Versöhnte Depression?

Wann ist eine Rede gut? Als Gradmesser bieten sich mir diese drei Punkte an:

Wenn sie mich zum Weiterdenken anregt, vielleicht zum Umdenken bewegt oder sogar zur Umkehr motiviert.

Wenn sie mich ermutigt, mit neuer Hoffnung und Vertrauen (in meinem Kontext gerne auch Gottvertrauen) vorwärtszugehen und meinen Alltag zu gestalten.

Wenn ich gerne zuhöre ohne (andauernd) abzuschweifen, weil die Rede mindestens unterhaltsam – und manchmal gar mitreissend – ist.

Ein weiteres Kriterium einer guten Rede könnte in unserer Zeit auch sein, dass sie fleissig auf Social Media geteilt wird. Dies ist offensichtlich dem Harvard-Absolventen Noah Eckstein gelungen: Hunderttausende klicken sich in seine Rede an der Abschlussfeier der Harvard University ein. Hierzulande berichtet gar die NZZ am Sonntag vom leidenschaftlichen Plädoyer des 22jährigen Studenten mit multireligiösem Familienhintergrund. Mit Bezug zu seiner eigenen Geschichte, mit christlichen und muslimischen Grosseltern und jüdischen Eltern, zeigt er auf, wie wichtig gegenseitiges Interesse und echtes Zuhören statt Polarisierung sind: «Die Antwort auf Spaltung ist nicht Einigkeit, sondern der Versuch, zu verstehen.»

Depressive Grundstimmung in meiner Kirche?

Szenenwechsel: Selten gab eine Predigt eines Eröffnungs-Gottesdienstes der Jährlichen Konferenz der EMK Schweiz, Frankreich, Nordafrika und Belgien so viel zu reden. Die Worte meines Kollegen Michael Kämpf regten zum Weiterdenken – und an der einen oder anderen Stelle zum Widerspruch – an.

Da die Predigt durch das Teilen von persönlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen von Michael auch unterhaltsam war, sind also schon mal zwei Kriterien einer guten Rede erfüllt.

Grund dafür, warum so viel über die Predigt geredet wurde, war der unschöne Befund von Michael: «In der EMK kommt mir eine depressive Grundstimmung entgegen. Alle, mit denen ich rede, bestätigen diesen Eindruck.»

Nun, mit mir hat er leider nicht darüber gesprochen. Wie sich herausstellte auch mit einigen anderen nicht. Ich teile die Wahrnehmung nicht. Natürlich sehe ich genug Schwerfälliges, an Herausforderungen fehlt es uns auch nicht. Ich leide an meiner Kirche und wünsche ihr mehr Leichtigkeit, eine heilige Fantasie sowie eine mutige Positivität.

Und genau das erlebe ich ansatzweise Gott sei Dank immer wieder in meinen Arbeitsfeldern: Wie neulich, als wir als Gemeinde am Bielersee ein Fest genossen und uns nach Monaten der Herausforderungen an so vielem erfreuten.

Oder wenn wir an Teamsitzungen dankbar Feedbacks wie dieses austauschen: «Genau so stelle ich mir Kirche vor: Wertvolle Impulse, gemeinsames Essen, gute Gemeinschaft, attraktives Kids-Programm …»

Lustvoll war auch der Austausch diese Woche mit einigen jungen Erwachsenen über eine neue Gottesdienst-Idee, die wir UNPLUGGED nennen.

Nein, eine depressive Grundstimmung ist nicht das, was in der Kirche dominiert. Doch nach der Predigt von Michael machte sich schier eine kleine Depression in mir breit – statt mich hoffnungsvoll zurückzulassen …

Ist versöhnte Vielfalt möglich?

Was mich rund um die Jährliche Konferenz, unser Kirchenparlament, viel mehr beschäftigte, ist die Frage, ob wir als Kirche das Ziel der versöhnten Vielfalt wirklich erreichen können. Aktuell erlebe ich eher gelebte Vielfalt, an machen Stellen gar «sich bekämpfende» Vielfalt.

Da sind wir noch stark gefordert – (zu?) unterschiedlich sind an manchen Stellen die Meinungen, wie wir lieben, dienen und vorangehen sollen.

Zusammen mit meiner Gemeinde und anderen Verbündeten will ich weiterhin mit frischen Formen und weiter Theologie offen sein für Menschen, die genau das suchen und brauchen. Gleichzeitig anerkennen wir, dass es in Gesellschaft und Kirche Menschen gibt, die etwas anderes suchen und brauchen. Darum wollen wir Hand zur versöhnten Vielfalt bieten, solange wir einander «den Glauben glauben» und gemeinsam auf je unsere Weise eine Willkommenskirche, die ohne «Ja, aber …» auskommt, gestalten.

Und damit sind wir wieder bei der Harvard-Abschlussfeier: Es geht nicht um einen Einheitsbrei, es geht um die Frage, ob wir bereit sind, einander zuzuhören und zu versuchen, die anderen zu verstehen – ohne sie bekehren zu wollen. Das wäre ein Anfang auf dem Weg zur versöhnten Vielfalt.

Glücksaufgabe

Was zeichnet für dich eine gute Rede aus? Wo erlebst du solche?

Und wie gut gelingt es dir, dich für andere Menschen und ihre Überzeugungen zu interessieren?

Hier die angesprochene Rede von Noah Eckstein: