Wo ist das Leiden?

Wie viel Spass darf das Leben eigentlich machen? Wie sieht es mit dem Job aus: Ist es in Ordnung, wenn mensch sich an der Arbeit erfreut, sie gar lustvoll erlebt?

Und wie ist es mit der Kirche? Spass und Kirche – passt das zusammen?

Da kommt mir eine Begebenheit aus meinem Theologiestudium in den Sinn, es muss in einem Kurs im Bereich Praktische Theologie gewesen sein. Wenn ich mich richtig erinnere, mussten wir in Gruppenarbeiten unsere (Wunsch)Vorstellungen von Gemeindearbeit skizzieren.

Eine Gruppe präsentierte darauf die «Spass-Gemeinde». Worauf der Dozent meinte: «Da fehlt mir das Leiden!»

Schliessen sich Spass und Kirche also aus? Heisst Kirche vor allem Leiden?

Szenenwechsel: Schier 30 Jahre nach dieser Begebenheit im Studium, sitze ich als Pfarrer bei einem Glas Weisswein mit einem Gemeindeglied in einem Strassenbistro und spreche mit ihm über sein Engagement in der Kirche – und über Gott und die Welt.

«Dieses Setting ist für mich ungewohnt», meinte mein Gegenüber, das es im Privaten sehr wohl versteht, das Leben zu geniessen. Doch im Gemeindesetting? «Wenn ich an Gespräche mit dem Pfarrer denke, dann sehe ich vor meinem inneren Auge eher roter Tee und dunkle Kirchenräume – und nicht Weisswein an der Sonne.»

Es darf Spass machen!

Noch frischer sind meine Erinnerungen an unser Gemeindefest vor zwei Wochen: Wunderbare Location direkt am Bielersee, traumhaftes Frühsommerwetter, gute Stimmung, leckeres Essen, gute Musik, lockere Begegnungen …

Ich hatte sehr viel Spass an diesem Tag, der für mich mit der Zwischenraum-Tagung (an welcher ich als Referent dabei war) auf dem Bienenberg startete und der sich mit einem Bad im See mit meiner Tochter bei aufkommendem Vollmond nach dem Gemeindefest dem Ende zu neigte. Ein Tag voller Begegnungen – berührende und fröhliche, tiefgründige und traurige.

Bei allem lustvollen Unterwegssein hat der «Fun» für mich keinen Selbstzweck. Eine positive, lockere Atmosphäre schafft einen natürlichen Zugang zu tieferen Emotionen. Wir sollen das Leben feiern: Das beinhaltet für mich, sich mit den Fröhlichen mitfreuen und mit den Trauernden mitleiden. Beides gehört zum Leben – und manchmal sogar gleichzeitig: Leichtigkeit und Schweres. Mit einem, vielleicht seufzenden, Lachen ist das Schwere leichter zu ertragen. Und mit Tiefgründigkeit wird das Leichte nicht belanglos.

Und wenn wir den Spass-Faktor in allem integrieren wollen, geht das nie auf Kosten der Ernsthaftigkeit, mit der wir unsere Arbeit tun. Im Gegenteil: Stimmt der Spass-Faktor, bekommt Disziplin eine neue Bedeutung. Diese Lektion lernte ich damals im Gespräch mit dem Hockey-Profi J.J. Moser, mit dem ich bei «Chäs, Brot, Wy – und mini Gschicht mit Gott» vor seinem Sprung in die NHL talken durfte und den ich neulich nach dem WM-Viertelfinal kurz wiedersah.

Die weltweite Methodist:innen-Kirche hat als eines von drei Kennwerten im neuen Vision-Statement festgehalten: «Serve Joyfully», was im deutschsprachigen Raum mit «Bereitwillig dienen» übersetzt wird.

Da haben wir’s: Darf unser Dienen jetzt Spass machen, gar lustvoll sein (Joyfully, freudig)? Oder geht es doch eher ums «Leiden für den Herrn» (bereitwillig)?

Ähnlich wie damals im Studium wurde mir auch kürzlich die Aufgabe gestellt, mein Verständnis von Wesen und Mission der Kirche darzustellen.

«Persönlich gehören für mich zum Wesen der Kirche immer wieder frische Formen dazu. Unterschiedliche Menschen brauchen unterschiedliche Formen, damit sie sich wohl fühlen und gerne Teil der Kirche sind. Inhaltlich ist mir eine weite Theologie wichtig, die zu einem befreiten, lustvollen und lebensfördernden Glauben einlädt.»

Glaube, Kirche, Dienen – es darf Spass machen. Es soll Spass machen!

