Ist Religion gefährlich?

Die gefährlichsten Herzkrankheiten sind immer noch Neid, Hass und Geiz.
Pearl S. Buck

Neulich im Wartzimmer beim Hausarzt: Ich muss mich entscheiden zwischen nervösem Dasitzen, Klatschpresse und jeder Menge Gesundheitstipps (Dabei staune ich, wie günstig die Kinesiologin ist und was die alles kann… – ein anderes Thema.).

Mein Blick fällt auf das GEO mit dem Titel „Wie gefährlich ist Religion?„. Beim Durchblättern der Zeitschrift mit vielen eindrücklichen Bildern wird deutlich: Ja, Religion ist gefährlich. Sie kann sogar sehr gefährlich sein. Und, so ungern ich dies auch zugebe, da ist keine der grossen Weltreligionen eine Ausnahme. Alle haben das Potenzial, für Glaubenskriege missbraucht zu werden; Beispiele dafür gibt es mehr als genug.

Das ist die eine Seite. Ich bin froh, dass in der erwähnten Zeitschrift nicht einseitig mit Religion und gelebtem Glauben abgerechnet wird. Im Editorial schreibt Peter-Matthias Gaede: „Wir wissen: Es gab und gibt die Mutter Teresas und die Befreiungstheologen, es gibt die Gläubigen aller Konfessionen weltweit, die ihre besondere Kraft zu Menschenliebe, Uneigennützigkeit und Versöhnung aus ihrer Spiritualität beziehen.“

Spiritualität in diesem Sinne wäre meinens Erachtens glatt die Umkehrung der im Eingangszitat erwähnten Herzenskrankheiten Hass, Neid und Geiz. Wenn wir durch eine wache, gelebte und gepflegte Gottesbeziehung Liebe erfahren, kann das schier als unmöglich geglaubte wahr werden: Der andere Mensch ist nicht mein Gegner, er kann mein Freund und Bruder werden. Wie nicht jeder die Liebe Gottes erwiedert, so wird auch nicht jeder Mensch darauf einsteigen, wenn wir mit ihm in Frieden leben wollen. Doch genau da zeigt sich die Echtheit und Stärke unserer Spiritualität: Bleibt es bei den gut gemeinten Absichten oder siegt in uns auch dann die Liebe, wenn wir angefeindet werden?

Im Geo lese ich weiter:

Allerspätestens seit Papst Pius XII. zaghaft wenig tat, als die deutschen Nazi-Okkupanten die Juden Roms auf den Weg in die Gaskammern brachten, könnte man der Ansicht sein, Christenmenschen – wie andere Gläubige – seien halt am Ende auch nur so schwach wie der kleine Mensch an sich; nicht besser, nicht stärker, nicht moralischer. Es wäre immerhin ernüchternd, denn man stellt sich den guten Gläubigen doch gerne als jemanden vor, der Menschenrecht und Werte auf einer höheren Ebene verficht; und friedlich sind ja angeblich alle Religionen im Kern.

Das ist ein wichtiger Punkt: Auch Christenmenschen sind Menschen! Oftmals nicht besser oder schlechter als andere Menschen – einfach Menschen mit täglichen Herausforderungen.

Als Mensch, der sich nicht gerne als religiös bezeichnet, aber aufrichtig versucht diesem Jesus nachzufolgen, entdecke ich genau hier die befreiende Kraft des Evangeliums, der guten Botschaft von Gott: Der christliche Glaube will mir nicht in erster Linie einen moralischen Verhaltenskatalog aufzwängen, sondern bietet mir in meinem Scheitern neue Hoffnung,  Friede, Liebe und Wiederherstellung an.

Dieser Glaube hätte es eigentlich auch nicht nötig, dass wir ihn mit Waffen verteidigen.

 

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichSpiritualität“.

"Beweg dich!"

Du bist nicht für das Universum verantwortlich:
du bist verantwortlich für dich selbst.
Enoch Arnold Bennett

Ja, für das Universum sind wir nicht verantwortlich. Gott sei Dank! Aber das Zitat sagt auch etwas anderes: Für uns selbst sind wir sehr wohl verantwortlich.

Leider begegne ich immer wieder Menschen, die genau diese Verantwortung nicht wahrnehmen. Entweder schieben sie diese Verantwortung jemand anderem ab, fühlen sich als Opfer ihrer Umstände oder sind einfach so passiv, dass sie nichts aus ihrem Leben machen. (Siehe dazu auch meinen Blog-Artikel der letzten Woche: Kranke Gesellschaft?.)

Wir haben nicht alles in der Hand. Doch oft unterschätzen wir den Anteil, den wir tatsächlich selbst bestimmen können. Aus Erfahrung weiss ich, dass das Leben manchmal merkwürdige Wendungen nimmt. Wendungen, die man sich nur Wochen davor nicht hätte vorstellen können. Zu oft sagen wir dann, wir hätten ja keine Wahl. Doch genau das Gegenteil hab ich schon vor vielen Jahren von Michelle Pfeiffer im Film „Dangerous Minds“ gelernt: Du hast immer die Wahl zwischen mind. zwei Möglichkeiten, zwischen ja oder nein.

Dazu ist Folgendes zu bedenken:

Als Faustregel gilt: Nur 10 Prozent unseres Lebens sind nicht veränderbar, 90 Prozent könnten wir direkt durch unser Verhalten und unsere Reaktion beeinflussen. Ein Opfer jedoch fühlt sich immer als ohnmächtiges Objekt des Handelns anderer. Es zeichnet sich aus durch Selbstmitleid, Jammern und Passivität. Aus Ersterem bezieht es seine Lebenskraft. Das fühlt sich vielleicht wie Motivation an, ist aber eine Täuschung. Denn es führt dazu, dass ich nur um mich selbst und meine Sorgen kreise. Das Credo des Opfers lautet: Ich bin einfach ein armes Schwein.

(aus dem empfehlenswerten Buch Dem Leben Richtung geben von Jörg W. Knoblauch)

Was ist also zu tun, wenn ich die Verantwortung für mein Leben aktiv wahrnehmen will?

  • Mein erster Tipp ist simpel und sehr direkt: „Beweg dich!
    Wer beim Jammern bleibt, hat noch nichts bewegt. Viele Menschen reden lieber über ihre Probleme, als diese aktiv anzugehen.
    Wer stehen bleibt, wird nie etwas verändern. Weder die berufliche noch die private Situation.
    Das Wichtigste ist, in Bewegung zu kommen. Selbst wenn wir in dieser Situation falsche Entscheide treffen. Es ist einfacher, später eine Kurskorrektur vorzunehmen als im Stillstand das Leben zu verändern.
  • Reflektieren Sie Ihre Situation!
    Wo stehe ich? Wo bin ich zufrieden? Was macht mich traurig? Wovor habe ich Angst? Was habe ich erlebt und was möchte ich bestimmt nicht mehr erleben? Welche Wünsche und Ziele habe ich? Welche Grenzen erkenne ich? Welche Möglichkeiten liegen vor mir?
  • Suchen Sie sich gute Ratgeber!
    Sie sind ganz alleine für sich selbst verantwortlich. Aber Sie müssen nicht alles alleine tragen. Holen Sie sich Rat und Unterstützung bei Freunden, Vertrauenspersonen, einem Coach oder Therapeuten. Je nach Situation braucht es eine andere Form von Hilfe und manchmal kann es gut sein, verschiedene Ratgeber aufzusuchen. Aber Achtung: Nicht die Menge der Ratschläge macht es aus, sondern die Qualität.
  • Setzen Sie Ziele!
    Ich habe meine Situation analysiert, mir Unterstützung von anderen geholt. Jetzt ist es an der Zeit, konkrete Ziele zu definieren und Umsetzungsschritte festzulegen. Hilfreich sind hier auch Etappenziele. Ich kann möglicherweise nicht morgen schon meinen Traumberuf ausüben. Aber ich kann Etappenziele auf dem Weg dorthin festlegen.
  • Packen Sie es an!
    Selbst die besten Ziele und der ausgeklügeltste Plan ist zum Scheitern verurteilt, wenn Sie nicht Schritte tun. Darum ist der erste Punkt so wichtig: Wir müssen in Bewegung kommen. Das Leben aktiv gestalten, mutig Entscheide fällen, etwas ausprobieren, demütig Fehler eingestehen, wieder aufstehen, neu beginnen…

Wer die Verantwortung für sich selbst wahrnimmt, braucht nicht die Verantwortung für das ganze Universum zu tragen. Doch er wird auch eine verantwortungsvolle und wichtige Person in unserer Gesellschaft werden:

Die Verantwortung für sich selbst ist die Wurzel jeder Verantwortung.
Mong Dsi, (372 – 289 v. Chr.), konfuzianischer Philosoph

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichSelbst“.

Kranke Gesellschaft?

Ohne Vision verliert eine Gesellschaft jeden Halt.
Glücklich ist, wer sich an die göttlichen Prinzipien hält.

frei nach König Salomo

Noch nie lebte der Mensch in so grosser Freiheit wie heute. Und noch nie war der Mensch so sehr überfordert im Umgang mit dieser Freiheit.

Zu diesem Schluss kam ich jedenfalls, als ich den Artikel „Die neuen Gebote“ in der NZZ am Sonntag vom 8. Juli 2012 las:

„Dabei wären wir doch so frei wie nie. Dürfen tun, sagen und glauben, was wir wollen, egal ob wir arm sind oder reich, Frauen oder Männer. Und trotzdem oder gerade deshalb hängen sich so viele an die Lippen von Ratgebern wie Kinder an die Rockzipfel ihrer Mamis, um auszusehen, wie alle aussehen, das zu tun, was alle tun, die ewiggleichen Sätze zu sagen und sich in abgeschaute Posen zu werfen.“

Trotz grosser Freiheit und schier unendlichen Wahlmöglichkeiten findet sich die Gesellschaft mit einem „Darfmanitis“-Problem wieder und weil es kaum mehr allgemein gültige Normen oder gemeinsame Werte gibt, wird auch die Orientierungslosigkeit grösser und grösser: Darf man das? Muss man dies? Kann man jenes?

Mir scheint das krankhaft: Die Individualisierung wird bis zum Narzissmus ausgereizt (die Welt um mich herum existiert, damit es mir gut geht) und der Sinn fürs Gemeinwohl sinkt auf ein gefährliches Niveau ab. Gleichzeitig ist die Angst, sich zu blamieren oder irgendwie unangemessen anders zu sein, so gross, dass man dem Diktat der Gesellschaft folgt, statt mutig den eigenen Weg zu entdecken und zu gestalten.

Nochmals eine Perle aus dem oben erwähnten Artikel von Carole Koch:

„Man macht Karriere, kleidet sich stilgerecht, ist fit, turnt Yoga, beisst in Biogemüse, meditiert, trennt Abfall, kauft Versicherungen, kauft Autos, kauft Möbel, macht Kinder, wird alt und fett und glücklich, unbedingt. Im Grunde wollen alle das, was schon immer alle wollten: sein wie die anderen.“

Doch hier liegt die Herausforderung: Da es immer weniger allgemein akzeptierte und verbindlich gelebte Werte gibt, ist überhaupt nicht klar, „wie man zu leben hat“. Diese Orientierungslosigkeit führt dazu, dass die unterschiedlichsten – seriösen und weniger seriösen – Ratgeber aufgesucht werden, um Ordnung in eine chaotische Welt zu bringen.

Dass man sich mit den Fragen der Lebensgestaltung, ja mit den Fragen des Lebens überhaupt, an eine Drittperson wendete, finde ich zunächst sehr sinnvoll. Die Frage ist nur, von wo man sich Hilfe erhofft und wie diese Hilfe aussieht. Nicht selten wird nämlich die persönliche Freiheit aufgegeben und man tritt in eine (unbewusste) Abhängigkeit eines esoterischen Lehrers, religiösen Führers oder unseriösen Therapeuten. Auch die Meinung eines Stilberaters kann abhängig machen.

