Eine Insel im (Ehe)Alltag

Immer wieder einmal eine Insel für die Partnerschaft.
Urs Gloor (Mediator, Anwalt + Bezirksrichter) im Club (SF, 2.10.12)

Die Diskussionssendung Der Club vom Schweizer Fernsehen trug letzte Woche einen bemerkenswerten Titel: Scheiden besser meiden!. Eine interessante Gästerunde diskutierte über persönliche Erfahrungen, Studien und Expertenwissen rund ums Thema Partnerschaft und Scheidung. Unter anderem wurde eine aktuelle Studie vorgestellt, die besagt, dass nur gerade ein Drittel der Geschiedenen aus langjährigen Ehen diesen Schritt im Nachhinein als Gewinn bezeichnen.

Persönlich hat mich vor allem interessiert, was die Gesprächsgäste, vor allem diejenigen, die trotz Tiefs und Hochs noch immer mit ihrem Partner zusammen sind, dazu zu sagen haben, wie Scheiden nun vermieden werden kann. Klar wurde: Eine Ehe ohne Herausforderungen, ein Ehe-/Familienalltag in dem alles glatt läuft, ist eine Illusion. Ist ja nicht wirklich etwas Neues. Doch wie viele Paare, und gerade Paare mit Kindern, verfallen dem Gedanken, dass es nur bei ihnen so besonders chaotisch bis frustrierend zu und her gehe? Immer wieder erlebe ich es: Wenn wir von Problemen und Herausforderungen in unserem Ehe-/Familienalltag sprechen, atmet das Gegenüber erleichter auf und sagt: „Ah, das tut gut zu hören, dass bei euch auch nicht alles perfekt läuft…“

Erste Erkenntnis: Eine langjährige Partnerschaft ohne Beziehungsstress gibt es nicht! – Auch nicht mit einem anderen Partner!

Raus aus dem Alltag

Auf die Herausforderungen im Beruf wird man in der Berufslehre (oder im Praktikum, in der Assistenzzeit) vorbereitet. Leider werden viele nicht auf die Herausforderungen im Ehealltag vorbereitet. Im dümmsten Fall hatten sie in ihrem Elternhaus kein gutes Vorbild für gelebte Partnerschaft, sind im Anflug der Schmetterlinge im Bauch durch die Verliebtheitsphase direkt in eine feste Partnerschaft gerutscht und schneller als gewünscht weichen die romantischen Gefühlen dem Babygeschrei.

Doch ohne bewusste Entscheidung und ohne ein Mindestmass an Planung/Vorbereitung ist ein Ehealltag kaum zu bewältigen. Und gerade die herausfordernde Phase mit Kleinkindern, möglicherweise zusammen mit steigender Verantwortung im Beruf, braucht ein starkes Miteinander. Im Club erzählte Urs Gloor (Mediator, Anwalt und Bezriksrichter) von den Strategien, die er und seine Frau in dieser Phase entwickelt hatten: Signale setzen, wenn gerade Sturm angesagt ist und alles drunter und drüber geht. Und: „Immer wieder einmal eine Insel für die Partnerschaft.“ Gemeinsam wegfahren, ein Weekend zu zweit, trotz vollem Berufs- und Familienalltag den gemeinsamen Kinoabend nicht streichen…

Meine Frau und ich gönnen uns solche Inseln regelmässig und mit unseren Angeboten wollen wir auch anderen solche Inseln im Ehealltag ermöglichen. Gerade wenn es darum geht, nicht nur einige gemeinsame Stunden zu geniessen, sondern auch ganz bewusst die eigene Partnerschaft zu reflektieren, Ziele zu setzen und den Ehealltag zu gestalten, bietet sich ein „begleitetes Timeout“ an. Mit unseren Timeout-Weekends für Paare und mit anderen Seminarangeboten (wie zum Beispiel das Ländli-Seminar Was ich dir eigentlich sagen wollte…) laden wir Paare ein, sich Inseln im Alltag zu schaffen und sich ein Timeout zu gönnen.

Zweite Erkenntnis: Eine langjährige Partnerschaft braucht Inseln im Alltag. Ohne „Stressmanagement“ leben wir als Paar gefährlich.
am Bielersee

Fasziniert hat mich an der Sendung, wie offen die Experten auch über ihre ganz persönlichen Erfahrungen berichteten. Da gestand der Psychoanalytiker, dass ihm peinlicherweise nach der Scheidung bewusst wurde, dass er jetzt niemandem mehr die Schuld geben konnte. Plötzlich war er ganz alleine für sich selber verantwortlich und auch selber schuld, wenn etwas schief lief.

In einer akuten Not- oder Stresssituation einer Ehe erscheint einem alles andere besser zu sein als die momentane Situation. „Nur weg hier“, scheint der Fluchtplan zu lauten. Ganz gewiss gibt es viele Ehesituationen, die sich auf keinen Fall zu einem Dauerzustand entwickeln dürfen. Wegrennen kann jedoch aus meiner Sicht genausowenig eine Lösung sein wie die „innere Kündigung“ (sich als „Wohngemeinschaft“ arrangieren).

In unserer Konsumgesellschaft sind wir uns gewohnt, das alte Handy weiterzugeben, wenn uns ein besseres angeboten wird. Leider schleicht sich diese Mentalität auch in unseren Umgang mit Beziehungen ein: Freunde sind austauschbar, (Ehe)Beziehungen bekommen ein Ablaufdatum. (Nebenbei bemerkt: Mein neues iPhone kann ja wirklich richtig viel. Doch mein altes Nokia war halt schon auch ein treuer Begleiter. Und ich wusste, was es kann und was nicht. – Auf einer ganz anderen, viel höheren und viel tieferen, Ebene weiss ich es zu schätzen, dass meine Frau und ich nun schon über 13 Jahren den Alltag gemeinsam gestalten. Obwohl ich nie sagen würde, ich wisse jetzt, wie meine Frau funktioniert – aber einiges habe ich den letzten 13 Jahren schon herausgefunden…)

Dritte Erkenntnis: Das Neue ist nicht immer besser und eine Scheidung ist nicht immer der gewünschte Befreiungsschlag.