Und zwar nicht des Spasses wegen, sondern weil wir länger und besser breitwillig dienen, wenn wir dabei Spass haben. (In dem Sinn ist Spass sogar besseres Dopping als Ovo 😉.)

Glücksaufgabe

Übrigens: Das Leiden kommt von selbst. Vielleicht drehen wir das Ganze um und fragen im Sinn einer Glücksaufgabe: Was macht dir so viel Freude, dass du selbst dann daran festhältst, wenn es Leiden mit sich bringt?

By the way: Auch Heilige Momente können lustvoll sein. Und gibt es manchmal an überraschenden Orten zu erleben, wie z.B. an einem Michael Patrick Kelly Konzert im Hallenstadion.

Neues mutig umarmen

Corona hat alles verändert …

Vor Corona hatten wir zwei Kinder –
nach Corona lebten zwei Erwachsene mit uns zusammen.

Vor Corona gingen wir regelmässig in Familien-Skiferien –
nach Corona gab es nur noch ad hoc Skitage mit Teilen der Familie.

Vor Corona führten wir ein Familien-Jahrbuch und sammelten Dankbarkeits-Zettel in einem grossen Glas. Nach Corona blieb das Glas leer (dankbar waren wir hoffentlich trotzdem).

Traditionen verändern sich, Liebgewonnenes bricht weg, alte Gewohnheiten fehlen uns.

Zurück bleiben Wehmut, Trauer, Schmerz.

Unsicherheit macht sich breit, weil wir uns nicht mehr orient­ieren können.

Und Ohnmacht, weil ein Vakuum entsteht.

Gleichzeitig bleibt da hoffentlich ganz viel Dankbar­keit im Herzen – für all das, was uns geschenkt wurde.

Wenn ich das so anschaue, war Corona für mich – wie für viele andere auch – eine biografische Bruchstelle: Was vorher war, kam nicht mehr zurück. Als Familie gingen wir in die Pandemie rein – tatsächlich waren wir zu viert auf einem Kongress engagiert, als Corona hier ausbrach. Als WG kamen wir aus der Pandemie heraus.

Ich vermisse einiges von vorher: Familien-Skiferien in Schruns ganz besonders. Gedanken an früher stimmt mich melancholisch und wehmütig. Doch ich will dankbar im Herzen bewahren, was wir als Family zusammen erleben durften – es gab so viele Highlights!

Und ganz ehrlich: Ich stehe auch in Gefahr, die Familien­phase zu idealisieren. Neben dem Schönen gab es auch Schwieriges – das blenden wir so gerne aus. Selbst die schönen Familienrituale wie Jahresbuch und Dankbarkeits-Glas waren genug oft mehr Knorz als Freude.

Das Vergangene würdigen und loslassen

Diese Corona-Zeilen brauchte ich letzten Sonntag als Predigteinstieg beim ersten Bezirks-Begegnungstag vom «gms seeland».

Dieser Tag startete mit dem letzten Gottesdienst in der EMK Kapelle Lyss – für viele ebenfalls eine Bruchstelle: Aus dem Zusammenschluss mehrerer Gemeinden ist eine Netzwerkkirche mit verschiedenen Standorten entstanden. Um das Neue umarmen zu können, heisst es jetzt auch, Liebegewonnenes loszulassen.

Vor dem Loslassen gilt es, das Vergangene zu würdigen:

Was war da Freudiges, das ich im Herz bewahren will?
Und welcher Schmerz bleibt zurück?
Menschen, die fehlen.
Gefühle, die ich mit Vergangenem verbinde.
Vorstellungen und Bilder davon, wie es sein sollte.

Wenn unsere Arme – und Kopf & Herz – noch voll sind, können wir das Neue nicht umarmen: Wir sind noch besetzt.

In diesem Bild steckt auch eine Gefahr, wir wollen schliesslich nicht im Dualismus landen: Neu gegen Alt. Loslassen und Umarmen. Entweder-oder.

Denn egal ob Gemeinde-/Kirchenfusion, andere Zusammenschlüsse oder sonst sich ändernde Lebensumstände: Zum Neuen bringen wir mit, was uns anvertraut ist, was uns ausmacht. Wir müssen nicht alles los­lassen. Und gleichzeitig ist das Loslassen sehr wichtig, weil wir in unseren Armen, in Kopf und Herz Platz brauchen, um Neues zu umarmen, damit neues Leben entstehen kann.

In Veränderungsprozessen überhöhen wir oft die Vergangenheit – früher war alles besser. Doch wollen wir «die guten alten Zeiten» wirklich zurück? Die Welt hat sich verändert, wir haben uns verändert. Was wir vermissen, sind möglicherweise die Gefühle von damals. Unsere Jugend, die Leidenschaft, Geborgen­heit, das Miteinander…

Würdige den Schmerz – und lerne gleichzeitig loszulassen.