Unsere Gesellschaft krankt daran, dass sich jeder selbst verwirklichen will, aber keiner Verantwortung übernehmen will. Selbst die Verantwortung für das eigene Leben legt man lieber in die Hände eines Beraters, der uns sagt, wo’s lang geht. Beim Nachdenken übers Leben, beim Reflektieren des eigenen Weges kann die Unterstützung eines Freundes oder Beraters eine grosse Hilfe sein. Aber die Verantwortung fürs eigene Leben sollte man nicht delegieren – weder an die Gesellschaft noch an einen Therapeuten und schon gar nicht an einen Guru.

Als Coach ist es mir wichtig, Menschen zu ermutigen, ihren persönlichen Weg zu entdecken und zu gestalten – unabhängig von dem, was gesellschaftlich erwartet wird. Und als Theologe ist es mir wichtig, Menschen zu ermutigen, sich an den göttlichen Prinzipien zu orientieren – weil in diesen alten Wahrheiten eine grosse Kraft steckt.

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichGesellschaft“.

Multitasking im Kinderzimmer

Nichts gegen Abwechslung, aber wenn sich die Projekte jagen
und man für jedes Kind schon eine eigene Agenda braucht,
muss man sich nicht wundern, wenn bereits Kinder über Stress klagen
– ein Wort, das früher infarktgefährdeten Managern vorbehalten war.

David Signer in „Profis im Multitasking“ (NZZ am Sonntag, 1. Juli 2012)

„Was hab ihr gespielt?“ fragen wir unseren Sohn, als er von seinem Kindergartenkameraden nach Hause kommt. Die Antwort überrascht und irritiert uns: „Die haben gar keine Spielsachen!“ Auf unsere Folgefrage: „Tja, aber was habt ihr denn den ganzen Nachmittag gemacht?“ hören wir Stichworte wie iPad, Fernseher oder iPhone.

So oder ähnlich haben wir es in den letzten Monaten gleich mehrmals erlebt. Und wir staunten nicht schlecht, als wir das grosse TV-Gerät in einem dieser Kinderzimmer sahen. Braucht ein Kindergartenkind tatsächlich sein eigenes, „zimmerfüllendes“ Fernsehgerät?

Das, aus unserer Sicht für die soziale Entwicklung förderliche und wichtige, Abmachen und gemeinsame Spielen verkommt zu einem gemeinsamen Medienkonsum. Teilen wir unsere Beobachtungen und Bedenken mit den Kindergartenlehrpersonen, erzählen diese von ganz ähnlichen Erfahrungen: Viele Kinder sind unfähig, sich zum Beispiel mit Rollenspielen zu beschäftigen.

Im bemerkenswerten Artikel Profis im Multitasking (NZZ am Sonntag, 1. Juli 2012) wirft David Signer die Frage auf, ob die ganze ADHS-Thematik weniger ein Krankheitsbild als ein Spiegel unserer „fahrigen, zerstreuten, nervösen“ Gesellschaft ist. Und er gibt zu bedenken: „Manchmal wünscht man den Kindern gelegentlich die gute, alte Langeweile zurück. Entstehen nicht neue, krative Ideen oft aus der Leere?“

Wie fördern wir die Kreativität und das Sozialverhalten unserer Kinder?

Diese Leere, in der man sich selber etwas einfallen lassen muss, erreicht man weder durch Spielzeug überfüllte Kinderzimmer noch mit Mini-Mediamarkt-Kinderzimmern. Für die Eltern mag es ja ganz bequem sein, wenn das einzige Spielgerät der Kinder ein iPad ist. (Ich denke schon nur an die nie enden wollende Aufräumaktionen mit unseren Kindern.) Ja, mit dem iPad, iPhone und all diesen „i“s lässt sich ganz gut Ordnung halten und die Kleider werden auch nicht schmutzig… Aber fördern diese Medien wirklich das, was wir in unseren Kindern fördern möchten?

Natürlich, ich sehe viele Vorteile in diesen neuen Medien. Aber meine Kinder brauchen in der Unterstufe noch keine dieser „i“s – obwohl, mit dem iPod hat sich unsere Tochter kürzlich schon mal angefreundet. Ich wünsche mir, dass meine Kinder eine gesunde Medienkompetenz entwickeln können. Und da gilt es, kritisch hinzuschauen und zum Beispiel Studien ernstzunehmen, die besagen, dass die Einsamkeit durch Sozialenetzwerke wie Facebook grösser und nicht etwa kleiner geworden ist. Es gehört auch dazu, dass ich als Vater mein eigenes Medienverhalten kritisch reflektiere. Denn: „Kinder imitieren früh“, schreibt David Signer in besagtem Artikel.

Aufmerksamkeit und Achtsamkeit

Leider hat Signer auch mit folgendem Satz völlig recht: „Wir sind kaum mehr einmal voll und ganz da, wo wir eigentlich sind.“ In meinem diesjährigen PEP (persönlicher Entwicklungsplan) hab ich mir genau das vorgenommen: Wenn ich daheim bin, will ich auch emotional anwesend sein. Ich will vermehrt im Hier sein – ohne schon an die nächsten To-Do’s zu denken, ohne alle paar Minuten die E-Mails zu checken, ohne die interessanten, öden oder witzigen Statusmeldungen meiner FB-Freunde zu durchforschen… Hier sein – in der Familie, bei meinen Kindern, bei meiner Frau.

Durch unseren Multitasking-Lebensstil gehen alte Tugenden wie Aufmerksamkeit und Achtsamkeit verloren. Doch das „Bei-sich-selbst-Sein“ und dadurch achtsam auf sich selbst und dem Nächsten gegenüber sein zu können, bringt eine Lebensqualität, die in keinster Weise durch eine noch so tolle Facebook-Statusmeldung herbeigeführt werden kann.

Als Eltern sind wir stärker gefordert, wenn wir unseren Kindern mehr als Unterhaltung bieten wollen: Ich schnüre derzeit fast jeden Tag meine Turnschuhe und spiele Fussball mit meinem Sohn (und oft ist auch mein Vater dabei; das wirkt jetzt schon fast kitschig, aber ist ein solches Drei-Generationen-Fussballspiel nicht eine tolle Sache?). Für meine Frau heisst es immer mal wieder, den Aufwand nicht zu scheuen und mit den Kindern etwas zu basteln – auch wenn unsere Wohnung dann eher einem kreativen Schlachtfeld als einem modernen „iRoom“ gleicht…

 

Da ich während den nächsten Wochen im Sinne dieses Artikels ganz Familienferien machen will, werde ich den nächsten Blogartikel erst im August veröffentlichen…

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichLiebe“.