 

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Liebe“.

Als Team stärker?

Wer andern eine Blume sät, blüht selber auf!
Verfasser unbekannt

Einmal mehr las ich neulich genüsslich in meiner Sonntagslektüre und blieb beim Artikel „Gemeinsam stark“ (NZZ am Sonntag, 16. Sept. 2012) über das Buch Zusammenarbeit von Richard Sennett hängen. Auch wenn im Artikel über den Soziologen Sennett und sein neustes Buch ein eher düsteres Bild über den Zustand unserer Gesellschaft gezeichnet wird, können wir nicht ganz abstreiten, was da steht: „Jeder kämpft gegen jeden und schaut nur für sich. Arm und Reich klaffen immer weiter auseinander. Selbstherrliche Manager lassen ihrer Gier freien Lauf. Das Gemeinswesen droht auseinanderzubrechen.“

Das düstere Bild hellt sich auf, wenn Richard Sennett die Vision einer Gemeinschaft schildert, die sich an einem Orchester orientiert: „Der Einsatz des Einzelnen dient dem Klang des Ganzen, das Zuhören ist so wichtig wie das Spielen.“ Wer kann sich noch leisten zuzuhören? In einer Zeit, in der Geschwindigkeit und Selbstmarketing (= sich selbst anpreisen und somit immer von sich reden, statt zuzuhören) über allem stehen. Und: Bin ich mir bewusst, dass mein Beitrag Teil des Klanges (oder auch: Teil des Missklanges) ist? Verstehe ich mich als Teil des Grossen Ganzen oder erledige ich Dienst nach Vorschrift und erkenne die Bedeutung meiner Arbeit gar nicht?

Teamwork – für die Einen ein Reizwort, für die Anderen ein Wunderheilmittel. Nachdem das Team vor Jahren schwer in Mode kam, Büros umgebaut wurden, Hierarchien flach gehalten wurden, plötzlich alle mit dem Generaldirektor per Du waren, folgte eine Phase der Ernüchterung: Teamarbeit ist nicht die Lösung auf alle Probleme. Und: Nicht jeder ist für Teamarbeit geschaffen. Je nach Persönlichkeitsstil blüht man bei der Arbeit in einem Team so richtig auf – oder man trocknet langsam aus, weil man sich und seine Ideen eben doch besser in der Ruhe der Einzelarbeit entwickeln kann.

Das deckt sich mit meinen Erfahrungen: Teams sind eine grossartige Sache, aber es gibt einige Tücken, die zu Fallgruben einer erfolgreichen Teamarbeit werden können. Da kann manch einer zum Schluss kommen: Wir lassen es. Zusammenarbeit in Teams braucht zu viel Zeit, schafft unnötig zwischenmenschliche Konflikte und überhaupt will ich arbeiten und nicht in Meetings festsitzen.

Was es zu beachten gibt

Bevor wir nun die Teams schon abschreiben, einige Hinweise, wie Teamarbeit gelingen kann und wir dabei Lust statt Frust erleben können:

  • Der Lead muss klar sein.
    Es gibt verschiedenste Modelle und Ideen, wie Teamarbeit funktionieren kann. Mir wurde schon gesagt: „Wir haben keine Leitung, wir haben Teams.“ Mag sein, dass irgendwo auf der Welt, mit den richtigen Leuten, der Ansatz von sich selbstorganisierenden Teams funktioniert. Meine Erfahrung ist eine andere: Ein starkes Team brauch eine starke Führung!
  • Nicht jeder kann ein Team leiten.
    Dies ist die Weiterführung des vorherigen Punktes. Wie oft sass ich schon in einer Sitzung und dachte: Wie schade nur, dass die leitende Person nicht mehr Leadership-Qualitäten hat. Auch hier gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Für mich ist klar: Nicht jeder hat die nötigen Führungskompetenzen um ein Team zu leiten. Zu oft wird die Person, die sich mit viel Fachwissen und herausragender Arbeit bewährt hat, automatisch zum Teamleiter. Aber die Fähigkeiten, die man als Führungsperson benötigt, unterscheiden sich womöglich fundamental von den herausragenden Fähigkeiten in einem bestimmten Fachbereich.
  • Das Ziel muss klar sein.
    Ich habe schon Teams erlebt, da war das gemeinsame Ziel nicht definiert. Als zielorientierter Visionär sind mir solche Situationen natürlich schnell unangenehm. Aber ist ein zielloses Meeting und die Teamarbeit ohne übergeordnete Vision nicht für alle ein Leerlauf? Darum: Das Ziel muss klar sein. Und es muss auch immer mal wieder über das Ziel gesprochen werden, damit es nicht plötzlich aus dem Blickwinkel verschwindet.
  • Als Team muss man sich mögen.
    Ob im Job oder noch eindrücklicher in der Politik (mindestens in unserem schweizerischen System), auf die Zusammensetzung der Teams hat man oft wenig Einfluss. Dabei haben Studien gezeigt: Der Unterschied zwischen einem normalen zu einem Hochleistungsteam liegt oft in der Gemeinschaft untereinander. Sprich: Richtig gut wird ein Team erst dann, wenn die Gruppe gerne zusammen ist und sich die Einzelnen füreinander engagieren.
  • Teamarbeit soll Spass machen.
    Die Zusammenarbeit im Team soll produktiv sein, ganz bestimmt. Doch dies erreicht man nicht mit endlosen, trockenen Sitzungen. Teamarbeit soll auch Spass machen. Und wenn der Spassfaktor nicht zu kurz kommt, stimmen auch die Resultate. Mindestens wenn es um kreative Prozesse geht, muss eine anregende Stimmung herrschen, die alle Beteiligten motiviert.
  • Den Anderen zum Glänzen bringen.
    Teamarbeit ist nicht zu Verwechseln mit dem Zusammenzug von mehreren Einzelkämpfern. Das zeigt uns jede Mannschaftssportart eindrücklich: Eine Mannschaft von hochkarätigen Individualisten ist noch kein starkes Team. Ganz nach dem eingangs erwähnten Zitat mit dem Säen: In der Teamarbeit versuche ich die Anderen zum Glänzen (zu Bestleistungen) zu bringen und werde so selbst mein Bestes geben.
  • Worten müssen Taten folgen.
    Es braucht einiges an Geschick, den unterschiedlichen Persönlichkeiten in einem Team gerecht zu werden. Wie kann man den stillen Denker an Board holen? Wie stoppt man die Dauerredner?
    “Grosse Worte, kleine Taten” – auch das ist in manchen Teams eine Herausforderung. Entweder hat man als Team gute Ideen, die aber nicht konkret angepackt werden und daher nie umgesetzt werden. Oder man hat im Team einen dabei, der sich gerne reden hört, viel Platz einnimmt und dann doch nicht “hält, was er verspricht”.
    Darum muss in jedem Team gelten: Worten müssen Taten folgen.

