselliges Zusammensein oder Networking ohne fixe Agenda fördert unser Miteinander (und unser Vertrauen zueinander) ungleich stärker als Zoom-Meetings.

Auch wenn wir unsere sozialen (physischen) Kontakte in den nächsten Monaten nochmals reduzieren müssen, bitte ich dich: Zieh dich nicht zurück in dein Schneckenhaus! Gib nicht dem Misstrauen gegenüber allen und allem Raum sondern frag dich, wie du dein Leben mit einem gesunden Vertrauen gestalten kannst.

Jetzt muss es raus!

Seit dem letzten Abstimmungs-Wochenende wissen wir es: Wir, die für einen Vernunft basierten Umgang mit der Pandemie einstehen, sind in der klaren Mehrheit. Bei allen Fragen, die auch wir haben, setzen wir auf Vertrauen gegenüber Wissenschaftler, Politiker und Behörden.

Aber wir sind eine leise Mehrheit.

Warum?

Weil wir alle in unseren Freundeskreisen oder auf Social Media schon die Erfahrung – oder mindestens die Beobachtung – gemacht haben, dass diskutieren mit euch, liebe Impfskeptiker und Corona-Massnahmen-Gegner, oft zwecklos ist. Argumente werden zu Glaubensfragen, Misstrauen gegenüber allem (ausser der eigenen Weltanschauung) dominiert. Wer es anders sieht als ihr, ist entweder der Lügenpresse auf den Leim gegangen oder hat sich längst in den Fängen von Bill Gates verstrickt.

Und genau darum und weil ich ja nicht zu weiteren Spannungen beitragen möchte, habe ich diese Woche nicht getan, was ich eigentlich den Eindruck hatte, tun zu sollen: Ein SRF-Beitrag mit Stephan Jakob, Chefarzt Intensivmedizin am Inselspital Bern, hat mich bewegt, mich sehr dankbar und gleichzeitig total wütend gestimmt. Ich wollte diesen Beitrag auf Facebook teilen. Aber dann sah ich, wie bei anderen, die dies getan hatten, heftig gestritten wurde.

Und dann liess ich es – ich will ja nicht Öl ins Feuer giessen.

Challenge akzeptiert

Es ist so verlogen und heuchlerisch, wenn die grosse Volkspartei, die sonst nicht besonders feinfühlig auftritt und gewöhnlich für das Ausschliessen von ganzen Menschengruppen Lärm macht, plötzlich vor Diskriminierung und Spaltung der Gesellschaft warnt.

Und noch schlimmer – das „kotzt“ mich (sorry der Ausdruck) und viele andere wirklich an: Wer mit dem Diktatur-Argument oder dem Nazi-Vergleich kommt, hat sich echt in wilden Verschwörungsmythen verrannt!

Wisst ihr eigentlich, was eine Diktatur ist? Da kann man nie – und schon gar nicht in einer Krisensituation – über politische Vorlagen abstimmen!

Wisst ihr eigentlich, was die Nazis mit den Juden gemacht haben? Muss ich es wirklich schreiben oder erinnert ihr euch an den Geschichtsunterricht und die Bilder der Gaskammern?

Warum ich jetzt doch so angriffig und pointiert schreibe, wenn ich doch verbinden statt trennen will? Weil die Not und die Hilfeschreie von Betroffenen – Patienten und Personal – aus den Spitälern nicht spurlos an mir vorbeigehen.

Und weil ein Post von Michael Diener, den ich als Mensch und Kirchenleiter sehr schätze, mich herausgefordert hat, aufzustehen und den Verschwörungsmythen entgegenzutreten. Diener schreibt: „Habt den Mut, zum Schutz des Lebens, zum Impfen aufzurufen und damit verbunden natürlich auch zur Verständigung. Wer jetzt nicht Farbe bekennt – und damit auch mithilft, dass eine die Gesellschaft noch weiter spaltende Impfpflicht vermieden werden kann – kann sich seine Aufrufe zu ‚Märschen für das Leben‘ zukünftig auch sparen.“

Das Virus verschwindet nicht einfach von selbst, das erleben wir diese Tage gerade eindrücklich. Wir werden in Zukunft damit leben müssen. Aber es gibt ein gutes Mittel, um den Schaden des Virus zu begrenzen.

Oder wie es ein Freund und Arzt kürzlich sagte: „Wie kann es sein, dass uns Gott in so kurzer Zeit eine nachweislich wirksame Impfung gegen das Virus schenkt und Menschen lehnen dieses Geschenk ab?“

Man kann die Impfung auch als Teufelszeugs abtun. Doch es wird gefährlich, wenn wir die Diskussion in die eine oder andere Richtung religiös aufladen.