Auf- oder untergehen im Job

Glückliche Menschen gehen in ihrer Arbeit auf, aber niemals unter.
Unbekannt

Gehen Sie in Ihrer Arbeit auf – oder manchmal doch eher unter?

Natürlich gehört es bei engagierten Personen dazu, dass man im beruflichen oder privaten Umfeld Phasen grosser Anspannung durchlebt. Dagegen ist auch aus Sicht einer gesunden Life-Balance nichts einzuwenden – solange auf die Phasen der Anspannung auch Phasen der Entspannung folgen.

Es gibt Stimmen, die sagen, ein Leben in Balance sei langweilig. Dem widerspreche ich vehement! Ein ausgewogenes Leben hat überhaupt nichts mit einem immer gleichen, eintönigen Dasein zu tun. Im Gegenteil: Eine gesunde Life-Balance ermöglicht erst, dass wir uns mit voller Kraft für ein spannendes Projekt engagieren können, in unserer Arbeit aufgehen und Flows erleben können.

Wer in seiner Arbeit regelmässig unter- statt aufgeht, ist über kurz oder lang nicht mehr mit Leidenschaft bei seiner Tätigkeit und lebt ungesund. Was jeder Sportler weiss, muss auch die Führungskraft, der Kreative, die Familienfrau, der Ingenieur und die Ärztin beachten: Anspannung ohne Entspannung ist ein (Berufs)Risiko!

Was ist Ihre Botschaft?

Das obige Zitat begleitete mich durch diese Woche. Ich fragte zum Beispiel an einer Teamsitzung nach, wie es denn bei den Einzelnen aktuell aussehe in Sachen Auf- beziehungsweise Untergehen in der Arbeit. Das Resultat war ernüchternd: Die Menge der Arbeit lasse ein Aufgehen gar nicht zu. Selbst wenn man die Arbeit an und für sich ganz gerne täte, sei ein Untergehen in den (zu) vielen Anfragen und To-Do’s vorprogrammiert.

Meine kleine Umfrage ist natürlich überhaupt nicht repräsentativ. Doch was meine Kollegen aus einer Freiwilligenarbeit in ihrem beruflichen Umfeld erleben, ist ganz bestimmt keine Randerscheinung. Denn eigentlich brauchen wir gar nicht gross nachzufragen, ob jemand in seiner/ihrer Tätigkeit auf- oder untergeht. Oft reicht ein genauer Blick und wir sehen, mit wie viel oder wenig Freude jemand bei der Arbeit ist. Und da kann beobachtet werden, dass viele einfach ihren Job erledigen – nicht mehr und nicht weniger. Einige blühen tatsächlich in ihrer Tätigkeit auf und verbreiten in ihrem Umfeld eine positive Atmosphäre. Andere gehen offensichtlich schier unter in dem, was sie tun. Mit letzter Kraft retten sie sich ins nächste Wochenende – von Begeisterung am Arbeitsplatz ist wenig zu spüren…

Was ist also Ihre Botschaft? Wenn man Sie bei der Arbeit beobachtet, welche Botschaft, welche Signale, senden Sie aus? Sehen wir jemand, der/die in der Arbeit aufgeht? Oder jemand, der/die sich mit letzter Kraft „in die nächste Runde“ kämpft?

Für alle, die gerade gegen das Untergehen im Job ankämpfen, mag es nach reiner Provokation tönen, aber es ist so: Aufgehen in der Arbeit lohnt sich!

Und zwar vielfach:

  • Meine Freude an der Arbeit steigt und ich erlebe mehr Flows.
  • Ich arbeite mit grosser Leidenschaft, wahrscheinlich kann ich auch meine besonderen Stärken einbringen.
  • Ich blühe auf.
  • Mein Arbeiten ist von mehr Erfolg gekennzeichnet.
  • Meine Kunden werden die Zusammenarbeit mit mir schätzen.
  • Meine Firma wird (dank mir) erfolgreicher.
    (Übrigens: Für die Firma ist es nicht nachhaltig, wenn ich in der Arbeit unter-, statt aufgehe. Stichwort: Folgekosten von Burnout.)
  • Und zu guter Letzt: Mein Privatleben wird profitieren. Meine Beziehungen in Familie und Freundeskreis werden spürbar besser sein.

Ich liebe die ansteckende Wirkung von Menschen, die in ihrer Arbeit aufgehen. Ob im Restaurant, wo der Koch zaubert und die Serviceangestellte „gute Laune“ verbreitet. Ob in der Schule meiner Tochter, wo die Lehrerin mit Leidenschaft ein Umfeld schafft, in dem sich die Kinder gut entwickeln können. Ob in einem Kurs, beim Arzt oder im Konzert… Wo auch immer ich Menschen erlebe, die in ihrer Arbeit aufgehen, fühl ich mich wohl. Wo ich hingegen auf abgelöschte Menschen treffe, löscht es mir selbst ab.

Darum: Gehen Sie noch unter? Oder haben Sie schon einen Job, in dem Sie aufgehen?

 

PS: Meine Frau geht in ihrer Arbeit auf, wenn sie kreativ sein und ein Projekt entwickeln kann. Dabei erlebt sie die positiven Auswirkungen, die ich oben geschildert habe. So ist sie zum Beispiel mit ihrem letzten Projekt („Lueg use, Martin“) für den StopArmut-Kreativpreis nominiert worden. Im Livenet-Interview sagt Brigitte Gerber, was ihre Botschaft ist.

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichArbeit“.

Mein Montagsgesicht – Zumutung oder Ermutigung?

Wir werden glaubend geboren.
Ein Mensch trägt Glauben wie ein Baum Äpfel.

Ralph Waldo Emerson

Haben Sie auch noch so ein schönes, teures Sonntagsgeschirr? Und haben Sie auch ein Sonntagsgesicht?

