Bilanz zum halben Jahrhundert

Bald werde ich fünfzig. Bin ich deshalb aktuell besonders sentimental?

Jedenfalls sass ich letzten Samstag in Marburg in einer Konferenz und heulte während der ersten Session vor mich hin. Naja, vielleicht ist das etwas übertrieben. Doch die Augen waren immer mal wieder feucht und Tränen kullerten über meine Wangen.

Ich sass im Lokschuppen Marburg, einer Location, die mich durch die Posts und Videos vom UND Marburg bereits in Vergangenheit sehr angesprochen hatte. Das Live-Erlebnis konnte für einmal durchaus mit dem virtuellen Eindruck mithalten.

Das Zusammenspiel einer für mich sehr ansprechenden Location, dem guten Sound und der Tatsache, dass ich hier Teil einer Veranstaltung sein durfte, in der es um Inklusion statt um Verdammung ging, hat mein Herz tief berührt.

Und ja, auch wenn ich kurz davor in meiner Reisegruppe noch bluffte, mein 50. Geburtstag bringe mich nicht sonderlich ausser Balance, war es nun doch um mich geschehen. Der Realitätscheck war knallhart: Was ich hier in Marburg erleben durfte, war Kirche, wie ich sie vor meinem inneren Auge und in meiner Traumvorstellung schon längst sehe und ersehne.

Tatsächlich habe ich mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens diesem Traum verschrieben. Und was ist daraus geworden? Je nach Blickwinkel ganz viel.

Schönes. Gutes. Kraftvolles. Befreiendes. Lebensförderndes. Hoffnungsvolles.

Und doch bleibt es an manchen Stellen ein «Murks». Es ist anspruchsvolle Arbeit, die sich mal um Marketing, mal um Raumgestaltung, dann um knappe Finanzen und Liegenschaftsfragen dreht. Begleitung von Menschen und inhaltliches Wirken kommt da manchmal einfach zu kurz.

Natürlich ist in den hippen Projekten oder gar in Megachurchs nicht alles einfach easy und mega. Im Gegenteil: während bei uns Zehntausende Franken fehlen, sind es dort möglicherweise Millionen.

Und ja, es ist auch ganz vieles gegangen in den letzten Jahren: Wir waren anfangs Jahr mit BUNT GLAUBEN Veranstalter einer fantastischen Konferenz, mehr Menschen tragen Verantwortung, Teams gestalten mit, die Resonanz scheint grösser geworden zu sein …

Trotzdem tauchen sie auf, die Fragen, die wohl ganz automatisch zu dieser Wegmarke mit der 50 drauf gehören: Was ist aus meinen Träumen geworden? Was habe ich erreicht? Wo will ich noch hin? Wie will ich meine nächste Wegstrecke gestalten?

Da gab es letztes Wochenende auch ganz viel Bestätigendes: Ich will an diesem Mix von frischen Formen, weiter Theologie und gemütlichem Ambiente unbedingt dranbleiben. Dabei will ich mich nicht im Kleinklein verlieren, sondern zusammen mit positiven Menschen «etwas Grosses rocken» – selbst dann, wenn es ein kleines, verletzliches Pflänzchen bleibt.

Dazu nehme ich wertvolle Impulse aus der Coming-In Konferenz (veranstaltet vom Verein Zwischenraum) mit. Wie diese Perlen aus meinen Tagungsnotizen:

Wenn wir «Gemeinsam Gemeinde» (Tagungsmotto) sein wollen, sollten wir auf unserer Reise nicht wie die vorne im Van sein, die herablassend über die Mitreisenden hinten im Van reden. Möglicherweise schlafen sie nicht und werden tief verletzt von der Art, wie wir über sie sprechen.

Dieses Bild hat was. Und dazu passt ein weiterer Gedanke von Tabea Wagner: «Stellt Fragen, aber stellt niemanden in Frage!».

Denn (so Lol): «In einer Gemeinde, in der nicht alle sicher sind, ist niemand sicher!»

Vom Workshop mit Damaris vom genialen lev-Gemeindegründungsprojekt bleibt mir besonders dieser Gedanke hängen: «Die Haltung von anderen kann ich nicht machen, ich kann nur immer wieder meine Haltung einbringen.» 

Und Mira Ungewitter habe ich wunderbare Zitate zu verdanken: «Die gerade Linie ist gottlos», habe der Künstler Hundertwasser gesagt. Umgemünzt für unser Wirken gab Mira zu bedenken: «Der Jesus-Weg ist viel verschlungener als so manche Gemeinde-Einbahn!»

Mit einem Zitat der österreichische Feministin Johanna Dohnal ermutigte uns Mira zu beherztem Engagement: «Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen.»

Vielleicht nehme ich das als Motto für meinen nächsten Wegabschnitt.

Glücksaufgabe

Was ist aus deinen Träumen geworden?

Welche gilt es loszulassen und für welche willst du umso beherzter einstehen?

«Ich bin drin, und du bist draußen.»

Heute ist Halloween.

Und Reformationstag.

Und der 24. Geburtstag vom gms studen.

Passend dazu ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins familyNEXT in der Rubrik «Erwachsen glauben» ein Artikel von mir abgedruckt, in dem ich davon schreibe, dass ich meine Mitmenschen nicht mehr in zwei Kategorien einteilen möchte.

Anlässlich des heutigen gms Geburtstags stelle ich den Artikel hier in den GlücksBlog, auch wenn der Text länger als gewohnt ist …

«Du darfst hier nicht rein. Du gehörst nicht zur Gemeinde!» Mir lief schon damals, vor 25 Jahren, ein kalter Schauer den Rücken hinab, als ich miterlebte, wie ein Mädchen einem Nachbarkind mit diesen Worten den Eintritt ins Gebäude der Freikirche verweigerte.

Zwar war dieses «Drinnen-Draußen» ein Glaubenssatz, den ich damals durch meine theologische Prägung auch verinnerlicht hatte. Doch in diesem Moment war mir klar: Da ist etwas schiefgelaufen! Was für ein Bild von Gott und seiner Gemeinde hatte dieses Kind mitbekommen, dass es aus der Gemeinde einen Exklusiv-Club machte? Ich mutmaße, dass eine Art Subtext die biblischen Geschichten im Kindergottesdienst begleitete: Weil wir Jesus lieben, gehören wir zu seiner Familie. Wer Jesus nicht liebt, gehört hier nicht dazu – und ist darum auch nicht willkommen bei uns. Wie tragisch, wenn das die Botschaft ist, die bei den Kindern hängenbleibt. Der Gott der Liebe wird zum exklusiven Gut für einige Auserwählte. Aus dem «Lasset die Kinder zu mir kommen!» wird ein «Du hast hier nichts verloren!».

Willkommenskultur!

Etwa zur selben Zeit stand ich zusammen mit meiner Frau vor einer Gemeindegründung. Wir wollten im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, eine zeitgemäße Gemeinde für kirchendistanzierte Familien aufbauen. Von Anfang an sollte in dieser neuen Gemeinde eine Willkommenskultur gelebt werden. Mit dem Gründungsteam hatten wir einen entsprechenden Traum definiert: «Wir wollen kirchendistanzierten Menschen einen Ort bieten, wo sie sich wohl und angenommen fühlen, Gott kennen und lieben lernen.“

Für dieses Anliegen investiere ich mich noch heute. Dieser Traumsatz wurde zur DNA unserer Gemeinde. Unterschiedlichste Menschen, junge und alte, christlich sozialisierte und Agnostiker, bestätigen, dass sie hier einen Ort erleben, wo sie sich außergewöhnlich angenommen und wohl fühlen. Und ja, auch den zweiten Teil des Traums dürfen wir erleben: Die Besucherinnen und Besucher kommen in Kontakt mit Gott.

Exklusiver Kreis?

Und trotzdem hat sich einiges verändert seit dem Start unserer Arbeit. Auch wenn wir die Willkommenskultur von Anfang an großschrieben und ohne klassischen Bekehrungsaufruf auskamen, basierte unser theologisches Modell auf der Überzeugung, dass sich Menschen bewusst für Drinnen oder Draußen entscheiden müssten.

Auch wenn ich versuchte, keine gnadenlosen Grenzen zu ziehen, steckte ich meine Mitmenschen in unterschiedliche Kategorien. Es fühlte sich zwar unnatürlich und unmenschlich an, wenn ich Menschen von der Liebe Gottes überzeugen musste. Ist Liebe nicht etwas, das man spürt und erfährt? Aber so habe ich es in meiner theologischen Ausbildung gelernt: Unser Auftrag ist es, Menschen für Jesus zu gewinnen. Doch in dieser Rolle als «Vertreter», der Menschen das Seelenheil «andrehen» will, fühlte ich mich immer etwas unwohl.

Natürlich, Teil einer göttlichen Mission zu sein, ist keine Wohlfühloase. Doch mit der Zeit rieb ich mich am theologischen Konzept dahinter: Wie kann es sein, dass ein Gott, der sich in seiner Liebe mit seiner ganzen Schöpfung versöhnt hat, nur einem kleinen, exklusiven Kreis von Menschen ewigen Frieden schenkt?

Es finden sich selbstverständlich genügend Bibelverse, die wir im Sinn eines exklusiven Clubs auslegen können. Nehmen wir Offenbarung 14,4. Ironischerweise spricht gerade die «Hoffnung für alle»-Bibel von den 144.000 als exklusiv Auserwählten: «Von allen Menschen sind sie es, die freigekauft und ausgewählt wurden.» Andere Übersetzungen wie die Lutherbibel sprechen von «Erstlingen». Immerhin ergänzt die «Hoffnung für alle“ in der Fußnote eine andere mögliche Übersetzung: «Als Erste von allen Menschen sind sie (von ihrer Schuld) freigekauft und ausgewählt worden.»

Allversöhner?

Letzte Woche wurde ich bei einem Hausbesuch von einem 75-Jährigen gefragt: «Bist du denn ein Allversöhner?» Ich kam kurz ins Stocken und konnte weder schnell ja noch nein sagen. Über all die Jahre hat sich mein Verständnis vom Evangelium deutlich geweitet: Vom klassischen «Drinnen-Draußen», bei dem nur einige wenige «richtig Gläubige» gerettet werden, habe ich mich längst verabschiedet.

Zusammen mit Rob Bell (Buchempfehlung: Das letzte Wort hat die Liebe) und anderen treibt mich die Frage um, ob ein allmächtiger Gott tatsächlich am Ende nicht an sein Ziel kommen sollte: die ganze Schöpfung mit sich zu versöhnen. Gemäß Kolosser 1,19 + 20 ist dieses Ziel bereits vollbracht: «Denn Gott wollte in seiner ganzen Fülle in Christus wohnen. Durch ihn hat er alles mit sich selbst versöhnt. Durch sein Blut am Kreuz schloss er Frieden mit allem, was im Himmel und auf der Erde ist.» Rob Bell gibt ein leidenschaftliches Plädoyer dafür ab, dass am Ende in jedem Fall die Liebe gewinnt: «Der Gott, von dem Jesus uns erzählt, gibt nicht auf, bis alles, was verloren ging, gefunden wurde.»

Mogelpackung?

Ein Teenie unserer Gemeinde war letzten Sommer als Leiter in einer christlichen Sportfreizeit. Als begeisterter Fußballer stellte er kritisch fest: «Einigen Leitern geht es nur darum, die Kinder zu bekehren. Der Sport ist ihnen gar nicht wichtig.» Ich freute mich über diese kritische Reflexion! Natürlich haben wir die Mission, Gottes Liebe weiterzugeben und mit Menschen Jesus nachzufolgen. Doch inzwischen sehe ich selbstkritisch, dass einige unserer Aktivitäten Gefahr laufen, zur Mogelpackung zu werden: Wir machen attraktive Angebote, bloß um Menschen zum Drinnen zu bekehren.

Da will ich mich künftig an Rob Bells Gedanken des werbenden Gottes halten, der uns Menschen nicht aufgibt. Ich möchte mir, uns und dem Mädchen aus der eingangs geschilderten Episode zurufen: «Lasst uns diese göttliche Willkommenskultur leben! Lassen wir die verletzenden Kategorien von Drinnen und Draußen hinter uns und feiern stattdessen die Liebe Gottes mit allen, die das möchten!»

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin familyNEXT in der Serie «Erwachsen glauben» erschienen.