Meine grössten Erfolge habe ich in Teams erreicht. Ich liebe es, Teil eines starken Teams zu sein. Wenn man mit den richtigen Leuten zusammen ist, einige Regeln beachtet und ein motivierendes Ziel vor Augen hat, kann man gemeinsam tatsächlich viel mehr erreichen, als jeder für sich alleine.

 

Weiterführende Angebote zum Thema

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Arbeit“.

Hunger?

Du kannst keinen Hunger haben, wenn der Bauch voll ist.
Stéphane Lambiel

Diesen Satz sagte Stéphane Lambiel damals im Januar 2007 in einem Interview, in dem er seine überraschende Wettkampfpause bekanntgab und meinte damit, wenn du gesättigt (oder übersättigt) bist, kannst du keinen Hunger für einen weiteren Wettkampf entwickeln.

Bestimmt gibt es auch in unserem Leben Bereiche, in denen wir eher übersättigt als hungrig sind. Daneben gibt es aber, manchmal unbewusst, verschiedene Bereiche, in denen wir hungrig sind. Hunger nach Liebe, Hunger nach Anerkennung, Hunger nach Erfolg – und nicht wenige Menschen auf unserer Welt sind tatsächlich auch hungrig im ursprünglichen Sinn, weil sie tatsächlich einen leeren Bauch haben.

Wie gehen wir mit dem Hunger um? Dem Hunger in der Welt – dem Hunger aber auch in uns persönlich.

Diesen Sommer habe ich bei einem Kirchenbesuch eine Gebet zu diesem Thema gehört, das mich berührt hat. Dieses Gebet enthält tiefe Gedanken. Vielleicht beten Sie es mit, vielleicht denken Sie auch einfach darüber nach…

Fürbittegebet

Gott, Du Brot des Lebens.
Zu viele Menschen auf dieser Erde brauchen dringend eine Mahlzeit, die sie endlich wieder satt macht. Andere hungern nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe, aber ihre Hoffnung wird immer wieder enttäuscht.
So sehnen wir uns zusammen mit der ganzen Schöpfung nach einer Welt, in der es keinen Hunger mehr gibt. Vertrauend auf Dein Versprechen nach Fülle bitten wir Dich: Schenke Du uns die nötige Nahrung für Körper, Geist und Seele.

Gott, Du Brot des Lebens.
Als die Menschen zu Jesus kamen, wurden sie von ihm nicht abgewiesen. Indem er lehrte, tröstete, heilte und ihren Hunger stillte, sorgte er sich um alle ihre Bedürfnisse.
Hilf uns, dass auch wir andere Menschen liebevoll wahrnehmen, wie Jesus uns das gezeigt hat. Schenk uns den klaren und weitsichtigen Blick für die Ungerechtigkeiten um uns herum. Den Mut hin- und nicht wegzusehen.
Unterstütze uns in dem Bemühen, Dinge, die zu ändern sind, selbst in die Hand zu nehmen. Eine jede und ein jeder an ihrem und seinem Ort.

Gott, Du Brot des Lebens.
Du schenkst uns Fülle und segnest uns reich. Wenn wir auf diese Welt blicken, wäre genug Nahrung für alle da. Wir müssten es nur schaffen, sinnvoller mit Deiner Fülle umzugehen. Stattdessen verwandeln wir Deinen Segen ins Gegenteil.
Lass uns verantwortungsbewusst handeln im Umgang mit unseren Mitmenschen und mit den Gaben Deiner Schöpfung, die für uns alle bestimmt sind.

Amen.
(Verfasser: anonym)

 

 

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Spiritualität“.

Unerwünscht und zurückgewiesen

Alleinsein ist schön, wenn man allein sein will,
nicht, wenn man es muss.

Annette Kolb, dt.-frz. Schriftstellerin, 1870-1967

Beim Lebensbereich “Selbst“ geht es um einen guten Umgang mit mir selber. Bin ich mir selbst ein guter Erzieher? Treffe ich Entscheidungen, die mir gut tun, die mich fördern? Gerade diese Tage habe ich dazu einen guten Tipp gelesen: Wenn wir vor einer Entscheidung stehen, können wir die 10-10-10 Regel anwenden. Welche Auswirkungen wird die Entscheidung, die ich jetzt treffe in 10 Minuten, 10 Monaten und 10 Jahren haben? Diese Regel kann uns helfen, nicht nur kurzfristig sinnvoll scheinende Entscheidungen zu treffen, sondern auch an die mittel- und langfristigen Auswirkungen zu denken.

Zu einem guten Umgang mit sich selbst gehört es, sein Leben aktiv zu gestalten, Ziele zu setzen und sich mit der persönlichen Entwicklung auseinander zu setzen. Es gehört aber auch die Frage dazu, wie wir mit Rückschlägen, Frustration und Niederlagen umgehen.