Unter dem Motto „Mein Montagsgesicht – Zumutung oder Ermutigung?“ nahm ich letzten Sonntag in meiner Predigt die Spannung zwischen Sonntags- und Montagsgesicht auf. In meiner Funktion als theologischer Mitarbeiter von bvMedia war ich in einer (Kirch)Gemeinde zu Gast und forderte die Zuhörer auf, sich damit auseinanderzusetzen, welche Wirkung wir im Alltag haben. Sonntag und Montag driften da manchmal gewaltig auseinander.

Es gibt die Momente im Leben, da bemüht man sich besonders, sein Sonntagsgesicht zu zeigen: Bewerbungsgespräch, Wohnungsbesichtigung, erster Schultag der Kinder… Wir zeigen uns im besten Licht, wahrscheinlich ist es sogar etwas gekünstelt, aber wir wollen einen guten Eindruck hinterlassen. Es ist so, wie ich es bei den Filmaufnahmen für den Dällebach Kari erlebte: Während die Kameras aus waren, wurde überall eifrig alles zurechtgeschoben und -gebügelt. Und dann hiess es: „Achtung wir drehen – und Action.“ Sofort musste alles im besten Licht erscheinen.

Dann gibt es die Momente, da ist keine Kamera auf uns gerichtet. Wir fühlen uns unbeobachtet, wir packen unser Montagsgesicht aus. Wie verhalten wir uns, wenn wir denken, es spielt jetzt grad nicht so eine Rolle, wie wir uns benehmen? Viele (Männer) zeigen ihr Montagsgesicht im Strassenverkehr. Oder an der Migroskasse. Und sein Montagsgesicht im Griff zu haben, ist für etliche z.B. auch beim Ausfüllen der Steuererklärung eine Herausforderung.

Der Punkt ist: Unser Montagsgesicht zeigt, wer wir wirklich sind. Mit dem Sonntagsgesicht geben wir vor, etwas zu sein, was wir gar nicht sind – jedenfalls nicht alle Tage (eben „Alltag“) sind. Wir versuchen ein bestimmtes Image vorzugeben, ein gewisses Bild, das uns wahrscheinlich etwas besser, schöner, anständiger… darstellt, als wir wirklich sind.

Leider stehen besonders Christen im Verdacht, einen solchen heuchlerischen Lebensstil zu verkörpern: Am Sonntag ganz schön fromm, am Montag ganz unschön unfromm. Wasser predigen, Wein trinken. Nicht selten stimmt das tatsächlich: (Auch) Wir Christen werden unseren hohen Ansprüchen nicht gerecht. So richtig ungesund wird es, wenn wir so tun, als wären wir tatsächlich etwas Besseres und wir als christliche Gemeinschaften vorgeben, dass in unseren Kreisen alles rund läuft, wir weder lügen, noch gierig oder zornig sind und schon gar nicht fremdgehen.

Weil wir ja alle gerne ein Sonntagsgesicht hätten, werden wir tatsächlich zu Heuchlern. Was können wir dagegen tun? Wie wird unser Montagsgesicht von der Zumutung zur Ermutigung? Drei Gedanken habe ich letzten Sonntag dazu weitergegeben:

Das Sonntagsgesicht in der Kommode verstauen

Was für das Sonntagsgeschirr eine Schande ist, täte unserem Sonntagsgesicht gut: Weg damit, verstauen in der Kommode.
Das Montagsgesicht zeigt, wer wir wirklich sind. Wenn wir uns ernsthaft füreinander interessieren und einander unterstützen wollen, müssen wir das Sonntagsgesicht ablegen. Denn nur so können wir uns richtig kennen lernen, erfahren, was uns schmerzt, wo wir hoffen und wo wir zweifeln. Wo wir uns freuen und wo wir versagen…

Mit dem Himmel in Tuchfühlung bleiben

Eine aktive Gottesbeziehung hilft, sich zu sehen, wie man wirklich ist: Nicht perfekt, nicht vollkommen, aber ein geliebtes Kind des Schöpfers.
Zu wissen, dass dieser Gott besser mit meinem Scheitern umgehen kann, als ich oder mein Umfeld, gibt mir Hoffnung. Er verlangt von mir nicht, dass ich mich im schönsten Sonntagsgesicht präsentiere, er nimmt mich auch mit meinem Montagsgesicht an.

Bei allem was wir tun, Jesus im Blick behalten

Im Bibeltext, den ich für meine „Montagsgesichts-Predigt“ wählte (Kolosserbrief 3), gibt es eine sehr herausfordernde Stelle: Wir sollen so arbeiten, als würden wir für Jesus arbeiten. Wir sollen uns als Angestellter so verhalten, als wäre Gott selbst unser Chef. Wenn wir weniger danach fragen, in welchem Licht wir dastehen, wie wir mehr für uns rausholen, dafür umso mehr fragen, was einem jesusmässigen Lebensstil entspricht, können wir zu Ermutiger in unserer Familie, in unserem Quartier und in unserem Job werden.

Wie das Zitat oben sagt, sind wir im Grunde glaubende Wesen. Manchmal sind leider die Früchte dieses Glaubens wie faule Äpfel: ungeniesbar. Doch wenn wir aufhören, etwas vorzugeben, das gar nicht ist, stattdessen mit Gott in Tuchfühlung bleiben und offen und ehrlich mit unseren Mitmenschen umgehen, wird auch unser Montagsgesicht eine Ermutigung.

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichSpiritualität“.

Mit angezogener Handbremse unterwegs

Das typisch Menschliche: sich aus Angst vor einer unbekannten Zukunft
an die bekannte Vergangenheit klammern.

John Naisbitt

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Auto, vielleicht in einem eher älteren Fahrzeug, drehen den Schlüssel und der Motor startet. Sie beginnen Ihre Reise, aber kommen nicht so recht in Fahrt.  Erst jetzt bemerken Sie das kleine rote Lämpchen: Die Handbremse ist noch nicht vollständig gelöst. Sofort holen Sie das nach – und siehe da, das Fahrgefühl wird spürbar „befreiter“.

Das Fahren mit angezogener Handbremse ist nicht besonders angenehm und vor allem nicht wirklich gesund für ein Fahrzeug. Doch noch viel weniger gesund ist es, mit angezogener Handbremse durchs Leben zu gehen.