Darum appelliere ich zum Schluss an den gesunden Menschenverstand, der anfangs der Pandemie so lauthals eingefordert wurde: Wenn eine überwältigende Mehrheit der Experten zum Schluss kommt, der einzige Weg aus der Krise liegt in einer hohen Impfquote, warum kann man sich da nicht mit einem gesunden Grundvertrauen und aus gesellschaftlicher Solidarität zum Picks überwinden?

Glücksaufgabe

Die Pandemie ist ein Härtetest für unsere Lebenszufriedenheit. Ich hab wirklich genug von den chaotischen Zuständen und der totalen Planungsunsicherheit.

Darum meine Frage: Was können du und ich zur Überwindung der Pandemie beitragen?

Ein erster Schritt könnte sein, diesen 15minütigen Videobeitrag zu schauen und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen:

Wegschauen?

Wie geht es dir mit all den Katastrophen auf der Welt? Mich machen sie ziemlich ohnmächtig und die ganze Corona-Situation macht es nicht einfacher.

Einmal mehr wurde ich vom  Magazin Family und FamilyNEXT gefragt, wie ich damit umgehe, was mir hilft, wenn ich mich ohnmächtig gegenüber den Katastrophen fühle.

Hier meine Antwort:

Was mir gegenwärtig hilft? Ganz ehrlich? Wegschauen! Rückzug in meine kleine „heile Welt“. Na klar, die ist ja auch nicht immer so heil, doch die Probleme in meiner kleinen Welt – Reisebeschränkung wegen Corona, Badeverbot wegen Hochwasser, kein Frischbrot im Regal kurz vor Ladenschluss – sind ja vergleichsweise wirklich kleine Probleme, schon fast lächerliche.

So einfach und bequem der Rückzug in meine kleine Welt scheint, so unbefriedigend ist er auf der anderen Seite: Was gibt mir das Recht, mein geschenktes Leben in einem privilegierten Teil der Welt – und dazu noch an einem der schönsten Flecken – zu geniessen, während anderswo Menschen zuschauen müssen, wie Flammen oder Fluten ihre ganzes Habe innert Sekunden zerstört? Oder Menschen tagtäglich unter Armut, Hunger, Ungerechtigkeit zerbrechen? Die Liste liesse sich beliebig erweitern – Syrien, Afghanistan, Haiti …

Und dann kommt sie, die Ohnmacht. Ich fühle mich wirklich ohnmächtig den Katastrophen dieser Welt gegenüber. Ob Naturkatstrophen, Kriege oder die riesige Ausbeutung von Mensch und Natur – was kann ich da schon tun? Noch schlimmer: Mit meinem mitteleuropäischen Lebensstil bin ich sogar Teil vom Problem. Doch Gott hat uns beauftragt, Teil der Lösung zu sein.

Ich will mich der Ohnmacht stellen, statt wegzuschauen. Ich will im Kleinen beginnen, Teil der Lösung zu sein, statt den Kopf in den Sand zu stecken. Das ist mein Anfang. Und dann will ich herausfinden, wie ich die drei grossen göttliche Aufträge in meinem Leben umsetzen kann:

1. Bebaut und bewahrt die Erde! (1. Mose 2,15)
2. Liebe Gott und deine Nächsten wie dich selbst! (Markus 12,30f)
3. Machet zu Jüngern alle Völker! (Matthäus 28,19).

Und wenn ich meine Verantwortung wahrnehme, darf ich auch mit gutem Gewissen meine kleine Welt geniessen.

Dieser Artikel ist zuerst als Kolumne in der Rubrik „Das hilft mir, wenn …“ im Magazin Family und FamilyNEXT erschienen.  

Glücksaufgabe

Und was hilft dir im Blick auf das aufkommende Ohnmachtsgefühl bei all den Katastrophen? Wegschauen? Rückzug? Aktivismus?

Ich möchte echt häufiger Teil der Lösung als Teil des Problems sein. Und dies beginnt wohl mit dem ehrlichen, unbequemen Blick in den Spiegel.

Aber Achtung: Der Weg zum Ziel ist lang! Darum lass uns einen kleinen Schritt nach dem anderen gehen. Die Folge wird Glück für viele statt für wenige sein.

Ich will frei sein!

«Liberté» dröhnte es gestern durch Berns Gassen. Es folgten unschöne Szenen mit einem Mix aus Blumen, Grabkerzen, Bierdosen und Böller der Demonstrierenden. Was mit einem Einsatz von Wasserwerfer, Reizgas und Gummischrot quittiert wurde.

Von welcher Freiheit sprechen wir da?