Was mach ich also, wenn ich mich unerwünscht und zurückgewiesen fühle? Was, wenn ich alleine bin, obwohl ich nicht alleine sein möchte? Das Gefühlschaos aus solchen Momenten ist jeder und jedem mehr oder weniger bekannt: Da kommt einmal mehr eine Absage auf eine Bewerbung, eine Beziehung endet im Chaos und zerbricht, meine Bereitschaft, mich zu engagieren, wird nicht honoriert, meine Zeichen der Liebe werden nicht erwidert… Ich fühle mich unerwünscht, frustriert, unverstanden und zurückgewiesen.

Mir helfen in solchen Situationen zwei gegensätzliche Dinge: Das reflektierende Alleinsein und die Kraft der Gemeinschaft.

Das reflektierende Alleinsein

Kürzlich, als ich in einer solchen Situation steckte, mich unverstanden und zurückgewiesen fühlte, setzte ich mich auf mein Bike und radelte der Aare entlang. Nach der kurzen Biketour waren nicht all meine Fragezeichen verschwunden und auch mein Gefühlschaos hatte sich nicht in Luft aufgelöst. Doch an der frischen Luft konnte ich neue Kraft tanken, klar denken und bereits erste positve Gedanken trotz der Enttäuschung fassen.

Neben Natur und Sport erlebe ich das Tagebuchschreiben als etwas sehr Hilfreiches für den guten Umgang mit mir selbst. Ich versuche, meinen fest reservierten Termin einmal die Woche auch tatsächlich einzuhalten und einige Gedanken zu meinem aktuellen Erleben zu notieren. Das Aufschreiben der Gedanken hilft, sich nicht einfach im Kreis zu drehen und sich nicht von Enttäuschungen und Frust auffressen zu lassen.

Zum reflektierenden Alleinsein gehört für mich ein Drittes: In der Stille des Alleinseins suche ich die Gemeinschaft mit meinem Schöpfer. Wer kennt mich besser als mein Schöpfer? Und wer kennt die Gefühle des Unerwünschtseins und der Zurückweisung besser als Jesus, der Frieden bringen wollte und dafür gekreuzigt wurde? Diese Woche habe ich gelesen: „Wer überzeugt ist, dass sein Gott es gut mit ihm meint, ist resilienter (widerstandsfähiger).“ (Markus Züger im Artikel „Die seelische Widerstandsfähigkeit„, antenne, September 2012)

Die Kraft der Gemeinschaft

So gut mir das reflektierende Alleinsein tut, bin ich doch sehr dankbar dafür, dass ich gerade in schwierigen Phasen des Lebens, in Momenten der Enttäuschung, auch ein stabiles Netz von guten Menschen um mich habe, die mich stützen und mir Kraft geben.

Die wertvollste Unterstützung sind mir hier das Zusammensein und der Gedankenaustausch mit meiner Frau: Gemeinsam meistern wir die Hürden des Alltags und sind auch dann füreinander da, wenn einer von uns „Schiffbruch“ erlebt hat.

Überhaupt kann die Familie ein kraftvoller Anker sein, wenn sich das Leben gerade von der harten Seite zeigt. Geschwister, Eltern, Kinder – sie alle haben im Normalfall ein natürliches Interesse an uns und darum auch ein offenes Ohr für uns.

Gerade wenn man sich unerwünscht und zurückgewiesen fühlt, gibt es kaum etwas Wohltuenderes als die Ermutigung von echten Freunden. Zu spüren, dass man ja doch nicht alleine auf der Welt ist, nicht von allen im Stich gelassen wird, hat etwas Heilsames. Freunde können einem helfen, wieder aufzustehen und das Leben aktiv zu gestalten.

Es wird offensichtlich, gerade in enttäuschenden Situationen, die uns die Motivation und die Freude am Leben nehmen wollen, ist ein Leben in gesunder Balance von grosser Bedeutung: Der Rückhalt in der Familie, die Ermutigung der Gemeinschaft, die Kraft des guten Umgangs mit sich selbst und eine gelebte Spiritualität. Sind diese Lebensbereiche tragfähig, so kann ich auch nach einer Zurückweisung und einer Niederlage aufstehen, mich neu ausrichten und mein Leben gestalten.

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Selbst“.

Wir sind neutral

Naturwissenschaftler wissen genau, wie zwei Atome in einem Molekül zusammengehalten werden. Was aber hält unsere Gesellschaft zusammen?
Elisabeth Noelle-Neumann

Wir Schweizer sind neutral. So neutral, dass wir hin und wieder unsere eigenen Wurzeln vergessen und stolz unsere Meinungslosigkeit demonstrieren. Man ist neutral, politisch korrekt und hält sich mit seinen eigenen Überzeugungen, falls man denn lauter Neutralität noch eine hat, zurück. Dies gilt besonders, wenn es ums Religiöse geht.

Unsere Gesellschaft braucht Leute, die sich engagieren. Menschen, die bereit sind, ans grosse Ganze zu denken und nicht nur ihren eigenen Vorteil suchen. Ich vermute, dass es gerade solche engagierte Personen sind, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Ein weiser Mann hat mir einmal gesagt: „Wer sich einsetzt, setzt sich aus.“ Wer sich engagiert – und sich dabei möglicherweise von seinen starken Überzeugungen leiten lässt – wird so zur Bedrohung für das neutrale System.