Dieses „Mit-angezogener-Handbremse-Unterwegssein“ kam mir beim Nachdenken über obiges Zitat in den Sinn. Statt mit Freude die Gegenwart zu gestalten und sich so (pro)aktiv auf die Zukunft einzulassen, hangen viele Menschen der Vergangenheit nach. Und diese Einstellung wird dann schnell einmal zu einem Fahren – oder eben Leben – mit angezogener Handbremse. „Als ich in der Blüte meines Lebens war“, wird wehmütig auf die Zeit zwischen 20 und 30 Jahren zurückgeschaut, „da hatte ich so richtige Freude am Leben!“ Und die das sagen, sind nicht selten noch nicht einmal 40 Jahre alt.

Vielleicht hat dies damit zu tun, dass einem in diesem Lebensabschnitt (oft ist diese Phase ja auch vom alltäglichen Familienwahnsinn mit zwei, drei kleinen Kindern geprägt) bewusst wird, dass sich nicht alle Lebensziele oder -träume verwirklichen lassen. Diese Angst, den grössten Abenteuer des Lebens, der gelassenen Unbekümmertheit und der jugendlichen Schaffenskraft für immer adieu gesagt zu haben, führen dazu, dass wir uns erinnerungsverliebt an die Vergangenheit klammern.

Versöhnt in die Zukunft

Die Zukunft kann Angst auslösen, weil sie unbekannt ist, vielleicht unberechenbar scheint. Und gut möglich, dass wir uns nicht auf sie freuen, weil tatsächlich ein unbeschwertes Leben wie in den 20ern kaum mehr möglich sein wird. Dann gibt es diese Jugendträume, die im Alltag immer weiter in den Hintergrund rücken und teils auch mit bestem Willen nicht mehr erfüllen lassen.

Um versöhnt leben zu können, müssen wir mit unserer Vergangenheit ins Reine kommen. Alten Wunden, schmerzhaften Erfahrungen und unerfüllten Wünschen sollten wir „den Wind aus den Segeln nehmen“, damit sie uns nicht auf der Reise in die Zukunft behindern können. Auch wenn uns mit 40 nicht mehr die ganze Welt offen steht, ist doch das Leben in dieser Phase voller Reichtum. Unsere gesammelten Erfahrungen (auch die schmerzlichen, auch unser Scheitern) haben das Potenzial zu wertvollen Schätzen zu werden, die unseren Alltag und unsere Zukunft reich machen.

Und damit meine ich mit nichten sowas wie resignative Zufriedenheit! Wer versöhnt im Jetzt lebt, wird die Zukunft aktiv gestalten können. Egal welches Alter wir haben, egal in welchen Lebensumständen wir stecken, wenn wir unser Leben bewusst gestalten und neue Träume/Ziele definieren, können wir sehr viel erreichen. Haben wir uns dabei entschieden, eine Eiche und nicht ein Kürbis zu sein, werden wir nicht nur alt, sondern auch weise. Und diese Lebensqualität ist mindestens so wertvoll wie die Unbeschwertheit der Jugend.

Tipps zum „Handbrems-lösen“

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichSelbst“.

Grenzenlose Freiheit?

Die Freiheit besteht darin, alles tun zu dürfen,
was einem anderen nicht schadet.

(aus der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte)

„Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“, philosophierte Reinhard Mey in seinem erfolgreichsten Lied aus dem Jahr 1974. Nicht nur über den Wolken, sondern auch in Berns Gassen, hätte die Freiheit grenzenlos zu sein. Darum zogen kürzlich mehr als 10’000 Jugendliche unter dem Motto „Tanz dich frei“ durch Berns Innenstadt.

Ich als ahnungsloser Landmensch war ausgerechnet an diesem sommerlichen Abend mit meiner Frau in Bern. Auf der Suche nach einem Gratisparkplatz war ich erstaunt, dass der Schützenmatte-Parkplatz (bei der „Reithalle„) fast leer war. Erst die vielen Parkverbotstafeln erinnerten mich daran, dass ich in der Zeitung etwas von einer illegalen Demo gelesen hatte. Als wir nach dem Essen irgendwo auf einem Platz noch einen Kaffee trinken wollten, machte sich der Umzug gerade auf den Weg: Was auf uns anfänglich wie ein friedliches Konzert wirkte, stimmte uns bei genauerem Betrachten ziemlich nachdenklich (vor allem, was den Alkoholkonsum und die destruktive Stimmung betraf).

Im Nachgang wurde viel über diesen Umzug geschrieben, debattiert und kommentiert. Grenzüberschreitungen von Jugendlichen und der Schrei nach Freiheit sind wohl so alt, wie die Menschheit selbst. Genauso wie die Reaktion der älteren Generationen darauf. Doch mich interessiert hier weniger die Jugendfrage als die Gesellschaftsfrage. Sind wir überhaupt fähig und gewillt miteinander oder wenigstens nebeneinander zu leben, ohne das Wohlbefinden des anderen zu beschneiden? Mit andern Worten: Ist unser Egoismus so gross, dass wir auf Kosten anderer leben?

Freiheit muss gelernt sein

„Mir scheint, dass unsere individualistisch geprägte Gesellschaft erst noch lernen muss, wie eine grosse Zahl von Menschen im öffentlichen Raum miteinander umgeht, ohne dass die Rechte der Einzelnen beschnitten werden.“ Dies sagte Thomas Kessler von der Kantons- und Stadtentwicklung des Kantons Basel-Stadt gegenüber der NZZ am Sonntag (Artikel „Party aus Protest“, NZZ am Sonntag, 10. Juni 2012).

Mir scheint, dass es hier um den alten Grundsatz aus der Französischen Revolution und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte geht, der besagt, dass persönliche Freiheit nur soweit möglich ist, als dass die Rechte und die Freiheit des anderen nicht beschnitten würden. (Siehe Zitat am Anfang dieses Blogartikels.)

Aber was heisst das im täglichen Zusammenleben? Und was heisst das in einer globalisierten Welt? Missachten wir nicht auch diesen Grundsatz, wenn wir unseren Reichtum auf Kosten anderer Länder anhäufen? In Teilen dieser Welt werden Menschen ausgebeutet, damit wir unseren Wohlstand vergrössern können. Leben wir da nicht eine Freiheit, die einem anderen schadet?