Vielleicht kommen wir dem Problem unserer Zeit am ehesten auf die Schliche, wenn wir uns an das Trio erinnern, aus welchem der Ruf nach «Liberté» stammt:  

Liberté – Égalité – Fraternité

«Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» – statt Brüderlichkeit wird gerne zeitgemässer Solidarität genannt – dieses Trio von Schlagwörtern bedingt sich gegenseitig. Wenn dies nicht mehr der Fall ist, kann aus «Liberté» schnell einmal ein egoistischer Individualismus resultieren, in dem jede und jeder für sich schaut – eine Gesellschaft, die sich vom WIR zum ICH auseinanderdividiert.

Es kann durchaus gefährlich sein, mit Schlagwörtern um sich zu werfen, ich weiss. Ich wage es trotzdem: Führt diese Form von egoistischem «Liberté» zu Ende gedacht nicht zu einer Art Anarchie?

Heute passen mir die Corona-Massnahmen nicht, morgen ist es die Wehrdienstpflicht und übermorgen nehme ich mir die Freiheit, den Linksverkehr auf unseren Strassen einzuführen.

In einer freien Gesellschaft muss Freiheit immer als gemeinschaftliches Gut des WIRs betrachtet werden. Eine absolute ICH-Freiheit ist nur möglich in einer vollständigen Einsamkeit – also dort, wo ich mich aus der Gemeinschaft zurückziehe.

Doch so lange ich Teil einer Gemeinschaft bin, zählt, was schlaue Denker schon vor hunderten von Jahren gesagt haben:

«Die Freiheit des Einzelnen endet dort,
wo die Freiheit des Anderen beginnt.»
Immanuel Kant (1724-1804)

«Die Freiheit besteht darin, dass man alles das tun kann,
was einem anderen nicht schadet.»
Matthias Claudius (1740-1815)

«Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin,
dass er tun kann, was er will,
sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will.»
Jean-Jacques Rousseau (1712-78)

Eine freie Gesellschaft ist nur frei, wenn die Freiheit für alle gilt (Gleichheit). Dies zeigt sich beispielsweise in der Meinungs- oder Handlungsfreiheit. Doch diese Freiheit kann nicht damit gleichgesetzt werden, dass es keine Regeln mehr gibt.

Ich bin kein Freund einer bürokratischen Überreglementierung. Noch weniger bin ich jedoch Freund von willkürlichen Regeln und fragwürdiger Regelauslegung. Ob im Fussball oder im Strassenverkehr: Nicht die Menge der Regeln macht es aus, sondern die Klarheit und dass man sich gemeinsam dafür verpflichten, nach diesen Regeln «zu spielen».

Freiheit – Gleichheit, und da wäre dann noch die Solidarität. In einem so freien Land wie der Schweiz «Liberté» zu brüllen und dabei die Freiheit anderer derart mit Füssen zu treten, ist nicht die Freiheit, von der ich träume.

Wo bleibt da die Solidarität mit all den Verantwortungsträgern in Politik, Wissenschaft, Gesundheitswesen, Bildung … die seit rund 20 Monaten im Ausnahmezustand nach bestem Wissen und Gewissen ihre persönliche Freiheit dem Allgemeinwohl unterordnen?

Ich erlebe Leute, die glauben tatsächlich, all diese ernsthaften Menschen, die ihr Bestes geben, seien sowieso alle ferngesteuert – von wem auch immer, Bill Gates oder dem Teufel persönlich – oder aber, alle Mandatsträger – von Politik bis Kirche – würden ihr Amt sowieso nur aus persönlichem Interesse und Machtgier ausführen.

Wir alle machen Fehler – darum geht es hier nicht. Und ich will auch niemanden auf ein überhöhtes Podest hieven. Trotzdem habe ich Hochachtung von dem, was in unseren Spitälern, aber auch im Bundeshaus geleistet wird.

Und vor allem habe ich grosse Achtung und Dankbarkeit dort, wo ich ganz direkt mitkriege, wie sich Menschen dafür einsetzen, diesem fiesen Virus den Stecker zu ziehen: «Mein» Schulleitungsteam, das bis ans Ende der persönlichen Kräfte im Corona-Modus seine Arbeit tut.

Pierre Alain Schnegg, den ich kürzlich in einem Talk sehr demütig erlebte (wir haben übrigens ein Podcast davon). Oder der Vorsteher des Volkschulamtes, der aufrichtige Arbeit leistet …

«Liberté» zu schreien, ist einfach. «Fraternité» – oder eben Solidarität – zu leben und Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, ist eine andere Sache. Das heisst auch verzichten – zum Beispiel auf einen Teil der ICH-Freiheit, damit die WIR-Freiheit nicht verloren geht.

Glücksaufgabe

Was bedeutet für dich Freiheit? Ich genoss neulich die neue Freiheit dank Zertifikat im Wellness-Hotel oder beim gemeinsamen Essen in der Kirche.