Es fällt auf, dass in regelmässigen Abständen Menschen, die sich zum Wohl unserer Gesellschaft einsetzen, Medienkritik auf sich ziehen. Nicht selten werden Personen aus kirchlichen, besonders freikirchlichen, Kreisen verdächtigt, ihr soziales Engagement nicht neutral auszuüben. Da hatte man Angst davor, dass Lehrpersonen aufgrund ihres Glaubens einen schlechten Einfluss auf die Kinder ausüben könnten. Dann standen christliche Hilfswerke wie die Heilsarmee in der Kritik, wenn sie vom Staat Aufgaben (zum Beispiel im Bereich der Migration und Integration) übernahmen. Und letzten Sonntag las ich nun in der NZZ am Sonntag von einem Freund von mir, der dem Jugendtreff in Aarburg zu neuem Leben verhalf. Als Jugendpastor einer Freikirche steht er natürlich unter besonderer Beobachtung, wenn er nun eine Aufgabe übernimmt, welche die politische Gemeinde scheinbar nicht mehr selbst ausfüllen kann (oder will). Und schon wird da eine Psychologin zitiert: „Ich finde das problematisch.“

Im nächsten Satz sagt Psychologin Regina Spiess: „Das Ziel guter Jugendarbeit ist unter anderem, Jugendliche in ihrer Entwicklung und Identitätsfindung zu unterstützen.“ Und genau das können eben Menschen mit einer starken (Glaubens)Überzeugung nicht. Erstens glaub ich nicht, dass ein neutrales, meinungsloses Wesen den Jugendlichen in der Entwicklung und Identitätsfindung eine grosse Hilfe ist. Und zweitens sind Bio-Ideologen, Umweltschützer oder Sportbegeisterte genauso wenig neutral wie religiöse Menschen. Das neutrale Schulzimmer gibt es nicht – ausser vielleicht, wir lassen unsere Kinder von Computern unterrichten. Aber ob dies ihrer Entwicklung und Identitätsfindung wirklich dienlich wäre…

Wir tragen stolz das Schweizer Kreuz auf unserer Brust – aber wehe, wir sehen in diesem Kreuz ein Symbol für unsere Wurzeln und das Glaubensfundament, das unser Land viele Jahre getragen hat. Es ist mir völlig klar, dass es in jedem Lager (ob religiös, bio oder feministisch) Fanatiker gibt. Aber dass man ausgerechnet bei denen, die sich auf die christliche Tradition unseres Landes besinnen und sich nach bestem Wissen und Gewissen für unsere Gesellschaft engagieren wollen, eine unverhältnismässig grosse Gefahr wittert, macht mich traurig, ärgerlich und betroffen – weil ich auch persönlich betroffen bin.

Nein, ich bin in vielerlei Hinsichten nicht neutral – weil ich tatsächlich zu vielem eine eigene Meinung habe. Doch das Gebot der Nächstenliebe lehrt mich, den anderen mit seiner Meinung zu respektieren, akzeptieren und wertzuschätzen. Und so kann jeder, ob noch jugendlich oder doch schon etwas älter, in seiner Identitätsfindung entscheiden, in welche Richtung er sich entwickeln will.

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Gesellschaft“.

Familienrhythmus und Papigutschein

Der Erwachsene achtet auf Taten, das Kind auf Liebe.
aus Indien

Seit unsere Kinder damals mit der Spielgruppe ihre Ausbildungslaufbahn und Schulkarriere gestartet hatten, gehört es jeden August zu den wiederkehrenden Aufgaben: Wir müssen als Familie einen neuen, passenden Wochenrhythmus finden.

Das heisst einerseits einen bewährten Wochenplan und damit vielleicht auch Liebgewonnenes loszulassen, anderseits eben auch, sich auf etwas Neues einzustellen und neue Möglichkeiten (oder auch mal Unmöglichkeiten) zu entdecken.

Für uns heisst das zum Beispiel immer wieder zu definieren, wann wir unseren freien Tag haben. Das ist gar nicht so einfach – auf jeden Fall, wenn wir als Familie einen gemeinsamen freien Tag haben möchten: Unter der Woche ist das Programm der Kids immer mehr gefüllt und am Wochenende durch Auftritte, Seminare und Referate das unsere. Während der Spielgruppenzeit unseres Jüngsten genossen wir es zum Beispiel, am Mittwochmorgen für uns als Ehepaar freie Zeit zu haben – mit dem Fahrrad der Aare entlang „velowandern“, eine gemütliche Stunde in einem Café… – und der Nachmittag war für uns als Familie reserviert. Dann kam der Sohn in das erste Kindergartenjahr und hatte am Mittwochmorgen wieder frei. Und fertig war es mit dem Morgen zu zweit. Oder der Montagabend war ein gemütlicher, ruhiger Abend daheim, dann hatte unsere Tochter genau an diesem Abend Schwimmkurs.

Seit diesem Sommer ist nun auch unser Sohn in der Schule. Das bringt bezüglich Familienrhythmus ganz neue Möglichkeiten und Chancen, aber auch Herausforderungen mit sich. Gerade sind wir noch am herausfinden, wie wir unser Wochenprogramm gestalten können, damit nichts zu kurz kommt (Hausaufgaben, Ämtli, Haushalt, unsere vielen Projekte) und wir doch auch genügend Familienzeiten haben.

Neben den gemeinsamen Momenten zu viert, haben wir noch etwas eingeführt, das uns helfen soll, regelmässige Zeiten von einem Elternteil mit einem unserer Kinder zu haben. Wir nennen das Papi-, resp. Mamigutschein. Ab dem ersten Schuljahr gibt es für unsere beiden Kinder jeden Monat einen solchen Gutschein. Im August starteten wir mit einem Papi-Sohn-Erlebnis und Joy durfte ihren Gutschein beim Mami einlösen.

So sass ich also letzten Sonntag mit unserem Janosch im Stade de Suisse in Bern. Er war happy, ich war happy – und gemeinsam hätten wir uns ein etwas besseres Spiel von YB gewünscht. Aber eigentlich ist das Spiel ja Nebensache. Viel wichtiger ist doch, dass ich als Vater mit meinem Sohn etwas erlebt habe. Und seine Wunschliste für die nächsten Papigutscheine ist schon ziemlich lang: Minigolf steht da, nach dem Fussball- folgt sicher später auch ein Hockeymatch…

Unsere Tochter tut sich da etwas schwerer, und zwar nicht nur beim Papi, auch wenn sie sich etwas wünschen darf, das sie mit ihrer Mutter unternehmen darf. Aber ich bin sicher, angestachelt durch ihren Bruder wird sie noch manche Idee bekommen. Es gilt sowieso: Das Was (solange es im Bereich des Möglichen und Finanzierbaren liegt) spielt eine nebensächliche Rolle, viel wichtiger ist es, dass wir überhaupt solche gemeinsame, wertvolle Momente mit unseren Kindern erleben.