Es gibt Situationen und Veränderungen, die schaffen wir nicht allein. Wir sollten mit unserem Schmerz nicht allein bleiben!  Oft hilft ein Gespräch mit einem:einer Freund:in und manchmal würde uns seelsorgerische/psychologische Unterstützung dazu befreien, Neues in unserem Leben zu umarmen.

Aus dem guten Samen der Vergangenheit kann etwas Neues entstehen.

Glücksaufgabe

Steckst du gerade in einem Veränderungsprozess? Was willst du dankbar im Herzen bewahren? Und welchen Schmerz möchtest du bewusst loslassen? Was oder wer kann dir dabei helfen?

Mit Worten Bilder malen

Diese Tage verbringe ich in einer mehrtägigen Konferenz – per Zoom. Bei diesen heissen Temperaturen kann man sich kaum etwas Erfrischenderes vorstellen als stundenlang in den PC zu starren.

Für das i-Tüpfli sorgte gestern Abend nach gefühlt bereits literweise vergossenem Schweiss der Auftrag: Malt in den nächsten 20 Minuten eure Vision für die EMK auf ein Blatt Papier.

Ich bin vom Wert solcher Übungen total überzeugt und hab das visuelle Umsetzen von Gedanken, Ideen, Träumen selber schon als kraftvolles Mittel erlebt – ob als Coach, Seminarleiter oder auch ganz persönlich als Teilnehmer einer Weiterbildung.

Trotzdem kämpfte ich gestern Abend kurzfristig mit Motivationsproblemen: Ich bin müde und wünschte mir jetzt ein Aarebad oder mindestens ein Aarebier – und nicht eine gestalterische Herausforderung.

Denn das ist es für mich jedes Mal, wenn ich Gedanken bildnerisch ausdrücken sollte. Mit Buchstaben spielen finde ich eine schöne Sache, aber mit Farben und Figuren zu spielen, ist nicht mein Ding – vor allem nicht, wenn ich dabei auf meine nicht vorhandenen Zeichnungskünste angewiesen bin.

Zum Glück gibt es Alternativen. So entstand bei mir gestern Abend diese Wortwolke:

Wie geschrieben, ist meine Wortwolke gestern Abend unter viel Schweiss und am Ende eines langen Tages entstanden – und nicht in einem intensiven, partizipativen Prozess. Die Wortwolke ist also eine sehr persönliche Momentaufnahme und nicht abschliessend.

Trotzdem oder genau darum zeigt sie, was mir wichtig ist, wenn ich an Kirche denke.

  • Welches der Wörter hat für dich besondere Bedeutung?
  • Wofür willst du dich in deinem Leben engagieren?
  • Was vermisst du in unserer Welt am meisten?

Was für Bilder malst du mit deinen Worten?

In den letzten Wochen überarbeiteten wir im gms Studen unter der Leitung eines Kommunikationsprofis unseren Auftritt. Für das Resultat bin ich sehr dankbar und freu mich über unser neues Gewand, das nun Schritt für Schritt umgesetzt wird.

Der Weg dahin hat viel Freude gemacht, war jedoch nicht nur easy, da uns an der einen oder anderen Stelle auch Blindeflecken aufgezeigt wurden.

Auch hier wurde uns wieder deutlich: Bilder und Worte haben Kraft. Was lösen wir mit den Bildern aus, die wir malen? Was lösen wir mit den Worten aus, die wir gebrauchen?

Eine Erkenntnis aus dem Prozess: Unsere Aktivitäten sind ansprechender als unsere bisherige Verpackung (z.B. Auftritt im Web) vermuten liess.

Zusammen mit dem externen Profi haben wir nach Schlagwörtern gesucht, die unsere Organisation beschreiben. Entstanden ist folgendes Logo:

Das passt sehr gut zu dem, was uns wichtig ist: Wir geniessen Kultur, erleben Begegnungen und erhalten Inspiration.

Und übrigens: Trotz Schweissperlen bin ich dankbar, dass ich mich gestern Abend der Aufgabe stellte. Ich finde das Resultat bei solchen Visualisierungen immer wieder eindrücklich.

Glücksaufgabe

Egal ob Kirche, gemeinnützige Organisation, Firma oder auch für sich ganz persönlich: Visionen, Worte und Bilder haben grosse Kraft – sie können zu unserem Glück beitragen oder uns depressiv zurücklassen.

Darum: Welche Bilder malst du? Als Chef? Persönlich? In deiner Organisation?