Aber Freiheit ist ja viel mehr als keine Maske tragen zu müssen. Oder Halt: Genau das ist doch die grösste Freiheit! Wirklich frei ist, wer keine Maske (im übertragenen Sinn) aufsetzen muss, sondern ganz sich selbst sein kann und sich (trotzdem) aufgehoben in der Gemeinschaft fühlt.

(Wo) erlebst du solche (innere) Freiheit?

Und noch etwas in eigener Sache …

Ich will meine Verantwortung für Mensch und Umwelt wahrnehmen – als Pfarrer und als Politiker.

Darum stelle ich mich anfangs November zur Wiederwahl als Gemeinderat. Und deshalb möchte ich in einem halben Jahr in den Berner Grossrat gewählt werden.

Unterstützt du mich dabei?
Wie du dies tun kannst, erfährst du demnächst in Stef’s Polit-News. Gerne lade ich die dazu ein, diese jetzt zu abonnieren.

Das macht mich traurig!

An der Beerdigung meiner Grossmutter schluchzte mein Onkel herzhaft. Das hat mich berührt. Ich kann das nicht. Flennen tu ich sehr selten.

Überhaupt: Meine Frau reagierte sehr erstaunt, als ich ihr davon erzählte, dass ich diesmal für die Family-Kolumne «Das hilft mir, wenn …» über Traurigkeit schreiben soll. «Traurig? Du bist doch gar nie traurig», gab sie zu bedenken.

Das heisst jetzt nicht, dass ich eine immer lächelnde Frohnatur bin. Aber die Emotion Traurigkeit ist tatsächlich weniger Teil meines Repertoires. Wenn sich die Tage bei mir grau anfühlen, hat dies eher mit Enttäuschung oder Frustration zu tun.

Aber es gibt schon etwas, das mich traurig macht: Ob christliche Kirche oder Gesellschaft als Gesamtes – es ist mein Wunsch, dass wir Menschen uns weniger in Grabenkämpfen verlieren, und wir dafür vermehrt zu Brückenbauer werden. Es muss nicht jede und jeder die Welt aus der gleichen Brille betrachten und alle sind eingeladen, ihre eigene Farbe ins grosse Bild der Menschheit einzubringen, doch die Art, wie dies oftmals geschieht, macht mich traurig.

Ich habe recht und du bist ein Idiot

Der Riss mitten durch die Gesellschaft («Social Splitting») nimmt diese Tage eine beängstigende Tiefe an. Die Corona-Pandemie spaltet Familien, Freunde und eben auch uns als Gesellschaft: Anfangs war Nachbarschaftshilfe gross in Mode, doch mit der Zeit ging es mehr und mehr darum, dem anderen das eigene Weltbild aufzudrücken. Und das Covid-Zertifikat bildet das Symbol des gegenwärtigen Tiefpunkts der gesellschaftlichen Spaltung.

Es gibt Fragen – rund um Corona oder auch das in christlichen Kreisen heisse Eisen Homosexualität – die sind so komplex, da hüte ich mich vor einfachen Antworten. Leider finden aber gewisse Menschen sich grundsätzlich kompetent genug, immer und überall besserwisserisch aufzutreten und dann bald mehr Hass als Liebe zu säen.

Das macht mich traurig.

Was mir darin hilft? Emotionen sind die Sprache der Seele. Also will ich erst einmal zuhören: Was will mir diese Emotion sagen? Tagebuch oder Spaziergang helfen mir beim Sortieren. Nach der Reflexion sollte die Aktion folgen. Die Emotion führt dazu, dass ich erst recht von einer besseren (Christen)Welt träume, die von einem liebevollen Miteinander geprägt ist. Und dafür will ich mich einsetzen – ob mit oder ohne Tränen im Gesicht.

Dieser Artikel ist (in etwas gekürzter Version) zuerst als Kolumne in der Rubrik „Das hilft mir, wenn …“ im Magazin Family und FamilyNEXT erschienen.  

Glücksaufgabe

Tatsächlich fällt es auch mir nicht einfach, in Diskussionen immer liebevoll zu bleiben. Die beiden genannten und in der Schweiz sehr aktuellen Themen («Ehe für alle» und Corona-Zertifikat) haben auch bei mir das Potenzial, hohe Wellen zu werfen. Zu beidem habe ich eine klare Haltung, die in gewissen Kreisen nicht gerne gehört wird. Wie schaffe ich es, ruhig meine Argumente vorzubringen ohne mein Gegenüber zu denunzieren?

Ich versuche, meine Überzeugungen und Erfahrungen ruhig in Diskussionen einzubringen – mit der Offenheit, dass ich mich irren kann (weil die Themen ja eben hochkomplex sind) und mein Gegenüber seine unterschiedliche Meinung behalten kann.

Mehr Glück im Leben erfährt, wer nicht immer recht haben muss und wer mit der Haltung «Es ist genug Liebe für alle da» seinen Platz in der Gesellschaft einnimmt.