Die Papigutscheine sind für mich eine geeignete Form, meinen Kindern Zeit, und damit Liebe zu schenken. Ich vermute (und hoffe), dass unseren Kindern im Rückblick weniger teure Geschenke in bleibender Erinnerung sind, sondern die gemeinsam verbrachten Augenblicke, zum Beispiel beim Einlösen des Papigutscheines.

 

 

 

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Liebe“.

Die Kunst, ein guter Chef zu sein

Führen ist die Kunst, den Schlüssel zu finden, der die Schatztruhe des Mitarbeiters aufschliesst und ihm das Gefühl vermittelt, dass in ihm viele Möglichkeiten und Fähigkeiten stecken.
Führen heisst, die Lust zu wecken an der Entfaltung der eigenen Fähigkeiten und am Dienst für die Gemeinschaft.

Anselm Grün (in “Menschen führen – Leben wecken”, Seite 51)

Der Gallup Engagement Index 2011 spricht eine deutliche Sprache: Nur gerade 14 Prozent der Angestellten haben eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber. Demgegenüber haben fast ein Viertel der Mitarbeitenden bereits innerlich gekündigt und der Grossteil der Arbeitnehmenden (63 %) macht Dienst nach Vorschrift.

Die Zahlen stammen zwar aus Deutschland, aber dass das Bild bei uns in der Schweiz viel rühmlicher aussehen würde, ist zu bezweifeln. Während wie bei uns in Deutschland die grosse Mehrheit zwar zufrieden mit ihrer Arbeit ist, steht es um die emotionale Bindung an den Arbeitgeber nicht gut. Ich vermute, der grosse Bereich der Mitarbeitenden mit Dienst nach Vorschrift zählt zu den resignativ Zufriedenen: Der Job ist okay, aber ich setze mich nicht freiwillig und mit Leidenschaft überdurchschnittlich für die Unternehmensziele ein.

Was sind die Gründe, dass nur ein kleiner Teil der Belegschaft über eine hohe emotionale Bindung verfügt? Zuerst einmal ist spannend, dass die Gründe nicht bei den Rahmenbedingungen wie Arbeitszeit oder Entlöhnung zu suchen sind. „Diese Zahlen zeigen ganz eindeutig, dass die Gründe für eine mangelnde emotionale Bindung nicht in den Rahmenbedingungen des Arbeitsverhältnisses liegen. Führungskräfte sind diejenigen, die in der Verantwortung stehen, da sie es sind, die das Arbeitsumfeld durch ihr Führungsverhalten prägen und gestalten“, sagt Marco Nink, Strategic Consultant bei Gallup.

Mit anderen Worten: Ob ich mich emotional an meinem Arbeitspaltz voll einbringe (loyal und produktiv bin), einfach meinen Job mache oder gar aktiv gegen die Interessen des Unternehmens arbeite (innere Kündigung), hängt viel mehr vom „guten Chef“ ab, also vom Lohn.

Ein guter Chef zu sein, ist aber eine hohe Kunst, die leider lange nicht alle Führungskräfte beherrschen.

Was tut ein Chef, dem es gelingt, eine hohe emotionale Mitarbeiterbindung zu fördern? Die Gallup Engagement Studie zeigt einige wichtige Faktoren auf, die die Kunst des Führens umschreiben. Die Umfrage zeigt bei all diesen Faktoren deutliche Unterschiede. Innerlich Gekündigte erleben die folgenden Punkte an ihrem Arebitsplatz kaum, emotional hoch Gebundene jedoch sehr häufig:

  • Anerkennung und Lob
  • konstruktives Feedback
  • Interesse für den Menschen
  • Förderung der persönlichen Entwicklung
  • Meinung und Ansichten der Mitarbeitenden haben Gewicht

„Gute Führung orientiert sich am Menschen“, steht in der Pressemitteilung von Gallup Deutschland. Und genau das beschreibt Anselm Grün im eingangs erwähnten Zitat. Wer in der Kunst, ein guter Chef zu sein, zulegen will, dem empfehle ich, das Buch Menschen führen – Leben wecken von Grün unbedingt zu lesen und seine Ausführungen zu beherzigen.

Ein guter Chef ist nicht einer, der einfach Dienstbefehle von oben nach unten weiterreicht. Ein guter Chef schafft ein Umfeld, in dem sich jeder gerne mit Leidenschaft und mit seinen Stärken einbringt, sich in seiner Persönlichkeit wertgeschätzt fühlt und jedem klar ist: Gewinnen tun wir als Team.

 

Weiterführende Angebote zum Thema

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Arbeit“.

Ist Religion gefährlich?

Die gefährlichsten Herzkrankheiten sind immer noch Neid, Hass und Geiz.
Pearl S. Buck

Neulich im Wartzimmer beim Hausarzt: Ich muss mich entscheiden zwischen nervösem Dasitzen, Klatschpresse und jeder Menge Gesundheitstipps (Dabei staune ich, wie günstig die Kinesiologin ist und was die alles kann… – ein anderes Thema.).

Mein Blick fällt auf das GEO mit dem Titel „Wie gefährlich ist Religion?„. Beim Durchblättern der Zeitschrift mit vielen eindrücklichen Bildern wird deutlich: Ja, Religion ist gefährlich. Sie kann sogar sehr gefährlich sein. Und, so ungern ich dies auch zugebe, da ist keine der grossen Weltreligionen eine Ausnahme. Alle haben das Potenzial, für Glaubenskriege missbraucht zu werden; Beispiele dafür gibt es mehr als genug.