Ich glaub nicht, dass ich hier Antworten geben kann. Weder auf die Frage, wie eine für alle Beteiligte zumutbare Lösung betreffend Jugendkultur und Nachtleben in den Grossstädten aussehen könnte, noch auf die Problematik, dass unser Wohlbefinden nicht selten auch auf Kosten des Wohlbefinden eines anderen geht.

Doch ich will uns zu einer Denkpause (einer Pause vom Alltagsgeschäft, in der wir denken und nicht eine Pause vom Denken!) aufrufen, in der wir uns selbst prüfen und fragen: Wo lebe ich auf Kosten meiner Mitmenschen? Meiner Mitmenschen in der Familie, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, im Ausgang – und auch auf Kosten meiner Mitmenschen in der dritten Welt.


Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichGesellschaft“.

Des Mannes leere Kästchen

Richtig verheiratet ist erst der Mann, der jedes Wort versteht,
das seine Frau nicht gesagt hat.

Alfred Hitchcock

Bei unserem letzten Timeout-Weekend für Paare (Männer sind anders, Frauen auch) „feierten“ wir die Unterschiede von Mann und Frau. Dabei stellte meine Frau das Konzept „Männer sind Waffeln, Frauen sind Spaghetti“ vor. Hier einige Gedanken aus dem Referat von Brigitte Gerber:

Dass Frauen und Männer anders sind, wissen wir. Trotzdem scheitern wir immer wieder daran, dass wir einander nicht verstehen und meinen der Partner müsse Dinge genauso anpacken wie wir oder eben genauso funktionieren wie wir selbst. Bilder können uns helfen das Verhalten von Mann bzw. Frau besser einzuordnen und einander mit mehr Verständnis und Gelassenheit zu begegnen.

Männer sind wie Waffeln

Männer verarbeiten ihr Leben in Kästchen. Wenn wir eine Waffel genau betrachten, sehen wir eine Menge einzelner Kästchen die voneinander getrennt sind. Das Bild ist typisch für die Lebensgestaltung von Männern. In jedes Kästchen passt nur eine Sache rein, also kommt die erste Alltagfrage in das erst Kästchen, die zweite in das nächste usw. Er macht eins nach dem andern und lässt sich dabei nicht stören…

Dafür gibt es einen Begriff: Soziologen nennen das „Kompartmentalisierung“. Das Leben und seine Aufgaben werden in verschiedene Abteilungen gepackt.

Der Mann ist von Natur aus ein Problemlöser. Er betritt ein Kästchen, schätzt das Problem ab und formuliert eine Lösung = fertig!
Er verbringt die meiste Zeit in den Kästchen, in denen er erfolgreich ist. Kästchen, die ihn verunsichern oder ihn als Versager dastehen lassen, ignoriert er.
In der Kommunikation sucht er ein Ergebnis. Wenn der Mann glaubt, dass das Gespräch mit seiner Frau erfolgreich werden wird, ist er sehr motiviert. Erscheint ihm aber das Gespräch sinnlos und er versteht sein Frau nicht, dann verliert er alle Motivation. Es macht sich Frust breit und es fallen Kommentare wie: „Hat das Gespräch überhaupt einen Sinn? Führt das noch zu was? Komm bitte zur Sach!“

Zusammenfassend gilt: Wenn Männer Probleme lösen können, dann fühlen sie sich am wohlsten. Darum verbringen sie die meiste Zeit mit dem, was sie am besten können und ignorieren das andere.

Frauen sind wie Spaghetti

Die Lebensbewältigung von Frauen gleicht einem Teller Spaghetti. Jedes Spaghetti berührt mindestens ein anderes Spaghetti, sie kreuzen sich oder gehen nahtlos ineinander über. So sehen die Frauen ihr Leben. Alles steht in Beziehung zueinander. Das Leben ist ein Prozess. Darum können Frauen oft mehrere Dinge gleichzeitig tun. Weil ihre Gedanken, Gefühle und Überzeugungen miteinander verbunden sind, können sie mehr Infos gleichzeitig verarbeiten.

Auch sie lösen Probleme, aber aus einer anderen Perspektive als Männer. Ein Problem einfach zu lösen ohne zusammenhängende Fragen zu klären, ist für die Frau nicht vorstellbar. Darum will sie auch immer alles ausdiskutieren und alle Ebenen eines Themas miteinander verbinden. Für sie bedeutet das überhaupt keine Anstrengung und wenn alle Aspekte miteinander in Beziehung gesetzt werden, kommt die Antwort auf eine Frage automatisch an die Oberfläche.

Das führt zu Stress in der Paarbeziehung. Während sie alle Verbindungen herstellt, springt er hektisch von Kästchen zu Kästchen und versucht dem Gespräch zu folgen. Ist das Gespräch beendet fühlt sie sich besser und er ist übermannt.

Unterschiedlich gemacht

Ein Störfaktor in der Beziehung zwischen Mann und Frau ist die Tatsache, dass Männer auch Kästchen ohne Worte haben. Darin sind Gedanken – z.B. aus der Vergangenheit, der Arbeit, angenehme Erfahrungen… – abgelegt, die sich aber nicht in Worte verwandeln. Sie haben für ihn eine besondere Bedeutung, aber er kann sie nicht kommunizieren und darum fühlt sich die Frau ausgeschlossen.

Es gibt auch noch die Kästchen, die sind einfach leer, es sind auch keine Gedanken drin. Dorthin geht der Mann um sich zu erholen. Wir Frauen nehmen das wahr und denken, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um ein Gespräch zu führen. Mit der Frage: „Was denkst du gerade?“ Stecken wir unseren Partner in eine Zwickmühle. Sagt er die Wahrheit, glaubt die Frau, dass er lügt, etwas zu verbergen hat oder aus Angst nicht reden will.

Für Frauen jedoch ist es unvorstellbar auch nur für einen Augenblick keine Worte im Kopf zu haben. Damit er seine Frau nicht enttäuscht, wandert der Mann hektisch von Kästchen zu Kästchen und wenn er ein Kästchen mit Worten findet, dann verwickelt er sie in ein Gespräch. Anschliessend werden beide Partner ihre Beziehung als positiv empfinden. Wenn er aber zu langsam ist, dann fühlt er sich schlecht und würde seiner Frau gerne erklären, dass er manchmal einfach nichts denkt.