Das ist die eine Seite. Ich bin froh, dass in der erwähnten Zeitschrift nicht einseitig mit Religion und gelebtem Glauben abgerechnet wird. Im Editorial schreibt Peter-Matthias Gaede: „Wir wissen: Es gab und gibt die Mutter Teresas und die Befreiungstheologen, es gibt die Gläubigen aller Konfessionen weltweit, die ihre besondere Kraft zu Menschenliebe, Uneigennützigkeit und Versöhnung aus ihrer Spiritualität beziehen.“

Spiritualität in diesem Sinne wäre meinens Erachtens glatt die Umkehrung der im Eingangszitat erwähnten Herzenskrankheiten Hass, Neid und Geiz. Wenn wir durch eine wache, gelebte und gepflegte Gottesbeziehung Liebe erfahren, kann das schier als unmöglich geglaubte wahr werden: Der andere Mensch ist nicht mein Gegner, er kann mein Freund und Bruder werden. Wie nicht jeder die Liebe Gottes erwiedert, so wird auch nicht jeder Mensch darauf einsteigen, wenn wir mit ihm in Frieden leben wollen. Doch genau da zeigt sich die Echtheit und Stärke unserer Spiritualität: Bleibt es bei den gut gemeinten Absichten oder siegt in uns auch dann die Liebe, wenn wir angefeindet werden?

Im Geo lese ich weiter:

Allerspätestens seit Papst Pius XII. zaghaft wenig tat, als die deutschen Nazi-Okkupanten die Juden Roms auf den Weg in die Gaskammern brachten, könnte man der Ansicht sein, Christenmenschen – wie andere Gläubige – seien halt am Ende auch nur so schwach wie der kleine Mensch an sich; nicht besser, nicht stärker, nicht moralischer. Es wäre immerhin ernüchternd, denn man stellt sich den guten Gläubigen doch gerne als jemanden vor, der Menschenrecht und Werte auf einer höheren Ebene verficht; und friedlich sind ja angeblich alle Religionen im Kern.

Das ist ein wichtiger Punkt: Auch Christenmenschen sind Menschen! Oftmals nicht besser oder schlechter als andere Menschen – einfach Menschen mit täglichen Herausforderungen.

Als Mensch, der sich nicht gerne als religiös bezeichnet, aber aufrichtig versucht diesem Jesus nachzufolgen, entdecke ich genau hier die befreiende Kraft des Evangeliums, der guten Botschaft von Gott: Der christliche Glaube will mir nicht in erster Linie einen moralischen Verhaltenskatalog aufzwängen, sondern bietet mir in meinem Scheitern neue Hoffnung,  Friede, Liebe und Wiederherstellung an.

Dieser Glaube hätte es eigentlich auch nicht nötig, dass wir ihn mit Waffen verteidigen.

 

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Spiritualität“.

"Beweg dich!"

Du bist nicht für das Universum verantwortlich:
du bist verantwortlich für dich selbst.
Enoch Arnold Bennett

Ja, für das Universum sind wir nicht verantwortlich. Gott sei Dank! Aber das Zitat sagt auch etwas anderes: Für uns selbst sind wir sehr wohl verantwortlich.

Leider begegne ich immer wieder Menschen, die genau diese Verantwortung nicht wahrnehmen. Entweder schieben sie diese Verantwortung jemand anderem ab, fühlen sich als Opfer ihrer Umstände oder sind einfach so passiv, dass sie nichts aus ihrem Leben machen. (Siehe dazu auch meinen Blog-Artikel der letzten Woche: Kranke Gesellschaft?.)

Wir haben nicht alles in der Hand. Doch oft unterschätzen wir den Anteil, den wir tatsächlich selbst bestimmen können. Aus Erfahrung weiss ich, dass das Leben manchmal merkwürdige Wendungen nimmt. Wendungen, die man sich nur Wochen davor nicht hätte vorstellen können. Zu oft sagen wir dann, wir hätten ja keine Wahl. Doch genau das Gegenteil hab ich schon vor vielen Jahren von Michelle Pfeiffer im Film „Dangerous Minds“ gelernt: Du hast immer die Wahl zwischen mind. zwei Möglichkeiten, zwischen ja oder nein.

Dazu ist Folgendes zu bedenken:

Als Faustregel gilt: Nur 10 Prozent unseres Lebens sind nicht veränderbar, 90 Prozent könnten wir direkt durch unser Verhalten und unsere Reaktion beeinflussen. Ein Opfer jedoch fühlt sich immer als ohnmächtiges Objekt des Handelns anderer. Es zeichnet sich aus durch Selbstmitleid, Jammern und Passivität. Aus Ersterem bezieht es seine Lebenskraft. Das fühlt sich vielleicht wie Motivation an, ist aber eine Täuschung. Denn es führt dazu, dass ich nur um mich selbst und meine Sorgen kreise. Das Credo des Opfers lautet: Ich bin einfach ein armes Schwein.

(aus dem empfehlenswerten Buch Dem Leben Richtung geben von Jörg W. Knoblauch)

Was ist also zu tun, wenn ich die Verantwortung für mein Leben aktiv wahrnehmen will?

  • Mein erster Tipp ist simpel und sehr direkt: „Beweg dich!“
    Wer beim Jammern bleibt, hat noch nichts bewegt. Viele Menschen reden lieber über ihre Probleme, als diese aktiv anzugehen.
    Wer stehen bleibt, wird nie etwas verändern. Weder die berufliche noch die private Situation.
    Das Wichtigste ist, in Bewegung zu kommen. Selbst wenn wir in dieser Situation falsche Entscheide treffen. Es ist einfacher, später eine Kurskorrektur vorzunehmen als im Stillstand das Leben zu verändern.
  • Reflektieren Sie Ihre Situation!
    Wo stehe ich? Wo bin ich zufrieden? Was macht mich traurig? Wovor habe ich Angst? Was habe ich erlebt und was möchte ich bestimmt nicht mehr erleben? Welche Wünsche und Ziele habe ich? Welche Grenzen erkenne ich? Welche Möglichkeiten liegen vor mir?
  • Suchen Sie sich gute Ratgeber!
    Sie sind ganz alleine für sich selbst verantwortlich. Aber Sie müssen nicht alles alleine tragen. Holen Sie sich Rat und Unterstützung bei Freunden, Vertrauenspersonen, einem Coach oder Therapeuten. Je nach Situation braucht es eine andere Form von Hilfe und manchmal kann es gut sein, verschiedene Ratgeber aufzusuchen. Aber Achtung: Nicht die Menge der Ratschläge macht es aus, sondern die Qualität.
  • Setzen Sie Ziele!
    Ich habe meine Situation analysiert, mir Unterstützung von anderen geholt. Jetzt ist es an der Zeit, konkrete Ziele zu definieren und Umsetzungsschritte festzulegen. Hilfreich sind hier auch Etappenziele. Ich kann möglicherweise nicht morgen schon meinen Traumberuf ausüben. Aber ich kann Etappenziele auf dem Weg dorthin festlegen.
  • Packen Sie es an!
    Selbst die besten Ziele und der ausgeklügeltste Plan ist zum Scheitern verurteilt, wenn Sie nicht Schritte tun. Darum ist der erste Punkt so wichtig: Wir müssen in Bewegung kommen. Das Leben aktiv gestalten, mutig Entscheide fällen, etwas ausprobieren, demütig Fehler eingestehen, wieder aufstehen, neu beginnen…

Wer die Verantwortung für sich selbst wahrnimmt, braucht nicht die Verantwortung für das ganze Universum zu tragen. Doch er wird auch eine verantwortungsvolle und wichtige Person in unserer Gesellschaft werden:

Die Verantwortung für sich selbst ist die Wurzel jeder Verantwortung.
Mong Dsi, (372 – 289 v. Chr.), konfuzianischer Philosoph

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Selbst“.

Kranke Gesellschaft?

Ohne Vision verliert eine Gesellschaft jeden Halt.
Glücklich ist, wer sich an die göttlichen Prinzipien hält.

frei nach König Salomo

Noch nie lebte der Mensch in so grosser Freiheit wie heute. Und noch nie war der Mensch so sehr überfordert im Umgang mit dieser Freiheit.

Zu diesem Schluss kam ich jedenfalls, als ich den Artikel „Die neuen Gebote“ in der NZZ am Sonntag vom 8. Juli 2012 las:

„Dabei wären wir doch so frei wie nie. Dürfen tun, sagen und glauben, was wir wollen, egal ob wir arm sind oder reich, Frauen oder Männer. Und trotzdem oder gerade deshalb hängen sich so viele an die Lippen von Ratgebern wie Kinder an die Rockzipfel ihrer Mamis, um auszusehen, wie alle aussehen, das zu tun, was alle tun, die ewiggleichen Sätze zu sagen und sich in abgeschaute Posen zu werfen.“

Trotz grosser Freiheit und schier unendlichen Wahlmöglichkeiten findet sich die Gesellschaft mit einem „Darfmanitis“-Problem wieder und weil es kaum mehr allgemein gültige Normen oder gemeinsame Werte gibt, wird auch die Orientierungslosigkeit grösser und grösser: Darf man das? Muss man dies? Kann man jenes?

Mir scheint das krankhaft: Die Individualisierung wird bis zum Narzissmus ausgereizt (die Welt um mich herum existiert, damit es mir gut geht) und der Sinn fürs Gemeinwohl sinkt auf ein gefährliches Niveau ab. Gleichzeitig ist die Angst, sich zu blamieren oder irgendwie unangemessen anders zu sein, so gross, dass man dem Diktat der Gesellschaft folgt, statt mutig den eigenen Weg zu entdecken und zu gestalten.

Nochmals eine Perle aus dem oben erwähnten Artikel von Carole Koch:

„Man macht Karriere, kleidet sich stilgerecht, ist fit, turnt Yoga, beisst in Biogemüse, meditiert, trennt Abfall, kauft Versicherungen, kauft Autos, kauft Möbel, macht Kinder, wird alt und fett und glücklich, unbedingt. Im Grunde wollen alle das, was schon immer alle wollten: sein wie die anderen.“

Doch hier liegt die Herausforderung: Da es immer weniger allgemein akzeptierte und verbindlich gelebte Werte gibt, ist überhaupt nicht klar, „wie man zu leben hat“. Diese Orientierungslosigkeit führt dazu, dass die unterschiedlichsten – seriösen und weniger seriösen – Ratgeber aufgesucht werden, um Ordnung in eine chaotische Welt zu bringen.

Dass man sich mit den Fragen der Lebensgestaltung, ja mit den Fragen des Lebens überhaupt, an eine Drittperson wendete, finde ich zunächst sehr sinnvoll. Die Frage ist nur, von wo man sich Hilfe erhofft und wie diese Hilfe aussieht. Nicht selten wird nämlich die persönliche Freiheit aufgegeben und man tritt in eine (unbewusste) Abhängigkeit eines esoterischen Lehrers, religiösen Führers oder unseriösen Therapeuten. Auch die Meinung eines Stilberaters kann abhängig machen.

Unsere Gesellschaft krankt daran, dass sich jeder selbst verwirklichen will, aber keiner Verantwortung übernehmen will. Selbst die Verantwortung für das eigene Leben legt man lieber in die Hände eines Beraters, der uns sagt, wo’s lang geht. Beim Nachdenken übers Leben, beim Reflektieren des eigenen Weges kann die Unterstützung eines Freundes oder Beraters eine grosse Hilfe sein. Aber die Verantwortung fürs eigene Leben sollte man nicht delegieren – weder an die Gesellschaft noch an einen Therapeuten und schon gar nicht an einen Guru.

Als Coach ist es mir wichtig, Menschen zu ermutigen, ihren persönlichen Weg zu entdecken und zu gestalten – unabhängig von dem, was gesellschaftlich erwartet wird. Und als Theologe ist es mir wichtig, Menschen zu ermutigen, sich an den göttlichen Prinzipien zu orientieren – weil in diesen alten Wahrheiten eine grosse Kraft steckt.

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Gesellschaft“.