Hier eine wunderbare Illustration von Loriot zu dieser Herausforderung:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=PgqpJlV1JuI[/youtube]

Der Schöpfer hat uns unterschiedlich geschaffen. Wir denken verschieden, verarbeiten Gefühle unterschiedlich, treffen Entscheidungen anders und lernen unterschiedlich. Trotzdem ergänzen sich Mann und Frau so wunderbar, dass eine gesunde Beziehung beide vollständiger macht.

 

Weiterführende Links:
– Buch Männer sind Waffeln, Frauen sind Spaghetti
– Timeout-Weekend für Paare
– Ehe-Impuls-Wochenende: Was ich dir eigentlich sagen wollte…

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichLiebe“.

Mit Leidenschaft dabei

Was du entzünden willst, muss in dir selbst brennen.
Augustinus

Es gibt kaum etwas, das mich so sehr fasziniert, wie Menschen, die das, was sie tun, mit einer riesigen Portion Leidenschaft tun.

Ich erinnere mich an eine Schulungswoche in Chicago (bei Willow Creek). In einer der vielen Sessions referierte Sue Miller über ihre Arbeit. Nein, eigentlich erzählte sie einfach von ihrer Leidenschaft. Was für ein Unterschied ist das, wenn eine Person einfach über ein Thema referiert oder wenn ein Mensch seine Zuhörer an seiner Leidenschaft teilhaben lässt.

Kürzlich postete einer meiner Facebook-Freunde, dass er die beste Vorlesung erlebt habe. Ich kenne weder seine Dozenten noch die genauen Inhalte seiner Vorlesungen. Aber ich weiss, wer an dieser aussergewöhnlichen Vorlesung der Gastdozent war: Alt-Bundesrat Adolf Ogi. Daher bin ich mir ziemlich sicher, auch den Grund zu kennen, warum diese Vorlesung die beste des ganzen Studiums war: Ogi ist einer dieser Menschen, die ihre Leidenschaft leben und diese Leidenschaft auch an ihre Mitmenschen weitergeben.

Leben Sie Ihre Leidenschaft?

Jeder Mensch hat eine Leidenschaft. Vielleicht hat er sie noch nicht entdeckt oder sie ist im Alltagswirrwarr untergegangen. Welche Themen faszinieren Sie? Worüber können Sie stundenlang sprechen? Was bringt Ihre Augen zum leuchten? Wo sind Sie hellwach und voller positiver Energie?

Solche und ähnliche Fragen bringen uns unserer Leidenschaft näher. Ich liebe es, mit anderen Menschen über ihre Leidenschaft zu sprechen – denn dann ist oft ganz viel Energie in einem Gespräch. Wenn ich als Coach Menschen im Entwickeln ihres LiB-Kompasses unterstütze, erfahre ich ganz viel über deren Leidenschaft. Ich versuche aber auch immer mal wieder in meiner Freizeit Menschen in ein Gespräch über ihre Leidenschaft zu verwickeln. Oft beginne ich dabei mit der Frage über ihren Beruf. Spannend, wie offen Menschen (die man vielleicht erst eben kennen gelernt hat) erzählen, wenn man sie über ihren Beruf und ihre Leidenschaft ausfragt.

Warum sollte man das, was man tut, überhaupt mit Leidenschaft tun? Es macht einfach vielmehr Freude für alle. Man hat selbst mehr Spass und für unsere Mitmenschen – von den eigenen Kindern bis zum Kunde – wird das Zusammensein und Zusammenarbeiten mit uns zu einer viel angenehmeren Sache.

Hatten Sie in einem Restaurant schon mal eine Bedienung, die nicht wirklich Freude an ihrem Job ausstrahlte? Ich meine – mussten Sie sich auch schon mal fast entschuldigen, wenn Sie etwas bestellen wollten? Dann wissen Sie auch, warum ich dafür plädiere, in Arbeit und Leben mehr Leidenschaft zu zeigen.

Wichtig ist, dass unsere Leidenschaft nicht aufgesetzt ist. Gekünstelte Leidenschaft (z.B. indem wir einfach unser Idol kopieren) wirkt nicht ansteckend. Es ist dann nicht unsere eigene Leidenschaft. Darum macht es so einen grossen Unterschied, ob in unseren beruflichen und auch ehrenamtlichen Tätigkeiten unser Herz angesprochen wird oder wir einfach tun, was man tun muss. Eine Arbeit, die unser Herz berührt, tun wir mit einer ganz anderen Einstellung – eben mit Leidenschaft.

Als Firma oder Führungskraft Leidenschaft zeigen

Viele Firmen versuchen in ihrem Slogan zu transportieren, was ihre Leidenschaft ist (oder sein sollte). Da gibt es solche, die „leben Autos“, andere „machen den Weg frei“ oder  fragen selbstsicher „what else?“. Wie man über Geschmack streiten kann, so bleibt Sinn und Unsinn von solchen Mottos Ansichtssache. Ich finde ein passender Slogan, der auf eine Leidenschaft des Unternehmens hindeutet, jedoch weder arrogant noch unglaubwürdig ist, eine kunstvolle Meisterleistung. Völlig missglückt ist dies aus meiner Sicht beim deutschen Lebensmittelladen EDEKA.

Vielleicht ist weniger der Slogan schlecht als meine erste Erfahrung damit. Da las ich vor dem Laden dieses Plakat, erlebte drinnen jedoch leidenschaftslose Mitarbeitende. Vielleicht lieben sie ja ihre Lebensmittel, aber mich als Kunde lieben sie auf jeden Fall nicht – so fühlte ich mich nach diesem Einkauf.

Welche Leidenschaft steckt in Ihnen? In Ihrer Unternehmung? In Ihnen als Führungskraft? Was nicht in uns brennt, werden wir nie in anderen entzünden können. Darum braucht die Welt Menschen – Eltern, Führungskräfte, Lehrpersonen, Servicepersonal… – die das, was sie tun, mit Leidenschaft tun.

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichArbeit“.